Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Gottschall, Rudolph: Poetik. Die Dichtkunst und ihre Technik [v]om Standpunkte der Neuzeit. Breslau, 1858.

Bild:
<< vorherige Seite

pgo_077.001
gehn, Napoleon auf Sanct Helena sterben. Keinesfalls darf das historisch pgo_077.002
entscheidende
Factum verletzt werden! Nur der feine Tact des pgo_077.003
Dichters findet hier das Richtige heraus. Es ist z. B. historisch entscheidend, pgo_077.004
daß Egmont auf Alba's Befehl hingerichtet wurde; denn an pgo_077.005
diese Hinrichtung knüpft sich der Abfall der vereinigten Niederlande. Es pgo_077.006
ist dagegen gleichgültig, ob die Jungfrau von Orleans von den Engelländern pgo_077.007
verbrannt wird oder im Kampfe stirbt, denn das wesentliche pgo_077.008
Jnteresse dieser heroischen Gestalt knüpft sich an ihr Leben, nicht an die pgo_077.009
Art und Weise ihres Todes.

pgo_077.010
Was den Charakter der geschichtlichen Helden betrifft, so steht der pgo_077.011
Dichter hier zunächst auf gleichem Boden mit dem Historiker. Beide pgo_077.012
werden den Charakter aus seinen "Handlungen" zu entziffern suchen, nur pgo_077.013
daß der Historiker zu diesem Zwecke auch das kleinste überlieferte Detail pgo_077.014
benutzen wird, während der Dichter wiederum nur die "historisch entscheidenden pgo_077.015
Handlungen" in's Auge faßt! Die Auffassung des Dichters pgo_077.016
kann hier die des Historikers ergänzen, da jener tiefer in die Seele, in pgo_077.017
ihre innersten Motive greift. Hier hört oft die Ueberlieferung auf; es pgo_077.018
beginnt jenes geheimnißvolle dämonische Element, welches die Domaine pgo_077.019
des Dichters ist. Wallenstein's Abfall z. B. ist eine historische Thatsache, pgo_077.020
deren Acten noch nicht geschlossen sind. Der Dichter, den Hauptzügen pgo_077.021
der Geschichte getreu, interpretirt sie in seiner freien Weise und hebt daraus pgo_077.022
eine ideale Gestalt und einen idealen Conflict hervor. Vielleicht hat pgo_077.023
er dabei das innerlich Dämonische des großen Heerführers besser getroffen, pgo_077.024
als der Geschichtschreiber. Doch hat er diese Gestalt nur zum dramatischen pgo_077.025
Helden erwählt, weil er an ihre großen geschichtlichen pgo_077.026
Handlungen
seine dichterische Jdee knüpfen konnte! Darum verfährt pgo_077.027
er hier mit ganz anderer Treue, als im "Don Carlos" -- ein Held, von pgo_077.028
dem die Geschichte eben keine "historisch entscheidenden Handlungen" pgo_077.029
erzählt, und dessen Charakter daher für den Dichter ein viel reicherer pgo_077.030
Stoff zu beliebiger Modellirung in ästhetischem Jnteresse wird. Halten pgo_077.031
wir dies Hauptprincip fest, so ergiebt sich von selbst, daß die Helden der pgo_077.032
Specialgeschichte der dichterisch umschaffenden Phantasie einen bei weitem pgo_077.033
freieren Spielraum gönnen, als die Helden der Weltgeschichte. Der pgo_077.034
historische Roman wird sich, bei dem beschränkteren Rechte der Erfindung, pgo_077.035
das ihm überhaupt zusteht, kaum an die letzteren wagen dürfen, während

pgo_077.001
gehn, Napoleon auf Sanct Helena sterben. Keinesfalls darf das historisch pgo_077.002
entscheidende
Factum verletzt werden! Nur der feine Tact des pgo_077.003
Dichters findet hier das Richtige heraus. Es ist z. B. historisch entscheidend, pgo_077.004
daß Egmont auf Alba's Befehl hingerichtet wurde; denn an pgo_077.005
diese Hinrichtung knüpft sich der Abfall der vereinigten Niederlande. Es pgo_077.006
ist dagegen gleichgültig, ob die Jungfrau von Orleans von den Engelländern pgo_077.007
verbrannt wird oder im Kampfe stirbt, denn das wesentliche pgo_077.008
Jnteresse dieser heroischen Gestalt knüpft sich an ihr Leben, nicht an die pgo_077.009
Art und Weise ihres Todes.

