Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Braun, Lily: Die Frauen und die Politik. Berlin, 1903.

Bild:
<< vorherige Seite

eintritt, so thut sie es nicht nur, um dem Arbeiter gegenwärtig das
Leben zu erleichtern, sondern auch, weil sie weiß, daß ein durch
schlechte Arbeitsbedingungen verelendetes, körperlich schwaches, geistig
stumpfes Proletariat nie und nimmer Vorkämpfer und Träger des
Sozialismus sein kann. Und wenn sie für die Rechte der Frau
kämpft, wie keine andere Partei, so thut sie es nicht allein, um das
weibliche Geschlecht aus einer menschenunwürdigen Lage zu befreien,
sondern noch weit mehr deshalb, weil sie die Ueberzeugung hat, daß
nur geistig freie starke Frauen ein Geschlecht freier Männer gebären
und erziehen können, das fähig ist, den Sozialismus zum Siege zu
führen.

Das kommunistische Manifest, das bedeutendste historische
Dokument, das den Anfang des wissenschaftlichen Sozialismus be-
zeichnet, und 1847 erschien, weist bereits den engen Zusammenhang
zwischen Frauen- und Arbeiterfrage nach, indem es darstellt, wie die
gegenwärtigen Produktionsverhältnisse die Frauen des Proletariats
mehr und mehr in die große Armee der Jndustriesoldaten hinein-
ziehen. Auf Grund dieser Erkenntniß ist die Sozialdemokratie, indem
sie die Partei der unterdrückten und beherrschten Klasse wurde, die
Partei der Frauen geworden. Jn ihrem Programm, das ihre Grund-
sätze enthält, wird gefordert: Abschaffung aller Gesetze, welche die
Frau in öffentlich- und privatrechtlicher Beziehung gegenüber dem
Manne benachtheiligen. Und in Wort und Schrift, durch die Vorlage
eigener Gesetzentwürfe, wie durch Bekämpfung aller Gesetze, die dem
weiblichen Geschlecht Unrecht thun oder zum Schaden gereichen könnten,
hat sie ihrem Programm gemäß gehandelt.

Schon im Jahre 1877 brachten die Sozialdemokraten im Reichs-
tage einen Antrag zur Abänderung der Gewerbe-Ordnung ein, der
sich eingehend mit der Lage der Arbeiterinnen beschäftigte, und For-
derungen aufstellte - Beschränkung der Arbeitszeit, Verbot der Nacht-
arbeit, der Arbeit unter Tage, auf Hochbauten und an im Gange
befindlichen Maschinen -, die damals abgelehnt, dreizehn Jahre
später aber von der Regierung zum Theil selbst wieder aufgenommen
und zum Gesetz erhoben wurden. Damals schon forderte die Partei
einen ausgedehnten gesetzlichen Wöchnerinnenschutz, der auch eine drei-
wöchige Ruhepause vor der Entbindung umfassen sollte. Dem un-
ablässigen Druck, der energischen Agitation durch die Partei war es
zu verdanken, daß auch die anderen Parteien, wenn sie nicht
alle ihre Anhänger aus Arbeiterkreisen verlieren wollten, sich
gezwungen sahen, Arbeiterschutzforderungen aufzustellen, und daß
die Regierung, voller Besorgniß angesichts der wachsenden Unzu-
friedenheit breiter Volksschichten, sich entschloß, die Arbeiter-
versicherungs-Gesetzgebung in Angriff zu nehmen. Selbst Bismarck,
der grimmigste Feind der Sozialdemokratie, mußte öffentlich an-
erkennen, daß ohne ihr Vorgehen von Sozialreform in Deutschland
noch keine Rede sein würde. Einerseits war und ist es die Furcht vor

eintritt, so thut sie es nicht nur, um dem Arbeiter gegenwärtig das
Leben zu erleichtern, sondern auch, weil sie weiß, daß ein durch
schlechte Arbeitsbedingungen verelendetes, körperlich schwaches, geistig
stumpfes Proletariat nie und nimmer Vorkämpfer und Träger des
Sozialismus sein kann. Und wenn sie für die Rechte der Frau
kämpft, wie keine andere Partei, so thut sie es nicht allein, um das
weibliche Geschlecht aus einer menschenunwürdigen Lage zu befreien,
sondern noch weit mehr deshalb, weil sie die Ueberzeugung hat, daß
nur geistig freie starke Frauen ein Geschlecht freier Männer gebären
und erziehen können, das fähig ist, den Sozialismus zum Siege zu
führen.

