Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Van't Hoff, Jakobus Heinrich: Gedächtnisrede auf Hans Heinrich Landolt. Berlin, 1911.

Bild:
<< vorherige Seite

Gedächtnisrede auf Hans Heinrich Landolt. 11


(deren Kuratorium er angehörte) nach Landolts Rücktritt vom Institut
durchgeführt werden konnten. Schon war auch zu gemeinschaftlicher Aus-
führung mit Quincke hier eine größere Neuarbeit geplant, aber zur In-
angriffnahme kam es nicht. Die kleineren Arbeiten, die noch mit den
Wägeversuchen zusammenhingen und die die Angaben von Zingelis
widerlegten, daß Glas für Jod und dergleichen durchlässig sei, bildeten
den Abschluß der Landoltschen wissenschaftlichen Lebensaufgabe, und sein
letzter Bericht darüber wurde in der Kgl. Preußischen Akademie der Wissen-
schaften vor gar nicht langer Zeit verlesen, während er für Mai des näch-
sten Jahres einen zusammenfassenden Bericht über die Gewichtsbestimmung
beabsichtigt hatte.




Landolts Persönlichkeit war eine ganz eigenartige, vorwiegend be-
herrscht durch einen nie versagenden, feinen, anspruchslosen Humor.
Derselbe, welcher bei anderen öfters erst das Resultat einer langen Lebens-
erfahrung ist, war bei Landolt wohl angeborenes Talent, denn Roscoe
beschrieb ihn schon aus der Heidelberger Zeit (1865) als "full of dry
humour, aber etwas schweigsam"; auch seine damit zusammenhängende
humoristisch angehauchte Gleichmäßigkeit, wenn es wissenschaftliche Fragen
galt, rühmt schon Roscoe aus dieser Zeit. Dieser Humor hatte immer
einen tieferen Grund, konnte persönlich sein, war aber nie verletzend, so-
gar besann sich Landolt nicht, zugunsten eines Scherzes ins eigene Fleisch
zu schneiden, allerdings mit der Vorsicht, welche man ebenfalls als eine
Landoltsche Eigenschaft bezeichnen kann; gelegentlich entfiel ihm z. B.
die bekannte Auslassung über die doch von ihm vorwiegend gepflegte
physikalische Chemie. Die dabei geübte Vorsicht besteht darin, daß Lan-
dolt gerade derjenige Physiko-Chemiker war, dem die gerügten Fehler am
fernsten lagen, denn in der Ausarbeitung der Methode war er nach seiner
eigenen Definition Physiker, und Chemiker in der Reindarstellung der Sub-
stanz; die Spitze, die nie fehlte, war offenbar gegen die neuere physikalische
Chemie gerichtet, wo das Vorwiegen der Berechnung öfters den experi-
mentellen Teil zu vernachlässigen droht.
Dieser feine Lebenshumor spielte sich aber noch in einer ganz anderen
Seite der Landoltschen Lebensgeschichte ab. Wenig Schicksale wurden


Gedächtnisrede auf Hans Heinrich Landolt. 11


(deren Kuratorium er angehörte) nach Landolts Rücktritt vom Institut
durchgeführt werden konnten. Schon war auch zu gemeinschaftlicher Aus-
führung mit Quincke hier eine größere Neuarbeit geplant, aber zur In-
angriffnahme kam es nicht. Die kleineren Arbeiten, die noch mit den
Wägeversuchen zusammenhingen und die die Angaben von Zingelis
widerlegten, daß Glas für Jod und dergleichen durchlässig sei, bildeten
den Abschluß der Landoltschen wissenschaftlichen Lebensaufgabe, und sein
letzter Bericht darüber wurde in der Kgl. Preußischen Akademie der Wissen-
schaften vor gar nicht langer Zeit verlesen, während er für Mai des näch-
sten Jahres einen zusammenfassenden Bericht über die Gewichtsbestimmung
beabsichtigt hatte.




