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François, Louise von: Die letzte Reckenburgerin. Bd. 2. Berlin, 1871.

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Um drohenden, weiterführenden Auslassungen wenigstens
den Zeugen zu ersparen, bat ich den Prediger, mit
dem Doctor Rücksprache zu nehmen und falls er die
Verpflegung des Kranken im Wirthshause nicht genügend
fände, seine Uebersiedelung nach dem Schlosse anzuordnen.

Sobald ich mit dem Grafen allein war, sagte
ich: "Wollen Sie mir, Graf, die bitteren Früchte
nicht etwas näher bezeichnen, die mir, nach Ihrem
Dafürhalten, aus der Verpflegung eines Fremden er¬
wachsen sollen?" --

"Ja, aber welches Fremden!" rief der Graf,
achselzuckend. "Nach seiner öffentlichen Anklage und
dem Zugeständniß, welches Sie eben gemacht -- --"

"Sie meinen das Zugeständniß, ein verwaistes
Kind in einer Anstalt untergebracht zu haben?" --
fragte ich.

"Haben Sie ein Zeugniß über den Ursprung
dieses Kindes aufzuweisen?" fragte der Graf dagegen.

"Ich denke mein Wort genügt," -- entgegnete ich,
indem ich den Taufschein, den ich noch in der Hand
hielt, zerknitterte.

"So sprechen Sie dieses Wort. Nennen Sie den
Namen der Eltern, der in dem Anstaltszeugniß so
geflissentlich verschwiegen scheint."

Um drohenden, weiterführenden Auslaſſungen wenigſtens
den Zeugen zu erſparen, bat ich den Prediger, mit
dem Doctor Rückſprache zu nehmen und falls er die
Verpflegung des Kranken im Wirthshauſe nicht genügend
fände, ſeine Ueberſiedelung nach dem Schloſſe anzuordnen.

Sobald ich mit dem Grafen allein war, ſagte
ich: „Wollen Sie mir, Graf, die bitteren Früchte
nicht etwas näher bezeichnen, die mir, nach Ihrem
Dafürhalten, aus der Verpflegung eines Fremden er¬
wachſen ſollen?“ —

„Ja, aber welches Fremden!“ rief der Graf,
achſelzuckend. „Nach ſeiner öffentlichen Anklage und
dem Zugeſtändniß, welches Sie eben gemacht — —“

„Sie meinen das Zugeſtändniß, ein verwaiſtes
Kind in einer Anſtalt untergebracht zu haben?“ —
fragte ich.

„Haben Sie ein Zeugniß über den Urſprung
dieſes Kindes aufzuweiſen?“ fragte der Graf dagegen.

„Ich denke mein Wort genügt,“ — entgegnete ich,
indem ich den Taufſchein, den ich noch in der Hand
hielt, zerknitterte.

„So ſprechen Sie dieſes Wort. Nennen Sie den
Namen der Eltern, der in dem Anſtaltszeugniß ſo
gefliſſentlich verſchwiegen ſcheint.“

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[187/0191] Um drohenden, weiterführenden Auslaſſungen wenigſtens den Zeugen zu erſparen, bat ich den Prediger, mit dem Doctor Rückſprache zu nehmen und falls er die Verpflegung des Kranken im Wirthshauſe nicht genügend fände, ſeine Ueberſiedelung nach dem Schloſſe anzuordnen. Sobald ich mit dem Grafen allein war, ſagte ich: „Wollen Sie mir, Graf, die bitteren Früchte nicht etwas näher bezeichnen, die mir, nach Ihrem Dafürhalten, aus der Verpflegung eines Fremden er¬ wachſen ſollen?“ — „Ja, aber welches Fremden!“ rief der Graf, achſelzuckend. „Nach ſeiner öffentlichen Anklage und dem Zugeſtändniß, welches Sie eben gemacht — —“ „Sie meinen das Zugeſtändniß, ein verwaiſtes Kind in einer Anſtalt untergebracht zu haben?“ — fragte ich. „Haben Sie ein Zeugniß über den Urſprung dieſes Kindes aufzuweiſen?“ fragte der Graf dagegen. „Ich denke mein Wort genügt,“ — entgegnete ich, indem ich den Taufſchein, den ich noch in der Hand hielt, zerknitterte. „So ſprechen Sie dieſes Wort. Nennen Sie den Namen der Eltern, der in dem Anſtaltszeugniß ſo gefliſſentlich verſchwiegen ſcheint.“

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Zitationshilfe: François, Louise von: Die letzte Reckenburgerin. Bd. 2. Berlin, 1871, S. 187. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/francois_reckenburgerin02_1871/191>, abgerufen am 06.03.2021.