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Die Grenzboten. Jg. 19, 1860, II. Semester. IV. Band.

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nicht zu erreichen vermochte, mögen schon frühe in Rom von einzelnen Classen
von Arbeitern beschafft worden sein, welche, nachdem sie sich ein gewisses Ge¬
schick und eine gewisse Stetigkeit und Gleichmäßigkeit in ihrer Arbeit ange¬
eignet hatten, es wenigstens eine Zeit lang dahin zu bringen wußten, daß
jedem andern, der zu ihrer Classe nicht gehörte, die Concurrenz mit ihnen
verschlossen war. Eine Art Zunftwesen scheint sich somit allerdings bereits
in den ältesten Zeiten Roms gebildet zu haben, obschon wir nicht recht ein¬
sehn, wie neben der ausgedehnten Gewerbefreiheit. die wir wenigstens in
den letzten beiden Jahrhunderten der Republik ganz entschieden vorfinden, ein
zunftmäßiger Handwerksbetrieb bestehn und bis in die Kaiserzeit sich erhalten
konnte. Den sagenhaften Berichten des Plutarch und Plinius zu Folge soll
Numa neun Körperschaften oder Zünfte, eolle^ikr opiüeum, gestiftet haben,
deren acht erste die Flötcnbläser oder Musikanten überhaupt, die Goldschmiede,
Zimmerleute, Färber, Schuster, Gerber, Schmiede und Töpfer umfaßten, wäh¬
rend die übrigen Handwerker sammt und sonders in der neunten Zunft ver¬
einigt gewesen sein sollen. Wenn Florus behauptet, die Stiftung der Zünfte
sei erst durch Servius Tullius erfolgt, vermuthlich weil in seiner Zeit der ge¬
sellschaftliche Zustand sich schon mehr entwickelt hatte, so streitet gegen diese
Annahme der Umstand, daß das wichtige Handwerk der Steinmetzen, waches
seit den großartigen Bauunternehmungen des ältern Tarquinius, der Grün¬
dung des Capitols, der Anlegung der Cloaken, des Circus Maximus und des
Forums, in Rom sehr bedeutend vertreten sein mußte, keine selbständige Zunft
bildete, während verhältnißmäßig minder wichtige Beschäftigungen, wie etwa
die der Färber, zu zünftiger Gestaltung erhoben worden wären. Dagegen
mag vor dem Eintritt des tuskischen Elementes in das römische Gemein¬
wesen, also bis auf Altens Marcius, die Gewerkschaft der Zimmerleute
wol im Stande gewesen sein, den Ansprüche", die man beim Häuserbau an
sie machte, in der Hauptsache zu genügen, und auch zur Anlegung der Stadt¬
mauern, des Tempels der Fides, der Thorhalle des Janus und andrer heili¬
ger und profaner Baulichkeiten größern Umfangs wird es eines kunstgerechten
Maurcrhandwcrks schwerlich bedurft haben. Übereinstimmend aber wird von
allen Schriftstellern die Aufnahme dreier der genannten Genossenschaften in
das Heer, zu welchem die Handwerker als unter den fünfSieuerclassen stehende
Proletarier in der frühern Zeit keinen Zutritt hatten, aus Servius Tullius
zurückgeführt. Dieser König soll nämlich die Schmiede, Zimmerleute und
Pfeifer, das heißt die Flötisten, Hornisten und Trompeter, welche alle für die
Zwecke des Krieges unentbehrlich waren, in vier Centurien seiner Heeresordnung
eingefügt und ihnen, trotzdem daß sie außerhalb der Censusclassen stan¬
den und an der Schlacht natürlich keinen thätigen Antheil nahmen, als Aequi-
valent für ihre Dienstleistungen im Kriege das Stimmrecht in den Centuriat-


nicht zu erreichen vermochte, mögen schon frühe in Rom von einzelnen Classen
von Arbeitern beschafft worden sein, welche, nachdem sie sich ein gewisses Ge¬
schick und eine gewisse Stetigkeit und Gleichmäßigkeit in ihrer Arbeit ange¬
eignet hatten, es wenigstens eine Zeit lang dahin zu bringen wußten, daß
jedem andern, der zu ihrer Classe nicht gehörte, die Concurrenz mit ihnen
verschlossen war. Eine Art Zunftwesen scheint sich somit allerdings bereits
in den ältesten Zeiten Roms gebildet zu haben, obschon wir nicht recht ein¬
sehn, wie neben der ausgedehnten Gewerbefreiheit. die wir wenigstens in
den letzten beiden Jahrhunderten der Republik ganz entschieden vorfinden, ein
zunftmäßiger Handwerksbetrieb bestehn und bis in die Kaiserzeit sich erhalten
konnte. Den sagenhaften Berichten des Plutarch und Plinius zu Folge soll
Numa neun Körperschaften oder Zünfte, eolle^ikr opiüeum, gestiftet haben,
deren acht erste die Flötcnbläser oder Musikanten überhaupt, die Goldschmiede,
Zimmerleute, Färber, Schuster, Gerber, Schmiede und Töpfer umfaßten, wäh¬
rend die übrigen Handwerker sammt und sonders in der neunten Zunft ver¬
einigt gewesen sein sollen. Wenn Florus behauptet, die Stiftung der Zünfte
sei erst durch Servius Tullius erfolgt, vermuthlich weil in seiner Zeit der ge¬
sellschaftliche Zustand sich schon mehr entwickelt hatte, so streitet gegen diese
Annahme der Umstand, daß das wichtige Handwerk der Steinmetzen, waches
seit den großartigen Bauunternehmungen des ältern Tarquinius, der Grün¬
dung des Capitols, der Anlegung der Cloaken, des Circus Maximus und des
Forums, in Rom sehr bedeutend vertreten sein mußte, keine selbständige Zunft
bildete, während verhältnißmäßig minder wichtige Beschäftigungen, wie etwa
die der Färber, zu zünftiger Gestaltung erhoben worden wären. Dagegen
mag vor dem Eintritt des tuskischen Elementes in das römische Gemein¬
wesen, also bis auf Altens Marcius, die Gewerkschaft der Zimmerleute
wol im Stande gewesen sein, den Ansprüche», die man beim Häuserbau an
sie machte, in der Hauptsache zu genügen, und auch zur Anlegung der Stadt¬
mauern, des Tempels der Fides, der Thorhalle des Janus und andrer heili¬
ger und profaner Baulichkeiten größern Umfangs wird es eines kunstgerechten
Maurcrhandwcrks schwerlich bedurft haben. Übereinstimmend aber wird von
allen Schriftstellern die Aufnahme dreier der genannten Genossenschaften in
das Heer, zu welchem die Handwerker als unter den fünfSieuerclassen stehende
Proletarier in der frühern Zeit keinen Zutritt hatten, aus Servius Tullius
zurückgeführt. Dieser König soll nämlich die Schmiede, Zimmerleute und
Pfeifer, das heißt die Flötisten, Hornisten und Trompeter, welche alle für die
Zwecke des Krieges unentbehrlich waren, in vier Centurien seiner Heeresordnung
eingefügt und ihnen, trotzdem daß sie außerhalb der Censusclassen stan¬
den und an der Schlacht natürlich keinen thätigen Antheil nahmen, als Aequi-
valent für ihre Dienstleistungen im Kriege das Stimmrecht in den Centuriat-


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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 19, 1860, II. Semester. IV. Band, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341594_110347/145>, abgerufen am 15.01.2025.