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Beck, Ludwig: Die Geschichte des Eisens. Bd. 3: Das XVIII. Jahrhundert. Braunschweig, 1897.

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Einleitung.
Europa, wobei Deutschland oder einzelne deutsche Staaten nur Hand-
langerdienste verrichteten, der deutsche Grund und Boden bei allen
grösseren Verwickelungen aber wieder das Schlachtfeld abgeben musste.
So war es gleich zu Anfang des Jahrhunderts im spanischen Erb-
folgekrieg, an dem sämtliche westeuropäische Staaten beteiligt waren.

Italien litt an der gleichen Zerrissenheit wie Deutschland und
ausserdem noch unter der antinationalen Politik des Papsttums.

Spanien war zu Grunde gerichtet durch seine selbstmörderische
Finanz- und Volkswirtschaft und durch eine unduldsame Priester-
herrschaft.

Entsprechend den politischen Verhältnissen, entwickelte sich die
Eisenindustrie: In Italien und Spanien Stillstand, in Deutschland
anfangs Stagnation, in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts lang-
samer Fortschritt, mehr erzwungen durch die Konkurrenz des Aus-
landes, als aus eigener Initiative. Infolgedessen bethätigte sich auch
der Fortschritt in Deutschland mehr in Nachahmung als in Erfindung.
Die Länder des Fortschrittes auf dem Gebiete der Eisenindustrie
waren Frankreich, England, Schweden und Russland.

Frankreichs Ehrgeiz ging dahin, der erste Staat in Europa, vor
allem auf dem Kontinent, zu sein; es erstrebte politische Macht
nach aussen, die Wohlfahrt im Inneren fand erst in zweiter Linie
Berücksichtigung, ja sie wurde im Laufe des Jahrhunderts jenem
ehrgeizigen Phantome nicht nur untergeordnet, sondern sogar zum
Opfer gebracht. Aber Frankreich hatte seinen Zweck erreicht, der
angesehenste und einflussreichste Staat des europäischen Kontinents
zu sein. Sein Einfluss auf die Entwickelung der Eisenindustrie war
ein grosser, aber mehr auf theoretischem als auf praktischem Gebiete.
Die industriellen Fortschritte im eigenen Lande können nicht als
mustergültig bezeichnet werden und haben die Eisenindustrie nicht
wesentlich gefördert, aber die theoretische Behandlung des Gegen-
standes, welche in einer reichen, vortrefflichen Litteratur ihren Aus-
druck fand, wurde von grosser Bedeutung für dieselbe. Frankreich
gebührt mit Schweden der Ruhm, der Begründer der Eisenhüttenkunde
als Wissenschaft zu sein.

Ganz anders gestaltete sich die Entwickelung in England. Dieses
erstrebte die Weltherrschaft zur See nicht aus Ruhmsucht, sondern
zur Sicherstellung seines grossartigen Handels und seiner Industrie.
Deren Schutz und deren Entwickelung waren die ersten Interessen
des Staates; diese waren es, welche sein politisches Handeln leiteten.
Das Streben der Engländer war ein durchaus praktisches sowohl in

Einleitung.
Europa, wobei Deutschland oder einzelne deutsche Staaten nur Hand-
langerdienste verrichteten, der deutsche Grund und Boden bei allen
gröſseren Verwickelungen aber wieder das Schlachtfeld abgeben muſste.
So war es gleich zu Anfang des Jahrhunderts im spanischen Erb-
folgekrieg, an dem sämtliche westeuropäische Staaten beteiligt waren.

Italien litt an der gleichen Zerrissenheit wie Deutschland und
auſserdem noch unter der antinationalen Politik des Papsttums.

Spanien war zu Grunde gerichtet durch seine selbstmörderische
Finanz- und Volkswirtschaft und durch eine unduldsame Priester-
herrschaft.

Entsprechend den politischen Verhältnissen, entwickelte sich die
Eisenindustrie: In Italien und Spanien Stillstand, in Deutschland
anfangs Stagnation, in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts lang-
samer Fortschritt, mehr erzwungen durch die Konkurrenz des Aus-
landes, als aus eigener Initiative. Infolgedessen bethätigte sich auch
der Fortschritt in Deutschland mehr in Nachahmung als in Erfindung.
Die Länder des Fortschrittes auf dem Gebiete der Eisenindustrie
waren Frankreich, England, Schweden und Ruſsland.

