Die Grenzboten. Jg. 51, 1892, Viertes Vierteljahr.dem wird diese vermeintlich ganz besonders scharfe Waffe im Kampfe gegen Muß denn, erlauben wir uns da zu fragen, muß denu der Geisterkampf, Dieser betrübende Zustand unsrer Tagespresse läßt sich nur daraus er¬ dem wird diese vermeintlich ganz besonders scharfe Waffe im Kampfe gegen Muß denn, erlauben wir uns da zu fragen, muß denu der Geisterkampf, Dieser betrübende Zustand unsrer Tagespresse läßt sich nur daraus er¬ <TEI> <text> <body> <div> <div n="1"> <pb facs="#f0114" corresp="http://brema.suub.uni-bremen.de/grenzboten/periodical/pageview/213228"/> <fw type="header" place="top"/><lb/> <p xml:id="ID_311" prev="#ID_310"> dem wird diese vermeintlich ganz besonders scharfe Waffe im Kampfe gegen<lb/> das „schwarze Kartell" unermüdlich geschwungen. Dieses hinwiederum parirt<lb/> mit einem nicht minder pappernen Schilde, mit der aller Erfahrung und<lb/> Wissenschaft widersprechenden Behauptung, dnß die Sittlichkeit aus der Re¬<lb/> ligion entspringe, worunter jeder der beiden Vnndesgenossen stillschweigend<lb/> seine eigue Konfession versteht. Und so knallen denn die Pappdeckel gar lustig<lb/> hüben und drüben, und wenn auch keiner der Gegner füllt, so lassen sie<lb/> sichs doch nicht leid sein. Im Gegenteil, würde einem der Garaus gemacht,<lb/> so käme ja der andre um das Vergnügen, die Streiche knallen zu hören, die<lb/> er sührt.</p><lb/> <p xml:id="ID_312"> Muß denn, erlauben wir uns da zu fragen, muß denu der Geisterkampf,<lb/> ohne den allerdings kein geistiges Leben denkbar ist, notwendig eine zwecklose<lb/> Klvpffechterei und leere Phrasendrescherei bleiben? Blieben die Lebensanschau-<lb/> ungen nicht immer noch verschieden und die Interessengegensätze groß genug,<lb/> die Fortsetzung des Kampfes zu verbürgen, wenn man sich auf die von<lb/> Erfahrung und Wissenschaft in jahrhundertelanger, mühseliger Arbeit gewonnene,<lb/> durch keine zukünftige Forschung mehr zu erschütternde Grundlage stellen<lb/> wollte? Zu verlangen, daß die Herren aus unsre Wenigkeit achten sollten,<lb/> wenn wir die Grundlage nachweisen, wäre freilich sehr anmaßend. Aber nicht<lb/> zu viel verlangt wäre es doch, daß die leitenden Parteiführer ihre dienstbaren<lb/> Geister unter den Publizisten anwiesen, sich doch ein wenig bei anerkannten<lb/> Autoritäten Rat zu holen, also wenn sie Moral schreiben wollen, u.a. auch<lb/> in einem so weltberühmten Werke, wie Wundes Ethik. Dort heißt es z. V.<lb/> ans S. 262: „Ein Achill oder Odysseus, in denen die Zeit, die zuerst den<lb/> Homerischen Gedichten lauschte, Vorbilder männlicher Tugend sah, wie anders<lb/> erscheinen sie dein stoischen Philosophen oder gar dem brahmanischen Weisen<lb/> und fteucj frommen Christen, denen Zorn und Rache, List und Betrug, selbst<lb/> wenn diese in dem Dienste rühmlicher Zwecke zu stehen scheinen, als verab¬<lb/> scheuenswerte Verbrechen gelten! Gegenüber dieser so schwankenden Natur<lb/> der sittlichen Vorstellungen im allgemeinen Vewußtseiu erhebt sich dringend<lb/> die Frage, ob es überhaupt allgemein giltige Elemente des Sittlichen giebt,<lb/> oder ob nicht vielleicht das Einzige, was als ein gemeinsames Merkmal an¬<lb/> zuerkennen ist, sich darauf beschränkt, daß überall gewisse Handlungen ge¬<lb/> billigt und andre mißbilligt werden, wobei aber der Inhalt dieser einem<lb/> verschiednen Werturteil unterworfenen Thatsachen der allerverschiedenste sein<lb/> könnte."</p><lb/> <p xml:id="ID_313" next="#ID_314"> Dieser betrübende Zustand unsrer Tagespresse läßt sich nur daraus er¬<lb/> klären, daß entweder die einfachsten und unanfechtbarsten Ergebnisse der Geistes-<lb/> wissenschaften den einflußreichsten aller Volkslehrer verborgen bleiben, oder<lb/> daß diese jederzeit bereit sind, erkannte Wahrheiten, die ihnen im Augenblick<lb/> uubeauem oder unverwendbar erscheinen, zu überschlagen, lind dieser Zustand</p><lb/> </div> </div> </body> </text> </TEI> [0114]
