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François, Louise von: Die letzte Reckenburgerin. Bd. 2. Berlin, 1871.

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Stoff bearbeitet, wie jeder berufene Handwerker, --
oder sei es Künstler, -- den seinen; ich hatte meine
Kräfte an einer und für eine Gesammtheit entfaltet,
-- ich würde sie, und das dünkt mich das Kenn¬
zeichen der Liebe, -- ich würde sie um keines Einzel¬
nen willen beschränkt haben. Mein Puls schlug nicht
höher noch matter bei dem Schicksale eines Einzigen
von denen, die ich die Meinen nannte; ich trug die
Neugeborenen zum Taufstein, geleitete die Bräute zum
Altar, die Todten zur Gruft; aber ich empfand we¬
nig mehr dabei, als wenn ich meine Bäume pflanzen
und fällen, oder meine Aecker befruchten sah für einen
neuen Trieb. Indem ich eine Bauernschaft zu bil¬
den strebte, hatte sich in mir der ächte, rechte Bauern¬
sinn ausgebildet, der den Menschen als ein Produkt
der Scholle nimmt; der Scholle, die ihn nährt, und
die er wieder nährt.

Das Werkzeug klapperte und auch die Kirchen¬
glocken läuteten, wie sich gebührt: Sang und Klang
aber schwiegen in der Reckenburger Flur. Wir tanz¬
ten nicht unter dem Maienbaum, wir jubelten nicht
bei Hochzeit und Kindelbier. Kein Weihnachtslicht
mahnte uns an die frohe Botschaft der Gotteserschei¬
nung in einem hülflosen Kinde. Bursche und Dirne

Stoff bearbeitet, wie jeder berufene Handwerker, —
oder ſei es Künſtler, — den ſeinen; ich hatte meine
Kräfte an einer und für eine Geſammtheit entfaltet,
— ich würde ſie, und das dünkt mich das Kenn¬
zeichen der Liebe, — ich würde ſie um keines Einzel¬
nen willen beſchränkt haben. Mein Puls ſchlug nicht
höher noch matter bei dem Schickſale eines Einzigen
von denen, die ich die Meinen nannte; ich trug die
Neugeborenen zum Taufſtein, geleitete die Bräute zum
Altar, die Todten zur Gruft; aber ich empfand we¬
nig mehr dabei, als wenn ich meine Bäume pflanzen
und fällen, oder meine Aecker befruchten ſah für einen
neuen Trieb. Indem ich eine Bauernſchaft zu bil¬
den ſtrebte, hatte ſich in mir der ächte, rechte Bauern¬
ſinn ausgebildet, der den Menſchen als ein Produkt
der Scholle nimmt; der Scholle, die ihn nährt, und
die er wieder nährt.

Das Werkzeug klapperte und auch die Kirchen¬
glocken läuteten, wie ſich gebührt: Sang und Klang
aber ſchwiegen in der Reckenburger Flur. Wir tanz¬
ten nicht unter dem Maienbaum, wir jubelten nicht
bei Hochzeit und Kindelbier. Kein Weihnachtslicht
mahnte uns an die frohe Botſchaft der Gotteserſchei¬
nung in einem hülfloſen Kinde. Burſche und Dirne

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[167/0171] Stoff bearbeitet, wie jeder berufene Handwerker, — oder ſei es Künſtler, — den ſeinen; ich hatte meine Kräfte an einer und für eine Geſammtheit entfaltet, — ich würde ſie, und das dünkt mich das Kenn¬ zeichen der Liebe, — ich würde ſie um keines Einzel¬ nen willen beſchränkt haben. Mein Puls ſchlug nicht höher noch matter bei dem Schickſale eines Einzigen von denen, die ich die Meinen nannte; ich trug die Neugeborenen zum Taufſtein, geleitete die Bräute zum Altar, die Todten zur Gruft; aber ich empfand we¬ nig mehr dabei, als wenn ich meine Bäume pflanzen und fällen, oder meine Aecker befruchten ſah für einen neuen Trieb. Indem ich eine Bauernſchaft zu bil¬ den ſtrebte, hatte ſich in mir der ächte, rechte Bauern¬ ſinn ausgebildet, der den Menſchen als ein Produkt der Scholle nimmt; der Scholle, die ihn nährt, und die er wieder nährt. Das Werkzeug klapperte und auch die Kirchen¬ glocken läuteten, wie ſich gebührt: Sang und Klang aber ſchwiegen in der Reckenburger Flur. Wir tanz¬ ten nicht unter dem Maienbaum, wir jubelten nicht bei Hochzeit und Kindelbier. Kein Weihnachtslicht mahnte uns an die frohe Botſchaft der Gotteserſchei¬ nung in einem hülfloſen Kinde. Burſche und Dirne

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Zitationshilfe: François, Louise von: Die letzte Reckenburgerin. Bd. 2. Berlin, 1871, S. 167. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/francois_reckenburgerin02_1871/171>, abgerufen am 06.03.2021.