Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Gehler, Johann Samuel Traugott: Physikalisches Wörterbuch, oder, Versuch einer Erklärung der vornehmsten Begriffe und Kunstwörter der Naturlehre. Bd. 5. Leipzig, 1799.

Bild:
<< vorherige Seite


sowohl auf Läugnung des Brennstoffs, Annahme der Wasserzerlegung, u. dgl. einzelne Sätze, als vielmehr auf eine ganz neue und umgekehrte Anordnung in Zusammensetzung und Zerlegung der Stoffe an, nach welcher die zusammengesetzten Körper des alten Systems hier als einfach, und mehrere sonst einfach angenommene hier als zusammengesetzt betrachtet werden. Dadurch wird das Zerlegung, was man sich sonst als Zusammensetzung dachte; und umgekehrt findet man da Vermehrung oder Hinzukommen eines neuen Stoffs, wo im alten System die Idee von Verminderung oder Entfernung eines Bestandtheils herrschte. Diese Vertauschung der Vorstellungsart hebt nun auf einmal eine Menge Schwierigkeiten. Das alte System hielt Verbrennung und Verkalkung für Verlust des Phlogistons, und dennoch sahe man bey diesem Verluste den Rückstand am Gewichte zunehmen. Dies zu erklären, ersann man allerley; im Grunde mußte sich doch Jeder selbst gestehen, daß es nichts, als Künsteley und Flickwerk, war. Der Antiphlogistiker denkt sich beym Verbrennen und Verkalken ein Hinzukommen des Sauerstoffs; hier ist die Gewichtszunahme natürlich, und es wird durch Rechnung belegt, daß sie genau so viel betrage, als der hinzugekommene Sauerstoff selbst wog. Noch mehr, der Rückstand ist wirklich sauer. Ferner geschah nach dem alten System die Phlogistisirung der Luft durch Hinzukommen des Phlogistons; dennoch sahe man die Luft dabey an Gewicht und Volumen zugleich abnehmen. Wie viel natürlicher ist nicht die Vorstellung der neuern Chemie, die das ganze Phänomen als Zersetzung des Sauerstoffgas, und Entziehung des Oxygens betrachtet, wobey der unzersetzte Theil, das Stickgas, nicht erst erzeugt wird, sondern blos ausgeschieden zurückbleibt; der Wärmestoff, der hiebey frey wird, erklärt ganz ungesucht die Erhitzung, die solche Processe begleitet. Eben so ist es mit mehrern, ja, ich sage nicht zu viel, mit den meisten Erklärungen.

Damit will ich jedoch keinesweges behaupten, daß diese bequemen Vorstellungen, diese leichten Erklärungen in der That die wahren sind, und den wirklichen Gang der Natur ausdrücken. Das ganze Gebäude ist und bleibt vielmehr hypothetisch,


ſowohl auf Laͤugnung des Brennſtoffs, Annahme der Waſſerzerlegung, u. dgl. einzelne Saͤtze, als vielmehr auf eine ganz neue und umgekehrte Anordnung in Zuſammenſetzung und Zerlegung der Stoffe an, nach welcher die zuſammengeſetzten Koͤrper des alten Syſtems hier als einfach, und mehrere ſonſt einfach angenommene hier als zuſammengeſetzt betrachtet werden. Dadurch wird das Zerlegung, was man ſich ſonſt als Zuſammenſetzung dachte; und umgekehrt findet man da Vermehrung oder Hinzukommen eines neuen Stoffs, wo im alten Syſtem die Idee von Verminderung oder Entfernung eines Beſtandtheils herrſchte. Dieſe Vertauſchung der Vorſtellungsart hebt nun auf einmal eine Menge Schwierigkeiten. Das alte Syſtem hielt Verbrennung und Verkalkung fuͤr Verluſt des Phlogiſtons, und dennoch ſahe man bey dieſem Verluſte den Ruͤckſtand am Gewichte zunehmen. Dies zu erklaͤren, erſann man allerley; im Grunde mußte ſich doch Jeder ſelbſt geſtehen, daß es nichts, als Kuͤnſteley und Flickwerk, war. Der Antiphlogiſtiker denkt ſich beym Verbrennen und Verkalken ein Hinzukommen des Sauerſtoffs; hier iſt die Gewichtszunahme natuͤrlich, und es wird durch Rechnung belegt, daß ſie genau ſo viel betrage, als der hinzugekommene Sauerſtoff ſelbſt wog. Noch mehr, der Ruͤckſtand iſt wirklich ſauer. Ferner geſchah nach dem alten Syſtem die Phlogiſtiſirung der Luft durch Hinzukommen des Phlogiſtons; dennoch ſahe man die Luft dabey an Gewicht und Volumen zugleich abnehmen. Wie viel natuͤrlicher iſt nicht die Vorſtellung der neuern Chemie, die das ganze Phaͤnomen als Zerſetzung des Sauerſtoffgas, und Entziehung des Oxygens betrachtet, wobey der unzerſetzte Theil, das Stickgas, nicht erſt erzeugt wird, ſondern blos ausgeſchieden zuruͤckbleibt; der Waͤrmeſtoff, der hiebey frey wird, erklaͤrt ganz ungeſucht die Erhitzung, die ſolche Proceſſe begleitet. Eben ſo iſt es mit mehrern, ja, ich ſage nicht zu viel, mit den meiſten Erklaͤrungen.

