Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Braun, Lily: Die Frauen und die Politik. Berlin, 1903.

Bild:
<< vorherige Seite

der Ueberschuß den Unternehmer immer mehr bereichern hilft, so lange
muß das Proletariat unfrei, geknechtet bleiben. Diese Unfreiheit
erniedrigt die Frau noch mehr als den Mann, denn unter dem Druck
der Abhängigkeit und der Not muß sie nicht nur ihre Arbeitskraft,
nein, nur zu oft auch ihren Leib verkaufen. Aber die kapitalistische
Wirthschaftsordnung, die zu diesen Zuständen geführt hat, trägt den
Keim ihrer Auflösung in sich. Denn je weiter sie sich entwickelt, eine
desto größere Zahl abhängiger Existenzen schafft sie, die sich noth-
wendiger Weise zusammenschließen, um sich immer energischer gegen
eine Wirthschaftsordnung zu empören, die zu Gunsten Weniger die
Vielen entrechtet. Auf diese Weise, als ein Kind der kapitalistischen
Entwickelung, ist die Sozialdemokratie entstanden, jene Partei, die
uns noch zu beurtheilen übrig bleibt.

Ein wichtiges Merkmal unterscheidet sie von allen anderen
Parteien: sie vertritt eine wissenschaftliche Weltanschauung, den
Sozialismus, und nicht allein ein Klasseninteresse. Und sie kämpft
nicht, wie die anderen Parteien, mehr oder weniger planlos um die
Erringung einzelner Vortheile oder um die Zurückeroberung über-
wundener Vorrechte und Freiheiten, sondern sie hat sich in den Dienst
der von ihren großen Vorkämpfern entdeckten Entwickelungsgesetze
gestellt, und kann darum siegesbewusst ihrem Ziel entgegengehen.
Dieses Ziel, wohin die ökonomische wie die politische Entwickelung
drängt, ist der Ersatz der kapitalistischen Wirthschaftsordnung durch
eine sozialistische, in der die Arbeitsmittel, - Fabriken, Bergwerke,
Grund und Boden usw., - sich nicht mehr im Besitz von Privat-
eigenthümern befinden, die sie lediglich zur Verfolgung ihrer persön-
lichen egoistischen Ziele ausnutzen, sondern in den Händen der
Gesammtheit, die die Produktion nunmehr zum allgemeinen Besten
regeln und die Kulturgüter der Menschheit, vom Brot an bis zum
höchsten Kunstgenuß, Allen zugänglich machen kann. Dieses Ziel zu
erreichen, muß selbstverständlich im Jnteresse aller Abhängigen, aller
Entrechteten und Unterdrückten, mit anderen Worten im Jnteresse
aller Derer liegen, die wir heute unter dem Namen Proletarier
zusammenfassen. Sie bilden, infolge ihrer Jnteressengemeinschaft,
eine Klasse, und der Kampf, den sie führen, ist nothwendig ein
Klassenkampf.

Die Sozialdemokratie, als ihre politische Vertretung, hat für
ihre praktische Wirksamkeit demnach eine doppelte Aufgabe: sie muß
von der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung Alles zu erreichen suchen,
wodurch die materielle und geistige Existenz des Proletariats gesichert
und auf eine höhere Stufe gehoben werden kann, und muß zu gleicher
Zeit Schritt um Schritt zu ihrem Ziele vorwärts dringen. Beides
aber ist im Grunde nur eine Arbeit: denn der Wert alles dessen, was
im Einzelnen zu erringen ist, muß stets daran geprüft werden, ob
es auch zu gleicher Zeit dem Fortschritt des Ganzen dient. Wenn
die Sozialdemokratie z. B. für einen hochentwickelten Arbeiterschutz

