Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Braun, Karl: Die Vagabundenfrage. Berlin, 1883.

Bild:
<< vorherige Seite

Endlich kommt aber auch er auf die Prügel zurück, "Prügel,
Prügel und immer Prügel", die heute das Universalmittel sein
sollen gegen alle gesellschaftlichen Krankheiten. Herr Strosser
unterläßt aber als ehrlicher Mann nicht, hinzuzufügen, daß er
mit seinem Prügel-Antrage durchgefallen ist in einer Conferenz
der Beamten deutscher Strafanstalten, die in Stuttgart statt-
gefunden hat, daß die Majorität sich gegen diese seine Auf-
fassung erklärt hat, mit dem Anfügen, daß ein solches Mittel
schlimmer sei als die Krankheit, und daß ein einsichtiger Straf-
anstaltsdirector auch ohne solche Mittel im Stande sein müsse,
diese Krankheit zu heilen.

Ich komme nun noch zurück auf das Echo, welches diese
Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses gefunden
haben in der Sitzung des deutschen Reichstages vom 1. Fe-
bruar 1883.

In dieser Sitzung versuchte das verehrliche Mitglied Herr
Stöcker eine Rede zu halten beim Kapitel Oberpostdirectoren,
eine Rede nicht über die Oberpostdirectoren, sondern über die
Sonntagsfeier, was ihm nicht ganz gelang, weil es ja nicht in
Uebereinstimmung war mit der Tagesordnung, und der Präsident
Freiherr v. Frankenstein ihn hindern mußte in dem vollen Erguß
seiner oratorischen Talente. Er sprach nicht blos von der Sonn-
tagsfeier, er machte auch einen Abstecher auf den Unterstützungs-
wohnsitz. Er sagte: "Können wir leugnen, daß eine Menge von
Gesetzen, die in den letzten Jahrzehnten gegeben sind, unseren
Volksgeist verwirrt hat, daß der Unterstützungswohnsitz die
Vagabondage beförderte, können wir das leugnen?"

Sie sehen also, daß diese Dinge sich bereits zu einem
Dogma, zu einem Glaubensbekenntniß verdichtet haben, daß kein
Mensch sie leugnen darf, ohne aufzuhören, ich will nicht sagen
ein Mensch, aber doch wenigstens ein "frommer Mensch" zu
sein. Ja, weiß man denn nicht, daß die Freizügigkeit schon
unter Friedrich dem Großen eingeführt werden sollte durch Ab-
schaffung der Leibeigenschaft? Friedrich II. hatte schon den
Befehl gegeben, daß in Pommern die Leibeigenschaft aufgehoben
werden sollte. Da hat ihm die pommersche Ritterschaft Vorstel-
lungen gemacht und gesagt: Majestät, das geht nicht, dann haben
wir keine billigen Arbeitskräfte mehr, wir müssen diese Bauern,
sowie deren Buben und Mädchen haben, die für 3 Thaler per Jahr

Endlich kommt aber auch er auf die Prügel zurück, «Prügel,
Prügel und immer Prügel», die heute das Universalmittel sein
sollen gegen alle gesellschaftlichen Krankheiten. Herr Strosser
unterläßt aber als ehrlicher Mann nicht, hinzuzufügen, daß er
mit seinem Prügel-Antrage durchgefallen ist in einer Conferenz
der Beamten deutscher Strafanstalten, die in Stuttgart statt-
gefunden hat, daß die Majorität sich gegen diese seine Auf-
fassung erklärt hat, mit dem Anfügen, daß ein solches Mittel
schlimmer sei als die Krankheit, und daß ein einsichtiger Straf-
anstaltsdirector auch ohne solche Mittel im Stande sein müsse,
diese Krankheit zu heilen.

Ich komme nun noch zurück auf das Echo, welches diese
Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses gefunden
haben in der Sitzung des deutschen Reichstages vom 1. Fe-
bruar 1883.

