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François, Louise von: Die letzte Reckenburgerin. Bd. 2. Berlin, 1871.

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Schreibtische verschloß. "August Müllers Erinne¬
rungen sind richtig und der Schluß, den er irrthüm¬
lich daraus gezogen hat, mag durch sein Elend ent¬
schuldigt werden. Er ist ein Eingeborner von Recken¬
burg und wir haben die Pflicht, ihn innerhalb der
Gemeinde zu verpflegen." --

Ich klingelte bei diesen Worten und befahl dem
eintretenden Diener, den Hausarzt aufzusuchen und
den Kranken im Wirthshause anständig versorgen zu
lassen.

"Eine Gnade, die Ihnen bittere Früchte tragen
wird," sagte der Graf, wie mich dünkte mit Hohn.
"Die erste ihrer Art, auf die man sich in Reckenburg
wird berufen können."

Die erste Wohlthat an einem Fremdling in
Reckenburg! Die Lehre, so wenig sie in diesem
Sinne gemeint war, würde schneidend gewesen sein,
hätte ich auf den Ruhm einer barmherzigen Schwester
überhaupt etwas gegeben, oder hätte ich wenigstens sie bei
ruhigem Blute aufgefaßt. Aber des Grafen Verstim¬
mung, hatte mich angesteckt. Ich trug in mir einen
wunden Fleck, dessen Berührung ich einst meinem
ersten Freunde schwer vergeben hatte, und die ich
meinem letzten Freunde nimmer vergeben haben würde.

Schreibtiſche verſchloß. „Auguſt Müllers Erinne¬
rungen ſind richtig und der Schluß, den er irrthüm¬
lich daraus gezogen hat, mag durch ſein Elend ent¬
ſchuldigt werden. Er iſt ein Eingeborner von Recken¬
burg und wir haben die Pflicht, ihn innerhalb der
Gemeinde zu verpflegen.“ —

Ich klingelte bei dieſen Worten und befahl dem
eintretenden Diener, den Hausarzt aufzuſuchen und
den Kranken im Wirthshauſe anſtändig verſorgen zu
laſſen.

„Eine Gnade, die Ihnen bittere Früchte tragen
wird,“ ſagte der Graf, wie mich dünkte mit Hohn.
„Die erſte ihrer Art, auf die man ſich in Reckenburg
wird berufen können.“

Die erſte Wohlthat an einem Fremdling in
Reckenburg! Die Lehre, ſo wenig ſie in dieſem
Sinne gemeint war, würde ſchneidend geweſen ſein,
hätte ich auf den Ruhm einer barmherzigen Schweſter
überhaupt etwas gegeben, oder hätte ich wenigſtens ſie bei
ruhigem Blute aufgefaßt. Aber des Grafen Verſtim¬
mung, hatte mich angeſteckt. Ich trug in mir einen
wunden Fleck, deſſen Berührung ich einſt meinem
erſten Freunde ſchwer vergeben hatte, und die ich
meinem letzten Freunde nimmer vergeben haben würde.

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[186/0190] Schreibtiſche verſchloß. „Auguſt Müllers Erinne¬ rungen ſind richtig und der Schluß, den er irrthüm¬ lich daraus gezogen hat, mag durch ſein Elend ent¬ ſchuldigt werden. Er iſt ein Eingeborner von Recken¬ burg und wir haben die Pflicht, ihn innerhalb der Gemeinde zu verpflegen.“ — Ich klingelte bei dieſen Worten und befahl dem eintretenden Diener, den Hausarzt aufzuſuchen und den Kranken im Wirthshauſe anſtändig verſorgen zu laſſen. „Eine Gnade, die Ihnen bittere Früchte tragen wird,“ ſagte der Graf, wie mich dünkte mit Hohn. „Die erſte ihrer Art, auf die man ſich in Reckenburg wird berufen können.“ Die erſte Wohlthat an einem Fremdling in Reckenburg! Die Lehre, ſo wenig ſie in dieſem Sinne gemeint war, würde ſchneidend geweſen ſein, hätte ich auf den Ruhm einer barmherzigen Schweſter überhaupt etwas gegeben, oder hätte ich wenigſtens ſie bei ruhigem Blute aufgefaßt. Aber des Grafen Verſtim¬ mung, hatte mich angeſteckt. Ich trug in mir einen wunden Fleck, deſſen Berührung ich einſt meinem erſten Freunde ſchwer vergeben hatte, und die ich meinem letzten Freunde nimmer vergeben haben würde.

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Zitationshilfe: François, Louise von: Die letzte Reckenburgerin. Bd. 2. Berlin, 1871, S. 186. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/francois_reckenburgerin02_1871/190>, abgerufen am 06.03.2021.