Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Campe, Joachim Heinrich: Robinson der Jüngere. Bd. 2. Hamburg, 1780.

Bild:
<< vorherige Seite

Thieren plaudern ordentlich wie ein kleines
Kind, das mit seiner Puppe redet, und sich
einbildet, daß die Puppe es verstehe. So
groß war das Bedürfniß seines Herzens, ir-
gend einem lebendigen Wesen seine Gedanken
und seine Empfindungen mitzutheilen, daß er
oft darüber vergaß, daß er zu unvernünftigen
Thieren rede. Und wenn sein Papchen, den
er Pol nante, dan je zuweilen ein verständ-
liches Wort ihm nachschwazte: o wer war
da glüklicher, als er! Er glaubte eine mensch-
liche Stimme zu hören; vergaß Insel, La-
ma's und Papagai und war in seiner Einbil-
dung mitten in Europa. Aber dieser süße
Traum dauerte gemeiniglich nur eine Minu-
te; dan saß er wieder da im vollen Bewust-
sein seines kläglichen Einsiedlerlebens und seuf-
te: armer Robinson!

Gegen zwei Uhr Nachmittags --

Nikoles. Ja, wie wust' er denn im-
mer, was die Glokke geschlagen hatte?

Vater. Anfangs macht' er es blos so,
wie es die Landleute zu machen pflegen; er

beob-

Thieren plaudern ordentlich wie ein kleines
Kind, das mit ſeiner Puppe redet, und ſich
einbildet, daß die Puppe es verſtehe. So
groß war das Beduͤrfniß ſeines Herzens, ir-
gend einem lebendigen Weſen ſeine Gedanken
und ſeine Empfindungen mitzutheilen, daß er
oft daruͤber vergaß, daß er zu unvernuͤnftigen
Thieren rede. Und wenn ſein Papchen, den
er Pol nante, dan je zuweilen ein verſtaͤnd-
liches Wort ihm nachſchwazte: o wer war
da gluͤklicher, als er! Er glaubte eine menſch-
liche Stimme zu hoͤren; vergaß Inſel, La-
ma's und Papagai und war in ſeiner Einbil-
dung mitten in Europa. Aber dieſer ſuͤße
Traum dauerte gemeiniglich nur eine Minu-
te; dan ſaß er wieder da im vollen Bewuſt-
ſein ſeines klaͤglichen Einſiedlerlebens und ſeuf-
te: armer Robinſon!

Gegen zwei Uhr Nachmittags —

Nikoles. Ja, wie wuſt' er denn im-
mer, was die Glokke geſchlagen hatte?

Vater. Anfangs macht' er es blos ſo,
wie es die Landleute zu machen pflegen; er

beob-
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0040" n="34"/>
Thieren plaudern ordentlich wie ein kleines<lb/>
Kind, das mit &#x017F;einer Puppe redet, und &#x017F;ich<lb/>
einbildet, daß die Puppe es ver&#x017F;tehe. So<lb/>
groß war das Bedu&#x0364;rfniß &#x017F;eines Herzens, ir-<lb/>
gend einem lebendigen We&#x017F;en &#x017F;eine Gedanken<lb/>
und &#x017F;eine Empfindungen mitzutheilen, daß er<lb/>
oft daru&#x0364;ber vergaß, daß er zu unvernu&#x0364;nftigen<lb/>
Thieren rede. Und wenn &#x017F;ein Papchen, den<lb/>
er <hi rendition="#fr">Pol</hi> nante, dan je zuweilen ein ver&#x017F;ta&#x0364;nd-<lb/>
liches Wort ihm nach&#x017F;chwazte: o wer war<lb/>
da glu&#x0364;klicher, als er! Er glaubte eine men&#x017F;ch-<lb/>
liche Stimme zu ho&#x0364;ren; vergaß In&#x017F;el, La-<lb/>
ma's und Papagai und war in &#x017F;einer Einbil-<lb/>
dung mitten in Europa. Aber die&#x017F;er &#x017F;u&#x0364;ße<lb/>
Traum dauerte gemeiniglich nur eine Minu-<lb/>
te; dan &#x017F;aß er wieder da im vollen Bewu&#x017F;t-<lb/>
&#x017F;ein &#x017F;eines kla&#x0364;glichen Ein&#x017F;iedlerlebens und &#x017F;euf-<lb/>
te: armer Robin&#x017F;on!</p><lb/>
          <p>Gegen zwei Uhr Nachmittags &#x2014;</p><lb/>
          <p><hi rendition="#fr">Nikoles.</hi> Ja, wie wu&#x017F;t' er denn im-<lb/>
mer, was die Glokke ge&#x017F;chlagen hatte?</p><lb/>
          <p><hi rendition="#fr">Vater.</hi> Anfangs macht' er es blos &#x017F;o,<lb/>
wie es die Landleute zu machen pflegen; er<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">beob-</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[34/0040] Thieren plaudern ordentlich wie ein kleines Kind, das mit ſeiner Puppe redet, und ſich einbildet, daß die Puppe es verſtehe. So groß war das Beduͤrfniß ſeines Herzens, ir- gend einem lebendigen Weſen ſeine Gedanken und ſeine Empfindungen mitzutheilen, daß er oft daruͤber vergaß, daß er zu unvernuͤnftigen Thieren rede. Und wenn ſein Papchen, den er Pol nante, dan je zuweilen ein verſtaͤnd- liches Wort ihm nachſchwazte: o wer war da gluͤklicher, als er! Er glaubte eine menſch- liche Stimme zu hoͤren; vergaß Inſel, La- ma's und Papagai und war in ſeiner Einbil- dung mitten in Europa. Aber dieſer ſuͤße Traum dauerte gemeiniglich nur eine Minu- te; dan ſaß er wieder da im vollen Bewuſt- ſein ſeines klaͤglichen Einſiedlerlebens und ſeuf- te: armer Robinſon! Gegen zwei Uhr Nachmittags — Nikoles. Ja, wie wuſt' er denn im- mer, was die Glokke geſchlagen hatte? Vater. Anfangs macht' er es blos ſo, wie es die Landleute zu machen pflegen; er beob-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/campe_robinson02_1780
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/campe_robinson02_1780/40
Zitationshilfe: Campe, Joachim Heinrich: Robinson der Jüngere. Bd. 2. Hamburg, 1780, S. 34. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/campe_robinson02_1780/40>, abgerufen am 26.02.2024.