pgo_077.010
Was den Charakter der geschichtlichen Helden betrifft, so steht der pgo_077.011
Dichter hier zunächst auf gleichem Boden mit dem Historiker. Beide pgo_077.012
werden den Charakter aus seinen „Handlungen“ zu entziffern suchen, nur pgo_077.013
daß der Historiker zu diesem Zwecke auch das kleinste überlieferte Detail pgo_077.014
benutzen wird, während der Dichter wiederum nur die „historisch entscheidenden pgo_077.015
Handlungen“ in's Auge faßt! Die Auffassung des Dichters pgo_077.016
kann hier die des Historikers ergänzen, da jener tiefer in die Seele, in pgo_077.017
ihre innersten Motive greift. Hier hört oft die Ueberlieferung auf; es pgo_077.018
beginnt jenes geheimnißvolle dämonische Element, welches die Domaine pgo_077.019
des Dichters ist. Wallenstein's Abfall z. B. ist eine historische Thatsache, pgo_077.020
deren Acten noch nicht geschlossen sind. Der Dichter, den Hauptzügen pgo_077.021
der Geschichte getreu, interpretirt sie in seiner freien Weise und hebt daraus pgo_077.022
eine ideale Gestalt und einen idealen Conflict hervor. Vielleicht hat pgo_077.023
er dabei das innerlich Dämonische des großen Heerführers besser getroffen, pgo_077.024
als der Geschichtschreiber. Doch hat er diese Gestalt nur zum dramatischen pgo_077.025
Helden erwählt, weil er an ihre großen geschichtlichen pgo_077.026
Handlungen
seine dichterische Jdee knüpfen konnte! Darum verfährt pgo_077.027
er hier mit ganz anderer Treue, als im „Don Carlos“ — ein Held, von pgo_077.028
dem die Geschichte eben keine „historisch entscheidenden Handlungen“ pgo_077.029
erzählt, und dessen Charakter daher für den Dichter ein viel reicherer pgo_077.030
Stoff zu beliebiger Modellirung in ästhetischem Jnteresse wird. Halten pgo_077.031
wir dies Hauptprincip fest, so ergiebt sich von selbst, daß die Helden der pgo_077.032
Specialgeschichte der dichterisch umschaffenden Phantasie einen bei weitem pgo_077.033
freieren Spielraum gönnen, als die Helden der Weltgeschichte. Der pgo_077.034
historische Roman wird sich, bei dem beschränkteren Rechte der Erfindung, pgo_077.035
das ihm überhaupt zusteht, kaum an die letzteren wagen dürfen, während