Damit will ich jedoch keinesweges behaupten, daß dieſe bequemen Vorſtellungen, dieſe leichten Erklaͤrungen in der That die wahren ſind, und den wirklichen Gang der Natur ausdruͤcken. Das ganze Gebaͤude iſt und bleibt vielmehr hypothetiſch,

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="2">
              <p><pb facs="#f0048" xml:id="P.5.36" n="36"/><lb/>
&#x017F;owohl auf La&#x0364;ugnung des Brenn&#x017F;toffs, Annahme der Wa&#x017F;&#x017F;erzerlegung, u. dgl. einzelne Sa&#x0364;tze, als vielmehr auf eine ganz neue und umgekehrte Anordnung in Zu&#x017F;ammen&#x017F;etzung und Zerlegung der Stoffe an, nach welcher die zu&#x017F;ammenge&#x017F;etzten Ko&#x0364;rper des alten Sy&#x017F;tems hier als einfach, und mehrere &#x017F;on&#x017F;t einfach angenommene hier als zu&#x017F;ammenge&#x017F;etzt betrachtet werden. Dadurch wird das Zerlegung, was man &#x017F;ich &#x017F;on&#x017F;t als Zu&#x017F;ammen&#x017F;etzung dachte; und umgekehrt findet man da Vermehrung oder Hinzukommen eines neuen Stoffs, wo im alten Sy&#x017F;tem die Idee von Verminderung oder Entfernung eines Be&#x017F;tandtheils herr&#x017F;chte. Die&#x017F;e Vertau&#x017F;chung der Vor&#x017F;tellungsart hebt nun auf einmal eine Menge Schwierigkeiten. Das alte Sy&#x017F;tem hielt Verbrennung und Verkalkung fu&#x0364;r Verlu&#x017F;t des Phlogi&#x017F;tons, und dennoch &#x017F;ahe man bey die&#x017F;em Verlu&#x017F;te den Ru&#x0364;ck&#x017F;tand am Gewichte <hi rendition="#b">zunehmen.</hi> Dies zu erkla&#x0364;ren, er&#x017F;ann man allerley; im Grunde mußte &#x017F;ich doch Jeder &#x017F;elb&#x017F;t ge&#x017F;tehen, daß es nichts, als Ku&#x0364;n&#x017F;teley und Flickwerk, war. Der Antiphlogi&#x017F;tiker denkt &#x017F;ich beym Verbrennen und Verkalken ein Hinzukommen des Sauer&#x017F;toffs; hier i&#x017F;t die Gewichtszunahme natu&#x0364;rlich, und es wird durch Rechnung belegt, daß &#x017F;ie genau &#x017F;o viel betrage, als der hinzugekommene Sauer&#x017F;toff &#x017F;elb&#x017F;t wog. Noch mehr, der Ru&#x0364;ck&#x017F;tand i&#x017F;t wirklich &#x017F;auer. Ferner ge&#x017F;chah nach dem alten Sy&#x017F;tem die Phlogi&#x017F;ti&#x017F;irung der Luft durch Hinzukommen des Phlogi&#x017F;tons; dennoch &#x017F;ahe man die Luft dabey an Gewicht und Volumen zugleich <hi rendition="#b">abnehmen.</hi> Wie viel natu&#x0364;rlicher i&#x017F;t nicht die Vor&#x017F;tellung der neuern Chemie, die das ganze Pha&#x0364;nomen als Zer&#x017F;etzung des Sauer&#x017F;toffgas, und Entziehung des Oxygens betrachtet, wobey der unzer&#x017F;etzte Theil, das Stickgas, nicht er&#x017F;t erzeugt wird, &#x017F;ondern blos ausge&#x017F;chieden zuru&#x0364;ckbleibt; der Wa&#x0364;rme&#x017F;toff, der hiebey frey wird, erkla&#x0364;rt ganz unge&#x017F;ucht die Erhitzung, die &#x017F;olche Proce&#x017F;&#x017F;e begleitet. Eben &#x017F;o i&#x017F;t es mit mehrern, ja, ich &#x017F;age nicht zu viel, mit den mei&#x017F;ten Erkla&#x0364;rungen.</p>