der Ueberschuß den Unternehmer immer mehr bereichern hilft, so lange
muß das Proletariat unfrei, geknechtet bleiben. Diese Unfreiheit
erniedrigt die Frau noch mehr als den Mann, denn unter dem Druck
der Abhängigkeit und der Not muß sie nicht nur ihre Arbeitskraft,
nein, nur zu oft auch ihren Leib verkaufen. Aber die kapitalistische
Wirthschaftsordnung, die zu diesen Zuständen geführt hat, trägt den
Keim ihrer Auflösung in sich. Denn je weiter sie sich entwickelt, eine
desto größere Zahl abhängiger Existenzen schafft sie, die sich noth-
wendiger Weise zusammenschließen, um sich immer energischer gegen
eine Wirthschaftsordnung zu empören, die zu Gunsten Weniger die
Vielen entrechtet. Auf diese Weise, als ein Kind der kapitalistischen
Entwickelung, ist die Sozialdemokratie entstanden, jene Partei, die
uns noch zu beurtheilen übrig bleibt.

Ein wichtiges Merkmal unterscheidet sie von allen anderen
Parteien: sie vertritt eine wissenschaftliche Weltanschauung, den
Sozialismus, und nicht allein ein Klasseninteresse. Und sie kämpft
nicht, wie die anderen Parteien, mehr oder weniger planlos um die
Erringung einzelner Vortheile oder um die Zurückeroberung über-
wundener Vorrechte und Freiheiten, sondern sie hat sich in den Dienst
der von ihren großen Vorkämpfern entdeckten Entwickelungsgesetze
gestellt, und kann darum siegesbewusst ihrem Ziel entgegengehen.
Dieses Ziel, wohin die ökonomische wie die politische Entwickelung
drängt, ist der Ersatz der kapitalistischen Wirthschaftsordnung durch
eine sozialistische, in der die Arbeitsmittel, – Fabriken, Bergwerke,
Grund und Boden usw., – sich nicht mehr im Besitz von Privat-
eigenthümern befinden, die sie lediglich zur Verfolgung ihrer persön-
lichen egoistischen Ziele ausnutzen, sondern in den Händen der
Gesammtheit, die die Produktion nunmehr zum allgemeinen Besten
regeln und die Kulturgüter der Menschheit, vom Brot an bis zum
höchsten Kunstgenuß, Allen zugänglich machen kann. Dieses Ziel zu
erreichen, muß selbstverständlich im Jnteresse aller Abhängigen, aller
Entrechteten und Unterdrückten, mit anderen Worten im Jnteresse
aller Derer liegen, die wir heute unter dem Namen Proletarier
zusammenfassen. Sie bilden, infolge ihrer Jnteressengemeinschaft,
eine Klasse, und der Kampf, den sie führen, ist nothwendig ein
Klassenkampf.

Die Sozialdemokratie, als ihre politische Vertretung, hat für
ihre praktische Wirksamkeit demnach eine doppelte Aufgabe: sie muß
von der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung Alles zu erreichen suchen,
wodurch die materielle und geistige Existenz des Proletariats gesichert
und auf eine höhere Stufe gehoben werden kann, und muß zu gleicher
Zeit Schritt um Schritt zu ihrem Ziele vorwärts dringen. Beides
aber ist im Grunde nur eine Arbeit: denn der Wert alles dessen, was
im Einzelnen zu erringen ist, muß stets daran geprüft werden, ob
es auch zu gleicher Zeit dem Fortschritt des Ganzen dient. Wenn
die Sozialdemokratie z. B. für einen hochentwickelten Arbeiterschutz

