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François, Louise von: Die letzte Reckenburgerin. Bd. 2. Berlin, 1871.

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schließliche Entscheidung, und die Frage ist nur,
ob ich mit leichtem oder schwerem Herzen scheiden
soll."

Er machte eine Pause. Auch ich schwieg. Dann
fuhr er fort:

"Legen wir unsere Hände ineinander, Verehrteste.
Es ist ein Vertrauen, wie es Ihnen nicht reiner ge¬
boten werden kann. Sie fügen zu der unbeschränk¬
ten Verwaltung Ihres Besitzthums die des meinigen
nach freiem Ermessen. Die Aufgabe ist nicht zu groß
für Sie. Sie werden, wie dem Vater die Statthal¬
terin und Gehülfin, so den Söhnen die leitende
Freundin, der sie so dringend bedürfen. Wie keine
Zweite sind Sie die Frau, welche Knaben den
Vater zu ergänzen, und allenfalls zu ersetzen vermag.
Sie sind streng und wachsam, und Sie werden ge¬
recht sein, weil Sie die Anlagen des Mannes nach
den eigenen messen dürfen. Mein ältester Sohn würde
die Militärschule verlassen, und sich unter Ihrem er¬
weckenden Einfluß zum Landwirth und Majoratserben
ausbilden. Sie würden für die jüngeren die Lebens¬
stellung ausfindig machen, welche, bei beschränkteren
äußeren Mitteln, ihren Anlagen entspricht, und wenn

Louise v. Francois, Die letzte Reckenburgerin. II. 12

ſchließliche Entſcheidung, und die Frage iſt nur,
ob ich mit leichtem oder ſchwerem Herzen ſcheiden
ſoll.“

Er machte eine Pauſe. Auch ich ſchwieg. Dann
fuhr er fort:

„Legen wir unſere Hände ineinander, Verehrteſte.
Es iſt ein Vertrauen, wie es Ihnen nicht reiner ge¬
boten werden kann. Sie fügen zu der unbeſchränk¬
ten Verwaltung Ihres Beſitzthums die des meinigen
nach freiem Ermeſſen. Die Aufgabe iſt nicht zu groß
für Sie. Sie werden, wie dem Vater die Statthal¬
terin und Gehülfin, ſo den Söhnen die leitende
Freundin, der ſie ſo dringend bedürfen. Wie keine
Zweite ſind Sie die Frau, welche Knaben den
Vater zu ergänzen, und allenfalls zu erſetzen vermag.
Sie ſind ſtreng und wachſam, und Sie werden ge¬
recht ſein, weil Sie die Anlagen des Mannes nach
den eigenen meſſen dürfen. Mein älteſter Sohn würde
die Militärſchule verlaſſen, und ſich unter Ihrem er¬
weckenden Einfluß zum Landwirth und Majoratserben
ausbilden. Sie würden für die jüngeren die Lebens¬
ſtellung ausfindig machen, welche, bei beſchränkteren
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Louiſe v. François, Die letzte Reckenburgerin. II. 12
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[177/0181] ſchließliche Entſcheidung, und die Frage iſt nur, ob ich mit leichtem oder ſchwerem Herzen ſcheiden ſoll.“ Er machte eine Pauſe. Auch ich ſchwieg. Dann fuhr er fort: „Legen wir unſere Hände ineinander, Verehrteſte. Es iſt ein Vertrauen, wie es Ihnen nicht reiner ge¬ boten werden kann. Sie fügen zu der unbeſchränk¬ ten Verwaltung Ihres Beſitzthums die des meinigen nach freiem Ermeſſen. Die Aufgabe iſt nicht zu groß für Sie. Sie werden, wie dem Vater die Statthal¬ terin und Gehülfin, ſo den Söhnen die leitende Freundin, der ſie ſo dringend bedürfen. Wie keine Zweite ſind Sie die Frau, welche Knaben den Vater zu ergänzen, und allenfalls zu erſetzen vermag. Sie ſind ſtreng und wachſam, und Sie werden ge¬ recht ſein, weil Sie die Anlagen des Mannes nach den eigenen meſſen dürfen. Mein älteſter Sohn würde die Militärſchule verlaſſen, und ſich unter Ihrem er¬ weckenden Einfluß zum Landwirth und Majoratserben ausbilden. Sie würden für die jüngeren die Lebens¬ ſtellung ausfindig machen, welche, bei beſchränkteren äußeren Mitteln, ihren Anlagen entſpricht, und wenn Louiſe v. François, Die letzte Reckenburgerin. II. 12

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Zitationshilfe: François, Louise von: Die letzte Reckenburgerin. Bd. 2. Berlin, 1871, S. 177. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/francois_reckenburgerin02_1871/181>, abgerufen am 06.03.2021.