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Van't Hoff, Jakobus Heinrich: Gedächtnisrede auf Hans Heinrich Landolt. Berlin, 1911.

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10 VAN'T HOFF:


Die dritte, letzte und vielleicht am meisten Bewunderung abzwingende
Versuchsreihe betraf dann die etwaige Gewichtsveränderung bei chemischen
Vorgängen. Schon wiederholt angefaßt, von Lavoisier im Anfang des
19. Jahrhunderts und Staß zur Hälfte desselben, wurde das Problem zu
Ende desselben Jahrhunderts nochmals mit den besten Hilfsmitteln und
mehr als iojähriger Ausdauer verfolgt. Sehr glücklich fiel diese Neu-
prüfung, welche bekanntlich mit negativem Resultat verlief, in die Zeit,
wo die ganz unerwarteten Erscheinungen des Radiums die besterprobten
Experimentalgesetze zu erschüttern schienen, merkwürdigerweise zu einer
gewissen Genugtuung von ganz nahe Stehenden.
Um von dem Opfer, das bei diesen Versuchen von Landolt verlangt
wurde, einen Eindruck zu bekommen, genügt es nicht, an die lange Dauer
und die Genauigkeit, die von Fischer gelegentlich einmal dahin charak-
terisiert wurde, daß die Astronomie hier die Chemie ersetzt habe, hinzu-
weisen; man muß vielmehr bedenken, daß die Langeweile dasjenige ist,
was der Durchschnittsmensch am schlechtesten verträgt, wie es der Fran-
zose ausdrückt: "tous les genres sont bons, sauf le genre ennuyeux", und
gerade die Fähigkeit, von diesem Genre eine große Dose verdauen zu
können, ohne an Aufmerksamkeit zu verlieren, war für Landolt die größte
Notwendigkeit. Merkwürdig stimmte das zu seinem Charakter. Wieder-
holt läßt sich eben beobachten, von Regnault bis zu Beilstein, daß eine
solche Begabung nur bei einer unverwüstlichen Selbstvergnügtheit besteht,
welche die ganze Persönlichkeit von Landolt charakterisierte. Dann kam
neben der Geduldfrage noch allerhand, das viele schon allein vollständig ab-
schrecken würde; das Zentrum Berlins, wo Landolts Institut lag, ruht näm-
lich nur, wie es für die allerfeinsten Wägungen nötig ist, zweimal in 24 Stun-
den genügend aus. Das eine Mal am Tage, zur Zeit des Mittagstisches, das
andere Mal früh morgens oder nach Mitternacht. Gerade zu dieser Zeit eine
zweistündige Wägung durchzuführen, ist nicht jedermanns Sache. Als dann
wiederum die Wage der Reparatur bedarf, und nur eine geeignete Persönlich-
keit in Berlin dieser Aufgabe gewachsen war, schraubte diese Persönlichkeit
die sehr komplizierte Wage auseinander und -- starb. Doch genug von
diesen kleinen Leiden. Landolt blieb unerschütterlich bei seinem guten
Humor und hat der Nachwelt eine Arbeit geschenkt, die auf lange Zeiten
hinaus monumental sein wird. Nicht unwesentlich war für deren Abschluß,
daß die letzten Versuche in der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt


