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Beck, Ludwig: Die Geschichte des Eisens. Bd. 3: Das XVIII. Jahrhundert. Braunschweig, 1897.

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der Politik, wie in der Industrie. Deshalb trat die theoretische Dis-
kussion in den Hintergrund, das praktische Experiment aber in den
Vordergrund, und während die schriftstellerische Thätigkeit in Eng-
land auf dem Gebiete der Eisenindustrie im 18. Jahrhundert fast
gleich Null ist, sind alle wichtigen Fortschritte und Entdeckungen
hierin in England gemacht worden, und am Schlusse des Jahrhunderts
steht England als die erste Eisenmacht der Welt da.

Schweden setzte seine Bestrebungen auf Hebung der nationalen
Eisenindustrie, welche die wichtigste Grundlage seines Wohlstandes
bildete, mit Eifer und Erfolg fort und trug auf theoretischem, wie
auf praktischem Gebiete zum Fortschritt des Eisenhüttenwesens bei.

In Russland schuf der starke Wille eines genialen Herrschers eine
mächtige Eisenindustrie, die bald im stande war, mit der der übrigen
Staaten Europas in Wettbewerb zu treten. Die Grossartigkeit der
Unternehmungen zeitigte manche Fortschritte, welche der ganzen
Eisenindustrie zu gute gekommen sind.

Mit kleinen Anfängen begann die Eisenindustrie Nordamerikas.
Zunächst zog sie die Blicke der Politiker auf sich, denn der Druck,
welchen sie durch die unvernünftige und ungerechte Industriepolitik
Englands seinen Kolonien gegenüber gerade auf dem Gebiete der
Eisenindustrie ausübte, gab den Hauptanstoss zu dem denkwürdigsten
Ereignis des vorigen Jahrhunderts, der Unabhängigkeitserklärung der
nordamerikanischen Freistaaten. Wir werden diesen wichtigen Vor-
gang an späterer Stelle beleuchten.

Der Verbrauch von Eisen wuchs, wenn auch lange nicht mit
der Geschwindigkeit, wie in diesem Jahrhundert, von Jahr zu Jahr.
Es war dies die natürliche Folge der zunehmenden Civilisation. So
gingen Massen von Eisenfabrikaten von Europa nach Amerika für die
immer mehr sich ausbreitenden Ansiedelungen. Immer grössere
Mengen von Eisen verbrauchte die wachsende Seeschiffahrt. Der
Fortschritt des Maschinenwesens, die Feuermaschinen, Dampfmaschinen,
Walzwerke, Cylindergebläse u. s. w. erhöhten den Verbrauch von
Eisen. Man begann eiserne Schienenwege anzulegen und eiserne
Brücken zu bauen. Alles dieses trug zum Wachstum der Eisenindustrie
bei. Der Verbrauch an Eisen wurde mehr und mehr der Kultur-
messer der Nationen.

Dieser wachsende Verbrauch ging Hand in Hand mit den Fort-
schritten der Technik. Es wäre aber verkehrt, zu sagen, der zuneh-
mende Bedarf allein habe diese Fortschritte veranlasst. Der Bedarf an
Eisen ist infolge der mannigfaltigen vortrefflichen Eigenschaften dieses

Einleitung.
der Politik, wie in der Industrie. Deshalb trat die theoretische Dis-
kussion in den Hintergrund, das praktische Experiment aber in den
Vordergrund, und während die schriftstellerische Thätigkeit in Eng-
land auf dem Gebiete der Eisenindustrie im 18. Jahrhundert fast
gleich Null ist, sind alle wichtigen Fortschritte und Entdeckungen
hierin in England gemacht worden, und am Schlusse des Jahrhunderts
steht England als die erste Eisenmacht der Welt da.

Schweden setzte seine Bestrebungen auf Hebung der nationalen
Eisenindustrie, welche die wichtigste Grundlage seines Wohlstandes
bildete, mit Eifer und Erfolg fort und trug auf theoretischem, wie
auf praktischem Gebiete zum Fortschritt des Eisenhüttenwesens bei.