Frankreichs Ehrgeiz ging dahin, der erste Staat in Europa, vor
allem auf dem Kontinent, zu sein; es erstrebte politische Macht
nach auſsen, die Wohlfahrt im Inneren fand erst in zweiter Linie
Berücksichtigung, ja sie wurde im Laufe des Jahrhunderts jenem
ehrgeizigen Phantome nicht nur untergeordnet, sondern sogar zum
Opfer gebracht. Aber Frankreich hatte seinen Zweck erreicht, der
angesehenste und einfluſsreichste Staat des europäischen Kontinents
zu sein. Sein Einfluſs auf die Entwickelung der Eisenindustrie war
ein groſser, aber mehr auf theoretischem als auf praktischem Gebiete.
Die industriellen Fortschritte im eigenen Lande können nicht als
mustergültig bezeichnet werden und haben die Eisenindustrie nicht
wesentlich gefördert, aber die theoretische Behandlung des Gegen-
standes, welche in einer reichen, vortrefflichen Litteratur ihren Aus-
druck fand, wurde von groſser Bedeutung für dieselbe. Frankreich
gebührt mit Schweden der Ruhm, der Begründer der Eisenhüttenkunde
als Wissenschaft zu sein.

Ganz anders gestaltete sich die Entwickelung in England. Dieses
erstrebte die Weltherrschaft zur See nicht aus Ruhmsucht, sondern
zur Sicherstellung seines groſsartigen Handels und seiner Industrie.
Deren Schutz und deren Entwickelung waren die ersten Interessen
des Staates; diese waren es, welche sein politisches Handeln leiteten.
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[4/0018] Einleitung. Europa, wobei Deutschland oder einzelne deutsche Staaten nur Hand- langerdienste verrichteten, der deutsche Grund und Boden bei allen gröſseren Verwickelungen aber wieder das Schlachtfeld abgeben muſste. So war es gleich zu Anfang des Jahrhunderts im spanischen Erb- folgekrieg, an dem sämtliche westeuropäische Staaten beteiligt waren. Italien litt an der gleichen Zerrissenheit wie Deutschland und auſserdem noch unter der antinationalen Politik des Papsttums. Spanien war zu Grunde gerichtet durch seine selbstmörderische Finanz- und Volkswirtschaft und durch eine unduldsame Priester- herrschaft. Entsprechend den politischen Verhältnissen, entwickelte sich die Eisenindustrie: In Italien und Spanien Stillstand, in Deutschland anfangs Stagnation, in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts lang- samer Fortschritt, mehr erzwungen durch die Konkurrenz des Aus- landes, als aus eigener Initiative. Infolgedessen bethätigte sich auch der Fortschritt in Deutschland mehr in Nachahmung als in Erfindung. Die Länder des Fortschrittes auf dem Gebiete der Eisenindustrie waren Frankreich, England, Schweden und Ruſsland. Frankreichs Ehrgeiz ging dahin, der erste Staat in Europa, vor allem auf dem Kontinent, zu sein; es erstrebte politische Macht nach auſsen, die Wohlfahrt im Inneren fand erst in zweiter Linie Berücksichtigung, ja sie wurde im Laufe des Jahrhunderts jenem ehrgeizigen Phantome nicht nur untergeordnet, sondern sogar zum Opfer gebracht. Aber Frankreich hatte seinen Zweck erreicht, der angesehenste und einfluſsreichste Staat des europäischen Kontinents zu sein. Sein Einfluſs auf die Entwickelung der Eisenindustrie war ein groſser, aber mehr auf theoretischem als auf praktischem Gebiete. Die industriellen Fortschritte im eigenen Lande können nicht als mustergültig bezeichnet werden und haben die Eisenindustrie nicht wesentlich gefördert, aber die theoretische Behandlung des Gegen- standes, welche in einer reichen, vortrefflichen Litteratur ihren Aus- druck fand, wurde von groſser Bedeutung für dieselbe. Frankreich gebührt mit Schweden der Ruhm, der Begründer der Eisenhüttenkunde als Wissenschaft zu sein. Ganz anders gestaltete sich die Entwickelung in England. Dieses erstrebte die Weltherrschaft zur See nicht aus Ruhmsucht, sondern zur Sicherstellung seines groſsartigen Handels und seiner Industrie. Deren Schutz und deren Entwickelung waren die ersten Interessen des Staates; diese waren es, welche sein politisches Handeln leiteten. Das Streben der Engländer war ein durchaus praktisches sowohl in

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Zitationshilfe: Beck, Ludwig: Die Geschichte des Eisens. Bd. 3: Das XVIII. Jahrhundert. Braunschweig, 1897, S. 4. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/beck_eisen03_1897/18>, abgerufen am 16.04.2024.