Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Busoni, Ferruccio: Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst. 2. Aufl. Leipzig, [1916].

Bild:
<< vorherige Seite

daß man es nicht in Nebensächlichem und Unbedeutendem
vergeude.

Der Schaffende soll kein überliefertes Gesetz auf Treu
und Glauben hinnehmen und sein eigenes Schaffen jenem
gegenüber von vornherein als Ausnahme betrachten. Er
müßte für seinen eigenen Fall ein entsprechendes eigenes
Gesetz suchen, formen und es nach der ersten vollkommenen
Anwendung wieder zerstören, um nicht selbst bei einem näch-
sten Werke in Wiederholungen zu verfallen.

Die Aufgabe des Schaffenden besteht darin, Gesetze auf-
zustellen, und nicht, Gesetzen zu folgen. Wer gegebenen Ge-
setzen folgt, hört auf, ein Schaffender zu sein. 1

Die Schaffenskraft ist um so erkennbarer, je unabhängiger
sie von Überlieferungen sich zu machen vermag. Aber die
Absichtlichkeit im Umgehen der Gesetze kann nicht Schaffens-
kraft vortäuschen, noch weniger erzeugen.

Der echte Schaffende erstrebt im Grunde nur die Voll-
endung. Und indem er diese mit seiner Individualität in
Einklang bringt, entsteht absichtslos ein neues Gesetz.

Routine wird sehr geschätzt und oft verlangt; im Musik-
"amte" wird sie beansprucht. Daß Routine in der Musik
überhaupt existieren und daß sie überdies zu einer vom Mu-
siker geforderten Bedingung gemacht werden kann, beweist
aber wiederum die engen Grenzen unserer Tonkunst. Rou-
tine bedeutet: Erlangung und Anwendung weniger Erfah-
rungen und Kunstgriffe auf alle vorkommenden Fälle.

1 Der einem nachgeht, überholt ihn nicht, soll Michelangelo ge-
sagt haben. Und über die nützliche Anwendung der "Kopien" äußert
sich noch viel drastischer ein italienischer Spruch.

daß man es nicht in Nebensächlichem und Unbedeutendem
vergeude.

Der Schaffende soll kein überliefertes Gesetz auf Treu
und Glauben hinnehmen und sein eigenes Schaffen jenem
gegenüber von vornherein als Ausnahme betrachten. Er
müßte für seinen eigenen Fall ein entsprechendes eigenes
Gesetz suchen, formen und es nach der ersten vollkommenen
Anwendung wieder zerstören, um nicht selbst bei einem näch-
sten Werke in Wiederholungen zu verfallen.

Die Aufgabe des Schaffenden besteht darin, Gesetze auf-
zustellen, und nicht, Gesetzen zu folgen. Wer gegebenen Ge-
setzen folgt, hört auf, ein Schaffender zu sein. 1

Die Schaffenskraft ist um so erkennbarer, je unabhängiger
sie von Überlieferungen sich zu machen vermag. Aber die
Absichtlichkeit im Umgehen der Gesetze kann nicht Schaffens-
kraft vortäuschen, noch weniger erzeugen.

Der echte Schaffende erstrebt im Grunde nur die Voll-
endung. Und indem er diese mit seiner Individualität in
Einklang bringt, entsteht absichtslos ein neues Gesetz.

Routine wird sehr geschätzt und oft verlangt; im Musik-
„amte“ wird sie beansprucht. Daß Routine in der Musik
überhaupt existieren und daß sie überdies zu einer vom Mu-
siker geforderten Bedingung gemacht werden kann, beweist
aber wiederum die engen Grenzen unserer Tonkunst. Rou-
tine bedeutet: Erlangung und Anwendung weniger Erfah-
rungen und Kunstgriffe auf alle vorkommenden Fälle.