Landolts Persönlichkeit war eine ganz eigenartige, vorwiegend be-
herrscht durch einen nie versagenden, feinen, anspruchslosen Humor.
Derselbe, welcher bei anderen öfters erst das Resultat einer langen Lebens-
erfahrung ist, war bei Landolt wohl angeborenes Talent, denn Roscoe
beschrieb ihn schon aus der Heidelberger Zeit (1865) als »full of dry
humour, aber etwas schweigsam«; auch seine damit zusammenhängende
humoristisch angehauchte Gleichmäßigkeit, wenn es wissenschaftliche Fragen
galt, rühmt schon Roscoe aus dieser Zeit. Dieser Humor hatte immer
einen tieferen Grund, konnte persönlich sein, war aber nie verletzend, so-
gar besann sich Landolt nicht, zugunsten eines Scherzes ins eigene Fleisch
zu schneiden, allerdings mit der Vorsicht, welche man ebenfalls als eine
Landoltsche Eigenschaft bezeichnen kann; gelegentlich entfiel ihm z. B.
die bekannte Auslassung über die doch von ihm vorwiegend gepflegte
physikalische Chemie. Die dabei geübte Vorsicht besteht darin, daß Lan-
dolt gerade derjenige Physiko-Chemiker war, dem die gerügten Fehler am
fernsten lagen, denn in der Ausarbeitung der Methode war er nach seiner
eigenen Definition Physiker, und Chemiker in der Reindarstellung der Sub-
stanz; die Spitze, die nie fehlte, war offenbar gegen die neuere physikalische
Chemie gerichtet, wo das Vorwiegen der Berechnung öfters den experi-
mentellen Teil zu vernachlässigen droht.
Dieser feine Lebenshumor spielte sich aber noch in einer ganz anderen
Seite der Landoltschen Lebensgeschichte ab. Wenig Schicksale wurden

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb facs="#f0013" n="13"/>
        <fw type="header" place="top"><lb/>
Gedächtnisrede auf Hans Heinrich Landolt. 11</fw>
        <p><lb/>
(deren Kuratorium er angehörte) nach Landolts Rücktritt vom Institut<lb/>
durchgeführt werden konnten. Schon war auch zu gemeinschaftlicher Aus-<lb/>
führung mit Quincke hier eine größere Neuarbeit geplant, aber zur In-<lb/>
angriffnahme kam es nicht. Die kleineren Arbeiten, die noch mit den<lb/>
Wägeversuchen zusammenhingen und die die Angaben von Zingelis<lb/>
widerlegten, daß Glas für Jod und dergleichen durchlässig sei, bildeten<lb/>
den Abschluß der Landoltschen wissenschaftlichen Lebensaufgabe, und sein<lb/>
letzter Bericht darüber wurde in der Kgl. Preußischen Akademie der Wissen-<lb/>
schaften vor gar nicht langer Zeit verlesen, während er für Mai des näch-<lb/>
sten Jahres einen zusammenfassenden Bericht über die Gewichtsbestimmung<lb/>
beabsichtigt hatte.</p>
      </div><lb/>
      <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
      <div>
        <p><lb/>
Landolts Persönlichkeit war eine ganz eigenartige, vorwiegend be-<lb/>
herrscht durch einen nie versagenden, feinen, anspruchslosen Humor.<lb/>
Derselbe, welcher bei anderen öfters erst das Resultat einer langen Lebens-<lb/>
erfahrung ist, war bei Landolt wohl angeborenes Talent, denn Roscoe<lb/>
beschrieb ihn schon aus der Heidelberger Zeit (1865) als »full of dry<lb/>
humour, aber etwas schweigsam«; auch seine damit zusammenhängende<lb/>
humoristisch angehauchte Gleichmäßigkeit, wenn es wissenschaftliche Fragen<lb/>
galt, rühmt schon Roscoe aus dieser Zeit. Dieser Humor hatte immer<lb/>
einen tieferen Grund, konnte persönlich sein, war aber nie verletzend, so-<lb/>
gar besann sich Landolt nicht, zugunsten eines Scherzes ins eigene Fleisch<lb/>
zu schneiden, allerdings mit der Vorsicht, welche man ebenfalls als eine<lb/>
Landoltsche Eigenschaft bezeichnen kann; gelegentlich entfiel ihm z. B.<lb/>
die bekannte Auslassung über die doch von ihm vorwiegend gepflegte<lb/>
physikalische Chemie. Die dabei geübte Vorsicht besteht darin, daß Lan-<lb/>
dolt gerade derjenige Physiko-Chemiker war, dem die gerügten Fehler am<lb/>
fernsten lagen, denn in der Ausarbeitung der Methode war er nach seiner<lb/>
eigenen Definition Physiker, und Chemiker in der Reindarstellung der Sub-<lb/>
stanz; die Spitze, die nie fehlte, war offenbar gegen die neuere physikalische<lb/>
Chemie gerichtet, wo das Vorwiegen der Berechnung öfters den experi-<lb/>
mentellen Teil zu vernachlässigen droht.<lb/>
Dieser feine Lebenshumor spielte sich aber noch in einer ganz anderen<lb/>
Seite der Landoltschen Lebensgeschichte ab. Wenig Schicksale wurden</p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[13/0013] Gedächtnisrede auf Hans Heinrich Landolt. 11 (deren Kuratorium er angehörte) nach Landolts Rücktritt vom Institut durchgeführt werden konnten. Schon war auch zu gemeinschaftlicher Aus- führung mit Quincke hier eine größere Neuarbeit geplant, aber zur In- angriffnahme kam es nicht. Die kleineren Arbeiten, die noch mit den Wägeversuchen zusammenhingen und die die Angaben von Zingelis widerlegten, daß Glas für Jod und dergleichen durchlässig sei, bildeten den Abschluß der Landoltschen wissenschaftlichen Lebensaufgabe, und sein letzter Bericht darüber wurde in der Kgl. Preußischen Akademie der Wissen- schaften vor gar nicht langer Zeit verlesen, während er für Mai des näch- sten Jahres einen zusammenfassenden Bericht über die Gewichtsbestimmung beabsichtigt hatte. Landolts Persönlichkeit war eine ganz eigenartige, vorwiegend be- herrscht durch einen nie versagenden, feinen, anspruchslosen Humor. Derselbe, welcher bei anderen öfters erst das Resultat einer langen Lebens- erfahrung ist, war bei Landolt wohl angeborenes Talent, denn Roscoe beschrieb ihn schon aus der Heidelberger Zeit (1865) als »full of dry humour, aber etwas schweigsam«; auch seine damit zusammenhängende humoristisch angehauchte Gleichmäßigkeit, wenn es wissenschaftliche Fragen galt, rühmt schon Roscoe aus dieser Zeit. Dieser Humor hatte immer einen tieferen Grund, konnte persönlich sein, war aber nie verletzend, so- gar besann sich Landolt nicht, zugunsten eines Scherzes ins eigene Fleisch zu schneiden, allerdings mit der Vorsicht, welche man ebenfalls als eine Landoltsche Eigenschaft bezeichnen kann; gelegentlich entfiel ihm z. B. die bekannte Auslassung über die doch von ihm vorwiegend gepflegte physikalische Chemie. Die dabei geübte Vorsicht besteht darin, daß Lan- dolt gerade derjenige Physiko-Chemiker war, dem die gerügten Fehler am fernsten lagen, denn in der Ausarbeitung der Methode war er nach seiner eigenen Definition Physiker, und Chemiker in der Reindarstellung der Sub- stanz; die Spitze, die nie fehlte, war offenbar gegen die neuere physikalische Chemie gerichtet, wo das Vorwiegen der Berechnung öfters den experi- mentellen Teil zu vernachlässigen droht. Dieser feine Lebenshumor spielte sich aber noch in einer ganz anderen Seite der Landoltschen Lebensgeschichte ab. Wenig Schicksale wurden

