Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Gehler, Johann Samuel Traugott: Physikalisches Wörterbuch, oder, Versuch einer Erklärung der vornehmsten Begriffe und Kunstwörter der Naturlehre. Bd. 5. Leipzig, 1799.

Bild:
<< vorherige Seite


Wenn man zwey platte reine Glasstreifen unter einem spitzigen Winkel über einander setzt, und einen Tropfen dünnes Oel, Wasser oder Weingeist so dazwischen bringt, daß der Tropfen beyde Glasplatten berührt, so wird er sich mit beschleunigter Geschwindigkeit nach der Spitze des Winkels hin bewegen. Nemlich das Anhängen ändert die Gestalt des Tropfens, und bringt Bewegung gegen beyde Glasflächen hervor, woraus eine zusammengesetzte Bewegung nach der Spitze des Winkels entsteht.

Wenn aus der Mündung einer engen Röhre, die etwa eine halbe Linie im Durchmesser hat, ein Wasserstral senkrecht hervorspringt, und es wird derselbe zur Seite mit einem cylindrischen Körper berührt, an den das Wasser anhängt, so wird sich der Stral um den cylindrischen Körper herum bewegen und herabfallen. Aus einer senkrechten Röhre, die nicht sehr weit und deren Mündung schief abgeschnitten ist, springt das Wasser nicht in senkrechter, sondern in einer geneigten Richtung hervor. Diese Erscheinungen aber zeigen sich nicht, wenn die Mündung der Röhre sehr weit ist, oder wenn die hervorspringende Flüßigkeit unter sich stärker zusammenhängt, als sie an der Materie des Cylinders oder der Röhre anhängt (Hamberger elem. phys. §. 168.).

Gren Grundriß der Naturl. 1793. §. 134. 137. 147. 152.

Aeolusharfe.

N A.

Aeolusharfe, Windharfe. Diese Namen giebt man einem Saiteninstrumente, das dem Winde ausgesetzt für sich zu tönen anfängt. Kircher, der (Phonurgia, p. 148.) davon handelt, wird insgemein für den Erfinder angegeben. Ein Saitenspiel, das vom Winde gerührt, harmonische Töne verbreitet, wie Orpheus-Harfe bey Spenser (Ruins of time), ist ein reizendes Bild für die Phantasie; inzwischen hatte man seit Kirchers Zeit dieses Ideal wenig oder gar nicht ausgeführt, bis es neuerlich in England wieder erweckt worden ist. Hievon giebt Herr Lichtenberg aus William Jones (Physiological disquisitions or discourses on the natural philosophy of the elements. Lond. 1781. 4.) folg. Nachricht.


Wenn man zwey platte reine Glasſtreifen unter einem ſpitzigen Winkel uͤber einander ſetzt, und einen Tropfen duͤnnes Oel, Waſſer oder Weingeiſt ſo dazwiſchen bringt, daß der Tropfen beyde Glasplatten beruͤhrt, ſo wird er ſich mit beſchleunigter Geſchwindigkeit nach der Spitze des Winkels hin bewegen. Nemlich das Anhaͤngen aͤndert die Geſtalt des Tropfens, und bringt Bewegung gegen beyde Glasflaͤchen hervor, woraus eine zuſammengeſetzte Bewegung nach der Spitze des Winkels entſteht.

Wenn aus der Muͤndung einer engen Roͤhre, die etwa eine halbe Linie im Durchmeſſer hat, ein Waſſerſtral ſenkrecht hervorſpringt, und es wird derſelbe zur Seite mit einem cylindriſchen Koͤrper beruͤhrt, an den das Waſſer anhaͤngt, ſo wird ſich der Stral um den cylindriſchen Koͤrper herum bewegen und herabfallen. Aus einer ſenkrechten Roͤhre, die nicht ſehr weit und deren Muͤndung ſchief abgeſchnitten iſt, ſpringt das Waſſer nicht in ſenkrechter, ſondern in einer geneigten Richtung hervor. Dieſe Erſcheinungen aber zeigen ſich nicht, wenn die Muͤndung der Roͤhre ſehr weit iſt, oder wenn die hervorſpringende Fluͤßigkeit unter ſich ſtaͤrker zuſammenhaͤngt, als ſie an der Materie des Cylinders oder der Roͤhre anhaͤngt (Hamberger elem. phyſ. §. 168.).

Gren Grundriß der Naturl. 1793. §. 134. 137. 147. 152.

Aeolusharfe.

N A.