1 Der einem nachgeht, überholt ihn nicht, soll Michelangelo ge-
sagt haben. Und über die nützliche Anwendung der „Kopien“ äußert
sich noch viel drastischer ein italienischer Spruch.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div>
        <p><pb facs="#f0031" n="31"/>
daß man es nicht in Nebensächlichem und Unbedeutendem<lb/>
vergeude.</p><lb/>
        <p>Der Schaffende soll kein überliefertes Gesetz auf Treu<lb/>
und Glauben hinnehmen und sein eigenes Schaffen jenem<lb/>
gegenüber von vornherein als Ausnahme betrachten. Er<lb/>
müßte für seinen eigenen Fall ein entsprechendes eigenes<lb/>
Gesetz suchen, formen und es nach der ersten vollkommenen<lb/>
Anwendung wieder zerstören, um nicht selbst bei einem näch-<lb/>
sten Werke in Wiederholungen zu verfallen.</p><lb/>
        <p>Die Aufgabe des Schaffenden besteht darin, Gesetze auf-<lb/>
zustellen, und nicht, Gesetzen zu folgen. Wer gegebenen Ge-<lb/>
setzen folgt, hört auf, ein Schaffender zu sein.                     <note place="foot" n="1"><p>Der einem nachgeht, überholt ihn nicht, soll <persName>Michelangelo</persName> ge-<lb/>
sagt haben. Und über die nützliche Anwendung der <q>&#x201E;Kopien&#x201C;</q> äußert<lb/>
sich noch viel drastischer ein italienischer Spruch.</p><lb/></note>                 </p><lb/>
        <p>Die Schaffenskraft ist um so erkennbarer, je unabhängiger<lb/>
sie von Überlieferungen sich zu machen vermag. Aber die<lb/>
Absichtlichkeit im Umgehen der Gesetze kann nicht Schaffens-<lb/>
kraft vortäuschen, noch weniger erzeugen.</p><lb/>
        <p>Der echte Schaffende erstrebt im Grunde nur die Voll-<lb/>
endung. Und indem er diese mit seiner Individualität in<lb/>
Einklang bringt, entsteht absichtslos ein neues Gesetz.</p><lb/>
        <p>Routine wird sehr geschätzt und oft verlangt; im Musik-<lb/>
&#x201E;amte&#x201C; wird sie beansprucht. Daß Routine in der Musik<lb/>
überhaupt existieren und daß sie überdies zu einer vom Mu-<lb/>
siker geforderten Bedingung gemacht werden kann, beweist<lb/>
aber wiederum die engen Grenzen unserer Tonkunst. Rou-<lb/>
tine bedeutet: Erlangung und Anwendung weniger Erfah-<lb/>
rungen und Kunstgriffe auf alle vorkommenden Fälle.<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[31/0031] daß man es nicht in Nebensächlichem und Unbedeutendem vergeude. Der Schaffende soll kein überliefertes Gesetz auf Treu und Glauben hinnehmen und sein eigenes Schaffen jenem gegenüber von vornherein als Ausnahme betrachten. Er müßte für seinen eigenen Fall ein entsprechendes eigenes Gesetz suchen, formen und es nach der ersten vollkommenen Anwendung wieder zerstören, um nicht selbst bei einem näch- sten Werke in Wiederholungen zu verfallen. Die Aufgabe des Schaffenden besteht darin, Gesetze auf- zustellen, und nicht, Gesetzen zu folgen. Wer gegebenen Ge- setzen folgt, hört auf, ein Schaffender zu sein. 1 Die Schaffenskraft ist um so erkennbarer, je unabhängiger sie von Überlieferungen sich zu machen vermag. Aber die Absichtlichkeit im Umgehen der Gesetze kann nicht Schaffens- kraft vortäuschen, noch weniger erzeugen. Der echte Schaffende erstrebt im Grunde nur die Voll- endung. Und indem er diese mit seiner Individualität in Einklang bringt, entsteht absichtslos ein neues Gesetz. Routine wird sehr geschätzt und oft verlangt; im Musik- „amte“ wird sie beansprucht. Daß Routine in der Musik überhaupt existieren und daß sie überdies zu einer vom Mu- siker geforderten Bedingung gemacht werden kann, beweist aber wiederum die engen Grenzen unserer Tonkunst. Rou- tine bedeutet: Erlangung und Anwendung weniger Erfah- rungen und Kunstgriffe auf alle vorkommenden Fälle. 1 Der einem nachgeht, überholt ihn nicht, soll Michelangelo ge- sagt haben. Und über die nützliche Anwendung der „Kopien“ äußert sich noch viel drastischer ein italienischer Spruch.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Ferruccio Busoni – Briefe und Schriften, herausgegeben von Christian Schaper und Ullrich Scheideler, Humboldt-Universität zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription. (2019-05-15T13:49:52Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Christian Schaper, Maximilian Furthmüller, Theresa Menard, Vanda Hehr, Clemens Gubsch, Claudio Fuchs, Jupp Wegner, David Mews, Ullrich Scheideler: Bearbeitung der digitalen Edition. (2019-05-27T13:49:52Z)
Benjamin Fiechter: Konvertierung ins DTA-Basisformat (2019-05-27T13:49:52Z)

Weitere Informationen:

Textgrundlage von 1906 von Busoni hauptsächlich 1914 überarbeitet. Gedruckt 1916 in Altenburg; erschienen im Insel-Verlag zu Leipzig als Nr. 202 der Insel-Bücherei.

Die Transkription erfolgte nach den unter https://www.busoni-nachlass.org/de/Projekt/E1000003.html, http://www.deutschestextarchiv.de/doku/basisformat/ formulierten Richtlinien.

Druckfehler: dokumentiert; fremdsprachliches Material: gekennzeichnet; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): wie Vorlage; I/J in Fraktur: Lautwert transkribiert; langes s (ſ): als s transkribiert; Normalisierungen: keine; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: wie Vorlage; Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: ja;




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/busoni_entwurf_1916
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/busoni_entwurf_1916/31
Zitationshilfe: Busoni, Ferruccio: Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst. 2. Aufl. Leipzig, [1916], S. 31. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/busoni_entwurf_1916/31>, abgerufen am 14.08.2022.