dem wird diese vermeintlich ganz besonders scharfe Waffe im Kampfe gegen
das „schwarze Kartell" unermüdlich geschwungen. Dieses hinwiederum parirt
mit einem nicht minder pappernen Schilde, mit der aller Erfahrung und
Wissenschaft widersprechenden Behauptung, dnß die Sittlichkeit aus der Re¬
ligion entspringe, worunter jeder der beiden Vnndesgenossen stillschweigend
seine eigue Konfession versteht. Und so knallen denn die Pappdeckel gar lustig
hüben und drüben, und wenn auch keiner der Gegner füllt, so lassen sie
sichs doch nicht leid sein. Im Gegenteil, würde einem der Garaus gemacht,
so käme ja der andre um das Vergnügen, die Streiche knallen zu hören, die
er sührt.
Muß denn, erlauben wir uns da zu fragen, muß denu der Geisterkampf,
ohne den allerdings kein geistiges Leben denkbar ist, notwendig eine zwecklose
Klvpffechterei und leere Phrasendrescherei bleiben? Blieben die Lebensanschau-
ungen nicht immer noch verschieden und die Interessengegensätze groß genug,
die Fortsetzung des Kampfes zu verbürgen, wenn man sich auf die von
Erfahrung und Wissenschaft in jahrhundertelanger, mühseliger Arbeit gewonnene,
durch keine zukünftige Forschung mehr zu erschütternde Grundlage stellen
wollte? Zu verlangen, daß die Herren aus unsre Wenigkeit achten sollten,
wenn wir die Grundlage nachweisen, wäre freilich sehr anmaßend. Aber nicht
zu viel verlangt wäre es doch, daß die leitenden Parteiführer ihre dienstbaren
Geister unter den Publizisten anwiesen, sich doch ein wenig bei anerkannten
Autoritäten Rat zu holen, also wenn sie Moral schreiben wollen, u.a. auch
in einem so weltberühmten Werke, wie Wundes Ethik. Dort heißt es z. V.
ans S. 262: „Ein Achill oder Odysseus, in denen die Zeit, die zuerst den
Homerischen Gedichten lauschte, Vorbilder männlicher Tugend sah, wie anders
erscheinen sie dein stoischen Philosophen oder gar dem brahmanischen Weisen
und fteucj frommen Christen, denen Zorn und Rache, List und Betrug, selbst
wenn diese in dem Dienste rühmlicher Zwecke zu stehen scheinen, als verab¬
scheuenswerte Verbrechen gelten! Gegenüber dieser so schwankenden Natur
der sittlichen Vorstellungen im allgemeinen Vewußtseiu erhebt sich dringend
die Frage, ob es überhaupt allgemein giltige Elemente des Sittlichen giebt,
oder ob nicht vielleicht das Einzige, was als ein gemeinsames Merkmal an¬
zuerkennen ist, sich darauf beschränkt, daß überall gewisse Handlungen ge¬
billigt und andre mißbilligt werden, wobei aber der Inhalt dieser einem
verschiednen Werturteil unterworfenen Thatsachen der allerverschiedenste sein
könnte."
Dieser betrübende Zustand unsrer Tagespresse läßt sich nur daraus er¬
klären, daß entweder die einfachsten und unanfechtbarsten Ergebnisse der Geistes-
wissenschaften den einflußreichsten aller Volkslehrer verborgen bleiben, oder
daß diese jederzeit bereit sind, erkannte Wahrheiten, die ihnen im Augenblick
uubeauem oder unverwendbar erscheinen, zu überschlagen, lind dieser Zustand
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