Aeolusharfe, Windharfe. Dieſe Namen giebt man einem Saiteninſtrumente, das dem Winde ausgeſetzt fuͤr ſich zu toͤnen anfaͤngt. Kircher, der (Phonurgia, p. 148.) davon handelt, wird insgemein fuͤr den Erfinder angegeben. Ein Saitenſpiel, das vom Winde geruͤhrt, harmoniſche Toͤne verbreitet, wie Orpheus-Harfe bey Spenſer (Ruins of time), iſt ein reizendes Bild fuͤr die Phantaſie; inzwiſchen hatte man ſeit Kirchers Zeit dieſes Ideal wenig oder gar nicht ausgefuͤhrt, bis es neuerlich in England wieder erweckt worden iſt. Hievon giebt Herr Lichtenberg aus William Jones (Phyſiological disquiſitions or discourſes on the natural philoſophy of the elements. Lond. 1781. 4.) folg. Nachricht.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="2">
              <p>
                <pb facs="#f0024" xml:id="P.5.12" n="12"/><lb/>
              </p>
              <p>Wenn man zwey platte reine Glas&#x017F;treifen unter einem &#x017F;pitzigen Winkel u&#x0364;ber einander &#x017F;etzt, und einen Tropfen du&#x0364;nnes Oel, Wa&#x017F;&#x017F;er oder Weingei&#x017F;t &#x017F;o dazwi&#x017F;chen bringt, daß der Tropfen beyde Glasplatten beru&#x0364;hrt, &#x017F;o wird er &#x017F;ich mit be&#x017F;chleunigter Ge&#x017F;chwindigkeit nach der Spitze des Winkels hin bewegen. Nemlich das Anha&#x0364;ngen a&#x0364;ndert die Ge&#x017F;talt des Tropfens, und bringt Bewegung gegen beyde Glasfla&#x0364;chen hervor, woraus eine zu&#x017F;ammenge&#x017F;etzte Bewegung nach der Spitze des Winkels ent&#x017F;teht.</p>
              <p>Wenn aus der Mu&#x0364;ndung einer engen Ro&#x0364;hre, die etwa eine halbe Linie im Durchme&#x017F;&#x017F;er hat, ein Wa&#x017F;&#x017F;er&#x017F;tral &#x017F;enkrecht hervor&#x017F;pringt, und es wird der&#x017F;elbe zur Seite mit einem cylindri&#x017F;chen Ko&#x0364;rper beru&#x0364;hrt, an den das Wa&#x017F;&#x017F;er anha&#x0364;ngt, &#x017F;o wird &#x017F;ich der Stral um den cylindri&#x017F;chen Ko&#x0364;rper herum bewegen und herabfallen. Aus einer &#x017F;enkrechten Ro&#x0364;hre, die nicht &#x017F;ehr weit und deren Mu&#x0364;ndung &#x017F;chief abge&#x017F;chnitten i&#x017F;t, &#x017F;pringt das Wa&#x017F;&#x017F;er nicht in &#x017F;enkrechter, &#x017F;ondern in einer geneigten Richtung hervor. Die&#x017F;e Er&#x017F;cheinungen aber zeigen &#x017F;ich nicht, wenn die Mu&#x0364;ndung der Ro&#x0364;hre &#x017F;ehr weit i&#x017F;t, oder wenn die hervor&#x017F;pringende Flu&#x0364;ßigkeit unter &#x017F;ich &#x017F;ta&#x0364;rker zu&#x017F;ammenha&#x0364;ngt, als &#x017F;ie an der Materie des Cylinders oder der Ro&#x0364;hre anha&#x0364;ngt <hi rendition="#aq">(<hi rendition="#i">Hamberger</hi> elem. phy&#x017F;. §. 168.).</hi></p>
              <p><hi rendition="#b">Gren</hi> Grundriß der Naturl. 1793. §. 134. 137. 147. 152.</p>
            </div>
            <div n="2">
              <head>Aeolusharfe.</head><lb/>
              <p> <hi rendition="#c">N A.</hi> </p>
              <p><hi rendition="#b">Aeolusharfe, Windharfe.</hi> Die&#x017F;e Namen giebt man einem Saitenin&#x017F;trumente, das dem Winde ausge&#x017F;etzt fu&#x0364;r &#x017F;ich zu to&#x0364;nen anfa&#x0364;ngt. <hi rendition="#b">Kircher,</hi> der <hi rendition="#aq">(Phonurgia, p. 148.)</hi> davon handelt, wird insgemein fu&#x0364;r den Erfinder angegeben. Ein Saiten&#x017F;piel, das vom Winde geru&#x0364;hrt, harmoni&#x017F;che To&#x0364;ne verbreitet, wie Orpheus-Harfe bey <hi rendition="#b">Spen&#x017F;er</hi> <hi rendition="#aq">(Ruins of time),</hi> i&#x017F;t ein reizendes Bild fu&#x0364;r die Phanta&#x017F;ie; inzwi&#x017F;chen hatte man &#x017F;eit Kirchers Zeit die&#x017F;es Ideal wenig oder gar nicht ausgefu&#x0364;hrt, bis es neuerlich in England wieder erweckt worden i&#x017F;t. Hievon giebt Herr <hi rendition="#b">Lichtenberg</hi> aus <hi rendition="#b">William Jones</hi> <hi rendition="#aq">(Phy&#x017F;iological disqui&#x017F;itions or discour&#x017F;es on the natural philo&#x017F;ophy of the elements. Lond. 1781. 