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Die Grenzboten. Jg. 48, 1889, Erstes Vierteljahr.

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und an einer andern Stelle heißt es: "Das erste xrivilögs der Lütticher
ist, sich von keinem Despoten, weder geistlichem noch weltlichem, sudeln zu lassen;
und das zweite ist, durch Stände die Gesetzgebergewalt gemeinschaftlich mit dem
Obergeistlichen in allen Stücken zu verwalten. Für keines von beiden dürfen
sie sich bei ihren Bischöfen bedanken; beide sind vmMÄiion8 des Menschenrechts
und des Menschenverstandes." Wohl eine für das damalige Deutschland recht
weite Ausdehnung eines rein auf Metischenrecht und Menschenverstand ge¬
gründeten praktischen Anspruchs! Und obwohl für seine Person gegen die
Abschaffung des Adels, macht er doch den privilegirten Ständen gegenüber
die Kopfzahl zu Gunsten des dritten Standes geltend, in ganz ähnlicher, schneidender
Weise, wie sie wohl in Frankreich zur Begründung jener Abschaffung beliebt
war. "Nation, so bemerkt er einmal bei Besprechung ungarischer Verhältnisse,
ist der Bürger- und Bauernstand; ein winziges Teilchen von der Nation ist
der Adel."

Was uns aber lebendiger als alles die starke Eingewöhnung der Zeit
in eine politische Denk- und Redeweise veranschaulicht, die jetzt einer günstigen
Aufnahme der französischen Ncvolutionsbewegung zu statten kam, das ist eine
große gesetzgeberische Arbeit; sie war in demjenigen deutschen Staate, der an
politischer Bedeutung der habsburgischen Macht ebenbürtig gegenüber, an
Wichtigkeit für die geistige Entwicklung allen andern Staaten voranstand,
seit den letzten Jahren Friedrichs des Großen im Gange. Es handelt sich
hier um das preußische Landrecht. Mit dem 1. Zum 17!)1 war das Werk
einer mehr als zehnjährigen Thätigkeit der ausgezeichnetsten juristischen Kräfte
in Geltung zu treten bestimmt"), ein Werk, das bekanntlich nicht bloß die
privatrechtlichen Berhaltuisse, sondern auch die Beziehungen zwischen Staat
und Unterthanen, also auch Rechte und Obliegenheiten der Staatsgewalt zum
Gegenstande hat. Dabei tritt uns nun die Richtung der Zeit auf Sicherung
des Menschen vor obrigkeitlicher Willkür, auf gesetzliche Regelung aller Ver¬
hältnisse aus einer Reihe von Bestimmungen vor Augen, unter denen sogleich
die energische Sicherung der Rechtspflege gegen fürstliche Machtsprüche am
lebhaftesten ausgestochen wurde. Zur Begleichung mit der französischen Ver¬
fassungsarbeit lag aber noch stärkerer Anlaß darin, daß wie vor dieser die Er¬
klärung der Menschenrechte, auch vor dem preußischen Gesetzbuch ein allgemeiner
Teil mit Belehrungen über Bestimmung des Staates und die Stellung des Menschen
im Staate vorausging. Und der Inhalt dieser Belehrungen? Von Menschen-
rechten, allgemeinen Menschenrechten ist mich hier die Rede; eine Einschränkung
natürlicher Freiheit und Rechte wird für erlaubt erklärt, mir insoweit es der gemein¬
schaftliche Endzweck, das Wohl des Staates und seiner Einwohner insbesondre, er-



") Bekanntlich erfolgte ein Aufschub (bis 1794) und manche Abänderung des Entwurfs,
der übrigens nicht deu Titel Landrecht, sondern Gesetzbuch hatte.
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und an einer andern Stelle heißt es: „Das erste xrivilögs der Lütticher
ist, sich von keinem Despoten, weder geistlichem noch weltlichem, sudeln zu lassen;
und das zweite ist, durch Stände die Gesetzgebergewalt gemeinschaftlich mit dem
Obergeistlichen in allen Stücken zu verwalten. Für keines von beiden dürfen
sie sich bei ihren Bischöfen bedanken; beide sind vmMÄiion8 des Menschenrechts
und des Menschenverstandes." Wohl eine für das damalige Deutschland recht
weite Ausdehnung eines rein auf Metischenrecht und Menschenverstand ge¬
gründeten praktischen Anspruchs! Und obwohl für seine Person gegen die
Abschaffung des Adels, macht er doch den privilegirten Ständen gegenüber
die Kopfzahl zu Gunsten des dritten Standes geltend, in ganz ähnlicher, schneidender
Weise, wie sie wohl in Frankreich zur Begründung jener Abschaffung beliebt
war. „Nation, so bemerkt er einmal bei Besprechung ungarischer Verhältnisse,
ist der Bürger- und Bauernstand; ein winziges Teilchen von der Nation ist
der Adel."

