Die Grenzboten. Jg. 41, 1882, Erstes Quartal.Balladen und Thyrsosträger. Ihre Haltung konnte nicht friedlicher sein. Anmutig zurückgelehnt lag sie Er trat mit lächelnder Miene näher und sagte in schmeichelndem Tone: Kindchen und Kätzchen lassen sich gerne streicheln, Er hielt inne, Lilli hatte ihren Blick von dem Buche empor gehoben, und indem sie ti? Meine süßeste Lilli, sagte er rasch, ich bin unglücklich, daß ich erst so spät Er ergriff die Hand mit dem roten Stein, um sie zu küssen, aber die Dame Nur keine Entschuldigungen, wenn ich bitten darf, sagte Frau vonBlankendorff. Der Ton ihrer Stimme war tief und rein. Er hatte jenes weiche Vibriren, Du hast Recht, entgegnete Dr. Irrwisch, indem er sich setzte und eine un¬ Er zog bei diesen Worten ein Etui aus der Vrusttasche, öffnete es und Ich hatte ihm gesagt, fuhr er fort, es müsse ganz einfach sein, da es für Balladen und Thyrsosträger. Ihre Haltung konnte nicht friedlicher sein. Anmutig zurückgelehnt lag sie Er trat mit lächelnder Miene näher und sagte in schmeichelndem Tone: Kindchen und Kätzchen lassen sich gerne streicheln, Er hielt inne, Lilli hatte ihren Blick von dem Buche empor gehoben, und indem sie ti? Meine süßeste Lilli, sagte er rasch, ich bin unglücklich, daß ich erst so spät Er ergriff die Hand mit dem roten Stein, um sie zu küssen, aber die Dame Nur keine Entschuldigungen, wenn ich bitten darf, sagte Frau vonBlankendorff. Der Ton ihrer Stimme war tief und rein. Er hatte jenes weiche Vibriren, Du hast Recht, entgegnete Dr. Irrwisch, indem er sich setzte und eine un¬ Er zog bei diesen Worten ein Etui aus der Vrusttasche, öffnete es und Ich hatte ihm gesagt, fuhr er fort, es müsse ganz einfach sein, da es für <TEI> <text> <body> <div> <div n="1"> <div n="2"> <pb facs="#f0204" corresp="http://brema.suub.uni-bremen.de/grenzboten/periodical/pageview/86325"/> <fw type="header" place="top"> Balladen und Thyrsosträger.</fw><lb/> <p xml:id="ID_823"> Ihre Haltung konnte nicht friedlicher sein. Anmutig zurückgelehnt lag sie<lb/> da, das stolze Haupt etwas vorgebeugt, ihre rechte Hand ruhte auf dein Kopfe<lb/> der Katze, welche blinzelnd nach dem Besucher schielte, der Rubin um kleinen<lb/> Finger schimmerte ans dem weißen Fell des Thieres hervor. Mit der Linken<lb/> hielt sie das Buch. Ihre Füße waren gekreuzt, wie bei den schlafenden Genien<lb/> griechischer Sarkophage, ihr schwarzes Kleid hing in malerischen Falten ans den<lb/> Teppich herab. Aber dies Bild der Ruhe erschien Irrwisch nicht beruhigend.<lb/> Er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß seine Geliebte nur zu sehr<lb/> dem schönen, geschmeidigen Thier gleiche, welches aus den friedlichen Sammct-<lb/> pfoten gar schnell die scharfen Krallen hervorstrecken konnte, wenn es Lust<lb/> dazu hatte.</p><lb/> <p xml:id="ID_824"> Er trat mit lächelnder Miene näher und sagte in schmeichelndem Tone:</p><lb/> <quote> Kindchen und Kätzchen lassen sich gerne streicheln,<lb/> Kindchen und Kätzchen wollen gerne schmeicheln.<lb/> Doch das Kindchen, mit dem Miindchen,<lb/> Das küßt nur und schwatzt,<lb/> Aber's____</quote><lb/> <p xml:id="ID_825"> Er hielt inne,</p><lb/> <p xml:id="ID_826"> Lilli hatte ihren Blick von dem Buche empor gehoben, und indem sie ti?<lb/> von langen, dunkeln Wimpern eingerahmten Lider aufschlug, zuckte ein Blitz aus<lb/> ihren Augen auf ihn, der das Liedchen auf seinen Lippen erstarren machte.</p><lb/> <p xml:id="ID_827"> Meine süßeste Lilli, sagte er rasch, ich bin unglücklich, daß ich erst so spät<lb/> habe kommen können, um dir meinen innigsten Glückwunsch zu deinem Geburts¬<lb/> tage zu bringen, aber die dringendsten, wichtigsten Geschäfte____</p><lb/> <p xml:id="ID_828"> Er ergriff die Hand mit dem roten Stein, um sie zu küssen, aber die Dame<lb/> zog ihre Hand, die sich eiskalt anfühlte, zurück. 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Aber sich, mein liebes Herz, wie findest du den Geschmack dieses<lb/> Künstlers?</p><lb/> <p xml:id="ID_832"> Er zog bei diesen Worten ein Etui aus der Vrusttasche, öffnete es und<lb/> hielt ein Halsband von großen goldenen Kngeln empor.</p><lb/> <p xml:id="ID_833"> Ich hatte ihm gesagt, fuhr er fort, es müsse ganz einfach sein, da es für<lb/> eine Büste bestimmt sei, die durch die Reinheit ihrer Linien jeden verschnörkelten<lb/> Zierrat unschön erscheinen ließe.</p><lb/> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [0204]
Balladen und Thyrsosträger.
