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Campe, Joachim Heinrich: Robinson der Jüngere. Bd. 2. Hamburg, 1780.

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er seinem geretteten Wilden den Nahmen des-
selben zu geben und nant' ihn also Freitag.

Robinson hatte jezt erst Zeit, ihn etwas
genauer zu betrachten. Es war ein wohlgewach-
sener junger Mensch, ohngefähr zwanzig Jahr
alt. Seine Haut war schwarzbraun und glän-
zend; sein Haar schwarz, aber nicht wolligt,
wie das Haar der Mohren, sondern lang, sei-
ne Nase kurz, aber nicht flach; seine Lippen wa-
ren klein und seine Zähne weiß, wie Elfenbein.
In beiden Ohren trug er allerhand Muschel-
werk und Federn, worauf er sich nicht wenig
einzubilden schien. Uebrigens gieng er nakt vom
Kopf bis zu den Füßen.

Eine von den vorzüglichsten Tugenden un-
sers Robinsons war die Schamhaftigkeit.
So groß daher auch sein Hunger war, so nahm
er sich doch erst Zeit, für seinen nakten Hausge-
nossen aus einem alten Felle eine Schürze zu
schneiden und sie durch Bindfaden zu befestigen.
Dan gab er ihm zu verstehen, daß er sich neben
ihm sezen solte, um das Abendbrod mit ihm zu
essen. Freitag (denn so wollen wir ihn nun

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er ſeinem geretteten Wilden den Nahmen deſ-
ſelben zu geben und nant' ihn alſo Freitag.

Robinſon hatte jezt erſt Zeit, ihn etwas
genauer zu betrachten. Es war ein wohlgewach-
ſener junger Menſch, ohngefaͤhr zwanzig Jahr
alt. Seine Haut war ſchwarzbraun und glaͤn-
zend; ſein Haar ſchwarz, aber nicht wolligt,
wie das Haar der Mohren, ſondern lang, ſei-
ne Naſe kurz, aber nicht flach; ſeine Lippen wa-
ren klein und ſeine Zaͤhne weiß, wie Elfenbein.
In beiden Ohren trug er allerhand Muſchel-
werk und Federn, worauf er ſich nicht wenig
einzubilden ſchien. Uebrigens gieng er nakt vom
Kopf bis zu den Fuͤßen.

Eine von den vorzuͤglichſten Tugenden un-
ſers Robinſons war die Schamhaftigkeit.
So groß daher auch ſein Hunger war, ſo nahm
er ſich doch erſt Zeit, fuͤr ſeinen nakten Hausge-
noſſen aus einem alten Felle eine Schuͤrze zu
ſchneiden und ſie durch Bindfaden zu befeſtigen.
Dan gab er ihm zu verſtehen, daß er ſich neben
ihm ſezen ſolte, um das Abendbrod mit ihm zu
eſſen. Freitag (denn ſo wollen wir ihn nun

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[87/0093] er ſeinem geretteten Wilden den Nahmen deſ- ſelben zu geben und nant' ihn alſo Freitag. Robinſon hatte jezt erſt Zeit, ihn etwas genauer zu betrachten. Es war ein wohlgewach- ſener junger Menſch, ohngefaͤhr zwanzig Jahr alt. Seine Haut war ſchwarzbraun und glaͤn- zend; ſein Haar ſchwarz, aber nicht wolligt, wie das Haar der Mohren, ſondern lang, ſei- ne Naſe kurz, aber nicht flach; ſeine Lippen wa- ren klein und ſeine Zaͤhne weiß, wie Elfenbein. In beiden Ohren trug er allerhand Muſchel- werk und Federn, worauf er ſich nicht wenig einzubilden ſchien. Uebrigens gieng er nakt vom Kopf bis zu den Fuͤßen. Eine von den vorzuͤglichſten Tugenden un- ſers Robinſons war die Schamhaftigkeit. So groß daher auch ſein Hunger war, ſo nahm er ſich doch erſt Zeit, fuͤr ſeinen nakten Hausge- noſſen aus einem alten Felle eine Schuͤrze zu ſchneiden und ſie durch Bindfaden zu befeſtigen. Dan gab er ihm zu verſtehen, daß er ſich neben ihm ſezen ſolte, um das Abendbrod mit ihm zu eſſen. Freitag (denn ſo wollen wir ihn nun kuͤnf- F 4

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Zitationshilfe: Campe, Joachim Heinrich: Robinson der Jüngere. Bd. 2. Hamburg, 1780, S. 87. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/campe_robinson02_1780/93>, abgerufen am 15.04.2024.