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0037" n="38"/>
der Ueberschuß den Unternehmer immer mehr                         bereichern hilft, so lange<lb/>
muß das Proletariat unfrei, geknechtet                         bleiben. Diese Unfreiheit<lb/>
erniedrigt die Frau noch mehr als den Mann,                         denn unter dem Druck<lb/>
der Abhängigkeit und der Not muß sie nicht nur                         ihre Arbeitskraft,<lb/>
nein, nur zu oft auch ihren Leib verkaufen. Aber die                         kapitalistische<lb/>
Wirthschaftsordnung, die zu diesen Zuständen geführt                         hat, trägt den<lb/>
Keim ihrer Auflösung in sich. Denn je weiter sie sich                         entwickelt, eine<lb/>
desto größere Zahl abhängiger Existenzen schafft sie,                         die sich noth-<lb/>
wendiger Weise zusammenschließen, um sich immer                         energischer gegen<lb/>
eine Wirthschaftsordnung zu empören, die zu Gunsten                         Weniger die<lb/>
Vielen entrechtet. Auf diese Weise, als ein Kind der                         kapitalistischen<lb/>
Entwickelung, ist die <hi rendition="#b">Sozialdemokratie</hi> entstanden, jene Partei, die<lb/>
uns noch zu                         beurtheilen übrig bleibt.</p><lb/>
          <p>Ein wichtiges Merkmal unterscheidet sie von allen anderen<lb/>
Parteien: sie                         vertritt eine wissenschaftliche Weltanschauung, den<lb/>
Sozialismus, und                         nicht allein ein Klasseninteresse. Und sie kämpft<lb/>
nicht, wie die                         anderen Parteien, mehr oder weniger planlos um die<lb/>
Erringung einzelner                         Vortheile oder um die Zurückeroberung über-<lb/>
wundener Vorrechte und                         Freiheiten, sondern sie hat sich in den Dienst<lb/>
der von ihren großen                         Vorkämpfern entdeckten Entwickelungsgesetze<lb/>
gestellt, und kann darum                         siegesbewusst ihrem Ziel entgegengehen.<lb/>
Dieses Ziel, wohin die                         ökonomische wie die politische Entwickelung<lb/>
drängt, ist der Ersatz der                         kapitalistischen Wirthschaftsordnung durch<lb/>
eine sozialistische, in der                         die Arbeitsmittel, &#x2013; Fabriken, Bergwerke,<lb/>
Grund und Boden usw.,                         &#x2013; sich nicht mehr im Besitz von Privat-<lb/>
eigenthümern befinden,                         die sie lediglich zur Verfolgung ihrer persön-<lb/>
lichen egoistischen                         Ziele ausnutzen, sondern in den Händen der<lb/>
Gesammtheit, die die                         Produktion nunmehr zum allgemeinen Besten<lb/>
regeln und die Kulturgüter                         der Menschheit, vom Brot an bis zum<lb/>
höchsten Kunstgenuß, Allen                         zugänglich machen kann. Dieses Ziel zu<lb/>
erreichen, muß                         selbstverständlich im Jnteresse aller Abhängigen, aller<lb/>
Entrechteten                         und Unterdrückten, mit anderen Worten im Jnteresse<lb/>
aller Derer liegen,                         die wir heute unter dem Namen Proletarier<lb/>
zusammenfassen. Sie bilden,                         infolge ihrer Jnteressengemeinschaft,<lb/>
eine Klasse, und der Kampf, den                         sie führen, ist nothwendig ein<lb/>
Klassenkampf.</p><lb/>
          <p>Die Sozialdemokratie, als ihre politische Vertretung, hat für<lb/>
ihre                         praktische Wirksamkeit demnach eine doppelte Aufgabe: sie muß<lb/>
von der                         gegenwärtigen Gesellschaftsordnung Alles zu erreichen suchen,<lb/>
wodurch                         die materielle und geistige Existenz des Proletariats gesichert<lb/>
und auf                         eine höhere Stufe gehoben werden kann, und muß zu gleicher<lb/>
Zeit Schritt                         um Schritt zu ihrem Ziele vorwärts dringen. Beides<lb/>
aber ist im Grunde                         nur eine Arbeit: denn der Wert alles dessen, was<lb/>
im Einzelnen zu                         erringen ist, muß stets daran geprüft werden, ob<lb/>
es auch zu gleicher                         Zeit dem Fortschritt des Ganzen dient. Wenn<lb/>
