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Die Grenzboten. Jg. 18, 1859, II. Semester. III. Band.

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desto leichter entreißen zu können, wenn ihr bis dahin selbst handeln gelernt und
endlich zu Männern geworden seid." "Es ist Zeit, der bessern Menschheit die
Freiheit der Geister zu verkündigen und nicht länger zu dulden, daß sie den
Verlust ihrer Fesseln beweine." "Hierin liegt allein die letzte Hoffnung zur Rettung
der Menschheit, welche endlich einmal das, was sie in der gegenständlichen
Welt suchte, in sich selbst finden durfte, um von ihrer grenzenlosen Abschwei¬
fung in eine fremde Welt zu ihrer eigenen, von der Schwärmerei der Vernunft
zur Freiheit des Willens zurückzukehren. Einzelne Täuschungen waren von
selbst gefallen; das Zeitalter schien nur darauf zu warten, daß auch der letzte
Grund aller jener Täuschungen verschwinde und der letzte Punkt falle, an dem
sie alle befestigt waren. Man schien nur auf die Enthüllung zu warten, als
andere dazwischentraten, welche in dem Augenblick, da die menschliche Freiheit
ihr letztes Werk vollenden sollte, neue Täuschungen ersannen, um den kühnen
Entschluß noch vor der Ausführung welken zu machen; die Waffen entsanken
der Hand, und die kühne Vernunft, welche die Täuschungen der gegenständ-.
lichen Welt selbst vernichtet hatte, winselte kindisch über ihre Schwäche." "Habt
ihr nie auch nur dunkel geahnt, daß nicht die Schwäche eurer Vernunft, son¬
dern die absolute Freiheit in euch die intellectuelle Welt für jede gegenständ¬
liche Macht unzugänglich macht, daß nicht die Eingeschränktheit eures Wissens,
sondern eure uneingeschränkte Freiheit die Gegenstände des Erkennens in die
Schranken bloßer Erscheinungen gewiesen hat?" "Das Räthsel der Welt, oder
die Frage, wie das Absolute aus sich selbst herausgehn und eine Welt sich
entgegensetzen könne, wird nothwendig zu einem praktischen Postulat d. h. zu
einer Forderung, die nur außerhalb aller Erfahrung erfüllbar ist. Wir können
nicht ein festes Land finden, sondern müssen es erst hervorbringen, um darauf
fest zu stehen." "Der Dogmatismus (Spinoza) fordert die Verwirklichung des
Absoluten als eines Gegenstandes, und die Folge ist, daß, von der ur¬
sächlichen Wirkung des Objects abhängig, das Subject zum absoluten Leiden
verurtheilt wird. Der Kriticismus dagegen fordert, daß das Absolute aufhöre,
für mich Gegenstand zu sein, was nur dadurch möglich ist, daß ich ins Un¬
endliche strebe, das Absolute in mir durch unbeschränkte Selbstthätigkeit zu
verwirklichen." "Würde er sich das letzte Ziel für erreichbar oder als in irgend
einem Zeitpunkt ausführbar betrachten, so versiele er in Schwärmerei; nur in
der Annäherung zum Absoluten besteht das Wesen des Kriticismus." -- Das
Höchste, was die Freiheit erringen kann, ist ein Bild des Absoluten; ein Bild,
realer als die gegenständliche Welt, die nur Erscheinung ist. "Uns allen
wohnt ein geheimes, wunderbares Vermögen bei, aus dem Wechsel der Zeit
uns in unser innerstes, von allem, was uns von außen her zugekommen, ent¬
kleidetes Selbst zurückzuziehn und hier unter der Form der Unwandelbarkeit das
Ewige anzuschauen. In diesem Moment der Anschauung schwindet für uns Zeit


desto leichter entreißen zu können, wenn ihr bis dahin selbst handeln gelernt und
endlich zu Männern geworden seid." „Es ist Zeit, der bessern Menschheit die
Freiheit der Geister zu verkündigen und nicht länger zu dulden, daß sie den
Verlust ihrer Fesseln beweine." „Hierin liegt allein die letzte Hoffnung zur Rettung
der Menschheit, welche endlich einmal das, was sie in der gegenständlichen
Welt suchte, in sich selbst finden durfte, um von ihrer grenzenlosen Abschwei¬
fung in eine fremde Welt zu ihrer eigenen, von der Schwärmerei der Vernunft
zur Freiheit des Willens zurückzukehren. Einzelne Täuschungen waren von
selbst gefallen; das Zeitalter schien nur darauf zu warten, daß auch der letzte
Grund aller jener Täuschungen verschwinde und der letzte Punkt falle, an dem
sie alle befestigt waren. Man schien nur auf die Enthüllung zu warten, als
andere dazwischentraten, welche in dem Augenblick, da die menschliche Freiheit
ihr letztes Werk vollenden sollte, neue Täuschungen ersannen, um den kühnen
Entschluß noch vor der Ausführung welken zu machen; die Waffen entsanken
der Hand, und die kühne Vernunft, welche die Täuschungen der gegenständ-.
lichen Welt selbst vernichtet hatte, winselte kindisch über ihre Schwäche." „Habt
ihr nie auch nur dunkel geahnt, daß nicht die Schwäche eurer Vernunft, son¬
dern die absolute Freiheit in euch die intellectuelle Welt für jede gegenständ¬
liche Macht unzugänglich macht, daß nicht die Eingeschränktheit eures Wissens,
sondern eure uneingeschränkte Freiheit die Gegenstände des Erkennens in die
Schranken bloßer Erscheinungen gewiesen hat?" „Das Räthsel der Welt, oder
die Frage, wie das Absolute aus sich selbst herausgehn und eine Welt sich
entgegensetzen könne, wird nothwendig zu einem praktischen Postulat d. h. zu
einer Forderung, die nur außerhalb aller Erfahrung erfüllbar ist. Wir können
nicht ein festes Land finden, sondern müssen es erst hervorbringen, um darauf
fest zu stehen." „Der Dogmatismus (Spinoza) fordert die Verwirklichung des
Absoluten als eines Gegenstandes, und die Folge ist, daß, von der ur¬
sächlichen Wirkung des Objects abhängig, das Subject zum absoluten Leiden
verurtheilt wird. Der Kriticismus dagegen fordert, daß das Absolute aufhöre,
für mich Gegenstand zu sein, was nur dadurch möglich ist, daß ich ins Un¬
endliche strebe, das Absolute in mir durch unbeschränkte Selbstthätigkeit zu
verwirklichen." „Würde er sich das letzte Ziel für erreichbar oder als in irgend
einem Zeitpunkt ausführbar betrachten, so versiele er in Schwärmerei; nur in
der Annäherung zum Absoluten besteht das Wesen des Kriticismus." — Das
Höchste, was die Freiheit erringen kann, ist ein Bild des Absoluten; ein Bild,
realer als die gegenständliche Welt, die nur Erscheinung ist. „Uns allen
wohnt ein geheimes, wunderbares Vermögen bei, aus dem Wechsel der Zeit
uns in unser innerstes, von allem, was uns von außen her zugekommen, ent¬
kleidetes Selbst zurückzuziehn und hier unter der Form der Unwandelbarkeit das
Ewige anzuschauen. In diesem Moment der Anschauung schwindet für uns Zeit


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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 18, 1859, II. Semester. III. Band, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341590_107585/60>, abgerufen am 22.07.2024.