Die Grenzboten. Jg. 9, 1850, II. Semester. II. Band.sein können, und die übrigens in ihrer Form das Gepräge der Wahrheit an sich 99*
sein können, und die übrigens in ihrer Form das Gepräge der Wahrheit an sich 99*
<TEI> <text> <body> <div> <div n="1"> <pb facs="#f0275" corresp="http://brema.suub.uni-bremen.de/grenzboten/periodical/pageview/92564"/> <p xml:id="ID_874" prev="#ID_873" next="#ID_875"> sein können, und die übrigens in ihrer Form das Gepräge der Wahrheit an sich<lb/> tragen, versinnlichen diese Eigenthümlichkeit. — Wir glauben, zur Empfehlung die¬<lb/> ser Schrift am meisten dadurch beizutragen, daß wir eine Episode im Auszug<lb/> mittheilen. — Der Verfasser, der zum erstenmal nach Galizien kommt — lange<lb/> vor der Bauern-Catastrophe — um dort einen deutschen Freund zu besuchen,<lb/> wird von einem polnischen Edelmann eingeladen. „Sie kommen an. „Die Edel-<lb/> hofe jener Zeit mit ihren Gärten und ihren vielen unabsehbar langen Wirt¬<lb/> schaftsgebäuden bedecken einen großen Flächenraum und haben im Ganzen, von<lb/> der Ferne ans gesehen, einen eigenthümlichen, man kann sagen großartigen An¬<lb/> strich. Von Symmetrie ist freilich keine Spur. Diese Häuser, wenn man sie so<lb/> nennen kann, sind alle außerordentlich niedrig, ihre Wände ganz roh zusammen¬<lb/> gezimmert, die Dächer sehr hoch und mit Stroh bedeckt — vermuthlich wegen<lb/> Feuersgefahr eines vom andern ziemlich weit entfernt und hingestellt, wie es<lb/> gerade die Laune mit sich brachte. Das Wohnhaus selbst, ein langes niedriges<lb/> hölzernes Gebäude, steht inmitten eines großen abgeschlossenen Hofraumes, gegen¬<lb/> über dem Einfahrtsthore, so daß man von Weitem jeden Ankommenden sehen<lb/> kann. Von jener Wohnlichkeit und Nettigkeit, welche unsere Landsitze zu kleinen<lb/> Paradiesen gestalten, die in ihre heimlichen Kreise so lockend einladen, weil<lb/> ihre ganze Erscheinung diese Nuhe und Sicherheit athmet, welche ein ordnender<lb/> positiver Geist um sein Asyl ergossen hat — von allem dem ist hier keine Rede.<lb/> Unwillkürlich stieg in mir der Gedanke an Attila's hölzernen Palast anf, in dem<lb/> er in Parömien den Raub von Europa aufhäufte, die Gesandten des römischen<lb/> Weltreichs empfing, und wo seine Unternehmungen und Züge vorbedacht und<lb/> beschlossen wurden. Wenn man es nicht mit eigenen Allgen gesehen hat, ist<lb/> es schwer sich einen Begriff zu machen, wie das Alles in der Nähe aussieht.<lb/> Diese mannigfaltigen Gebäude, die in der Ferne durch ihre Größe — Läuge,<lb/> wäre der eigentliche Allsdruck — einiger Maßen imponiren, sind so schlecht<lb/> erhalten, das Material, aus denen sie bestehen, voll so geringer Art, daß manche<lb/> Wände, obgleich neu, scholl einer Stütze bedürfen, und anch andere Beweise ihrer<lb/> UnHaltbarkeit geben, zudem bei mindesten Thauwetter der ungeheure Morast,<lb/> der jedes auf eine Art umgibt, daß der Eintritt beinahe unmöglich scheint —<lb/> diese Oede trotz der Fülle überall, dieser sichtbare und bei jedem Schritt fühl¬<lb/> bare Abgang der ordnenden Menschenhand, zuletzt die auffallende Verleugnung<lb/> aller und jeder Bequemlichkeit, aller Spuren der Cultur, — erwecken ein un¬<lb/> heimliches Gefühl. Mit solchen Gefühlen führen wir an das Halts unseres gast¬<lb/> lichen Wirthes vor. Mit mehrern andern Herren stand er schon uns erwartend<lb/> am Eingange desselben, half uns vom Wagen, überschüttete uns mit den höf¬<lb/> lichsten Versicherungen, und wir traten all seiner Hand in eine sehr zahlreiche<lb/> Gesellschaft, deren Putz, der besonders bei Frauen in sehr kostbarem französischen<lb/> Stoffe, in Juwelen und reichem Geschmeide, alles nach letzter Mode, bestand,</p><lb/> <fw type="sig" place="bottom"> 99*</fw><lb/> </div> </div> </body> </text> </TEI> [0275]
sein können, und die übrigens in ihrer Form das Gepräge der Wahrheit an sich
tragen, versinnlichen diese Eigenthümlichkeit. — Wir glauben, zur Empfehlung die¬
ser Schrift am meisten dadurch beizutragen, daß wir eine Episode im Auszug
mittheilen. — Der Verfasser, der zum erstenmal nach Galizien kommt — lange
vor der Bauern-Catastrophe — um dort einen deutschen Freund zu besuchen,