Das kommunistische Manifest, das bedeutendste historische
Dokument, das den Anfang des wissenschaftlichen Sozialismus be-
zeichnet, und 1847 erschien, weist bereits den engen Zusammenhang
zwischen Frauen- und Arbeiterfrage nach, indem es darstellt, wie die
gegenwärtigen Produktionsverhältnisse die Frauen des Proletariats
mehr und mehr in die große Armee der Jndustriesoldaten hinein-
ziehen. Auf Grund dieser Erkenntniß ist die Sozialdemokratie, indem
sie die Partei der unterdrückten und beherrschten Klasse wurde, die
Partei der Frauen geworden. Jn ihrem Programm, das ihre Grund-
sätze enthält, wird gefordert: Abschaffung aller Gesetze, welche die
Frau in öffentlich- und privatrechtlicher Beziehung gegenüber dem
Manne benachtheiligen. Und in Wort und Schrift, durch die Vorlage
eigener Gesetzentwürfe, wie durch Bekämpfung aller Gesetze, die dem
weiblichen Geschlecht Unrecht thun oder zum Schaden gereichen könnten,
hat sie ihrem Programm gemäß gehandelt.

Schon im Jahre 1877 brachten die Sozialdemokraten im Reichs-
tage einen Antrag zur Abänderung der Gewerbe-Ordnung ein, der
sich eingehend mit der Lage der Arbeiterinnen beschäftigte, und For-
derungen aufstellte – Beschränkung der Arbeitszeit, Verbot der Nacht-
arbeit, der Arbeit unter Tage, auf Hochbauten und an im Gange
befindlichen Maschinen –, die damals abgelehnt, dreizehn Jahre
später aber von der Regierung zum Theil selbst wieder aufgenommen
und zum Gesetz erhoben wurden. Damals schon forderte die Partei
einen ausgedehnten gesetzlichen Wöchnerinnenschutz, der auch eine drei-
wöchige Ruhepause vor der Entbindung umfassen sollte. Dem un-
ablässigen Druck, der energischen Agitation durch die Partei war es
zu verdanken, daß auch die anderen Parteien, wenn sie nicht
alle ihre Anhänger aus Arbeiterkreisen verlieren wollten, sich
gezwungen sahen, Arbeiterschutzforderungen aufzustellen, und daß
die Regierung, voller Besorgniß angesichts der wachsenden Unzu-
friedenheit breiter Volksschichten, sich entschloß, die Arbeiter-
versicherungs-Gesetzgebung in Angriff zu nehmen. Selbst Bismarck,
der grimmigste Feind der Sozialdemokratie, mußte öffentlich an-
erkennen, daß ohne ihr Vorgehen von Sozialreform in Deutschland
noch keine Rede sein würde. Einerseits war und ist es die Furcht vor