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <p><pb facs="#f0099" n="77"/><lb n="pgo_077.001"/>
gehn, Napoleon auf Sanct Helena sterben. Keinesfalls darf das <hi rendition="#g">historisch <lb n="pgo_077.002"/>
entscheidende</hi> Factum verletzt werden! Nur der feine Tact des <lb n="pgo_077.003"/>
Dichters findet hier das Richtige heraus. Es ist z. B. historisch entscheidend, <lb n="pgo_077.004"/>
daß <hi rendition="#g">Egmont</hi> auf Alba's Befehl hingerichtet wurde; denn an <lb n="pgo_077.005"/>
diese Hinrichtung knüpft sich der Abfall der vereinigten Niederlande. Es <lb n="pgo_077.006"/>
ist dagegen gleichgültig, ob die Jungfrau von Orleans von den Engelländern <lb n="pgo_077.007"/>
verbrannt wird oder im Kampfe stirbt, denn das wesentliche <lb n="pgo_077.008"/>
Jnteresse dieser heroischen Gestalt knüpft sich an ihr Leben, nicht an die <lb n="pgo_077.009"/>
Art und Weise ihres Todes.</p>
              <p><lb n="pgo_077.010"/>
Was den <hi rendition="#g">Charakter</hi> der geschichtlichen Helden betrifft, so steht der <lb n="pgo_077.011"/>
Dichter hier zunächst auf gleichem Boden mit dem Historiker. Beide <lb n="pgo_077.012"/>
werden den Charakter aus seinen &#x201E;Handlungen&#x201C; zu entziffern suchen, nur <lb n="pgo_077.013"/>
daß der Historiker zu diesem Zwecke auch das kleinste überlieferte Detail <lb n="pgo_077.014"/>
benutzen wird, während der Dichter wiederum nur die &#x201E;historisch entscheidenden <lb n="pgo_077.015"/>
Handlungen&#x201C; in's Auge faßt! Die Auffassung des Dichters <lb n="pgo_077.016"/>
kann hier die des Historikers ergänzen, da jener tiefer in die Seele, in <lb n="pgo_077.017"/>
ihre innersten Motive greift. Hier hört oft die Ueberlieferung auf; es <lb n="pgo_077.018"/>
beginnt jenes geheimnißvolle dämonische Element, welches die Domaine <lb n="pgo_077.019"/>
des Dichters ist. Wallenstein's Abfall z. B. ist eine historische Thatsache, <lb n="pgo_077.020"/>
deren Acten noch nicht geschlossen sind. Der Dichter, den Hauptzügen <lb n="pgo_077.021"/>
der Geschichte getreu, interpretirt sie in seiner freien Weise und hebt daraus <lb n="pgo_077.022"/>
eine ideale Gestalt und einen idealen Conflict hervor. Vielleicht hat <lb n="pgo_077.023"/>
er dabei das innerlich Dämonische des großen Heerführers besser getroffen, <lb n="pgo_077.024"/>
als der Geschichtschreiber. Doch hat er diese Gestalt nur zum dramatischen <lb n="pgo_077.025"/>
Helden erwählt, weil er an ihre <hi rendition="#g">großen geschichtlichen <lb n="pgo_077.026"/>
Handlungen</hi> seine dichterische Jdee knüpfen konnte! Darum verfährt <lb n="pgo_077.027"/>
er hier mit ganz anderer Treue, als im &#x201E;Don Carlos&#x201C; &#x2014; ein Held, von <lb n="pgo_077.028"/>
dem die Geschichte eben keine &#x201E;historisch entscheidenden Handlungen&#x201C; <lb n="pgo_077.029"/>
erzählt, und dessen Charakter daher für den Dichter ein viel reicherer <lb n="pgo_077.030"/>
Stoff zu beliebiger Modellirung in ästhetischem Jnteresse wird. Halten <lb n="pgo_077.031"/>
wir dies Hauptprincip fest, so ergiebt sich von selbst, daß die Helden der <lb n="pgo_077.032"/>
Specialgeschichte der dichterisch umschaffenden Phantasie einen bei weitem <lb n="pgo_077.033"/>
freieren Spielraum gönnen, als die Helden der Weltgeschichte. Der <lb n="pgo_077.034"/>
historische Roman wird sich, bei dem beschränkteren Rechte der Erfindung, <lb n="pgo_077.035"/>
das ihm überhaupt zusteht, kaum an die letzteren wagen dürfen, während
</p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[77/0099] pgo_077.001 gehn, Napoleon auf Sanct Helena sterben. Keinesfalls darf das historisch pgo_077.002 entscheidende Factum verletzt werden! Nur der feine Tact des pgo_077.003 Dichters findet hier das Richtige heraus. Es ist z. B. historisch entscheidend, pgo_077.004 daß Egmont auf Alba's Befehl hingerichtet wurde; denn an pgo_077.005 diese Hinrichtung knüpft sich der Abfall der vereinigten Niederlande. Es pgo_077.006 ist dagegen gleichgültig, ob die Jungfrau von Orleans von den Engelländern pgo_077.007 verbrannt wird oder im Kampfe stirbt, denn das wesentliche pgo_077.008 Jnteresse dieser heroischen Gestalt knüpft sich an ihr Leben, nicht an die pgo_077.009 Art und Weise ihres Todes. pgo_077.010 Was den Charakter der geschichtlichen Helden betrifft, so steht der pgo_077.011 Dichter hier zunächst auf gleichem Boden mit dem Historiker. Beide pgo_077.012 werden den Charakter aus seinen „Handlungen“ zu entziffern suchen, nur pgo_077.013 daß der Historiker zu diesem Zwecke auch das kleinste überlieferte Detail pgo_077.014 benutzen wird, während der Dichter wiederum nur die „historisch entscheidenden pgo_077.015 Handlungen“ in's Auge faßt! Die Auffassung des Dichters pgo_077.016 kann hier die des Historikers ergänzen, da jener tiefer in die Seele, in pgo_077.017 ihre innersten Motive greift. Hier hört oft die Ueberlieferung auf; es pgo_077.018 beginnt jenes geheimnißvolle dämonische Element, welches die Domaine pgo_077.019 des Dichters ist. Wallenstein's Abfall z. B. ist eine historische Thatsache, pgo_077.020 deren Acten noch nicht geschlossen sind. Der Dichter, den Hauptzügen pgo_077.021 der Geschichte getreu, interpretirt sie in seiner freien Weise und hebt daraus pgo_077.022 eine ideale Gestalt und einen idealen Conflict hervor. Vielleicht hat pgo_077.023 er dabei das innerlich Dämonische des großen Heerführers besser getroffen, pgo_077.024 als der Geschichtschreiber. Doch hat er diese Gestalt nur zum dramatischen pgo_077.025 Helden erwählt, weil er an ihre großen geschichtlichen pgo_077.026 Handlungen seine dichterische Jdee knüpfen konnte! Darum verfährt pgo_077.027 er hier mit ganz anderer Treue, als im „Don Carlos“ — ein Held, von pgo_077.028 dem die Geschichte eben keine „historisch entscheidenden Handlungen“ pgo_077.029 erzählt, und dessen Charakter daher für den Dichter ein viel reicherer pgo_077.030 Stoff zu beliebiger Modellirung in ästhetischem Jnteresse wird. Halten pgo_077.031 wir dies Hauptprincip fest, so ergiebt sich von selbst, daß die Helden der pgo_077.032 Specialgeschichte der dichterisch umschaffenden Phantasie einen bei weitem pgo_077.033 freieren Spielraum gönnen, als die Helden der Weltgeschichte. Der pgo_077.034 historische Roman wird sich, bei dem beschränkteren Rechte der Erfindung, pgo_077.035 das ihm überhaupt zusteht, kaum an die letzteren wagen dürfen, während

