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Die Grenzboten. Jg. 26, 1867, II. Semester. I. Band.

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hier anführen, ohne ähnlicher Aeußerungen Anderer zu gedenken. "Die neuere
dänische Nationalliteratur," sagt er, "ist von älterem Datum als die deutsche;
Holberg hat den Deutschen niemals das Geringste geschuldet, er gab ihnen viel¬
mehr einen Anstoß und wurde der Vater ihrer neueren Literatur." Es kommt
ja wohl vor, daß ein Kind über seinen Erzeuger lange im Ungewissen bleibt;
aber in diesem Falle, das müssen wir gestehen, kommt die Bekanntschaft doch
etwas zu spät. Wir werden uns kaum noch zu dem nöthigen Grade von Ehr¬
erbietung und Dankbarkeit aufzuschwingen vermögen. Ferner sollen Rask und
Nyerup "Grimm und die übrigen deutschen Alterthumsforscher erst in Thätig¬
keit gesetzt" haben. Naht in Ehren, aber über diesen in seinem Namen erho¬
benen Anspruch würde er doch wohl selbst erröthen, -- von Nyerup zu schwel-
gen. Jakob sowohl als Wilhelm Grimm hatten schon manches Jahr in erfolg¬
reichen Studien hingebracht, bevor sie mit Rasks Forschungen näher bekannt
wurden.

Die gleiche, nahezu weibische Eitelkeit, die auf dem literarischen Felde im¬
merhin noch leichter verziehen wird, zeigt sich auch auf dem politischen Gebiet,
und erregt dann gradezu Widerwillen und Ekel. Freiheit und Bildung seien
in Skandinavien heimischer als in den meisten andern Ländern, meint Herr
Hammerich; das habe sich sogar in den Tagen des dänischen Absolutismus
nicht verleugnet! Eine so stramme monarchische Allgewalt, wie die des soge¬
nannten Königsgcsetzes in Dänemark, die bis 1848 bestand, gab es bekanntlich
in ganz West- und Mitteleuropa nicht mehr. Aber das hält die Dänen nicht
ab, auf die viel älteren und viel tiefergehenden Freiheitskämpfe Deutschlands
geringschätzig herabzublicken. Sie machen sich die Sache leicht. Das Streben
der deutschen Nation nach einer ihre Unabhängigkeit sichernden Macht verschwin¬
det ihnen völlig hinter dem Expansionsdrange des preußischen Staates, mit
welchem es theilweise zusammentrifft; und diesen werfen sie kurzweg in dieselbe
Classe mit russischer Eroberungslust, von französischer zu schweigen, die ihnen
natürlich in viel ehrwürdigeren Lichte erscheint. Und weil auf der anderen
Seite das gleichzeitig vorhandene, ja noch ältere und stärkere Freiheitsstreben
der Deutschen sich vorübergehend mit halben Erfolgen bescheiden muß, streichen
sie dasselbe gänzlich. Die Deutschen sind ihnen Sklaven, die das Joch nicht
zu brechen vermögen, das den Dänen in einer schönen Märznacht des Jahres
1848 plötzlich und auf einmal vom Halse siel. Preußen und Oestreich, die
deutschen oder halbdeutschen Großmächte, repräsentiren mit Rußland in Europa
den Despotismus und die Barbarei, über die, wie es in dem dänischen Natio¬
nalliede heißt, die Westmächte erst dann siegreich triumphiren werden, wenn der
"freie, mächtige Norden" auf ihre Seite tritt und "zum Siege führt die Sache
der Völker".

Bei den bisher erwähnten, ziemlich allgemein gehaltenen Wahngebilden


hier anführen, ohne ähnlicher Aeußerungen Anderer zu gedenken. „Die neuere
dänische Nationalliteratur," sagt er, „ist von älterem Datum als die deutsche;
Holberg hat den Deutschen niemals das Geringste geschuldet, er gab ihnen viel¬
mehr einen Anstoß und wurde der Vater ihrer neueren Literatur." Es kommt
ja wohl vor, daß ein Kind über seinen Erzeuger lange im Ungewissen bleibt;
aber in diesem Falle, das müssen wir gestehen, kommt die Bekanntschaft doch
etwas zu spät. Wir werden uns kaum noch zu dem nöthigen Grade von Ehr¬
erbietung und Dankbarkeit aufzuschwingen vermögen. Ferner sollen Rask und
Nyerup „Grimm und die übrigen deutschen Alterthumsforscher erst in Thätig¬
keit gesetzt" haben. Naht in Ehren, aber über diesen in seinem Namen erho¬
benen Anspruch würde er doch wohl selbst erröthen, — von Nyerup zu schwel-
gen. Jakob sowohl als Wilhelm Grimm hatten schon manches Jahr in erfolg¬
reichen Studien hingebracht, bevor sie mit Rasks Forschungen näher bekannt
wurden.

