Beck, Ludwig: Die Geschichte des Eisens. Bd. 3: Das XVIII. Jahrhundert. Braunschweig, 1897.Die gewerblichen Verhältnisse. hinter der anderer europäischer Staaten zurück. Er wollte durcheine neue Gewerbepolitik die Gewerbe heben, Frankreich von seiner Abhängigkeit auf industriellem Gebiet befreien und es zu einem exportierenden Staat machen. Er glaubte dies nur erreichen zu können durch unmittelbares Eingreifen, durch eine strenge staatliche Bevormundung der Industrie und durch weitgehende Staatsunter- stützung. Er begann seine Reform der Industrie 1665 durch die obrigkeitliche Regelung des Textilgewerbes, welcher die Reform der übrigen Industriezweige folgte. Die Reglementierung erstreckte sich auf Anlagen der Fabriken, Betrieb, Erzeugnisse, kurz auf alle Einzel- heiten und sollten vor allem die Herstellung guter Ware sichern. Zur Durchführung seiner Vorschriften schuf Colbert eine grosse Organisation von Fabrikinspektoren. Viele neue Industriezweige wurden eingeführt. Auch die Metallindustrie suchte er zu heben. Haupt- sächlich förderte er aber das Kunstgewerbe, für welches seit jener Zeit Paris der Vorort wurde. Das Handwerk organisierte er zünftig. Die Zünfte sollten aber ganz von der Obrigkeit abhängig, selbst obrigkeitliche Organe, staatliche Polizeianstalten sein. Colberts Erfolg war gross. Seine Regierungszeit (1661 bis 1683) bildet eine Glanzperiode des französischen Gewerbewesens. Aber sie dauerte nicht länger als er lebte. Die Aufhebung des Edikts von Nantes unmittel- bar nach seinem Tode, welche Hunderttausende der geschicktesten Arbeiter und Künstler aus dem Lande trieb, bereitete ihr ein jähes Ende. Dazu kamen schwere Kriege und die Verschwendung des Hofes. Colberts Bevormundungssystem wirkte in den ungeschickten Händen seiner Nachfolger nur schädlich. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts kamen die Anschauungen der Physiokraten, welche absolute Gewerbe- und Handelsfreiheit als die wahre Staatsweisheit verkündigten, zur Geltung. Zur Herrschaft gelangte diese Richtung, als Turgot 1774 Minister wurde. Im Februar 1776 erlies er, im Widerspruch mit dem Parlament, Die gewerblichen Verhältnisse. hinter der anderer europäischer Staaten zurück. Er wollte durcheine neue Gewerbepolitik die Gewerbe heben, Frankreich von seiner Abhängigkeit auf industriellem Gebiet befreien und es zu einem exportierenden Staat machen. Er glaubte dies nur erreichen zu können durch unmittelbares Eingreifen, durch eine strenge staatliche Bevormundung der Industrie und durch weitgehende Staatsunter- stützung. Er begann seine Reform der Industrie 1665 durch die obrigkeitliche Regelung des Textilgewerbes, welcher die Reform der übrigen Industriezweige folgte. Die Reglementierung erstreckte sich auf Anlagen der Fabriken, Betrieb, Erzeugnisse, kurz auf alle Einzel- heiten und sollten vor allem die Herstellung guter Ware sichern. Zur Durchführung seiner Vorschriften schuf Colbert eine groſse Organisation von Fabrikinspektoren. Viele neue Industriezweige wurden eingeführt. Auch die Metallindustrie suchte er zu heben. Haupt- sächlich förderte er aber das Kunstgewerbe, für welches seit jener Zeit Paris der Vorort wurde. Das Handwerk organisierte er zünftig. Die Zünfte sollten aber ganz von der Obrigkeit abhängig, selbst obrigkeitliche Organe, staatliche Polizeianstalten sein. Colberts Erfolg war groſs. Seine Regierungszeit (1661 bis 1683) bildet eine Glanzperiode des französischen Gewerbewesens. Aber sie dauerte nicht länger als er lebte. Die Aufhebung des Edikts von Nantes unmittel- bar nach seinem Tode, welche Hunderttausende der geschicktesten Arbeiter und Künstler aus dem Lande trieb, bereitete ihr ein jähes Ende. Dazu kamen schwere Kriege und die Verschwendung des Hofes. Colberts Bevormundungssystem wirkte in den ungeschickten Händen seiner Nachfolger nur schädlich. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts kamen die Anschauungen der Physiokraten, welche absolute Gewerbe- und Handelsfreiheit als die wahre Staatsweisheit verkündigten, zur Geltung. Zur Herrschaft gelangte diese Richtung, als Turgot 1774 Minister wurde. Im Februar 1776 erlies er, im Widerspruch mit dem Parlament, <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <div n="3"> <div n="4"> <p><pb facs="#f0794" n="780"/><fw place="top" type="header">Die gewerblichen Verhältnisse.</fw><lb/> hinter der anderer europäischer Staaten zurück. Er wollte durch<lb/> eine neue Gewerbepolitik die Gewerbe heben, Frankreich von seiner<lb/> Abhängigkeit auf industriellem Gebiet befreien und es zu einem<lb/> exportierenden Staat machen. Er glaubte dies nur erreichen zu<lb/> können durch unmittelbares Eingreifen, durch eine strenge staatliche<lb/> Bevormundung der Industrie und durch weitgehende Staatsunter-<lb/> stützung. 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Die gewerblichen Verhältnisse.
