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Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860.

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Ferner entstanden umfangreiche epische Gedichte biblischen3. Abschnitt.
und kirchlichen Inhaltes in Hexametern. Nicht immer be-Christliches
Epos.

zweckten die Verfasser damit eine kirchliche Beförderung oder
die Erwerbung päpstlicher Gunst; bei den Besten, und auch
bei Ungeschicktern wie Battista Mantuano, dem Verfasser
der Parthenice, wird man ein ganz ehrliches Verlangen
voraussetzen dürfen, mit ihrer gelehrten lateinischen Poesie
dem Heiligen zu dienen, womit freilich ihre halbheidnische
Auffassung des Catholicismus nur zu wohl zusammenstimmte.
Gyraldus zählt ihrer eine Anzahl auf, unter welchen Vida
mit seiner Christiade, Sannazaro mit seinen drei GesängenSannazaro.
"De partu Virginis" in erster Reihe stehen. Sannazaro
imponirt durch den gleichmäßigen gewaltigen Fluß, in wel-
chen er Heidnisches und Christliches ungescheut zusammen-
drängt, durch die plastische Kraft der Schilderung, durch
die vollkommen schöne Arbeit. Er hatte sich nicht vor der
Vergleichung zu fürchten, als er die Verse von Virgils
vierter Ecloge in den Gesang der Hirten an der Krippe
verflocht. Im Gebiet des Jenseitigen hat er da und dort
einen Zug dantesker Kühnheit, wie z. B. König David im
Limbus der Patriarchen sich zu Gesang und Weissagung
erhebt, oder wie der Ewige thronend in seinem Mantel, der
von Bildern alles elementaren Daseins schimmert, die himm-
lischen Geister anredet. Andere Male bringt er unbedenklich
die alte Mythologie mit seinem Gegenstande in Verbindung,
ohne doch eigentlich barock zu erscheinen, weil er die Heiden-
götter nur gleichsam als Einrahmung benutzt, ihnen keine
Hauptrollen zutheilt. Wer das künstlerische Vermögen jener
Zeit in seinem vollen Umfang kennen lernen will, darf sich
gegen ein Werk wie dieses nicht abschließen. Sannazaro's
Verdienst erscheint um so viel größer, da sonst die Ver-
mischung von Christlichem und Heidnischem in der PoesieEinmischung d.
Mythologie.

viel leichter stört als in der bildenden Kunst; letztere kann
das Auge dabei beständig durch irgend eine bestimmte, greif-
bare Schönheit schadlos halten und ist überhaupt von der

Ferner entſtanden umfangreiche epiſche Gedichte bibliſchen3. Abſchnitt.
und kirchlichen Inhaltes in Hexametern. Nicht immer be-Chriſtliches
Epos.

zweckten die Verfaſſer damit eine kirchliche Beförderung oder
die Erwerbung päpſtlicher Gunſt; bei den Beſten, und auch
bei Ungeſchicktern wie Battiſta Mantuano, dem Verfaſſer
der Parthenice, wird man ein ganz ehrliches Verlangen
vorausſetzen dürfen, mit ihrer gelehrten lateiniſchen Poeſie
dem Heiligen zu dienen, womit freilich ihre halbheidniſche
Auffaſſung des Catholicismus nur zu wohl zuſammenſtimmte.
Gyraldus zählt ihrer eine Anzahl auf, unter welchen Vida
mit ſeiner Chriſtiade, Sannazaro mit ſeinen drei GeſängenSannazaro.
De partu Virginis“ in erſter Reihe ſtehen. Sannazaro
imponirt durch den gleichmäßigen gewaltigen Fluß, in wel-
chen er Heidniſches und Chriſtliches ungeſcheut zuſammen-
drängt, durch die plaſtiſche Kraft der Schilderung, durch
die vollkommen ſchöne Arbeit. Er hatte ſich nicht vor der
Vergleichung zu fürchten, als er die Verſe von Virgils
vierter Ecloge in den Geſang der Hirten an der Krippe
verflocht. Im Gebiet des Jenſeitigen hat er da und dort
einen Zug dantesker Kühnheit, wie z. B. König David im
Limbus der Patriarchen ſich zu Geſang und Weiſſagung
erhebt, oder wie der Ewige thronend in ſeinem Mantel, der
von Bildern alles elementaren Daſeins ſchimmert, die himm-
liſchen Geiſter anredet. Andere Male bringt er unbedenklich
die alte Mythologie mit ſeinem Gegenſtande in Verbindung,
ohne doch eigentlich barock zu erſcheinen, weil er die Heiden-
götter nur gleichſam als Einrahmung benutzt, ihnen keine
Hauptrollen zutheilt. Wer das künſtleriſche Vermögen jener
Zeit in ſeinem vollen Umfang kennen lernen will, darf ſich
gegen ein Werk wie dieſes nicht abſchließen. Sannazaro's
Verdienſt erſcheint um ſo viel größer, da ſonſt die Ver-
miſchung von Chriſtlichem und Heidniſchem in der PoeſieEinmiſchung d.
Mythologie.

