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Van't Hoff, Jakobus Heinrich: Gedächtnisrede auf Hans Heinrich Landolt. Berlin, 1911.

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Gedächtnisrede auf Hans Heinrich Landolt. 9


Inzwischen (1882) war auch Landolt als Mitglied in unsre Aka-
demie aufgenommen. Seine kurze, aber inhaltsreiche Antrittsrede be-
antwortete du Bois-Reymond, und ein Passus dieser Antwort möge
hier angeführt werden: "Die Fülle ausgezeichneter Gelehrten, womit die
Sehweiz heute Deutschland beschenkt, ist kulturhistorisch sehr merkwürdig.
Wiederholt waren Schweizer ordentliche Mitglieder der Berliner Akademie,
wie die Mathematiker und Astronomen Euler, der dritte Johann Ber-
nouilli, Steiner und jener Sulzer, der lange vor Galvani hier den
ersten galvanischen Versuch beschrieb."
In dieser Zeit entstanden auch die ganz merkwürdigen Untersuchungen
(in den Sitzungsber. d. Berl. Akad. d. Wiss. 1885/86 veröffentlicht) "Über die
Zeitdauer der Reaktion zwischen Jodsäure und schwefliger Säure". Diese
Reaktion, bis zum heutigen Tage der sehr verlockenden Rechnung unzugäng-
lich geblieben, gehört zu denjenigen, deren zeitlicher Verlauf sich am schärf-
sten experimentell fassen läßt, und die frappante, nach genau bestimmbarer
Zeit plötzlich erfolgende Tiefblaufärbung fesselt sogar das große Publikum,
wovon ich mich in der Gewerbeausstellung 1896 in Treptow bei einem
Vortrag von Viktor Meyer überzeugen konnte.
1891 wurde dann Landolt als Nachfolger von Karl Rammelsberg
Direktor des zweiten chemischen Instituts an der Universität Berlin, welche
Stelle er bis zu seinem Rücktritt (1905), unter Verleihung der großen goldenen
Medaille für Wissenschaft und Kunst, innehatte. Die in diese Zeit fallen-
den Versuche haben vorwiegend den Charakter von unendlichen Gedulds-
arbeiten und zielen weniger auf neue Gesichtspunkte und Wege hinaus als
noch die letzterwähnte Arbeit.
Eine Reihe von allersorgfältigsten Schmelzpunktbestimmungen unter
möglichster Reindarstellung von großen Substanzmengen leitete dieselbe ein
und hing wohl zusammen mit der Bedeutung, welche die Schmelzpunkt-
bestimmung allmählich für die Feststellung des Molekulargewichts gewonnen
hatte. Dann folgte eine Versuchsreihe über die Frage, ob man kristalli-
nischen Körpern durch äußerste Verreibung das Kristallgefüge nehmen kann.
Eine äußerst glückliche Idee, die Verfolgung der mit diesem Gefüge zu-
sammenhängenden optischen Aktivität beim chlorsauren Natron, erlaubte,
diese Frage scharf zu beantworten, was im verneinenden Sinn ausfiel und
besagt, daß die damalige Verreibungsgrenze noch nicht entfernt an die
Abtrennung von Molekül und Molekül heranreichte.
Phys.-math. Klasse. 1910. Gedächtnisr. II. 2