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0038" n="39"/>
eintritt, so thut sie es nicht nur, um dem                         Arbeiter gegenwärtig das<lb/>
Leben zu erleichtern, sondern auch, weil sie                         weiß, daß ein durch<lb/>
schlechte Arbeitsbedingungen verelendetes,                         körperlich schwaches, geistig<lb/>
stumpfes Proletariat nie und nimmer                         Vorkämpfer und Träger des<lb/>
Sozialismus sein kann. Und wenn sie für die                         Rechte der Frau<lb/>
kämpft, wie keine andere Partei, so thut sie es nicht                         allein, um das<lb/>
weibliche Geschlecht aus einer menschenunwürdigen Lage                         zu befreien,<lb/>
sondern noch weit mehr deshalb, weil sie die Ueberzeugung                         hat, daß<lb/>
nur geistig freie starke Frauen ein Geschlecht freier Männer                         gebären<lb/>
und erziehen können, das fähig ist, den Sozialismus zum Siege                         zu<lb/>
führen.</p><lb/>
          <p>Das kommunistische Manifest, das bedeutendste historische<lb/>
Dokument, das                         den Anfang des wissenschaftlichen Sozialismus be-<lb/>
zeichnet, und 1847                         erschien, weist bereits den engen Zusammenhang<lb/>
zwischen Frauen- und                         Arbeiterfrage nach, indem es darstellt, wie die<lb/>
gegenwärtigen                         Produktionsverhältnisse die Frauen des Proletariats<lb/>
mehr und mehr in                         die große Armee der Jndustriesoldaten hinein-<lb/>
ziehen. Auf Grund dieser                         Erkenntniß ist die Sozialdemokratie, indem<lb/>
sie die Partei der                         unterdrückten und beherrschten Klasse wurde, die<lb/>
Partei der Frauen                         geworden. Jn ihrem Programm, das ihre Grund-<lb/>
sätze enthält, wird                         gefordert: Abschaffung aller Gesetze, welche die<lb/>
Frau in öffentlich-                         und privatrechtlicher Beziehung gegenüber dem<lb/>
Manne benachtheiligen.                         Und in Wort und Schrift, durch die Vorlage<lb/>
eigener Gesetzentwürfe, wie                         durch Bekämpfung aller Gesetze, die dem<lb/>
weiblichen Geschlecht Unrecht                         thun oder zum Schaden gereichen könnten,<lb/>
hat sie ihrem Programm gemäß                         gehandelt.</p><lb/>
          <p>Schon im Jahre 1877 brachten die Sozialdemokraten im Reichs-<lb/>
tage einen                         Antrag zur Abänderung der Gewerbe-Ordnung ein, der<lb/>
sich eingehend mit                         der Lage der Arbeiterinnen beschäftigte, und For-<lb/>
derungen aufstellte                         &#x2013; Beschränkung der Arbeitszeit, Verbot der Nacht-<lb/>
arbeit, der                         Arbeit unter Tage, auf Hochbauten und an im Gange<lb/>
befindlichen                         Maschinen &#x2013;, die damals abgelehnt, dreizehn Jahre<lb/>
später aber                         von der Regierung zum Theil selbst wieder aufgenommen<lb/>
und zum Gesetz                         erhoben wurden. Damals schon forderte die Partei<lb/>
einen ausgedehnten                         gesetzlichen Wöchnerinnenschutz, der auch eine drei-<lb/>
wöchige Ruhepause                         vor der Entbindung umfassen sollte. Dem un-<lb/>
ablässigen Druck, der                         energischen Agitation durch die Partei war es<lb/>
zu verdanken, daß auch                         die anderen Parteien, wenn sie nicht<lb/>
alle ihre Anhänger aus                         Arbeiterkreisen verlieren wollten, sich<lb/>
gezwungen sahen,                         Arbeiterschutzforderungen aufzustellen, und daß<lb/>
die Regierung, voller                         Besorgniß angesichts der wachsenden Unzu-<lb/>
friedenheit breiter                         Volksschichten, sich entschloß, die Arbeiter-<lb/>
versicherungs-Gesetzgebung in Angriff zu nehmen. Selbst Bismarck,<lb/>
der                         grimmigste Feind der Sozialdemokratie, mußte öffentlich an-<lb/>
erkennen,                         daß ohne ihr Vorgehen von Sozialreform in Deutschland<lb/>