hinter der anderer europäischer Staaten zurück. Er wollte durch
eine neue Gewerbepolitik die Gewerbe heben, Frankreich von seiner
Abhängigkeit auf industriellem Gebiet befreien und es zu einem
exportierenden Staat machen. Er glaubte dies nur erreichen zu
können durch unmittelbares Eingreifen, durch eine strenge staatliche
Bevormundung der Industrie und durch weitgehende Staatsunter-
stützung. Er begann seine Reform der Industrie 1665 durch die
obrigkeitliche Regelung des Textilgewerbes, welcher die Reform der
übrigen Industriezweige folgte. Die Reglementierung erstreckte sich
auf Anlagen der Fabriken, Betrieb, Erzeugnisse, kurz auf alle Einzel-
heiten und sollten vor allem die Herstellung guter Ware sichern.
Zur Durchführung seiner Vorschriften schuf Colbert eine groſse
Organisation von Fabrikinspektoren. Viele neue Industriezweige wurden
eingeführt. Auch die Metallindustrie suchte er zu heben. Haupt-
sächlich förderte er aber das Kunstgewerbe, für welches seit jener
Zeit Paris der Vorort wurde. Das Handwerk organisierte er zünftig.
Die Zünfte sollten aber ganz von der Obrigkeit abhängig, selbst
obrigkeitliche Organe, staatliche Polizeianstalten sein. Colberts
Erfolg war groſs. Seine Regierungszeit (1661 bis 1683) bildet eine
Glanzperiode des französischen Gewerbewesens. Aber sie dauerte nicht
länger als er lebte. Die Aufhebung des Edikts von Nantes unmittel-
bar nach seinem Tode, welche Hunderttausende der geschicktesten
Arbeiter und Künstler aus dem Lande trieb, bereitete ihr ein jähes
Ende. Dazu kamen schwere Kriege und die Verschwendung des Hofes.
Colberts Bevormundungssystem wirkte in den ungeschickten Händen
seiner Nachfolger nur schädlich. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts
kamen die Anschauungen der Physiokraten, welche absolute Gewerbe-
und Handelsfreiheit als die wahre Staatsweisheit verkündigten, zur
Geltung. Zur Herrschaft gelangte diese Richtung, als Turgot 1774
Minister wurde.
Im Februar 1776 erlies er, im Widerspruch mit dem Parlament,
sein berühmtes Edikt, welches die Zünfte aufhob und die Gewerbe-
freiheit einführte. Während man bis dahin das Recht auf Erwerb
aus gewerblicher Arbeit als ein vom Staat oder von der Krone ver-
liehenes Recht angesehen hatte, stellte er dasſelbe als ein natürliches
Recht jedes Menschen hin. Es ist nicht Zufall, daſs in demselben
Jahre Adam Smiths epochemachendes Werk über den Reichtum der
Nationen (Inquiry into the nature and causes of the Wealth of Nations.
London 1776) erschien. Adam Smith hatte sich vordem in Frank-
reich aufgehalten und Turgot war ein begeisterter Anhänger seiner
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