Ihre Haltung konnte nicht friedlicher sein. Anmutig zurückgelehnt lag sie
da, das stolze Haupt etwas vorgebeugt, ihre rechte Hand ruhte auf dein Kopfe
der Katze, welche blinzelnd nach dem Besucher schielte, der Rubin um kleinen
Finger schimmerte ans dem weißen Fell des Thieres hervor. Mit der Linken
hielt sie das Buch. Ihre Füße waren gekreuzt, wie bei den schlafenden Genien
griechischer Sarkophage, ihr schwarzes Kleid hing in malerischen Falten ans den
Teppich herab. Aber dies Bild der Ruhe erschien Irrwisch nicht beruhigend.
Er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß seine Geliebte nur zu sehr
dem schönen, geschmeidigen Thier gleiche, welches aus den friedlichen Sammct-
pfoten gar schnell die scharfen Krallen hervorstrecken konnte, wenn es Lust
dazu hatte.
Er trat mit lächelnder Miene näher und sagte in schmeichelndem Tone:
Kindchen und Kätzchen lassen sich gerne streicheln,
Kindchen und Kätzchen wollen gerne schmeicheln.
Doch das Kindchen, mit dem Miindchen,
Das küßt nur und schwatzt,
Aber's____
Er hielt inne,
Lilli hatte ihren Blick von dem Buche empor gehoben, und indem sie ti?
von langen, dunkeln Wimpern eingerahmten Lider aufschlug, zuckte ein Blitz aus
ihren Augen auf ihn, der das Liedchen auf seinen Lippen erstarren machte.
Meine süßeste Lilli, sagte er rasch, ich bin unglücklich, daß ich erst so spät
habe kommen können, um dir meinen innigsten Glückwunsch zu deinem Geburts¬
tage zu bringen, aber die dringendsten, wichtigsten Geschäfte____
Er ergriff die Hand mit dem roten Stein, um sie zu küssen, aber die Dame
zog ihre Hand, die sich eiskalt anfühlte, zurück. Die Katze öffnete ihren kleinen
Rachen zu einem Gähnen, das alle ihre spitzen, weißen Zähne zeigte.
Nur keine Entschuldigungen, wenn ich bitten darf, sagte Frau vonBlankendorff.
Der Ton ihrer Stimme war tief und rein. Er hatte jenes weiche Vibriren,
welches für viele Herzen von unwiderstehlicher Anziehungskraft ist.
Du hast Recht, entgegnete Dr. Irrwisch, indem er sich setzte und eine un¬
befangene Miene anzunehmen bestrebt war. Unter uns sind derartige äußerliche
Höflichkeitsbezeugungen überflüssig. Du weißt so gut wie ich selbst, daß nur
unbedingte Notwendigkeit mich abhalten kounte, schon in der Frühe hierher zu
kommen. Aber sich, mein liebes Herz, wie findest du den Geschmack dieses
Künstlers?
Er zog bei diesen Worten ein Etui aus der Vrusttasche, öffnete es und
hielt ein Halsband von großen goldenen Kngeln empor.
Ich hatte ihm gesagt, fuhr er fort, es müsse ganz einfach sein, da es für
eine Büste bestimmt sei, die durch die Reinheit ihrer Linien jeden verschnörkelten
Zierrat unschön erscheinen ließe.
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