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Gottsched, Johann Christoph: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. Leipzig, 1730.

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Vorrede.
hersagte, und aus dem andern zuweilen seine Ubersetzun-
gen vorlaß. Unter so vielen Unterredungen, so ich seit
1717 bis 1724 mit demselben gehabt, dachte derselbe denn
auch einmahl, daß er nicht ungeneigt wäre, eine An-
weisung zur Poesie zu schreiben: Nicht zwar auf den
Schlag, als die gewöhnlichen Anleitungen wären, dar-
an wir ja keinen Mangel hätten; sondern so, daß darinn
der innere Character und das wahre Wesen eines jeden
Gedichtes gewiesen würde. Damahls geschah es also,
daß ich mir den ersten Begriff von einer Critischen
Dicht-Kunst machte: deren Nutzbarkeit ich gar wohl ein-
sahe; aber mirs noch nicht träumen ließ, daß ich mich der-
einst an dergleichen Arbeit wagen sollte.

Jm Jahr 1724 kam ich nach Leipzig und ward in
der unter Hn. Hofraths Menckens Aufsicht stehenden
Poetischen, itzo Deutschen Gesellschafft, gewahr; daß man
bey Verlesung eines Gedichtes unzehliche Anmerckungen
machte, und solche Sachen, Gedancken und Ausdrückun-
gen in Zweifel zog, die ich allezeit vor gut gehalten hatte.
Jch fand selber wohl, daß die meisten so ungegründet
nicht waren: und ob ich wohl in einigen Stücken auf mei-
ner Meynung blieb, und die Einwürfe so man mir mach-
te, vor ungegründet hielte; so war ich doch nicht im Stan-
de dieselben zu heben, und meine Gewohnheit auf eine
überzeugende Art zu vertheidigen. Eben damahls ka-
men mir die Discurse der Mahler in die Hände, die mich
durch so viele Beurtheilungen unsrer Poeten, noch begie-
riger machten, alles aus dem Grunde zu untersuchen, und
wo möglich, zu einer völligen Gewißheit zu kommen, was
richtig oder unrichtig gedacht; schön, oder heßlich geschrie-
ben; recht, oder unrecht, ausgeführet worden.

Dazu fand sich nun die schönste Gelegenheit, da ich

das

Vorrede.
herſagte, und aus dem andern zuweilen ſeine Uberſetzun-
gen vorlaß. Unter ſo vielen Unterredungen, ſo ich ſeit
1717 bis 1724 mit demſelben gehabt, dachte derſelbe denn
auch einmahl, daß er nicht ungeneigt waͤre, eine An-
weiſung zur Poeſie zu ſchreiben: Nicht zwar auf den
Schlag, als die gewoͤhnlichen Anleitungen waͤren, dar-
an wir ja keinen Mangel haͤtten; ſondern ſo, daß darinn
der innere Character und das wahre Weſen eines jeden
Gedichtes gewieſen wuͤrde. Damahls geſchah es alſo,
daß ich mir den erſten Begriff von einer Critiſchen
Dicht-Kunſt machte: deren Nutzbarkeit ich gar wohl ein-
ſahe; aber mirs noch nicht traͤumen ließ, daß ich mich der-
einſt an dergleichen Arbeit wagen ſollte.

Jm Jahr 1724 kam ich nach Leipzig und ward in
der unter Hn. Hofraths Menckens Aufſicht ſtehenden
Poetiſchen, itzo Deutſchen Geſellſchafft, gewahr; daß man
bey Verleſung eines Gedichtes unzehliche Anmerckungen
machte, und ſolche Sachen, Gedancken und Ausdruͤckun-
gen in Zweifel zog, die ich allezeit vor gut gehalten hatte.
Jch fand ſelber wohl, daß die meiſten ſo ungegruͤndet
nicht waren: und ob ich wohl in einigen Stuͤcken auf mei-
ner Meynung blieb, und die Einwuͤrfe ſo man mir mach-
te, vor ungegruͤndet hielte; ſo war ich doch nicht im Stan-
de dieſelben zu heben, und meine Gewohnheit auf eine
uͤberzeugende Art zu vertheidigen. Eben damahls ka-
men mir die Diſcurſe der Mahler in die Haͤnde, die mich
durch ſo viele Beurtheilungen unſrer Poeten, noch begie-
riger machten, alles aus dem Grunde zu unterſuchen, und
wo moͤglich, zu einer voͤlligen Gewißheit zu kommen, was
richtig oder unrichtig gedacht; ſchoͤn, oder heßlich geſchrie-
ben; recht, oder unrecht, ausgefuͤhret worden.

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Zitationshilfe: Gottsched, Johann Christoph: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. Leipzig, 1730, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gottsched_versuch_1730/20>, abgerufen am 17.05.2021.