              <p>Damit will ich jedoch keinesweges behaupten, daß die&#x017F;e bequemen Vor&#x017F;tellungen, die&#x017F;e leichten Erkla&#x0364;rungen in der That die wahren &#x017F;ind, und den wirklichen Gang der Natur ausdru&#x0364;cken. Das ganze Geba&#x0364;ude i&#x017F;t und bleibt vielmehr hypotheti&#x017F;ch,<lb/></p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[36/0048] ſowohl auf Laͤugnung des Brennſtoffs, Annahme der Waſſerzerlegung, u. dgl. einzelne Saͤtze, als vielmehr auf eine ganz neue und umgekehrte Anordnung in Zuſammenſetzung und Zerlegung der Stoffe an, nach welcher die zuſammengeſetzten Koͤrper des alten Syſtems hier als einfach, und mehrere ſonſt einfach angenommene hier als zuſammengeſetzt betrachtet werden. Dadurch wird das Zerlegung, was man ſich ſonſt als Zuſammenſetzung dachte; und umgekehrt findet man da Vermehrung oder Hinzukommen eines neuen Stoffs, wo im alten Syſtem die Idee von Verminderung oder Entfernung eines Beſtandtheils herrſchte. Dieſe Vertauſchung der Vorſtellungsart hebt nun auf einmal eine Menge Schwierigkeiten. Das alte Syſtem hielt Verbrennung und Verkalkung fuͤr Verluſt des Phlogiſtons, und dennoch ſahe man bey dieſem Verluſte den Ruͤckſtand am Gewichte zunehmen. Dies zu erklaͤren, erſann man allerley; im Grunde mußte ſich doch Jeder ſelbſt geſtehen, daß es nichts, als Kuͤnſteley und Flickwerk, war. Der Antiphlogiſtiker denkt ſich beym Verbrennen und Verkalken ein Hinzukommen des Sauerſtoffs; hier iſt die Gewichtszunahme natuͤrlich, und es wird durch Rechnung belegt, daß ſie genau ſo viel betrage, als der hinzugekommene Sauerſtoff ſelbſt wog. Noch mehr, der Ruͤckſtand iſt wirklich ſauer. Ferner geſchah nach dem alten Syſtem die Phlogiſtiſirung der Luft durch Hinzukommen des Phlogiſtons; dennoch ſahe man die Luft dabey an Gewicht und Volumen zugleich abnehmen. Wie viel natuͤrlicher iſt nicht die Vorſtellung der neuern Chemie, die das ganze Phaͤnomen als Zerſetzung des Sauerſtoffgas, und Entziehung des Oxygens betrachtet, wobey der unzerſetzte Theil, das Stickgas, nicht erſt erzeugt wird, ſondern blos ausgeſchieden zuruͤckbleibt; der Waͤrmeſtoff, der hiebey frey wird, erklaͤrt ganz ungeſucht die Erhitzung, die ſolche Proceſſe begleitet. Eben ſo iſt es mit mehrern, ja, ich ſage nicht zu viel, mit den meiſten Erklaͤrungen. Damit will ich jedoch keinesweges behaupten, daß dieſe bequemen Vorſtellungen, dieſe leichten Erklaͤrungen in der That die wahren ſind, und den wirklichen Gang der Natur ausdruͤcken. Das ganze Gebaͤude iſt und bleibt vielmehr hypothetiſch,

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Bibliothek des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte : Bereitstellung der Texttranskription. (2015-09-02T12:13:09Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2015-09-02T12:13:09Z)

Weitere Informationen:

Bogensignaturen: keine Angabe; Druckfehler: keine Angabe; fremdsprachliches Material: keine Angabe; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): keine Angabe; i/j in Fraktur: wie Vorlage; I/J in Fraktur: wie Vorlage; Kolumnentitel: keine Angabe; Kustoden: keine Angabe; langes s (ſ): wie Vorlage; Normalisierungen: keine Angabe; rundes r (&#xa75b;): keine Angabe; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: aufgelöst; u/v bzw. U/V: wie Vorlage; Vokale mit übergest. e: wie Vorlage; Vollständigkeit: keine Angabe; Zeichensetzung: keine Angabe; Zeilenumbrüche markiert: nein;




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/gehler_woerterbuch05_1799
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/gehler_woerterbuch05_1799/48
Zitationshilfe: Gehler, Johann Samuel Traugott: Physikalisches Wörterbuch, oder, Versuch einer Erklärung der vornehmsten Begriffe und Kunstwörter der Naturlehre. Bd. 5. Leipzig, 1799, S. 36. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gehler_woerterbuch05_1799/48>, abgerufen am 03.03.2024.