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[Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen Schriften. Bd. 12. Zürich, 1744.

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des Wahnes bedienen könne.
dem haben wir hier ein aufrichtiges Bekenntniß
von einem qualificierten Oberdeutschen aus der
Gottschedischen Schule selbst, was von dem guten
Geschmack
dieser Schule zu halten sey, nemlich
daß er ein blindes Glück und Ungefehr im Urthei-
len von dem Schönen und Häßlichen einer Schrift,
ein blosser Wahn, der ohne Verstand und Ein-
sicht öfters das Gute und Schöne gutheisset, aber
eben so wenig weiß, warum er etwas gutheisset,
als warum er etwas verwirfft; hiemit ein blindes
Loos sey, welches, wenn es von ungefehr richtig ein-
trift, einen eben so guten Geschmack haben muß,
als der Hr. Prof. Gottsched selbst. Sollte
man nicht einen solchen unwissenden Stöltzling zu-
vor noch in die Schule verweisen, um in seinem
Compendio logico erst noch recht zu lernen, was
opinio, was opinio vera & falsa wäre, ehe man
ihm gestatten würde, als ein Lehrer und Kunst-
richter aufzutreten, und sich anzustellen, als ob er
neue Wahrheiten entdecken wolle.

Noch mehr aber verräth J. A. K. seine Un-
wissenheit, wenn er auf der 262. Seite bey An-
laß der Eintheilung des Wahns in seine Classen,
in den unmöglichen, unwahrscheinlichen, und
wahrscheinlichen, den Wahn mit den Erdich-
tungen
vermenget, und was Hr. Baumgarten,
u. Hr. Breitinger Bl. 135. seiner Dichtk. von diesen
gesagt haben, ohne Unterscheid auf jenen zeuhen will.
Jedermann verstehet, was eine mögliche, eine
wahrscheinliche, eine wahre; was im gegentheil
eine unmögliche, eine unwahrscheinliche, eine
falsche Erdichtung sey: Eine Erdichtung ist

nem-

des Wahnes bedienen koͤnne.
dem haben wir hier ein aufrichtiges Bekenntniß
von einem qualificierten Oberdeutſchen aus der
Gottſchediſchen Schule ſelbſt, was von dem guten
Geſchmack
dieſer Schule zu halten ſey, nemlich
daß er ein blindes Gluͤck und Ungefehr im Urthei-
len von dem Schoͤnen und Haͤßlichen einer Schrift,
ein bloſſer Wahn, der ohne Verſtand und Ein-
ſicht oͤfters das Gute und Schoͤne gutheiſſet, aber
eben ſo wenig weiß, warum er etwas gutheiſſet,
als warum er etwas verwirfft; hiemit ein blindes
Loos ſey, welches, wenn es von ungefehr richtig ein-
trift, einen eben ſo guten Geſchmack haben muß,
als der Hr. Prof. Gottſched ſelbſt. Sollte
man nicht einen ſolchen unwiſſenden Stoͤltzling zu-
vor noch in die Schule verweiſen, um in ſeinem
Compendio logico erſt noch recht zu lernen, was
opinio, was opinio vera & falſa waͤre, ehe man
ihm geſtatten wuͤrde, als ein Lehrer und Kunſt-
richter aufzutreten, und ſich anzuſtellen, als ob er
neue Wahrheiten entdecken wolle.

Noch mehr aber verraͤth J. A. K. ſeine Un-
wiſſenheit, wenn er auf der 262. Seite bey An-
laß der Eintheilung des Wahns in ſeine Claſſen,
in den unmoͤglichen, unwahrſcheinlichen, und
wahrſcheinlichen, den Wahn mit den Erdich-
tungen
vermenget, und was Hr. Baumgarten,
u. Hr. Breitinger Bl. 135. ſeiner Dichtk. von dieſen
geſagt haben, ohne Unterſcheid auf jenen zeuhen will.
Jedermann verſtehet, was eine moͤgliche, eine
wahrſcheinliche, eine wahre; was im gegentheil
eine unmoͤgliche, eine unwahrſcheinliche, eine
falſche Erdichtung ſey: Eine Erdichtung iſt

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[11/0013] des Wahnes bedienen koͤnne. dem haben wir hier ein aufrichtiges Bekenntniß von einem qualificierten Oberdeutſchen aus der Gottſchediſchen Schule ſelbſt, was von dem guten Geſchmack dieſer Schule zu halten ſey, nemlich daß er ein blindes Gluͤck und Ungefehr im Urthei- len von dem Schoͤnen und Haͤßlichen einer Schrift, ein bloſſer Wahn, der ohne Verſtand und Ein- ſicht oͤfters das Gute und Schoͤne gutheiſſet, aber eben ſo wenig weiß, warum er etwas gutheiſſet, als warum er etwas verwirfft; hiemit ein blindes Loos ſey, welches, wenn es von ungefehr richtig ein- trift, einen eben ſo guten Geſchmack haben muß, als der Hr. Prof. Gottſched ſelbſt. Sollte man nicht einen ſolchen unwiſſenden Stoͤltzling zu- vor noch in die Schule verweiſen, um in ſeinem Compendio logico erſt noch recht zu lernen, was opinio, was opinio vera & falſa waͤre, ehe man ihm geſtatten wuͤrde, als ein Lehrer und Kunſt- richter aufzutreten, und ſich anzuſtellen, als ob er neue Wahrheiten entdecken wolle. Noch mehr aber verraͤth J. A. K. ſeine Un- wiſſenheit, wenn er auf der 262. Seite bey An- laß der Eintheilung des Wahns in ſeine Claſſen, in den unmoͤglichen, unwahrſcheinlichen, und wahrſcheinlichen, den Wahn mit den Erdich- tungen vermenget, und was Hr. Baumgarten, u. Hr. Breitinger Bl. 135. ſeiner Dichtk. von dieſen geſagt haben, ohne Unterſcheid auf jenen zeuhen will. Jedermann verſtehet, was eine moͤgliche, eine wahrſcheinliche, eine wahre; was im gegentheil eine unmoͤgliche, eine unwahrſcheinliche, eine falſche Erdichtung ſey: Eine Erdichtung iſt nem-

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Zitationshilfe: [Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen Schriften. Bd. 12. Zürich, 1744, S. 11. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/bodmer_sammlung12_1744/13>, abgerufen am 15.04.2024.