wird von einem polnischen Edelmann eingeladen. „Sie kommen an. „Die Edel-
hofe jener Zeit mit ihren Gärten und ihren vielen unabsehbar langen Wirt¬
schaftsgebäuden bedecken einen großen Flächenraum und haben im Ganzen, von
der Ferne ans gesehen, einen eigenthümlichen, man kann sagen großartigen An¬
strich. Von Symmetrie ist freilich keine Spur. Diese Häuser, wenn man sie so
nennen kann, sind alle außerordentlich niedrig, ihre Wände ganz roh zusammen¬
gezimmert, die Dächer sehr hoch und mit Stroh bedeckt — vermuthlich wegen
Feuersgefahr eines vom andern ziemlich weit entfernt und hingestellt, wie es
gerade die Laune mit sich brachte. Das Wohnhaus selbst, ein langes niedriges
hölzernes Gebäude, steht inmitten eines großen abgeschlossenen Hofraumes, gegen¬
über dem Einfahrtsthore, so daß man von Weitem jeden Ankommenden sehen
kann. Von jener Wohnlichkeit und Nettigkeit, welche unsere Landsitze zu kleinen
Paradiesen gestalten, die in ihre heimlichen Kreise so lockend einladen, weil
ihre ganze Erscheinung diese Nuhe und Sicherheit athmet, welche ein ordnender
positiver Geist um sein Asyl ergossen hat — von allem dem ist hier keine Rede.
Unwillkürlich stieg in mir der Gedanke an Attila's hölzernen Palast anf, in dem
er in Parömien den Raub von Europa aufhäufte, die Gesandten des römischen
Weltreichs empfing, und wo seine Unternehmungen und Züge vorbedacht und
beschlossen wurden. Wenn man es nicht mit eigenen Allgen gesehen hat, ist
es schwer sich einen Begriff zu machen, wie das Alles in der Nähe aussieht.
Diese mannigfaltigen Gebäude, die in der Ferne durch ihre Größe — Läuge,
wäre der eigentliche Allsdruck — einiger Maßen imponiren, sind so schlecht
erhalten, das Material, aus denen sie bestehen, voll so geringer Art, daß manche
Wände, obgleich neu, scholl einer Stütze bedürfen, und anch andere Beweise ihrer
UnHaltbarkeit geben, zudem bei mindesten Thauwetter der ungeheure Morast,
der jedes auf eine Art umgibt, daß der Eintritt beinahe unmöglich scheint —
diese Oede trotz der Fülle überall, dieser sichtbare und bei jedem Schritt fühl¬
bare Abgang der ordnenden Menschenhand, zuletzt die auffallende Verleugnung
aller und jeder Bequemlichkeit, aller Spuren der Cultur, — erwecken ein un¬
heimliches Gefühl. Mit solchen Gefühlen führen wir an das Halts unseres gast¬
lichen Wirthes vor. Mit mehrern andern Herren stand er schon uns erwartend
am Eingange desselben, half uns vom Wagen, überschüttete uns mit den höf¬
lichsten Versicherungen, und wir traten all seiner Hand in eine sehr zahlreiche
Gesellschaft, deren Putz, der besonders bei Frauen in sehr kostbarem französischen
Stoffe, in Juwelen und reichem Geschmeide, alles nach letzter Mode, bestand,
99*
Informationen zum Werk
Download dieses Werks
XML (TEI P5) ·
HTML ·
Text Metadaten zum WerkTEI-Header · CMDI · Dublin Core Ansichten dieser Seite
FeedbackSie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden. Kommentar zur DTA-AusgabeDieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen … Staats- und Universitätsbibliothek (SuUB) Bremen: Bereitstellung der Texttranskription.
Kay-Michael Würzner: Bearbeitung der digitalen Edition.
Weitere Informationen:Verfahren der Texterfassung: OCR mit Nachkorrektur. Bogensignaturen: gekennzeichnet;Druckfehler: ignoriert;fremdsprachliches Material: nicht gekennzeichnet;Geminations-/Abkürzungsstriche: wie Vorlage;Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): nicht ausgezeichnet;i/j in Fraktur: wie Vorlage;I/J in Fraktur: wie Vorlage;Kolumnentitel: gekennzeichnet;Kustoden: gekennzeichnet;langes s (ſ): als s transkribiert;Normalisierungen: stillschweigend;rundes r (ꝛ): als r/et transkribiert;Seitenumbrüche markiert: ja;Silbentrennung: wie Vorlage;u/v bzw. U/V: wie Vorlage;Vokale mit übergest. e: als ä/ö/ü transkribiert;Vollständigkeit: vollständig erfasst;Zeichensetzung: wie Vorlage;Zeilenumbrüche markiert: ja; Nachkorrektur erfolgte automatisch.
|
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden. Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des § 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
2007–2024 Deutsches Textarchiv, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften.
Kontakt: redaktion(at)deutschestextarchiv.de. |