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Die Grenzboten. Jg. 48, 1889, Zweites Vierteljahr.

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Ostpreußen und die Getreidezölle

daß nach Amiahme des Stolbergschen Antrages das bisherige Bedarfsmanko
des Reiches von Getreide nicht bloß sehr bald gedeckt sein, sondern sehr bald
auch eine beträchtliche Überproduktion eintreten würde. Man denke nur an
die durch die Zuckerexportprämie eingetretene Überproduktion. Die Zuckerrübe
ist eine wählerische Pflanze, die den besten Boden und den höchsten Kultur¬
zustand voraussetzt, beides nur selten vorkommende Bedingungen. Die Zucker¬
rübe wird in Fabriken verarbeitet, die mit den teuersten Apparaten versehen
sind und sehr beträchtliche Baukosten verursachen. Die Exportprämie hat alle
diese Hindernisse überwunden und die Überproduktion des Zuckers herbeigeführt.
Eine Getreideexportprämie wird und muß eine Überproduktion viel rascher
herbeiführen, weil Getreide ans allen Bodenarten, Roggen und Hafer selbst
auf deu schlechtesten Ackern gedeiht und sein Gedeihen durch künstliche Dünge¬
mittel beliebig gefordert werden kann.

Mögen die Antragsteller die Möglichkeit einer Überproduktion leugnen,
wir sehen sie als sehr bald bevorstehend an. Sehr bald würde das jetzt
durch Einfuhr zu deckende Bedarfsmankv des Reiches durch Mehrcmban im
Inlande gedeckt sein, der Einfuhrzoll, aus dem die Exportprämie bisher
gezahlt wurde, würde denn gänzlich aufhören, und das Reich Hütte dann die
Prämie aus eignen Mitteln zu zahlen. Die Überproduktion würde aber immer
größere Ausdehnung annehmen, und als notwendige Folge würde sich ein all¬
gemeines Sinken der Getreidezölle ergeben. Das Allsland erhielte aus dem
Reiche vermöge der Exportprämie ein billigeres Getreide als aus Amerika oder
Rußland, bis die von dem Reiche zu zcchlendeu Exportprämien die Finanzen
desselben völlig erschöpft hätten. Die Zahlung der Exportprämien müßte
aufgegeben werden, und das auch von den Antragstellern befürchtete Verhängnis
würde verwirklicht werden. Die Produktion würde wieder eingeschränkt werden,
der Getreidepreis würde sich zwar etwas heben, aber vorläufig unter dem
gegenwärtigen Preise verbleiben, die landwirtschaftliche Rente also vorläufig
geringer als jetzt sein. Die selbstverständlich mit Kosten und Nachteilen ver¬
bundene Umwandlung der Fruchtwechsel- und Weidewirtschaft müßte wieder
rückgängig gemacht und die veräußerten Vieh- und Pferdebestände nen an¬
geschafft werden. Inzwischen wären die Ackerländercien infolge des durch deu
künstlichen Dünger verstärkten Getreidebaues erschöpft und auf den geringen
Kulturzustand gebracht, worin sich die Lündereien vor Einführung des Frucht¬
wechselsystems befanden. Solchen niederschmetternder Schlägen dürften nur
wenige Besitzer wiederstehen können, und nicht Millionen, sondern Milliarden
würden verloren gehen.

Sollen wir nun mit dem Grafen Stolberg diesen Schritt ins Ungewisse
machen? Wir sagen nein und abermals nein und hoffen, daß der Bundesrat
endlich allen diesen, der Landwirtschaft scheinbar freundlichen Bestrebungen,
die sich uuter der Devise "Aufhebung des Identitätsnachweises" Geltung ver-


Gnuzlwleu U 1389 74
Ostpreußen und die Getreidezölle

daß nach Amiahme des Stolbergschen Antrages das bisherige Bedarfsmanko
des Reiches von Getreide nicht bloß sehr bald gedeckt sein, sondern sehr bald
auch eine beträchtliche Überproduktion eintreten würde. Man denke nur an
die durch die Zuckerexportprämie eingetretene Überproduktion. Die Zuckerrübe
ist eine wählerische Pflanze, die den besten Boden und den höchsten Kultur¬
zustand voraussetzt, beides nur selten vorkommende Bedingungen. Die Zucker¬
rübe wird in Fabriken verarbeitet, die mit den teuersten Apparaten versehen
sind und sehr beträchtliche Baukosten verursachen. Die Exportprämie hat alle
diese Hindernisse überwunden und die Überproduktion des Zuckers herbeigeführt.
Eine Getreideexportprämie wird und muß eine Überproduktion viel rascher
herbeiführen, weil Getreide ans allen Bodenarten, Roggen und Hafer selbst
auf deu schlechtesten Ackern gedeiht und sein Gedeihen durch künstliche Dünge¬
mittel beliebig gefordert werden kann.