Gedächtnisrede auf Hans Heinrich Landolt. 9


Inzwischen (1882) war auch Landolt als Mitglied in unsre Aka-
demie aufgenommen. Seine kurze, aber inhaltsreiche Antrittsrede be-
antwortete du Bois-Reymond, und ein Passus dieser Antwort möge
hier angeführt werden: »Die Fülle ausgezeichneter Gelehrten, womit die
Sehweiz heute Deutschland beschenkt, ist kulturhistorisch sehr merkwürdig.
Wiederholt waren Schweizer ordentliche Mitglieder der Berliner Akademie,
wie die Mathematiker und Astronomen Euler, der dritte Johann Ber-
nouilli, Steiner und jener Sulzer, der lange vor Galvani hier den
ersten galvanischen Versuch beschrieb.«
In dieser Zeit entstanden auch die ganz merkwürdigen Untersuchungen
(in den Sitzungsber. d. Berl. Akad. d. Wiss. 1885/86 veröffentlicht) »Über die
Zeitdauer der Reaktion zwischen Jodsäure und schwefliger Säure«. Diese
Reaktion, bis zum heutigen Tage der sehr verlockenden Rechnung unzugäng-
lich geblieben, gehört zu denjenigen, deren zeitlicher Verlauf sich am schärf-
sten experimentell fassen läßt, und die frappante, nach genau bestimmbarer
Zeit plötzlich erfolgende Tiefblaufärbung fesselt sogar das große Publikum,
wovon ich mich in der Gewerbeausstellung 1896 in Treptow bei einem
Vortrag von Viktor Meyer überzeugen konnte.
1891 wurde dann Landolt als Nachfolger von Karl Rammelsberg
Direktor des zweiten chemischen Instituts an der Universität Berlin, welche
Stelle er bis zu seinem Rücktritt (1905), unter Verleihung der großen goldenen
Medaille für Wissenschaft und Kunst, innehatte. Die in diese Zeit fallen-
den Versuche haben vorwiegend den Charakter von unendlichen Gedulds-
arbeiten und zielen weniger auf neue Gesichtspunkte und Wege hinaus als
noch die letzterwähnte Arbeit.
Eine Reihe von allersorgfältigsten Schmelzpunktbestimmungen unter
möglichster Reindarstellung von großen Substanzmengen leitete dieselbe ein
und hing wohl zusammen mit der Bedeutung, welche die Schmelzpunkt-
bestimmung allmählich für die Feststellung des Molekulargewichts gewonnen
hatte. Dann folgte eine Versuchsreihe über die Frage, ob man kristalli-
nischen Körpern durch äußerste Verreibung das Kristallgefüge nehmen kann.
Eine äußerst glückliche Idee, die Verfolgung der mit diesem Gefüge zu-
sammenhängenden optischen Aktivität beim chlorsauren Natron, erlaubte,
diese Frage scharf zu beantworten, was im verneinenden Sinn ausfiel und
besagt, daß die damalige Verreibungsgrenze noch nicht entfernt an die
Abtrennung von Molekül und Molekül heranreichte.
Phys.-math. Klasse. 1910. Gedächtnisr. II. 2

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[11/0011] Gedächtnisrede auf Hans Heinrich Landolt. 9 Inzwischen (1882) war auch Landolt als Mitglied in unsre Aka- demie aufgenommen. Seine kurze, aber inhaltsreiche Antrittsrede be- antwortete du Bois-Reymond, und ein Passus dieser Antwort möge hier angeführt werden: »Die Fülle ausgezeichneter Gelehrten, womit die Sehweiz heute Deutschland beschenkt, ist kulturhistorisch sehr merkwürdig. Wiederholt waren Schweizer ordentliche Mitglieder der Berliner Akademie, wie die Mathematiker und Astronomen Euler, der dritte Johann Ber- nouilli, Steiner und jener Sulzer, der lange vor Galvani hier den ersten galvanischen Versuch beschrieb.« In dieser Zeit entstanden auch die ganz merkwürdigen Untersuchungen (in den Sitzungsber. d. Berl. Akad. d. Wiss. 1885/86 veröffentlicht) »Über die Zeitdauer der Reaktion zwischen Jodsäure und schwefliger Säure«. Diese Reaktion, bis zum heutigen Tage der sehr verlockenden Rechnung unzugäng- lich geblieben, gehört zu denjenigen, deren zeitlicher Verlauf sich am schärf- sten experimentell fassen läßt, und die frappante, nach genau bestimmbarer Zeit plötzlich erfolgende Tiefblaufärbung fesselt sogar das große Publikum, wovon ich mich in der Gewerbeausstellung 1896 in Treptow bei einem Vortrag von Viktor Meyer überzeugen konnte. 1891 wurde dann Landolt als Nachfolger von Karl Rammelsberg Direktor des zweiten chemischen Instituts an der Universität Berlin, welche Stelle er bis zu seinem Rücktritt (1905), unter Verleihung der großen goldenen Medaille für Wissenschaft und Kunst, innehatte. Die in diese Zeit fallen- den Versuche haben vorwiegend den Charakter von unendlichen Gedulds- arbeiten und zielen weniger auf neue Gesichtspunkte und Wege hinaus als noch die letzterwähnte Arbeit. Eine Reihe von allersorgfältigsten Schmelzpunktbestimmungen unter möglichster Reindarstellung von großen Substanzmengen leitete dieselbe ein und hing wohl zusammen mit der Bedeutung, welche die Schmelzpunkt- bestimmung allmählich für die Feststellung des Molekulargewichts gewonnen hatte. Dann folgte eine Versuchsreihe über die Frage, ob man kristalli- nischen Körpern durch äußerste Verreibung das Kristallgefüge nehmen kann. Eine äußerst glückliche Idee, die Verfolgung der mit diesem Gefüge zu- sammenhängenden optischen Aktivität beim chlorsauren Natron, erlaubte, diese Frage scharf zu beantworten, was im verneinenden Sinn ausfiel und besagt, daß die damalige Verreibungsgrenze noch nicht entfernt an die Abtrennung von Molekül und Molekül heranreichte. Phys.-math. Klasse. 1910. Gedächtnisr. II. 2

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Zitationshilfe: Van't Hoff, Jakobus Heinrich: Gedächtnisrede auf Hans Heinrich Landolt. Berlin, 1911, S. 11. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hoff_landolt_1911/11>, abgerufen am 24.04.2024.