4.)</hi> folg. Nachricht.<lb/></p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[12/0024] Wenn man zwey platte reine Glasſtreifen unter einem ſpitzigen Winkel uͤber einander ſetzt, und einen Tropfen duͤnnes Oel, Waſſer oder Weingeiſt ſo dazwiſchen bringt, daß der Tropfen beyde Glasplatten beruͤhrt, ſo wird er ſich mit beſchleunigter Geſchwindigkeit nach der Spitze des Winkels hin bewegen. Nemlich das Anhaͤngen aͤndert die Geſtalt des Tropfens, und bringt Bewegung gegen beyde Glasflaͤchen hervor, woraus eine zuſammengeſetzte Bewegung nach der Spitze des Winkels entſteht. Wenn aus der Muͤndung einer engen Roͤhre, die etwa eine halbe Linie im Durchmeſſer hat, ein Waſſerſtral ſenkrecht hervorſpringt, und es wird derſelbe zur Seite mit einem cylindriſchen Koͤrper beruͤhrt, an den das Waſſer anhaͤngt, ſo wird ſich der Stral um den cylindriſchen Koͤrper herum bewegen und herabfallen. Aus einer ſenkrechten Roͤhre, die nicht ſehr weit und deren Muͤndung ſchief abgeſchnitten iſt, ſpringt das Waſſer nicht in ſenkrechter, ſondern in einer geneigten Richtung hervor. Dieſe Erſcheinungen aber zeigen ſich nicht, wenn die Muͤndung der Roͤhre ſehr weit iſt, oder wenn die hervorſpringende Fluͤßigkeit unter ſich ſtaͤrker zuſammenhaͤngt, als ſie an der Materie des Cylinders oder der Roͤhre anhaͤngt (Hamberger elem. phyſ. §. 168.). Gren Grundriß der Naturl. 1793. §. 134. 137. 147. 152. Aeolusharfe. N A. Aeolusharfe, Windharfe. Dieſe Namen giebt man einem Saiteninſtrumente, das dem Winde ausgeſetzt fuͤr ſich zu toͤnen anfaͤngt. Kircher, der (Phonurgia, p. 148.) davon handelt, wird insgemein fuͤr den Erfinder angegeben. Ein Saitenſpiel, das vom Winde geruͤhrt, harmoniſche Toͤne verbreitet, wie Orpheus-Harfe bey Spenſer (Ruins of time), iſt ein reizendes Bild fuͤr die Phantaſie; inzwiſchen hatte man ſeit Kirchers Zeit dieſes Ideal wenig oder gar nicht ausgefuͤhrt, bis es neuerlich in England wieder erweckt worden iſt. Hievon giebt Herr Lichtenberg aus William Jones (Phyſiological disquiſitions or discourſes on the natural philoſophy of the elements. Lond. 1781. 4.) folg. Nachricht.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Bibliothek des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte : Bereitstellung der Texttranskription. (2015-09-02T12:13:09Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2015-09-02T12:13:09Z)

Weitere Informationen:

Bogensignaturen: keine Angabe; Druckfehler: keine Angabe; fremdsprachliches Material: keine Angabe; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): keine Angabe; i/j in Fraktur: wie Vorlage; I/J in Fraktur: wie Vorlage; Kolumnentitel: keine Angabe; Kustoden: keine Angabe; langes s (ſ): wie Vorlage; Normalisierungen: keine Angabe; rundes r (&#xa75b;): keine Angabe; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: aufgelöst; u/v bzw. U/V: wie Vorlage; Vokale mit übergest. e: wie Vorlage; Vollständigkeit: keine Angabe; Zeichensetzung: keine Angabe; Zeilenumbrüche markiert: nein;




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/gehler_woerterbuch05_1799
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/gehler_woerterbuch05_1799/24
Zitationshilfe: Gehler, Johann Samuel Traugott: Physikalisches Wörterbuch, oder, Versuch einer Erklärung der vornehmsten Begriffe und Kunstwörter der Naturlehre. Bd. 5. Leipzig, 1799, S. 12. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gehler_woerterbuch05_1799/24>, abgerufen am 01.03.2024.