Mögen die Antragsteller die Möglichkeit einer Überproduktion leugnen,
wir sehen sie als sehr bald bevorstehend an. Sehr bald würde das jetzt
durch Einfuhr zu deckende Bedarfsmankv des Reiches durch Mehrcmban im
Inlande gedeckt sein, der Einfuhrzoll, aus dem die Exportprämie bisher
gezahlt wurde, würde denn gänzlich aufhören, und das Reich Hütte dann die
Prämie aus eignen Mitteln zu zahlen. Die Überproduktion würde aber immer
größere Ausdehnung annehmen, und als notwendige Folge würde sich ein all¬
gemeines Sinken der Getreidezölle ergeben. Das Allsland erhielte aus dem
Reiche vermöge der Exportprämie ein billigeres Getreide als aus Amerika oder
Rußland, bis die von dem Reiche zu zcchlendeu Exportprämien die Finanzen
desselben völlig erschöpft hätten. Die Zahlung der Exportprämien müßte
aufgegeben werden, und das auch von den Antragstellern befürchtete Verhängnis
würde verwirklicht werden. Die Produktion würde wieder eingeschränkt werden,
der Getreidepreis würde sich zwar etwas heben, aber vorläufig unter dem
gegenwärtigen Preise verbleiben, die landwirtschaftliche Rente also vorläufig
geringer als jetzt sein. Die selbstverständlich mit Kosten und Nachteilen ver¬
bundene Umwandlung der Fruchtwechsel- und Weidewirtschaft müßte wieder
rückgängig gemacht und die veräußerten Vieh- und Pferdebestände nen an¬
geschafft werden. Inzwischen wären die Ackerländercien infolge des durch deu
künstlichen Dünger verstärkten Getreidebaues erschöpft und auf den geringen
Kulturzustand gebracht, worin sich die Lündereien vor Einführung des Frucht¬
wechselsystems befanden. Solchen niederschmetternder Schlägen dürften nur
wenige Besitzer wiederstehen können, und nicht Millionen, sondern Milliarden
würden verloren gehen.

Sollen wir nun mit dem Grafen Stolberg diesen Schritt ins Ungewisse
machen? Wir sagen nein und abermals nein und hoffen, daß der Bundesrat
endlich allen diesen, der Landwirtschaft scheinbar freundlichen Bestrebungen,
die sich uuter der Devise „Aufhebung des Identitätsnachweises" Geltung ver-


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[0593] Ostpreußen und die Getreidezölle daß nach Amiahme des Stolbergschen Antrages das bisherige Bedarfsmanko des Reiches von Getreide nicht bloß sehr bald gedeckt sein, sondern sehr bald auch eine beträchtliche Überproduktion eintreten würde. Man denke nur an die durch die Zuckerexportprämie eingetretene Überproduktion. Die Zuckerrübe ist eine wählerische Pflanze, die den besten Boden und den höchsten Kultur¬ zustand voraussetzt, beides nur selten vorkommende Bedingungen. Die Zucker¬ rübe wird in Fabriken verarbeitet, die mit den teuersten Apparaten versehen sind und sehr beträchtliche Baukosten verursachen. Die Exportprämie hat alle diese Hindernisse überwunden und die Überproduktion des Zuckers herbeigeführt. Eine Getreideexportprämie wird und muß eine Überproduktion viel rascher herbeiführen, weil Getreide ans allen Bodenarten, Roggen und Hafer selbst auf deu schlechtesten Ackern gedeiht und sein Gedeihen durch künstliche Dünge¬ mittel beliebig gefordert werden kann. Mögen die Antragsteller die Möglichkeit einer Überproduktion leugnen, wir sehen sie als sehr bald bevorstehend an. Sehr bald würde das jetzt durch Einfuhr zu deckende Bedarfsmankv des Reiches durch Mehrcmban im Inlande gedeckt sein, der Einfuhrzoll, aus dem die Exportprämie bisher gezahlt wurde, würde denn gänzlich aufhören, und das Reich Hütte dann die Prämie aus eignen Mitteln zu zahlen. Die Überproduktion würde aber immer größere Ausdehnung annehmen, und als notwendige Folge würde sich ein all¬ gemeines Sinken der Getreidezölle ergeben. Das Allsland erhielte aus dem Reiche vermöge der Exportprämie ein billigeres Getreide als aus Amerika oder Rußland, bis die von dem Reiche zu zcchlendeu Exportprämien die Finanzen desselben völlig erschöpft hätten. Die Zahlung der Exportprämien müßte aufgegeben werden, und das auch von den Antragstellern befürchtete Verhängnis würde verwirklicht werden. Die Produktion würde wieder eingeschränkt werden, der Getreidepreis würde sich zwar etwas heben, aber vorläufig unter dem gegenwärtigen Preise verbleiben, die landwirtschaftliche Rente also vorläufig geringer als jetzt sein. Die selbstverständlich mit Kosten und Nachteilen ver¬ bundene Umwandlung der Fruchtwechsel- und Weidewirtschaft müßte wieder rückgängig gemacht und die veräußerten Vieh- und Pferdebestände nen an¬ geschafft werden. Inzwischen wären die Ackerländercien infolge des durch deu künstlichen Dünger verstärkten Getreidebaues erschöpft und auf den geringen Kulturzustand gebracht, worin sich die Lündereien vor Einführung des Frucht¬ wechselsystems befanden. Solchen niederschmetternder Schlägen dürften nur wenige Besitzer wiederstehen können, und nicht Millionen, sondern Milliarden würden verloren gehen. Sollen wir nun mit dem Grafen Stolberg diesen Schritt ins Ungewisse machen? Wir sagen nein und abermals nein und hoffen, daß der Bundesrat endlich allen diesen, der Landwirtschaft scheinbar freundlichen Bestrebungen, die sich uuter der Devise „Aufhebung des Identitätsnachweises" Geltung ver- Gnuzlwleu U 1389 74

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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 48, 1889, Zweites Vierteljahr, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341849_204730/593>, abgerufen am 06.02.2025.