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Technische Universität Darmstadt, Universität Stuttgart: Bereitstellung der Scan-Digitalisate und der Texttranskription. (2015-09-30T09:54:39Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
TextGrid/DARIAH-DE: Langfristige Bereitstellung der TextGrid/DARIAH-DE-Repository-Ausgabe
Stefan Alscher: Bearbeitung der digitalen Edition - Annotation des Metaphernbegriffs
Hans-Werner Bartz: Bearbeitung der digitalen Edition - Tustep-Unterstützung
Michael Bender: Bearbeitung der digitalen Edition - Koordination, Konzeption (Korpusaufbau, Annotationsschema, Workflow, Publikationsformen), Annotation des Metaphernbegriffs, XML-Auszeichnung)
Leonie Blumenschein: Bearbeitung der digitalen Edition - XML-Auszeichnung
David Glück: Bearbeitung der digitalen Edition - Korpusaufbau, XML-Auszeichnung, Annotation des Metaphernbegriffs, XSL+JavaScript
Constanze Hahn: Bearbeitung der digitalen Edition - Korpusaufbau, XML-Auszeichnung
Philipp Hegel: Bearbeitung der digitalen Edition - XML/XSL/CSS-Unterstützung
Andrea Rapp: ePoetics-Projekt-Koordination
Sandra Richter: ePoetics-Projekt-Koordination

Weitere Informationen:

Bogensignaturen: keine Angabe; Druckfehler: keine Angabe; fremdsprachliches Material: gekennzeichnet; Geminations-/Abkürzungsstriche: wie Vorlage; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): wie Vorlage; i/j in Fraktur: wie Vorlage; I/J in Fraktur: wie Vorlage; Kolumnentitel: nicht übernommen; Kustoden: nicht übernommen; langes s (ſ): wie Vorlage; Normalisierungen: keine; rundes r (ꝛ): wie Vorlage; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: nicht übernommen; u/v bzw. U/V: wie Vorlage; Vokale mit übergest. e: wie Vorlage; Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: ja;




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/gottschall_poetik_1858
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/gottschall_poetik_1858/99
Zitationshilfe: Gottschall, Rudolph: Poetik. Die Dichtkunst und ihre Technik [v]om Standpunkte der Neuzeit. Breslau, 1858, S. 77. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gottschall_poetik_1858/99>, abgerufen am 13.07.2024.