In dieser Sitzung versuchte das verehrliche Mitglied Herr
Stöcker eine Rede zu halten beim Kapitel Oberpostdirectoren,
eine Rede nicht über die Oberpostdirectoren, sondern über die
Sonntagsfeier, was ihm nicht ganz gelang, weil es ja nicht in
Uebereinstimmung war mit der Tagesordnung, und der Präsident
Freiherr v. Frankenstein ihn hindern mußte in dem vollen Erguß
seiner oratorischen Talente. Er sprach nicht blos von der Sonn-
tagsfeier, er machte auch einen Abstecher auf den Unterstützungs-
wohnsitz. Er sagte: «Können wir leugnen, daß eine Menge von
Gesetzen, die in den letzten Jahrzehnten gegeben sind, unseren
Volksgeist verwirrt hat, daß der Unterstützungswohnsitz die
Vagabondage beförderte, können wir das leugnen?»

Sie sehen also, daß diese Dinge sich bereits zu einem
Dogma, zu einem Glaubensbekenntniß verdichtet haben, daß kein
Mensch sie leugnen darf, ohne aufzuhören, ich will nicht sagen
ein Mensch, aber doch wenigstens ein «frommer Mensch» zu
sein. Ja, weiß man denn nicht, daß die Freizügigkeit schon
unter Friedrich dem Großen eingeführt werden sollte durch Ab-
schaffung der Leibeigenschaft? Friedrich II. hatte schon den
Befehl gegeben, daß in Pommern die Leibeigenschaft aufgehoben
werden sollte. Da hat ihm die pommersche Ritterschaft Vorstel-
lungen gemacht und gesagt: Majestät, das geht nicht, dann haben
wir keine billigen Arbeitskräfte mehr, wir müssen diese Bauern,
sowie deren Buben und Mädchen haben, die für 3 Thaler per Jahr