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Matthias Boenig, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Akademiebibliothek: Bereitstellung der Digitalisate und OCR. (2020-03-03T12:13:05Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Matthias Boenig, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, OCR-D: Bearbeitung der digitalen Edition. (2020-03-04T12:13:05Z)

Weitere Informationen:

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.

  • Bogensignaturen: nicht übernommen;
  • Druckfehler: ignoriert;
  • fremdsprachliches Material: nicht gekennzeichnet;
  • Geminations-/Abkürzungsstriche: wie Vorlage;
  • Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): nicht ausgezeichnet;
  • I/J in Fraktur: wie Vorlage;
  • i/j in Fraktur: wie Vorlage;
  • Kolumnentitel: nicht übernommen;
  • Kustoden: nicht übernommen;
  • langes s (ſ): wie Vorlage;
  • Normalisierungen: keine;
  • rundes r (ꝛ): wie Vorlage;
  • Seitenumbrüche markiert: ja;
  • Silbentrennung: wie Vorlage;
  • u/v bzw. U/V: wie Vorlage;
  • Vokale mit übergest. e: wie Vorlage;
  • Vollständigkeit: vollständig erfasst;
  • Zeichensetzung: wie Vorlage;
  • Zeilenumbrüche markiert: ja;



Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/hoff_landolt_1911
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/hoff_landolt_1911/13
Zitationshilfe: Van't Hoff, Jakobus Heinrich: Gedächtnisrede auf Hans Heinrich Landolt. Berlin, 1911, S. 13. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hoff_landolt_1911/13>, abgerufen am 24.04.2024.