viel leichter ſtört als in der bildenden Kunſt; letztere kann
das Auge dabei beſtändig durch irgend eine beſtimmte, greif-
bare Schönheit ſchadlos halten und iſt überhaupt von der

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[255/0265] Ferner entſtanden umfangreiche epiſche Gedichte bibliſchen und kirchlichen Inhaltes in Hexametern. Nicht immer be- zweckten die Verfaſſer damit eine kirchliche Beförderung oder die Erwerbung päpſtlicher Gunſt; bei den Beſten, und auch bei Ungeſchicktern wie Battiſta Mantuano, dem Verfaſſer der Parthenice, wird man ein ganz ehrliches Verlangen vorausſetzen dürfen, mit ihrer gelehrten lateiniſchen Poeſie dem Heiligen zu dienen, womit freilich ihre halbheidniſche Auffaſſung des Catholicismus nur zu wohl zuſammenſtimmte. Gyraldus zählt ihrer eine Anzahl auf, unter welchen Vida mit ſeiner Chriſtiade, Sannazaro mit ſeinen drei Geſängen „De partu Virginis“ in erſter Reihe ſtehen. Sannazaro imponirt durch den gleichmäßigen gewaltigen Fluß, in wel- chen er Heidniſches und Chriſtliches ungeſcheut zuſammen- drängt, durch die plaſtiſche Kraft der Schilderung, durch die vollkommen ſchöne Arbeit. Er hatte ſich nicht vor der Vergleichung zu fürchten, als er die Verſe von Virgils vierter Ecloge in den Geſang der Hirten an der Krippe verflocht. Im Gebiet des Jenſeitigen hat er da und dort einen Zug dantesker Kühnheit, wie z. B. König David im Limbus der Patriarchen ſich zu Geſang und Weiſſagung erhebt, oder wie der Ewige thronend in ſeinem Mantel, der von Bildern alles elementaren Daſeins ſchimmert, die himm- liſchen Geiſter anredet. Andere Male bringt er unbedenklich die alte Mythologie mit ſeinem Gegenſtande in Verbindung, ohne doch eigentlich barock zu erſcheinen, weil er die Heiden- götter nur gleichſam als Einrahmung benutzt, ihnen keine Hauptrollen zutheilt. Wer das künſtleriſche Vermögen jener Zeit in ſeinem vollen Umfang kennen lernen will, darf ſich gegen ein Werk wie dieſes nicht abſchließen. Sannazaro's Verdienſt erſcheint um ſo viel größer, da ſonſt die Ver- miſchung von Chriſtlichem und Heidniſchem in der Poeſie viel leichter ſtört als in der bildenden Kunſt; letztere kann das Auge dabei beſtändig durch irgend eine beſtimmte, greif- bare Schönheit ſchadlos halten und iſt überhaupt von der 3. Abſchnitt. Chriſtliches Epos. Sannazaro. Einmiſchung d. Mythologie.

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Zitationshilfe: Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860, S. 255. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/265>, abgerufen am 11.05.2021.