Die gleiche, nahezu weibische Eitelkeit, die auf dem literarischen Felde im¬
merhin noch leichter verziehen wird, zeigt sich auch auf dem politischen Gebiet,
und erregt dann gradezu Widerwillen und Ekel. Freiheit und Bildung seien
in Skandinavien heimischer als in den meisten andern Ländern, meint Herr
Hammerich; das habe sich sogar in den Tagen des dänischen Absolutismus
nicht verleugnet! Eine so stramme monarchische Allgewalt, wie die des soge¬
nannten Königsgcsetzes in Dänemark, die bis 1848 bestand, gab es bekanntlich
in ganz West- und Mitteleuropa nicht mehr. Aber das hält die Dänen nicht
ab, auf die viel älteren und viel tiefergehenden Freiheitskämpfe Deutschlands
geringschätzig herabzublicken. Sie machen sich die Sache leicht. Das Streben
der deutschen Nation nach einer ihre Unabhängigkeit sichernden Macht verschwin¬
det ihnen völlig hinter dem Expansionsdrange des preußischen Staates, mit
welchem es theilweise zusammentrifft; und diesen werfen sie kurzweg in dieselbe
Classe mit russischer Eroberungslust, von französischer zu schweigen, die ihnen
natürlich in viel ehrwürdigeren Lichte erscheint. Und weil auf der anderen
Seite das gleichzeitig vorhandene, ja noch ältere und stärkere Freiheitsstreben
der Deutschen sich vorübergehend mit halben Erfolgen bescheiden muß, streichen
sie dasselbe gänzlich. Die Deutschen sind ihnen Sklaven, die das Joch nicht
zu brechen vermögen, das den Dänen in einer schönen Märznacht des Jahres
1848 plötzlich und auf einmal vom Halse siel. Preußen und Oestreich, die
deutschen oder halbdeutschen Großmächte, repräsentiren mit Rußland in Europa
den Despotismus und die Barbarei, über die, wie es in dem dänischen Natio¬
nalliede heißt, die Westmächte erst dann siegreich triumphiren werden, wenn der
»freie, mächtige Norden" auf ihre Seite tritt und „zum Siege führt die Sache
der Völker".

Bei den bisher erwähnten, ziemlich allgemein gehaltenen Wahngebilden


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[0070] hier anführen, ohne ähnlicher Aeußerungen Anderer zu gedenken. „Die neuere dänische Nationalliteratur," sagt er, „ist von älterem Datum als die deutsche; Holberg hat den Deutschen niemals das Geringste geschuldet, er gab ihnen viel¬ mehr einen Anstoß und wurde der Vater ihrer neueren Literatur." Es kommt ja wohl vor, daß ein Kind über seinen Erzeuger lange im Ungewissen bleibt; aber in diesem Falle, das müssen wir gestehen, kommt die Bekanntschaft doch etwas zu spät. Wir werden uns kaum noch zu dem nöthigen Grade von Ehr¬ erbietung und Dankbarkeit aufzuschwingen vermögen. Ferner sollen Rask und Nyerup „Grimm und die übrigen deutschen Alterthumsforscher erst in Thätig¬ keit gesetzt" haben. Naht in Ehren, aber über diesen in seinem Namen erho¬ benen Anspruch würde er doch wohl selbst erröthen, — von Nyerup zu schwel- gen. Jakob sowohl als Wilhelm Grimm hatten schon manches Jahr in erfolg¬ reichen Studien hingebracht, bevor sie mit Rasks Forschungen näher bekannt wurden. Die gleiche, nahezu weibische Eitelkeit, die auf dem literarischen Felde im¬ merhin noch leichter verziehen wird, zeigt sich auch auf dem politischen Gebiet, und erregt dann gradezu Widerwillen und Ekel. Freiheit und Bildung seien in Skandinavien heimischer als in den meisten andern Ländern, meint Herr Hammerich; das habe sich sogar in den Tagen des dänischen Absolutismus nicht verleugnet! Eine so stramme monarchische Allgewalt, wie die des soge¬ nannten Königsgcsetzes in Dänemark, die bis 1848 bestand, gab es bekanntlich in ganz West- und Mitteleuropa nicht mehr. Aber das hält die Dänen nicht ab, auf die viel älteren und viel tiefergehenden Freiheitskämpfe Deutschlands geringschätzig herabzublicken. Sie machen sich die Sache leicht. Das Streben der deutschen Nation nach einer ihre Unabhängigkeit sichernden Macht verschwin¬ det ihnen völlig hinter dem Expansionsdrange des preußischen Staates, mit welchem es theilweise zusammentrifft; und diesen werfen sie kurzweg in dieselbe Classe mit russischer Eroberungslust, von französischer zu schweigen, die ihnen natürlich in viel ehrwürdigeren Lichte erscheint. Und weil auf der anderen Seite das gleichzeitig vorhandene, ja noch ältere und stärkere Freiheitsstreben der Deutschen sich vorübergehend mit halben Erfolgen bescheiden muß, streichen sie dasselbe gänzlich. Die Deutschen sind ihnen Sklaven, die das Joch nicht zu brechen vermögen, das den Dänen in einer schönen Märznacht des Jahres 1848 plötzlich und auf einmal vom Halse siel. Preußen und Oestreich, die deutschen oder halbdeutschen Großmächte, repräsentiren mit Rußland in Europa den Despotismus und die Barbarei, über die, wie es in dem dänischen Natio¬ nalliede heißt, die Westmächte erst dann siegreich triumphiren werden, wenn der »freie, mächtige Norden" auf ihre Seite tritt und „zum Siege führt die Sache der Völker". Bei den bisher erwähnten, ziemlich allgemein gehaltenen Wahngebilden

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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 26, 1867, II. Semester. I. Band, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341805_191229/70>, abgerufen am 15.01.2025.