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Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860.

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vielleicht einen andern Stoff gewählt, in dessen Ermanglung3. Abschnitt.
aber lag die Verherrlichung des ältern Scipio Africanus
dem XV. Jahrhundert so nahe, daß schon ein anderer
Dichter, Zanobi di Strada, sich diese Aufgabe gestellt hatte;
nur aus Hochachtung für Petrarca zog er sein bereits vor-
gerücktes Gedicht zurück 1). Wenn es irgend eine Berech-
tigung für die Africa gab, so lag sie darin, daß sich da-
mals und später Jedermann für Scipio interessirte als
lebte er noch, daß er für größer galt als Alexander, Pom-
pejus und Cäsar2). Wie viele neuere Epopöen haben sich
eines für ihre Zeit so populären, im Grunde historischen
und dennoch für die Anschauung mythischen Gegenstandes
zu rühmen? An sich ist das Gedicht jetzt freilich ganz un-
lesbar. Für andere historische Sujets müssen wir auf die
Literaturgeschichten verweisen.

Reicher und ausgiebiger war schon das WeiterdichtenMythologische
und bucolische
Poesie.

am antiken Mythus. das Ausfüllen der poetischen Lücken
in demselben. Hier griff auch die italienische Dichtung
früh ein, schon mit der Teseide des Boccaccio, welche als
dessen bestes poetisches Werk gilt. Lateinisch dichtete Maffeo
Vegio unter Martin V. ein dreizehntes Buch zur Aeneide;
dann finden sich eine Anzahl kleinerer Versuche zumal in der
Art des Claudian, eine Meleagris, eine Hesperis etc. Das
Merkwürdigste aber sind die neu ersonnenen Mythen, welche
die schönsten Gegenden Italiens mit einer Urbevölkerung
von Göttern, Nymphen, Genien und auch Hirten erfüllen,
wie denn überhaupt hier das Epische und das Bucolische
nicht mehr zu trennen sind. Daß in den bald erzählenden,

1) Filippo Villani, vite, p. 5.
2) Franc. Aleardi oratio in laudem Franc. Sfortiae bei Murat. XXV.
Col.
384. -- Bei der Parallele zwischen Scipio und Cäsar war
Guarino für den letztern, Poggio (Opera, epp. fol. 125. 134, s.)
für erstern als für den Größten. -- Scipio und Hannibal in den
Miniaturen des Attavante, s. Vasari IV, 41, vita di Fiesole. --
Die Namen Beider für Picinino und Sforza gebraucht, S. 100.

vielleicht einen andern Stoff gewählt, in deſſen Ermanglung3. Abſchnitt.
aber lag die Verherrlichung des ältern Scipio Africanus
dem XV. Jahrhundert ſo nahe, daß ſchon ein anderer
Dichter, Zanobi di Strada, ſich dieſe Aufgabe geſtellt hatte;
nur aus Hochachtung für Petrarca zog er ſein bereits vor-
gerücktes Gedicht zurück 1). Wenn es irgend eine Berech-
tigung für die Africa gab, ſo lag ſie darin, daß ſich da-
mals und ſpäter Jedermann für Scipio intereſſirte als
lebte er noch, daß er für größer galt als Alexander, Pom-
pejus und Cäſar2). Wie viele neuere Epopöen haben ſich
eines für ihre Zeit ſo populären, im Grunde hiſtoriſchen
und dennoch für die Anſchauung mythiſchen Gegenſtandes
zu rühmen? An ſich iſt das Gedicht jetzt freilich ganz un-
lesbar. Für andere hiſtoriſche Sujets müſſen wir auf die
Literaturgeſchichten verweiſen.