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0032" n="30"/>
        <p>Endlich kommt aber auch er auf die Prügel zurück, «Prügel,<lb/>
Prügel und immer Prügel», die heute das Universalmittel sein<lb/>
sollen gegen alle gesellschaftlichen Krankheiten. Herr Strosser<lb/>
unterläßt aber als ehrlicher Mann nicht, hinzuzufügen, daß er<lb/>
mit seinem Prügel-Antrage durchgefallen ist in einer Conferenz<lb/>
der Beamten deutscher Strafanstalten, die in Stuttgart statt-<lb/>
gefunden hat, daß die Majorität sich gegen diese seine Auf-<lb/>
fassung erklärt hat, mit dem Anfügen, daß ein solches Mittel<lb/>
schlimmer sei als die Krankheit, und daß ein einsichtiger Straf-<lb/>
anstaltsdirector auch ohne solche Mittel im Stande sein müsse,<lb/>
diese Krankheit zu heilen.</p><lb/>
        <p>Ich komme nun noch zurück auf das Echo, welches diese<lb/>
Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses gefunden<lb/>
haben in der Sitzung des deutschen Reichstages vom 1. Fe-<lb/>
bruar 1883.</p><lb/>
        <p>In dieser Sitzung versuchte das verehrliche Mitglied Herr<lb/>
Stöcker eine Rede zu halten beim Kapitel Oberpostdirectoren,<lb/>
eine Rede nicht über die Oberpostdirectoren, sondern über die<lb/>
Sonntagsfeier, was ihm nicht ganz gelang, weil es ja nicht in<lb/>
Uebereinstimmung war mit der Tagesordnung, und der Präsident<lb/>
Freiherr v. Frankenstein ihn hindern mußte in dem vollen Erguß<lb/>
seiner oratorischen Talente. Er sprach nicht blos von der Sonn-<lb/>
tagsfeier, er machte auch einen Abstecher auf den Unterstützungs-<lb/>
wohnsitz. Er sagte: «Können wir leugnen, daß eine Menge von<lb/>
Gesetzen, die in den letzten Jahrzehnten gegeben sind, unseren<lb/>
Volksgeist verwirrt hat, daß der Unterstützungswohnsitz die<lb/>
Vagabondage beförderte, können wir das leugnen?»</p><lb/>
        <p>Sie sehen also, daß diese Dinge sich bereits zu einem<lb/>
Dogma, zu einem Glaubensbekenntniß verdichtet haben, daß kein<lb/>
Mensch sie leugnen darf, ohne aufzuhören, ich will nicht sagen<lb/>
ein Mensch, aber doch wenigstens ein «frommer Mensch» zu<lb/>
sein. Ja, weiß man denn nicht, daß die Freizügigkeit schon<lb/>
unter Friedrich dem Großen eingeführt werden sollte durch Ab-<lb/>
schaffung der Leibeigenschaft? Friedrich II. hatte schon den<lb/>
Befehl gegeben, daß in Pommern die Leibeigenschaft aufgehoben<lb/>
werden sollte. Da hat ihm die pommersche Ritterschaft Vorstel-<lb/>
lungen gemacht und gesagt: Majestät, das geht nicht, dann haben<lb/>
wir keine billigen Arbeitskräfte mehr, wir müssen diese Bauern,<lb/>
sowie deren Buben und Mädchen haben, die für 3 Thaler per Jahr<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[30/0032] Endlich kommt aber auch er auf die Prügel zurück, «Prügel, Prügel und immer Prügel», die heute das Universalmittel sein sollen gegen alle gesellschaftlichen Krankheiten. Herr Strosser unterläßt aber als ehrlicher Mann nicht, hinzuzufügen, daß er mit seinem Prügel-Antrage durchgefallen ist in einer Conferenz der Beamten deutscher Strafanstalten, die in Stuttgart statt- gefunden hat, daß die Majorität sich gegen diese seine Auf- fassung erklärt hat, mit dem Anfügen, daß ein solches Mittel schlimmer sei als die Krankheit, und daß ein einsichtiger Straf- anstaltsdirector auch ohne solche Mittel im Stande sein müsse, diese Krankheit zu heilen. Ich komme nun noch zurück auf das Echo, welches diese Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses gefunden haben in der Sitzung des deutschen Reichstages vom 1. Fe- bruar 1883. In dieser Sitzung versuchte das verehrliche Mitglied Herr Stöcker eine Rede zu halten beim Kapitel Oberpostdirectoren, eine Rede nicht über die Oberpostdirectoren, sondern über die Sonntagsfeier, was ihm nicht ganz gelang, weil es ja nicht in Uebereinstimmung war mit der Tagesordnung, und der Präsident Freiherr v. Frankenstein ihn hindern mußte in dem vollen Erguß seiner oratorischen Talente. Er sprach nicht blos von der Sonn- tagsfeier, er machte auch einen Abstecher auf den Unterstützungs- wohnsitz. Er sagte: «Können wir leugnen, daß eine Menge von Gesetzen, die in den letzten Jahrzehnten gegeben sind, unseren Volksgeist verwirrt hat, daß der Unterstützungswohnsitz die Vagabondage beförderte, können wir das leugnen?» Sie sehen also, daß diese Dinge sich bereits zu einem Dogma, zu einem Glaubensbekenntniß verdichtet haben, daß kein Mensch sie leugnen darf, ohne aufzuhören, ich will nicht sagen ein Mensch, aber doch wenigstens ein «frommer Mensch» zu sein. Ja, weiß man denn nicht, daß die Freizügigkeit schon unter Friedrich dem Großen eingeführt werden sollte durch Ab- schaffung der Leibeigenschaft? Friedrich II. hatte schon den Befehl gegeben, daß in Pommern die Leibeigenschaft aufgehoben werden sollte. Da hat ihm die pommersche Ritterschaft Vorstel- lungen gemacht und gesagt: Majestät, das geht nicht, dann haben wir keine billigen Arbeitskräfte mehr, wir müssen diese Bauern, sowie deren Buben und Mädchen haben, die für 3 Thaler per Jahr

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/braun_vagabundenfrage_1883
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/braun_vagabundenfrage_1883/32
Zitationshilfe: Braun, Karl: Die Vagabundenfrage. Berlin, 1883, S. 30. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/braun_vagabundenfrage_1883/32>, abgerufen am 29.11.2021.