noch keine Rede                         sein würde. Einerseits war und ist es die Furcht vor<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[39/0038] eintritt, so thut sie es nicht nur, um dem Arbeiter gegenwärtig das Leben zu erleichtern, sondern auch, weil sie weiß, daß ein durch schlechte Arbeitsbedingungen verelendetes, körperlich schwaches, geistig stumpfes Proletariat nie und nimmer Vorkämpfer und Träger des Sozialismus sein kann. Und wenn sie für die Rechte der Frau kämpft, wie keine andere Partei, so thut sie es nicht allein, um das weibliche Geschlecht aus einer menschenunwürdigen Lage zu befreien, sondern noch weit mehr deshalb, weil sie die Ueberzeugung hat, daß nur geistig freie starke Frauen ein Geschlecht freier Männer gebären und erziehen können, das fähig ist, den Sozialismus zum Siege zu führen. Das kommunistische Manifest, das bedeutendste historische Dokument, das den Anfang des wissenschaftlichen Sozialismus be- zeichnet, und 1847 erschien, weist bereits den engen Zusammenhang zwischen Frauen- und Arbeiterfrage nach, indem es darstellt, wie die gegenwärtigen Produktionsverhältnisse die Frauen des Proletariats mehr und mehr in die große Armee der Jndustriesoldaten hinein- ziehen. Auf Grund dieser Erkenntniß ist die Sozialdemokratie, indem sie die Partei der unterdrückten und beherrschten Klasse wurde, die Partei der Frauen geworden. Jn ihrem Programm, das ihre Grund- sätze enthält, wird gefordert: Abschaffung aller Gesetze, welche die Frau in öffentlich- und privatrechtlicher Beziehung gegenüber dem Manne benachtheiligen. Und in Wort und Schrift, durch die Vorlage eigener Gesetzentwürfe, wie durch Bekämpfung aller Gesetze, die dem weiblichen Geschlecht Unrecht thun oder zum Schaden gereichen könnten, hat sie ihrem Programm gemäß gehandelt. Schon im Jahre 1877 brachten die Sozialdemokraten im Reichs- tage einen Antrag zur Abänderung der Gewerbe-Ordnung ein, der sich eingehend mit der Lage der Arbeiterinnen beschäftigte, und For- derungen aufstellte – Beschränkung der Arbeitszeit, Verbot der Nacht- arbeit, der Arbeit unter Tage, auf Hochbauten und an im Gange befindlichen Maschinen –, die damals abgelehnt, dreizehn Jahre später aber von der Regierung zum Theil selbst wieder aufgenommen und zum Gesetz erhoben wurden. Damals schon forderte die Partei einen ausgedehnten gesetzlichen Wöchnerinnenschutz, der auch eine drei- wöchige Ruhepause vor der Entbindung umfassen sollte. Dem un- ablässigen Druck, der energischen Agitation durch die Partei war es zu verdanken, daß auch die anderen Parteien, wenn sie nicht alle ihre Anhänger aus Arbeiterkreisen verlieren wollten, sich gezwungen sahen, Arbeiterschutzforderungen aufzustellen, und daß die Regierung, voller Besorgniß angesichts der wachsenden Unzu- friedenheit breiter Volksschichten, sich entschloß, die Arbeiter- versicherungs-Gesetzgebung in Angriff zu nehmen. Selbst Bismarck, der grimmigste Feind der Sozialdemokratie, mußte öffentlich an- erkennen, daß ohne ihr Vorgehen von Sozialreform in Deutschland noch keine Rede sein würde. Einerseits war und ist es die Furcht vor

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Texte der ersten Frauenbewegung, betreut von Anna Pfundt und Thomas Gloning, JLU Gießen: Bereitstellung der Texttranskription. (2022-08-30T16:52:29Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Anna Pfundt, Dennis Dietrich: Bearbeitung der digitalen Edition. (2022-08-30T16:52:29Z)

Weitere Informationen:

Bogensignaturen: gekennzeichnet; Druckfehler: gekennzeichnet; fremdsprachliches Material: keine Angabe; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): gekennzeichnet; I/J in Fraktur: wie Vorlage; i/j in Fraktur: keine Angabe; Kolumnentitel: keine Angabe; Kustoden: keine Angabe; langes s (ſ): als s transkribiert; Normalisierungen: keine Angabe; rundes r (ꝛ): keine Angabe; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: wie Vorlage; u/v bzw. U/V: keine Angabe; Vokale mit übergest. e: keine Angabe; Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: ja;




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/braun_frauen_1903
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/braun_frauen_1903/38
Zitationshilfe: Braun, Lily: Die Frauen und die Politik. Berlin, 1903, S. 39. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/braun_frauen_1903/38>, abgerufen am 09.02.2023.