Reicher und ausgiebiger war ſchon das WeiterdichtenMythologiſche
und bucoliſche
Poeſie.

am antiken Mythus. das Ausfüllen der poetiſchen Lücken
in demſelben. Hier griff auch die italieniſche Dichtung
früh ein, ſchon mit der Teſeide des Boccaccio, welche als
deſſen beſtes poetiſches Werk gilt. Lateiniſch dichtete Maffeo
Vegio unter Martin V. ein dreizehntes Buch zur Aeneide;
dann finden ſich eine Anzahl kleinerer Verſuche zumal in der
Art des Claudian, eine Meleagris, eine Hesperis ꝛc. Das
Merkwürdigſte aber ſind die neu erſonnenen Mythen, welche
die ſchönſten Gegenden Italiens mit einer Urbevölkerung
von Göttern, Nymphen, Genien und auch Hirten erfüllen,
wie denn überhaupt hier das Epiſche und das Bucoliſche
nicht mehr zu trennen ſind. Daß in den bald erzählenden,

1) Filippo Villani, vite, p. 5.
2) Franc. Aleardi oratio in laudem Franc. Sfortiæ bei Murat. XXV.
Col.
384. — Bei der Parallele zwiſchen Scipio und Cäſar war
Guarino für den letztern, Poggio (Opera, epp. fol. 125. 134, s.)
für erſtern als für den Größten. — Scipio und Hannibal in den
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[253/0263] vielleicht einen andern Stoff gewählt, in deſſen Ermanglung aber lag die Verherrlichung des ältern Scipio Africanus dem XV. Jahrhundert ſo nahe, daß ſchon ein anderer Dichter, Zanobi di Strada, ſich dieſe Aufgabe geſtellt hatte; nur aus Hochachtung für Petrarca zog er ſein bereits vor- gerücktes Gedicht zurück 1). Wenn es irgend eine Berech- tigung für die Africa gab, ſo lag ſie darin, daß ſich da- mals und ſpäter Jedermann für Scipio intereſſirte als lebte er noch, daß er für größer galt als Alexander, Pom- pejus und Cäſar 2). Wie viele neuere Epopöen haben ſich eines für ihre Zeit ſo populären, im Grunde hiſtoriſchen und dennoch für die Anſchauung mythiſchen Gegenſtandes zu rühmen? An ſich iſt das Gedicht jetzt freilich ganz un- lesbar. Für andere hiſtoriſche Sujets müſſen wir auf die Literaturgeſchichten verweiſen. 3. Abſchnitt. Reicher und ausgiebiger war ſchon das Weiterdichten am antiken Mythus. das Ausfüllen der poetiſchen Lücken in demſelben. Hier griff auch die italieniſche Dichtung früh ein, ſchon mit der Teſeide des Boccaccio, welche als deſſen beſtes poetiſches Werk gilt. Lateiniſch dichtete Maffeo Vegio unter Martin V. ein dreizehntes Buch zur Aeneide; dann finden ſich eine Anzahl kleinerer Verſuche zumal in der Art des Claudian, eine Meleagris, eine Hesperis ꝛc. Das Merkwürdigſte aber ſind die neu erſonnenen Mythen, welche die ſchönſten Gegenden Italiens mit einer Urbevölkerung von Göttern, Nymphen, Genien und auch Hirten erfüllen, wie denn überhaupt hier das Epiſche und das Bucoliſche nicht mehr zu trennen ſind. Daß in den bald erzählenden, Mythologiſche und bucoliſche Poeſie. 1) Filippo Villani, vite, p. 5. 2) Franc. Aleardi oratio in laudem Franc. Sfortiæ bei Murat. XXV. Col. 384. — Bei der Parallele zwiſchen Scipio und Cäſar war Guarino für den letztern, Poggio (Opera, epp. fol. 125. 134, s.) für erſtern als für den Größten. — Scipio und Hannibal in den Miniaturen des Attavante, ſ. Vasari IV, 41, vita di Fiesole. — Die Namen Beider für Picinino und Sforza gebraucht, S. 100.

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Zitationshilfe: Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860, S. 253. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/263>, abgerufen am 11.05.2021.