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Gottschall, Rudolph: Poetik. Die Dichtkunst und ihre Technik [v]om Standpunkte der Neuzeit. Breslau, 1858.

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ablenkt, als auch einen größeren Raum für ihre selbstständige Entfaltung pgo_153.002
in Anspruch nimmt: so ist gerade hier dem Dichter die größte Sparsamkeit pgo_153.003
in Bezug auf ihre Anwendung anzurathen, indem eine Häufung so pgo_153.004
ausgeführter Vergleichungen das Epos schleppend machen und das pgo_153.005
Jnteresse des Lesers verwirren würde. Jn dieser künstlerischen Oekonomie pgo_153.006
ist Goethe im "Hermann und Dorothea" mit preiswürdigem Beispiele pgo_153.007
vorangegangen.

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Jm Gegensatz hierzu finden sich Vergleichungen mehr lyrischer Art pgo_153.009
gehäuft bei den orientalischen und spanischen Dichtern bis zu verwirrender pgo_153.010
und blendender Pracht. Die reiche Phantasie erfreut sich an ihrem pgo_153.011
eigenen kaleidoskopischen Spiel und triumphirt, indem sie einen Stein pgo_153.012
nach dem andern an ihren blitzenden Schmuck reiht und dabei alle pgo_153.013
erdenklichen Kombinationen durchläuft. Hierzu kommt, daß die orientalische pgo_153.014
Weltanschauung, in gährender Natursymbolik befangen, das Subject pgo_153.015
durch eine Fülle von Prädikaten der Erkenntniß näher zu bringen pgo_153.016
sucht und eine Menge von Vergleichungen wie Kerzen vor dem einen pgo_153.017
Bilde ansteckt, die indeß mehr blenden als erleuchten. Man vergleiche pgo_153.018
nur den "Firdusi," das "Hohe Lied" und selbst die Dramen Calderon's. pgo_153.019
Wenngleich die hebräische Poesie im Ganzen in ihren Vergleichungen pgo_153.020
kürzer und schlagender ist, als das griechische und römische Epos: so finden pgo_153.021
sich doch auch in ihr Stellen, in denen das vergleichende Bild Nebenbestimmungen pgo_153.022
ausführt, die durchaus selbstständig sind und nicht dazu pgo_153.023
dienen, die Aehnlichkeit mit dem verglichenen Bilde zu vervollständigen. pgo_153.024
So wenn es im Hohen Liede heißt: "Dein Haus ist wie der Thurm pgo_153.025
David's mit Brustwehr gebaut, daran tausend Schilde hangen und pgo_153.026
allerlei Waffen der Starken. Deine zwo Brüste sind zwo junge Rehzwillinge, pgo_153.027
die unter Rosen weiden, bis der Tag kühle werde und die pgo_153.028
Schatten weichen."

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Wenn die epische Vergleichung die Anschaulichkeit erhöht: so sucht pgo_153.030
die lyrische mehr auf die Stimmung zu wirken. Sie erreicht dies, indem pgo_153.031
das tertium comparationis bei ihr mehr innerlicher, als äußerlicher pgo_153.032
Art ist, mehr der Empfindung, als der Anschauung einleuchtend. Am pgo_153.033
vortrefflichsten sind Vergleichungen, in denen sich Beides vereinigt:

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ablenkt, als auch einen größeren Raum für ihre selbstständige Entfaltung pgo_153.002
in Anspruch nimmt: so ist gerade hier dem Dichter die größte Sparsamkeit pgo_153.003
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ist Goethe im „Hermann und Dorothea“ mit preiswürdigem Beispiele pgo_153.007
vorangegangen.

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Jm Gegensatz hierzu finden sich Vergleichungen mehr lyrischer Art pgo_153.009
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und blendender Pracht. Die reiche Phantasie erfreut sich an ihrem pgo_153.011
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durch eine Fülle von Prädikaten der Erkenntniß näher zu bringen pgo_153.016
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sich doch auch in ihr Stellen, in denen das vergleichende Bild Nebenbestimmungen pgo_153.022
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David's mit Brustwehr gebaut, daran tausend Schilde hangen und pgo_153.026
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die unter Rosen weiden, bis der Tag kühle werde und die pgo_153.028
Schatten weichen.“

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Wenn die epische Vergleichung die Anschaulichkeit erhöht: so sucht pgo_153.030
die lyrische mehr auf die Stimmung zu wirken. Sie erreicht dies, indem pgo_153.031
das tertium comparationis bei ihr mehr innerlicher, als äußerlicher pgo_153.032
Art ist, mehr der Empfindung, als der Anschauung einleuchtend. Am pgo_153.033
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Zitationshilfe: Gottschall, Rudolph: Poetik. Die Dichtkunst und ihre Technik [v]om Standpunkte der Neuzeit. Breslau, 1858, S. 153. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gottschall_poetik_1858/175>, abgerufen am 13.07.2024.