Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Fichte, Johann Gottlieb: Reden an die deutsche Nation. Berlin, 1808.

Bild:
<< vorherige Seite

solchen Regierung zuförderst nach außen die
Vernachlässigung aller Bande, durch welche
ihre eigne Sicherheit an die Sicherheit anderer
Staaten geknüpft ist, das Aufgeben des Gan¬
zen, dessen Glied sie ist, lediglich darum, da¬
mit sie nicht aus ihrer trägen Ruhe aufge¬
stört werde, und die traurige Täuschung der
Selbstsucht, daß sie Frieden habe, so lange
nur die eignen Gränzen nicht angegriffen sind;
sodann nach innen jene weichliche Führung der
Zügel des Staats, die mit ausländischen Wor¬
ten sich Humanität, Liberalität und Populari¬
tät nennt, die aber richtiger in deutscher Spra¬
che Schlaffheit und ein Betragen ohne Würde
zu nennen ist.

Wenn sie auch der Regierenden sich bemäch¬
tigt, habe ich gesagt. Ein Volk kann durchaus
verdorben seyn, d. i. selbstsüchtig, denn die
Selbstsucht ist die Wurzel aller andern Verderbt¬
heit, -- und dennoch dabei nicht nur bestehen,
sondern sogar äußerlich glänzende Thaten ver¬
richten, wenn nur nicht seine Regierung eben
also verdirbt; ja die leztere sogar kann auch nach
außen treulos und pfticht- und ehrvergessen han¬

ſolchen Regierung zufoͤrderſt nach außen die
Vernachlaͤſſigung aller Bande, durch welche
ihre eigne Sicherheit an die Sicherheit anderer
Staaten geknuͤpft iſt, das Aufgeben des Gan¬
zen, deſſen Glied ſie iſt, lediglich darum, da¬
mit ſie nicht aus ihrer traͤgen Ruhe aufge¬
ſtoͤrt werde, und die traurige Taͤuſchung der
Selbſtſucht, daß ſie Frieden habe, ſo lange
nur die eignen Graͤnzen nicht angegriffen ſind;
ſodann nach innen jene weichliche Fuͤhrung der
Zuͤgel des Staats, die mit auslaͤndiſchen Wor¬
ten ſich Humanitaͤt, Liberalitaͤt und Populari¬
taͤt nennt, die aber richtiger in deutſcher Spra¬
che Schlaffheit und ein Betragen ohne Wuͤrde
zu nennen iſt.

Wenn ſie auch der Regierenden ſich bemaͤch¬
tigt, habe ich geſagt. Ein Volk kann durchaus
verdorben ſeyn, d. i. ſelbſtſuͤchtig, denn die
Selbſtſucht iſt die Wurzel aller andern Verderbt¬
heit, — und dennoch dabei nicht nur beſtehen,
ſondern ſogar aͤußerlich glaͤnzende Thaten ver¬
richten, wenn nur nicht ſeine Regierung eben
alſo verdirbt; ja die leztere ſogar kann auch nach
außen treulos und pfticht- und ehrvergeſſen han¬

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0035" n="29"/>
&#x017F;olchen Regierung zufo&#x0364;rder&#x017F;t nach außen die<lb/>
Vernachla&#x0364;&#x017F;&#x017F;igung aller Bande, durch welche<lb/>
ihre eigne Sicherheit an die Sicherheit anderer<lb/>
Staaten geknu&#x0364;pft i&#x017F;t, das Aufgeben des Gan¬<lb/>
zen, de&#x017F;&#x017F;en Glied &#x017F;ie i&#x017F;t, lediglich darum, da¬<lb/>
mit &#x017F;ie nicht aus ihrer tra&#x0364;gen Ruhe aufge¬<lb/>
&#x017F;to&#x0364;rt werde, und die traurige Ta&#x0364;u&#x017F;chung der<lb/>
Selb&#x017F;t&#x017F;ucht, daß &#x017F;ie Frieden habe, &#x017F;o lange<lb/>
nur die eignen Gra&#x0364;nzen nicht angegriffen &#x017F;ind;<lb/>
&#x017F;odann nach innen jene weichliche Fu&#x0364;hrung der<lb/>
Zu&#x0364;gel des Staats, die mit ausla&#x0364;ndi&#x017F;chen Wor¬<lb/>
ten &#x017F;ich Humanita&#x0364;t, Liberalita&#x0364;t und Populari¬<lb/>
ta&#x0364;t nennt, die aber richtiger in deut&#x017F;cher Spra¬<lb/>
che Schlaffheit und ein Betragen ohne Wu&#x0364;rde<lb/>
zu nennen i&#x017F;t.</p><lb/>
        <p>Wenn &#x017F;ie auch der Regierenden &#x017F;ich bema&#x0364;ch¬<lb/>
tigt, habe ich ge&#x017F;agt. Ein Volk kann durchaus<lb/>
verdorben &#x017F;eyn, d. i. &#x017F;elb&#x017F;t&#x017F;u&#x0364;chtig, denn die<lb/>
Selb&#x017F;t&#x017F;ucht i&#x017F;t die Wurzel aller andern Verderbt¬<lb/>
heit, &#x2014; und dennoch dabei nicht nur be&#x017F;tehen,<lb/>
&#x017F;ondern &#x017F;ogar a&#x0364;ußerlich gla&#x0364;nzende Thaten ver¬<lb/>
richten, wenn nur nicht &#x017F;eine Regierung eben<lb/>
al&#x017F;o verdirbt; ja die leztere &#x017F;ogar kann auch nach<lb/>
außen treulos und pfticht- und ehrverge&#x017F;&#x017F;en han¬<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[29/0035] ſolchen Regierung zufoͤrderſt nach außen die Vernachlaͤſſigung aller Bande, durch welche ihre eigne Sicherheit an die Sicherheit anderer Staaten geknuͤpft iſt, das Aufgeben des Gan¬ zen, deſſen Glied ſie iſt, lediglich darum, da¬ mit ſie nicht aus ihrer traͤgen Ruhe aufge¬ ſtoͤrt werde, und die traurige Taͤuſchung der Selbſtſucht, daß ſie Frieden habe, ſo lange nur die eignen Graͤnzen nicht angegriffen ſind; ſodann nach innen jene weichliche Fuͤhrung der Zuͤgel des Staats, die mit auslaͤndiſchen Wor¬ ten ſich Humanitaͤt, Liberalitaͤt und Populari¬ taͤt nennt, die aber richtiger in deutſcher Spra¬ che Schlaffheit und ein Betragen ohne Wuͤrde zu nennen iſt. Wenn ſie auch der Regierenden ſich bemaͤch¬ tigt, habe ich geſagt. Ein Volk kann durchaus verdorben ſeyn, d. i. ſelbſtſuͤchtig, denn die Selbſtſucht iſt die Wurzel aller andern Verderbt¬ heit, — und dennoch dabei nicht nur beſtehen, ſondern ſogar aͤußerlich glaͤnzende Thaten ver¬ richten, wenn nur nicht ſeine Regierung eben alſo verdirbt; ja die leztere ſogar kann auch nach außen treulos und pfticht- und ehrvergeſſen han¬

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/fichte_reden_1808
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/fichte_reden_1808/35
Zitationshilfe: Fichte, Johann Gottlieb: Reden an die deutsche Nation. Berlin, 1808, S. 29. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/fichte_reden_1808/35>, abgerufen am 13.04.2024.