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Gottschall, Rudolph: Poetik. Die Dichtkunst und ihre Technik [v]om Standpunkte der Neuzeit. Breslau, 1858.

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die Tragödie, welche mehr die leuchtenden Gipfel der Geschichte berührt pgo_078.002
und von ihren Helden alles Kammerdienermäßige fernhält, auch diese in pgo_078.003
den Kreis ihres dichterischen Schwunges ziehen kann. Jm Ganzen steht pgo_078.004
als Princip fest, daß der Dichter die geschichtlichen Thatsachen in keinem pgo_078.005
anderen, als im ästhetischen Jnteresse abändern darf und sie daher unversehrt pgo_078.006
bestehen lassen kann, wo sie die Harmonie seines Kunstwerkes nicht pgo_078.007
stören. Hat man dagegen in der neueren Zeit die Behauptung aufstellen pgo_078.008
hören: "der Dichter habe blos dem Weltgeiste nachzudichten, blos sein pgo_078.009
großes Gedicht, die Weltgeschichte, abzuschreiben," so ist dies nur das pgo_078.010
alte Princip "der Naturnachahmung," in eine neue Form gegossen.

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Jnwieweit die verschiedenen Epochen der Geschichte überhaupt der pgo_078.012
Dichtkunst Stoff gegeben und ihren Charakter bestimmt haben: das zu pgo_078.013
untersuchen ist von hohem ästhetischen Jnteresse, würde aber die Grenzen pgo_078.014
unserer Poetik überschreiten. Für die Gegenwart handelt es sich darum, pgo_078.015
welches Zeitalter dem modernen Dichter am günstigsten ist, eine Frage, pgo_078.016
deren Entscheidung selbstverständlich scheint, obgleich gerade über diesen pgo_078.017
Punkt die verkehrtesten Ansichten verbreitet sind. Unsere Dramatiker pgo_078.018
haben in neuester Zeit mit Vorliebe antike Stoffe gewählt, während die pgo_078.019
Lyriker, an die Gegenwart gewiesen, nur in erzählenden Gedichten, wie pgo_078.020
z. B. Geibel im "Tod des Tiberius," auf die alte Welt zurückkamen pgo_078.021
und kein Romanschriftsteller heutzutage in die Fußstapfen Wieland's pgo_078.022
treten und die Theilnahme der Lesewelt für einen Agathon und Aristipp pgo_078.023
in Anspruch nehmen möchte. Die biblisch-orientalische Mythe, Esther, pgo_078.024
Susanne, Judith, Herodes
u. s. f. hat durch ihren farbenprächtigen pgo_078.025
Hintergrund, durch ihren romanhaft spannenden Jnhalt und die pgo_078.026
kühnen Züge der Leidenschaft viel Verlockendes auch für den modernen pgo_078.027
Dramatiker, umsomehr, als die altbiblische Weltanschauung die Entfaltung pgo_078.028
eines freien menschlichen Pathos nicht hemmt und der unsrigen pgo_078.029
wenigstens nicht feindlich gegenübersteht. Auch sind die Bedingungen pgo_078.030
der Handlung in jener patriarchalischen Epoche einfach und für die großen pgo_078.031
Züge der Tragödie günstig. Dennoch haben sich die verschiedenen Tragödieen pgo_078.032
"Saul," "das Weib des Urias," "Herodes und pgo_078.033
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" "Daniel und Susanne," "die Makkabäer" und pgo_078.034
selbst "Judith" keines durchgreifenden Erfolges zu erfreuen gehabt, pgo_078.035
obgleich ihre Verfasser, Gutzkow, Beck, Meißner, Hebbel, Werther,

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Zitationshilfe: Gottschall, Rudolph: Poetik. Die Dichtkunst und ihre Technik [v]om Standpunkte der Neuzeit. Breslau, 1858, S. 78. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gottschall_poetik_1858/100>, abgerufen am 21.07.2024.