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[Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen Schriften. Bd. 12. Zürich, 1744.

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Frauenzimmer, wo es dergleichen zu förchten hat,
nicht wol im Stand ist, zu unterscheiden wie die
aussehen, mit denen es zu thun hat.

Aus dem, was wir so eben gesagt, ist höchst
glaubwürdig, daß die Welt diesem alten und edeln
Stamme, wo nicht die Helden, doch wenigstens die
allersinnreichsten Köpfe des Alterthums, zu dan-
ken habe. Eins der merckwürdigsten Beyspiele
ist jener grosse und in der Kunst der Nachahmung
so weit gekommene Geist Aesopus: Für dessen Ab-
stammung von diesen Hominibus sylvestribus wir
aus dem Planudes einen Beweis ziehen können,
welcher sagt, Aesopus heisse eben so viel als Aethio-
pus, die ursprüngliche Nation unsers Volcks.
Zu einem zweyten Grund mögen wir die Beschrei-
bung seiner Person angeben: Er war kurtz, unge-
staltet, und sahe beynahe als ein Wilder aus, so
daß er gar wol in den Wäldern hätte leben kön-
nen, wenn ihn nicht sein gütiges Temperament
vermocht hätte, sich nach unsern Manieren zu
richten, und in Kleidern an den Hof zu kommen:
Das dritte Beweisthum ist sein sinnreicher und sa-
tyrischer Wiz; und endlich, sein grosses Erkennt-
niß in der Natur der Thiere, nebst dem Vergnü-
gen und der natürlichen Neigung, welche er hatte,
bey allen Anlässen von denselben zu reden.

Das nächste Beyspiel, welches ich anführen will,
ist Socrates: Erstlich war es eine beständige Tra-
dition, daß derselbe etwas besonderes und von dem
übrigen menschlichen Geschlecht unterschiedenes ge-
wesen: 2tens war sein äusserliches Aussehen von ei-
ner Beschaffenheit, welche klar verrieth, von was

für

der Wiſſenſchaften.
Frauenzimmer, wo es dergleichen zu foͤrchten hat,
nicht wol im Stand iſt, zu unterſcheiden wie die
ausſehen, mit denen es zu thun hat.

Aus dem, was wir ſo eben geſagt, iſt hoͤchſt
glaubwuͤrdig, daß die Welt dieſem alten und edeln
Stamme, wo nicht die Helden, doch wenigſtens die
allerſinnreichſten Koͤpfe des Alterthums, zu dan-
ken habe. Eins der merckwuͤrdigſten Beyſpiele
iſt jener groſſe und in der Kunſt der Nachahmung
ſo weit gekommene Geiſt Aeſopus: Fuͤr deſſen Ab-
ſtammung von dieſen Hominibus ſylveſtribus wir
aus dem Planudes einen Beweis ziehen koͤnnen,
welcher ſagt, Aeſopus heiſſe eben ſo viel als Aethio-
pus, die urſpruͤngliche Nation unſers Volcks.
Zu einem zweyten Grund moͤgen wir die Beſchrei-
bung ſeiner Perſon angeben: Er war kurtz, unge-
ſtaltet, und ſahe beynahe als ein Wilder aus, ſo
daß er gar wol in den Waͤldern haͤtte leben koͤn-
nen, wenn ihn nicht ſein guͤtiges Temperament
vermocht haͤtte, ſich nach unſern Manieren zu
richten, und in Kleidern an den Hof zu kommen:
Das dritte Beweisthum iſt ſein ſinnreicher und ſa-
tyriſcher Wiz; und endlich, ſein groſſes Erkennt-
niß in der Natur der Thiere, nebſt dem Vergnuͤ-
gen und der natuͤrlichen Neigung, welche er hatte,
bey allen Anlaͤſſen von denſelben zu reden.

Das naͤchſte Beyſpiel, welches ich anfuͤhren will,
iſt Socrates: Erſtlich war es eine beſtaͤndige Tra-
dition, daß derſelbe etwas beſonderes und von dem
uͤbrigen menſchlichen Geſchlecht unterſchiedenes ge-
weſen: 2tens war ſein aͤuſſerliches Ausſehen von ei-
ner Beſchaffenheit, welche klar verrieth, von was

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[43/0045] der Wiſſenſchaften. Frauenzimmer, wo es dergleichen zu foͤrchten hat, nicht wol im Stand iſt, zu unterſcheiden wie die ausſehen, mit denen es zu thun hat. Aus dem, was wir ſo eben geſagt, iſt hoͤchſt glaubwuͤrdig, daß die Welt dieſem alten und edeln Stamme, wo nicht die Helden, doch wenigſtens die allerſinnreichſten Koͤpfe des Alterthums, zu dan- ken habe. Eins der merckwuͤrdigſten Beyſpiele iſt jener groſſe und in der Kunſt der Nachahmung ſo weit gekommene Geiſt Aeſopus: Fuͤr deſſen Ab- ſtammung von dieſen Hominibus ſylveſtribus wir aus dem Planudes einen Beweis ziehen koͤnnen, welcher ſagt, Aeſopus heiſſe eben ſo viel als Aethio- pus, die urſpruͤngliche Nation unſers Volcks. Zu einem zweyten Grund moͤgen wir die Beſchrei- bung ſeiner Perſon angeben: Er war kurtz, unge- ſtaltet, und ſahe beynahe als ein Wilder aus, ſo daß er gar wol in den Waͤldern haͤtte leben koͤn- nen, wenn ihn nicht ſein guͤtiges Temperament vermocht haͤtte, ſich nach unſern Manieren zu richten, und in Kleidern an den Hof zu kommen: Das dritte Beweisthum iſt ſein ſinnreicher und ſa- tyriſcher Wiz; und endlich, ſein groſſes Erkennt- niß in der Natur der Thiere, nebſt dem Vergnuͤ- gen und der natuͤrlichen Neigung, welche er hatte, bey allen Anlaͤſſen von denſelben zu reden. Das naͤchſte Beyſpiel, welches ich anfuͤhren will, iſt Socrates: Erſtlich war es eine beſtaͤndige Tra- dition, daß derſelbe etwas beſonderes und von dem uͤbrigen menſchlichen Geſchlecht unterſchiedenes ge- weſen: 2tens war ſein aͤuſſerliches Ausſehen von ei- ner Beſchaffenheit, welche klar verrieth, von was fuͤr

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Zitationshilfe: [Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen Schriften. Bd. 12. Zürich, 1744, S. 43. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/bodmer_sammlung12_1744/45>, abgerufen am 15.04.2024.