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Brentano, Clemens: Gockel, Hinkel und Gackeleia. Frankfurt, 1838.

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sprach: "Ach Sissi, deine Vorwürfe zerschneiden mein Herz,
ich fühle, du hast recht; aber fasse Muth, gehe an das linke
Ohr und wende alle deine unwiderstehliche Redekunst an --
das linke Ohr geht zum Herzen, er erhört dich gewiß; o ich
Unglücklicher, daß ich in die verwünschten standesmäßigen
Redensarten gefallen bin!" -- Da erhob sich Sissi, und sprach:
"Wohlan, ich will es wagen." -- Leise, leise schlüpfte sie
wieder an das linke Ohr Gockels, nahm eine rührende Stel¬
lung an, kreuzte die Vorderpfötchen über der Brust, schlang
den Schweif wie einen Strick um den Hals, neigte das
Köpfchen gegen das Ohr, und flüsterte so fein und süß, daß
das Klopfen ihres bangen Herzchens schier lauter war, als
ihr Stimmchen.

Verehrter Herr! ich nahe dir
Bestürzt, beschämt und herzensbang;
Ich weiß, mein Bräutigam war hier
Und ziemlich grob vor nicht gar lang;
Auch war sein Siegel sehr apart,
Mit Recht hast du ihn angeschnarrt!
Weil er verwöhnt, von Noth entfernt,
Als einz'ger Prinz verzogen ward,
Hat er das Bitten nicht gelernt;
Drum, edler Mann, nimms nicht so hart!
Wie Grobseyn ihm, sey Höflichseyn
Dir leicht, weil du erzogen fein.
Er meints gewiß von Herzen gut,
Doch kömmt beim Sprechen er in Zug,
So regt sich sein erhabnes Blut,
Und er wird gröber als genug.
Bedenk, der Kinder Pfeife klingt,
Wie ihrer Eltern Orgel singt;
Doch reut's ihn immer hinterdrein,
Und in der Pudelmütze sitzt
Jetzt krumm das arme Sünderlein
Und seufzt und wimmert, daß es schwitzt,
Und schimpft, daß ihm die Hofmanier
So grob entfuhr zur Ungebühr.

ſprach: „Ach Siſſi, deine Vorwuͤrfe zerſchneiden mein Herz,
ich fuͤhle, du haſt recht; aber faſſe Muth, gehe an das linke
Ohr und wende alle deine unwiderſtehliche Redekunſt an —
das linke Ohr geht zum Herzen, er erhoͤrt dich gewiß; o ich
Ungluͤcklicher, daß ich in die verwuͤnſchten ſtandesmaͤßigen
Redensarten gefallen bin!“ — Da erhob ſich Siſſi, und ſprach:
„Wohlan, ich will es wagen.“ — Leiſe, leiſe ſchluͤpfte ſie
wieder an das linke Ohr Gockels, nahm eine ruͤhrende Stel¬
lung an, kreuzte die Vorderpfoͤtchen uͤber der Bruſt, ſchlang
den Schweif wie einen Strick um den Hals, neigte das
Koͤpfchen gegen das Ohr, und fluͤſterte ſo fein und ſuͤß, daß
das Klopfen ihres bangen Herzchens ſchier lauter war, als
ihr Stimmchen.

Verehrter Herr! ich nahe dir
Beſtuͤrzt, beſchaͤmt und herzensbang;
Ich weiß, mein Braͤutigam war hier
Und ziemlich grob vor nicht gar lang;
Auch war ſein Siegel ſehr apart,
Mit Recht haſt du ihn angeſchnarrt!
Weil er verwoͤhnt, von Noth entfernt,
Als einz'ger Prinz verzogen ward,
Hat er das Bitten nicht gelernt;
Drum, edler Mann, nimms nicht ſo hart!
Wie Grobſeyn ihm, ſey Hoͤflichſeyn
Dir leicht, weil du erzogen fein.
Er meints gewiß von Herzen gut,
Doch koͤmmt beim Sprechen er in Zug,
So regt ſich ſein erhabnes Blut,
Und er wird groͤber als genug.
Bedenk, der Kinder Pfeife klingt,
Wie ihrer Eltern Orgel ſingt;
Doch reut's ihn immer hinterdrein,
Und in der Pudelmuͤtze ſitzt
Jetzt krumm das arme Suͤnderlein
Und ſeufzt und wimmert, daß es ſchwitzt,
Und ſchimpft, daß ihm die Hofmanier
So grob entfuhr zur Ungebuͤhr.
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[23/0049] ſprach: „Ach Siſſi, deine Vorwuͤrfe zerſchneiden mein Herz, ich fuͤhle, du haſt recht; aber faſſe Muth, gehe an das linke Ohr und wende alle deine unwiderſtehliche Redekunſt an — das linke Ohr geht zum Herzen, er erhoͤrt dich gewiß; o ich Ungluͤcklicher, daß ich in die verwuͤnſchten ſtandesmaͤßigen Redensarten gefallen bin!“ — Da erhob ſich Siſſi, und ſprach: „Wohlan, ich will es wagen.“ — Leiſe, leiſe ſchluͤpfte ſie wieder an das linke Ohr Gockels, nahm eine ruͤhrende Stel¬ lung an, kreuzte die Vorderpfoͤtchen uͤber der Bruſt, ſchlang den Schweif wie einen Strick um den Hals, neigte das Koͤpfchen gegen das Ohr, und fluͤſterte ſo fein und ſuͤß, daß das Klopfen ihres bangen Herzchens ſchier lauter war, als ihr Stimmchen. Verehrter Herr! ich nahe dir Beſtuͤrzt, beſchaͤmt und herzensbang; Ich weiß, mein Braͤutigam war hier Und ziemlich grob vor nicht gar lang; Auch war ſein Siegel ſehr apart, Mit Recht haſt du ihn angeſchnarrt! Weil er verwoͤhnt, von Noth entfernt, Als einz'ger Prinz verzogen ward, Hat er das Bitten nicht gelernt; Drum, edler Mann, nimms nicht ſo hart! Wie Grobſeyn ihm, ſey Hoͤflichſeyn Dir leicht, weil du erzogen fein. Er meints gewiß von Herzen gut, Doch koͤmmt beim Sprechen er in Zug, So regt ſich ſein erhabnes Blut, Und er wird groͤber als genug. Bedenk, der Kinder Pfeife klingt, Wie ihrer Eltern Orgel ſingt; Doch reut's ihn immer hinterdrein, Und in der Pudelmuͤtze ſitzt Jetzt krumm das arme Suͤnderlein Und ſeufzt und wimmert, daß es ſchwitzt, Und ſchimpft, daß ihm die Hofmanier So grob entfuhr zur Ungebuͤhr.

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Zitationshilfe: Brentano, Clemens: Gockel, Hinkel und Gackeleia. Frankfurt, 1838, S. 23. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/brentano_gockel_1838/49>, abgerufen am 12.04.2021.