Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen Schriften. Bd. 6. Zürich, 1742.

Bild:
<< vorherige Seite
des deutschen Witzes.
"geschrieben wäre, als itzo, da sie im Winter
"bey einem so strengen Froste zum Vorschein
"gekommen ist. Wir schmeicheln uns daher
"mit der Hoffnung, es werde der gelehrte Hr.
"Verfasser, da er sich so gut in die Zeit zu schi-
"ken weis, in den künftigen Hundstagen uns
"etwas von dem oratorischen Feuer zu lesen ge-
"ben: Wozu wir ihm dann die gewohnliche
"Musse abermahls nicht mißgönnen wollen."
2.) "Der erste Anblick des Titels machte schon,
"daß ich mir einbildete, ich sähe ein Meisterstück
"aus der werthen Pegnitzer-Gesellschaft, oder
"aus der Schule Philipp Zesens. Die Jahr-
"zahl aber überführte mich, daß ich was neues
"sähe. etc." 3.) "Jch will nach diesem Mu-
"ster auf eine unwidersprechliche Art recht ma-
"thematisch darthun, daß ein Reifenrock keine
"Schlafmütze sey."

Der Verfasser des IVten Art. in dem XXI.
St. der Crit. Beyträge besitzet diese höfliche
Sprache der deutschen Critick in einem hohen
Grade. Proben davon können seyn, da er von
dem ungenannten Verfasser der reimfreyen Ue-
bersetzung der Aeneis folgendergestalt urtheilet:

1.) "Jch würde um deswillen seine Fehler nicht
"gut heissen, wenn er gleich seine Ahnen so
"weit herholen wollte, als derjenige, von des-
"sen Stammvater Juvenal auf die lezte spricht:

Aut pastor fuit, aut illud, quod dicere nolo.
"Hoffentlich wird es kein Schulmann seyn, der
"solche Fehler wider die griechische Prosodie
"bege-
B 3
des deutſchen Witzes.
„geſchrieben waͤre, als itzo, da ſie im Winter
„bey einem ſo ſtrengen Froſte zum Vorſchein
„gekommen iſt. Wir ſchmeicheln uns daher
„mit der Hoffnung, es werde der gelehrte Hr.
„Verfaſſer, da er ſich ſo gut in die Zeit zu ſchi-
„ken weis, in den kuͤnftigen Hundstagen uns
„etwas von dem oratoriſchen Feuer zu leſen ge-
„ben: Wozu wir ihm dann die gewohnliche
„Muſſe abermahls nicht mißgoͤnnen wollen.„
2.) „Der erſte Anblick des Titels machte ſchon,
„daß ich mir einbildete, ich ſaͤhe ein Meiſterſtuͤck
„aus der werthen Pegnitzer-Geſellſchaft, oder
„aus der Schule Philipp Zeſens. Die Jahr-
„zahl aber uͤberfuͤhrte mich, daß ich was neues
„ſaͤhe. ꝛc.„ 3.) „Jch will nach dieſem Mu-
„ſter auf eine unwiderſprechliche Art recht ma-
„thematiſch darthun, daß ein Reifenrock keine
„Schlafmuͤtze ſey.„

Der Verfaſſer des IVten Art. in dem XXI.
St. der Crit. Beytraͤge beſitzet dieſe hoͤfliche
Sprache der deutſchen Critick in einem hohen
Grade. Proben davon koͤnnen ſeyn, da er von
dem ungenannten Verfaſſer der reimfreyen Ue-
berſetzung der Aeneis folgendergeſtalt urtheilet:

1.) „Jch wuͤrde um deswillen ſeine Fehler nicht
„gut heiſſen, wenn er gleich ſeine Ahnen ſo
„weit herholen wollte, als derjenige, von deſ-
„ſen Stammvater Juvenal auf die lezte ſpricht:

Aut paſtor fuit, aut illud, quod dicere nolo.
„Hoffentlich wird es kein Schulmann ſeyn, der
„ſolche Fehler wider die griechiſche Proſodie
„bege-
B 3
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <cit>
            <quote><pb facs="#f0021" n="21"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">des deut&#x017F;chen Witzes.</hi></fw><lb/>
&#x201E;ge&#x017F;chrieben wa&#x0364;re, als itzo, da &#x017F;ie im Winter<lb/>
&#x201E;bey einem &#x017F;o &#x017F;trengen Fro&#x017F;te zum Vor&#x017F;chein<lb/>
&#x201E;gekommen i&#x017F;t. Wir &#x017F;chmeicheln uns daher<lb/>
&#x201E;mit der Hoffnung, es werde der gelehrte Hr.<lb/>
&#x201E;Verfa&#x017F;&#x017F;er, da er &#x017F;ich &#x017F;o gut in die Zeit zu &#x017F;chi-<lb/>
&#x201E;ken weis, in den ku&#x0364;nftigen Hundstagen uns<lb/>
&#x201E;etwas von dem oratori&#x017F;chen Feuer zu le&#x017F;en ge-<lb/>
&#x201E;ben: Wozu wir ihm dann die gewohnliche<lb/>
&#x201E;Mu&#x017F;&#x017F;e abermahls nicht mißgo&#x0364;nnen wollen.&#x201E;<lb/>
2.) &#x201E;Der er&#x017F;te Anblick des Titels machte &#x017F;chon,<lb/>
&#x201E;daß ich mir einbildete, ich &#x017F;a&#x0364;he ein Mei&#x017F;ter&#x017F;tu&#x0364;ck<lb/>
&#x201E;aus der werthen Pegnitzer-Ge&#x017F;ell&#x017F;chaft, oder<lb/>
&#x201E;aus der Schule Philipp Ze&#x017F;ens. Die Jahr-<lb/>
&#x201E;zahl aber u&#x0364;berfu&#x0364;hrte mich, daß ich was neues<lb/>
&#x201E;&#x017F;a&#x0364;he. &#xA75B;c.&#x201E; 3.) &#x201E;Jch will nach die&#x017F;em Mu-<lb/>
&#x201E;&#x017F;ter auf eine unwider&#x017F;prechliche Art recht ma-<lb/>
&#x201E;themati&#x017F;ch darthun, daß ein Reifenrock keine<lb/>
&#x201E;Schlafmu&#x0364;tze &#x017F;ey.&#x201E;</quote>
          </cit><lb/>
          <p>Der Verfa&#x017F;&#x017F;er des <hi rendition="#aq">IV</hi>ten Art. in dem <hi rendition="#aq">XXI.</hi><lb/>
St. der <hi rendition="#fr">Crit. Beytra&#x0364;ge</hi> be&#x017F;itzet die&#x017F;e ho&#x0364;fliche<lb/>
Sprache der deut&#x017F;chen Critick in einem hohen<lb/>
Grade. Proben davon ko&#x0364;nnen &#x017F;eyn, da er von<lb/>
dem ungenannten Verfa&#x017F;&#x017F;er der reimfreyen Ue-<lb/>
ber&#x017F;etzung der Aeneis folgenderge&#x017F;talt urtheilet:</p><lb/>
          <cit>
            <quote>1.) &#x201E;Jch wu&#x0364;rde um deswillen &#x017F;eine Fehler nicht<lb/>
&#x201E;gut hei&#x017F;&#x017F;en, wenn er gleich &#x017F;eine Ahnen &#x017F;o<lb/>
&#x201E;weit herholen wollte, als derjenige, von de&#x017F;-<lb/>
&#x201E;&#x017F;en Stammvater Juvenal auf die lezte &#x017F;pricht:</quote>
          </cit><lb/>
          <cit>
            <quote> <hi rendition="#aq">Aut pa&#x017F;tor fuit, aut illud, quod dicere nolo.</hi> </quote>
          </cit><lb/>
          <cit>
            <quote>&#x201E;Hoffentlich wird es kein Schulmann &#x017F;eyn, der<lb/>
&#x201E;&#x017F;olche Fehler wider die griechi&#x017F;che Pro&#x017F;odie<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">B 3</fw><fw place="bottom" type="catch">&#x201E;bege-</fw><lb/></quote>
          </cit>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[21/0021] des deutſchen Witzes. „geſchrieben waͤre, als itzo, da ſie im Winter „bey einem ſo ſtrengen Froſte zum Vorſchein „gekommen iſt. Wir ſchmeicheln uns daher „mit der Hoffnung, es werde der gelehrte Hr. „Verfaſſer, da er ſich ſo gut in die Zeit zu ſchi- „ken weis, in den kuͤnftigen Hundstagen uns „etwas von dem oratoriſchen Feuer zu leſen ge- „ben: Wozu wir ihm dann die gewohnliche „Muſſe abermahls nicht mißgoͤnnen wollen.„ 2.) „Der erſte Anblick des Titels machte ſchon, „daß ich mir einbildete, ich ſaͤhe ein Meiſterſtuͤck „aus der werthen Pegnitzer-Geſellſchaft, oder „aus der Schule Philipp Zeſens. Die Jahr- „zahl aber uͤberfuͤhrte mich, daß ich was neues „ſaͤhe. ꝛc.„ 3.) „Jch will nach dieſem Mu- „ſter auf eine unwiderſprechliche Art recht ma- „thematiſch darthun, daß ein Reifenrock keine „Schlafmuͤtze ſey.„ Der Verfaſſer des IVten Art. in dem XXI. St. der Crit. Beytraͤge beſitzet dieſe hoͤfliche Sprache der deutſchen Critick in einem hohen Grade. Proben davon koͤnnen ſeyn, da er von dem ungenannten Verfaſſer der reimfreyen Ue- berſetzung der Aeneis folgendergeſtalt urtheilet: 1.) „Jch wuͤrde um deswillen ſeine Fehler nicht „gut heiſſen, wenn er gleich ſeine Ahnen ſo „weit herholen wollte, als derjenige, von deſ- „ſen Stammvater Juvenal auf die lezte ſpricht: Aut paſtor fuit, aut illud, quod dicere nolo. „Hoffentlich wird es kein Schulmann ſeyn, der „ſolche Fehler wider die griechiſche Proſodie „bege- B 3

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/bodmer_sammlung06_1742
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/bodmer_sammlung06_1742/21
Zitationshilfe: [Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen Schriften. Bd. 6. Zürich, 1742, S. 21. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/bodmer_sammlung06_1742/21>, abgerufen am 02.03.2024.