Was uns aber lebendiger als alles die starke Eingewöhnung der Zeit
in eine politische Denk- und Redeweise veranschaulicht, die jetzt einer günstigen
Aufnahme der französischen Ncvolutionsbewegung zu statten kam, das ist eine
große gesetzgeberische Arbeit; sie war in demjenigen deutschen Staate, der an
politischer Bedeutung der habsburgischen Macht ebenbürtig gegenüber, an
Wichtigkeit für die geistige Entwicklung allen andern Staaten voranstand,
seit den letzten Jahren Friedrichs des Großen im Gange. Es handelt sich
hier um das preußische Landrecht. Mit dem 1. Zum 17!)1 war das Werk
einer mehr als zehnjährigen Thätigkeit der ausgezeichnetsten juristischen Kräfte
in Geltung zu treten bestimmt"), ein Werk, das bekanntlich nicht bloß die
privatrechtlichen Berhaltuisse, sondern auch die Beziehungen zwischen Staat
und Unterthanen, also auch Rechte und Obliegenheiten der Staatsgewalt zum
Gegenstande hat. Dabei tritt uns nun die Richtung der Zeit auf Sicherung
des Menschen vor obrigkeitlicher Willkür, auf gesetzliche Regelung aller Ver¬
hältnisse aus einer Reihe von Bestimmungen vor Augen, unter denen sogleich
die energische Sicherung der Rechtspflege gegen fürstliche Machtsprüche am
lebhaftesten ausgestochen wurde. Zur Begleichung mit der französischen Ver¬
fassungsarbeit lag aber noch stärkerer Anlaß darin, daß wie vor dieser die Er¬
klärung der Menschenrechte, auch vor dem preußischen Gesetzbuch ein allgemeiner
Teil mit Belehrungen über Bestimmung des Staates und die Stellung des Menschen
im Staate vorausging. Und der Inhalt dieser Belehrungen? Von Menschen-
rechten, allgemeinen Menschenrechten ist mich hier die Rede; eine Einschränkung
natürlicher Freiheit und Rechte wird für erlaubt erklärt, mir insoweit es der gemein¬
schaftliche Endzweck, das Wohl des Staates und seiner Einwohner insbesondre, er-



") Bekanntlich erfolgte ein Aufschub (bis 1794) und manche Abänderung des Entwurfs,
der übrigens nicht deu Titel Landrecht, sondern Gesetzbuch hatte.
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[0550] Zur Erklärung deutscher Revolutionssympathien ^?9^^92 und an einer andern Stelle heißt es: „Das erste xrivilögs der Lütticher ist, sich von keinem Despoten, weder geistlichem noch weltlichem, sudeln zu lassen; und das zweite ist, durch Stände die Gesetzgebergewalt gemeinschaftlich mit dem Obergeistlichen in allen Stücken zu verwalten. Für keines von beiden dürfen sie sich bei ihren Bischöfen bedanken; beide sind vmMÄiion8 des Menschenrechts und des Menschenverstandes." Wohl eine für das damalige Deutschland recht weite Ausdehnung eines rein auf Metischenrecht und Menschenverstand ge¬ gründeten praktischen Anspruchs! Und obwohl für seine Person gegen die Abschaffung des Adels, macht er doch den privilegirten Ständen gegenüber die Kopfzahl zu Gunsten des dritten Standes geltend, in ganz ähnlicher, schneidender Weise, wie sie wohl in Frankreich zur Begründung jener Abschaffung beliebt war. „Nation, so bemerkt er einmal bei Besprechung ungarischer Verhältnisse, ist der Bürger- und Bauernstand; ein winziges Teilchen von der Nation ist der Adel." Was uns aber lebendiger als alles die starke Eingewöhnung der Zeit in eine politische Denk- und Redeweise veranschaulicht, die jetzt einer günstigen Aufnahme der französischen Ncvolutionsbewegung zu statten kam, das ist eine große gesetzgeberische Arbeit; sie war in demjenigen deutschen Staate, der an politischer Bedeutung der habsburgischen Macht ebenbürtig gegenüber, an Wichtigkeit für die geistige Entwicklung allen andern Staaten voranstand, seit den letzten Jahren Friedrichs des Großen im Gange. Es handelt sich hier um das preußische Landrecht. Mit dem 1. Zum 17!)1 war das Werk einer mehr als zehnjährigen Thätigkeit der ausgezeichnetsten juristischen Kräfte in Geltung zu treten bestimmt"), ein Werk, das bekanntlich nicht bloß die privatrechtlichen Berhaltuisse, sondern auch die Beziehungen zwischen Staat und Unterthanen, also auch Rechte und Obliegenheiten der Staatsgewalt zum Gegenstande hat. Dabei tritt uns nun die Richtung der Zeit auf Sicherung des Menschen vor obrigkeitlicher Willkür, auf gesetzliche Regelung aller Ver¬ hältnisse aus einer Reihe von Bestimmungen vor Augen, unter denen sogleich die energische Sicherung der Rechtspflege gegen fürstliche Machtsprüche am lebhaftesten ausgestochen wurde. Zur Begleichung mit der französischen Ver¬ fassungsarbeit lag aber noch stärkerer Anlaß darin, daß wie vor dieser die Er¬ klärung der Menschenrechte, auch vor dem preußischen Gesetzbuch ein allgemeiner Teil mit Belehrungen über Bestimmung des Staates und die Stellung des Menschen im Staate vorausging. Und der Inhalt dieser Belehrungen? Von Menschen- rechten, allgemeinen Menschenrechten ist mich hier die Rede; eine Einschränkung natürlicher Freiheit und Rechte wird für erlaubt erklärt, mir insoweit es der gemein¬ schaftliche Endzweck, das Wohl des Staates und seiner Einwohner insbesondre, er- ") Bekanntlich erfolgte ein Aufschub (bis 1794) und manche Abänderung des Entwurfs, der übrigens nicht deu Titel Landrecht, sondern Gesetzbuch hatte.

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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 48, 1889, Erstes Vierteljahr, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341849_204088/550>, abgerufen am 29.06.2024.