10 VAN'T HOFF:


Die dritte, letzte und vielleicht am meisten Bewunderung abzwingende
Versuchsreihe betraf dann die etwaige Gewichtsveränderung bei chemischen
Vorgängen. Schon wiederholt angefaßt, von Lavoisier im Anfang des
19. Jahrhunderts und Staß zur Hälfte desselben, wurde das Problem zu
Ende desselben Jahrhunderts nochmals mit den besten Hilfsmitteln und
mehr als ıojähriger Ausdauer verfolgt. Sehr glücklich fiel diese Neu-
prüfung, welche bekanntlich mit negativem Resultat verlief, in die Zeit,
wo die ganz unerwarteten Erscheinungen des Radiums die besterprobten
Experimentalgesetze zu erschüttern schienen, merkwürdigerweise zu einer
gewissen Genugtuung von ganz nahe Stehenden.
Um von dem Opfer, das bei diesen Versuchen von Landolt verlangt
wurde, einen Eindruck zu bekommen, genügt es nicht, an die lange Dauer
und die Genauigkeit, die von Fischer gelegentlich einmal dahin charak-
terisiert wurde, daß die Astronomie hier die Chemie ersetzt habe, hinzu-
weisen; man muß vielmehr bedenken, daß die Langeweile dasjenige ist,
was der Durchschnittsmensch am schlechtesten verträgt, wie es der Fran-
zose ausdrückt: »tous les genres sont bons, sauf le genre ennuyeux«, und
gerade die Fähigkeit, von diesem Genre eine große Dose verdauen zu
können, ohne an Aufmerksamkeit zu verlieren, war für Landolt die größte
Notwendigkeit. Merkwürdig stimmte das zu seinem Charakter. Wieder-
holt läßt sich eben beobachten, von Regnault bis zu Beilstein, daß eine
solche Begabung nur bei einer unverwüstlichen Selbstvergnügtheit besteht,
welche die ganze Persönlichkeit von Landolt charakterisierte. Dann kam
neben der Geduldfrage noch allerhand, das viele schon allein vollständig ab-
schrecken würde; das Zentrum Berlins, wo Landolts Institut lag, ruht näm-
lich nur, wie es für die allerfeinsten Wägungen nötig ist, zweimal in 24 Stun-
den genügend aus. Das eine Mal am Tage, zur Zeit des Mittagstisches, das
andere Mal früh morgens oder nach Mitternacht. Gerade zu dieser Zeit eine
zweistündige Wägung durchzuführen, ist nicht jedermanns Sache. Als dann
wiederum die Wage der Reparatur bedarf, und nur eine geeignete Persönlich-
keit in Berlin dieser Aufgabe gewachsen war, schraubte diese Persönlichkeit
die sehr komplizierte Wage auseinander und — starb. Doch genug von
diesen kleinen Leiden. Landolt blieb unerschütterlich bei seinem guten
Humor und hat der Nachwelt eine Arbeit geschenkt, die auf lange Zeiten
hinaus monumental sein wird. Nicht unwesentlich war für deren Abschluß,
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[12/0012] 10 VAN'T HOFF: Die dritte, letzte und vielleicht am meisten Bewunderung abzwingende Versuchsreihe betraf dann die etwaige Gewichtsveränderung bei chemischen Vorgängen. Schon wiederholt angefaßt, von Lavoisier im Anfang des 19. Jahrhunderts und Staß zur Hälfte desselben, wurde das Problem zu Ende desselben Jahrhunderts nochmals mit den besten Hilfsmitteln und mehr als ıojähriger Ausdauer verfolgt. Sehr glücklich fiel diese Neu- prüfung, welche bekanntlich mit negativem Resultat verlief, in die Zeit, wo die ganz unerwarteten Erscheinungen des Radiums die besterprobten Experimentalgesetze zu erschüttern schienen, merkwürdigerweise zu einer gewissen Genugtuung von ganz nahe Stehenden. Um von dem Opfer, das bei diesen Versuchen von Landolt verlangt wurde, einen Eindruck zu bekommen, genügt es nicht, an die lange Dauer und die Genauigkeit, die von Fischer gelegentlich einmal dahin charak- terisiert wurde, daß die Astronomie hier die Chemie ersetzt habe, hinzu- weisen; man muß vielmehr bedenken, daß die Langeweile dasjenige ist, was der Durchschnittsmensch am schlechtesten verträgt, wie es der Fran- zose ausdrückt: »tous les genres sont bons, sauf le genre ennuyeux«, und gerade die Fähigkeit, von diesem Genre eine große Dose verdauen zu können, ohne an Aufmerksamkeit zu verlieren, war für Landolt die größte Notwendigkeit. Merkwürdig stimmte das zu seinem Charakter. Wieder- holt läßt sich eben beobachten, von Regnault bis zu Beilstein, daß eine solche Begabung nur bei einer unverwüstlichen Selbstvergnügtheit besteht, welche die ganze Persönlichkeit von Landolt charakterisierte. Dann kam neben der Geduldfrage noch allerhand, das viele schon allein vollständig ab- schrecken würde; das Zentrum Berlins, wo Landolts Institut lag, ruht näm- lich nur, wie es für die allerfeinsten Wägungen nötig ist, zweimal in 24 Stun- den genügend aus. Das eine Mal am Tage, zur Zeit des Mittagstisches, das andere Mal früh morgens oder nach Mitternacht. Gerade zu dieser Zeit eine zweistündige Wägung durchzuführen, ist nicht jedermanns Sache. Als dann wiederum die Wage der Reparatur bedarf, und nur eine geeignete Persönlich- keit in Berlin dieser Aufgabe gewachsen war, schraubte diese Persönlichkeit die sehr komplizierte Wage auseinander und — starb. Doch genug von diesen kleinen Leiden. Landolt blieb unerschütterlich bei seinem guten Humor und hat der Nachwelt eine Arbeit geschenkt, die auf lange Zeiten hinaus monumental sein wird. Nicht unwesentlich war für deren Abschluß, daß die letzten Versuche in der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt

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Zitationshilfe: Van't Hoff, Jakobus Heinrich: Gedächtnisrede auf Hans Heinrich Landolt. Berlin, 1911, S. 12. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hoff_landolt_1911/12>, abgerufen am 24.04.2024.