die Sozialdemokratie z. B.                         für einen hochentwickelten Arbeiterschutz<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[38/0037] der Ueberschuß den Unternehmer immer mehr bereichern hilft, so lange muß das Proletariat unfrei, geknechtet bleiben. Diese Unfreiheit erniedrigt die Frau noch mehr als den Mann, denn unter dem Druck der Abhängigkeit und der Not muß sie nicht nur ihre Arbeitskraft, nein, nur zu oft auch ihren Leib verkaufen. Aber die kapitalistische Wirthschaftsordnung, die zu diesen Zuständen geführt hat, trägt den Keim ihrer Auflösung in sich. Denn je weiter sie sich entwickelt, eine desto größere Zahl abhängiger Existenzen schafft sie, die sich noth- wendiger Weise zusammenschließen, um sich immer energischer gegen eine Wirthschaftsordnung zu empören, die zu Gunsten Weniger die Vielen entrechtet. Auf diese Weise, als ein Kind der kapitalistischen Entwickelung, ist die Sozialdemokratie entstanden, jene Partei, die uns noch zu beurtheilen übrig bleibt. Ein wichtiges Merkmal unterscheidet sie von allen anderen Parteien: sie vertritt eine wissenschaftliche Weltanschauung, den Sozialismus, und nicht allein ein Klasseninteresse. Und sie kämpft nicht, wie die anderen Parteien, mehr oder weniger planlos um die Erringung einzelner Vortheile oder um die Zurückeroberung über- wundener Vorrechte und Freiheiten, sondern sie hat sich in den Dienst der von ihren großen Vorkämpfern entdeckten Entwickelungsgesetze gestellt, und kann darum siegesbewusst ihrem Ziel entgegengehen. Dieses Ziel, wohin die ökonomische wie die politische Entwickelung drängt, ist der Ersatz der kapitalistischen Wirthschaftsordnung durch eine sozialistische, in der die Arbeitsmittel, – Fabriken, Bergwerke, Grund und Boden usw., – sich nicht mehr im Besitz von Privat- eigenthümern befinden, die sie lediglich zur Verfolgung ihrer persön- lichen egoistischen Ziele ausnutzen, sondern in den Händen der Gesammtheit, die die Produktion nunmehr zum allgemeinen Besten regeln und die Kulturgüter der Menschheit, vom Brot an bis zum höchsten Kunstgenuß, Allen zugänglich machen kann. Dieses Ziel zu erreichen, muß selbstverständlich im Jnteresse aller Abhängigen, aller Entrechteten und Unterdrückten, mit anderen Worten im Jnteresse aller Derer liegen, die wir heute unter dem Namen Proletarier zusammenfassen. Sie bilden, infolge ihrer Jnteressengemeinschaft, eine Klasse, und der Kampf, den sie führen, ist nothwendig ein Klassenkampf. Die Sozialdemokratie, als ihre politische Vertretung, hat für ihre praktische Wirksamkeit demnach eine doppelte Aufgabe: sie muß von der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung Alles zu erreichen suchen, wodurch die materielle und geistige Existenz des Proletariats gesichert und auf eine höhere Stufe gehoben werden kann, und muß zu gleicher Zeit Schritt um Schritt zu ihrem Ziele vorwärts dringen. Beides aber ist im Grunde nur eine Arbeit: denn der Wert alles dessen, was im Einzelnen zu erringen ist, muß stets daran geprüft werden, ob es auch zu gleicher Zeit dem Fortschritt des Ganzen dient. Wenn die Sozialdemokratie z. B. für einen hochentwickelten Arbeiterschutz

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Texte der ersten Frauenbewegung, betreut von Anna Pfundt und Thomas Gloning, JLU Gießen: Bereitstellung der Texttranskription. (2022-08-30T16:52:29Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Anna Pfundt, Dennis Dietrich: Bearbeitung der digitalen Edition. (2022-08-30T16:52:29Z)

Weitere Informationen:

Bogensignaturen: gekennzeichnet; Druckfehler: gekennzeichnet; fremdsprachliches Material: keine Angabe; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): gekennzeichnet; I/J in Fraktur: wie Vorlage; i/j in Fraktur: keine Angabe; Kolumnentitel: keine Angabe; Kustoden: keine Angabe; langes s (ſ): als s transkribiert; Normalisierungen: keine Angabe; rundes r (ꝛ): keine Angabe; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: wie Vorlage; u/v bzw. U/V: keine Angabe; Vokale mit übergest. e: keine Angabe; Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: ja;




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/braun_frauen_1903
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/braun_frauen_1903/37
Zitationshilfe: Braun, Lily: Die Frauen und die Politik. Berlin, 1903, S. 38. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/braun_frauen_1903/37>, abgerufen am 09.02.2023.