In Ruſsland schuf der starke Wille eines genialen Herrschers eine
mächtige Eisenindustrie, die bald im stande war, mit der der übrigen
Staaten Europas in Wettbewerb zu treten. Die Groſsartigkeit der
Unternehmungen zeitigte manche Fortschritte, welche der ganzen
Eisenindustrie zu gute gekommen sind.

Mit kleinen Anfängen begann die Eisenindustrie Nordamerikas.
Zunächst zog sie die Blicke der Politiker auf sich, denn der Druck,
welchen sie durch die unvernünftige und ungerechte Industriepolitik
Englands seinen Kolonien gegenüber gerade auf dem Gebiete der
Eisenindustrie ausübte, gab den Hauptanstoſs zu dem denkwürdigsten
Ereignis des vorigen Jahrhunderts, der Unabhängigkeitserklärung der
nordamerikanischen Freistaaten. Wir werden diesen wichtigen Vor-
gang an späterer Stelle beleuchten.

Der Verbrauch von Eisen wuchs, wenn auch lange nicht mit
der Geschwindigkeit, wie in diesem Jahrhundert, von Jahr zu Jahr.
Es war dies die natürliche Folge der zunehmenden Civilisation. So
gingen Massen von Eisenfabrikaten von Europa nach Amerika für die
immer mehr sich ausbreitenden Ansiedelungen. Immer gröſsere
Mengen von Eisen verbrauchte die wachsende Seeschiffahrt. Der
Fortschritt des Maschinenwesens, die Feuermaschinen, Dampfmaschinen,
Walzwerke, Cylindergebläse u. s. w. erhöhten den Verbrauch von
Eisen. Man begann eiserne Schienenwege anzulegen und eiserne
Brücken zu bauen. Alles dieses trug zum Wachstum der Eisenindustrie
bei. Der Verbrauch an Eisen wurde mehr und mehr der Kultur-
messer der Nationen.

Dieser wachsende Verbrauch ging Hand in Hand mit den Fort-
schritten der Technik. Es wäre aber verkehrt, zu sagen, der zuneh-
mende Bedarf allein habe diese Fortschritte veranlaſst. Der Bedarf an
Eisen ist infolge der mannigfaltigen vortrefflichen Eigenschaften dieses

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[5/0019] Einleitung. der Politik, wie in der Industrie. Deshalb trat die theoretische Dis- kussion in den Hintergrund, das praktische Experiment aber in den Vordergrund, und während die schriftstellerische Thätigkeit in Eng- land auf dem Gebiete der Eisenindustrie im 18. Jahrhundert fast gleich Null ist, sind alle wichtigen Fortschritte und Entdeckungen hierin in England gemacht worden, und am Schlusse des Jahrhunderts steht England als die erste Eisenmacht der Welt da. Schweden setzte seine Bestrebungen auf Hebung der nationalen Eisenindustrie, welche die wichtigste Grundlage seines Wohlstandes bildete, mit Eifer und Erfolg fort und trug auf theoretischem, wie auf praktischem Gebiete zum Fortschritt des Eisenhüttenwesens bei. In Ruſsland schuf der starke Wille eines genialen Herrschers eine mächtige Eisenindustrie, die bald im stande war, mit der der übrigen Staaten Europas in Wettbewerb zu treten. Die Groſsartigkeit der Unternehmungen zeitigte manche Fortschritte, welche der ganzen Eisenindustrie zu gute gekommen sind. Mit kleinen Anfängen begann die Eisenindustrie Nordamerikas. Zunächst zog sie die Blicke der Politiker auf sich, denn der Druck, welchen sie durch die unvernünftige und ungerechte Industriepolitik Englands seinen Kolonien gegenüber gerade auf dem Gebiete der Eisenindustrie ausübte, gab den Hauptanstoſs zu dem denkwürdigsten Ereignis des vorigen Jahrhunderts, der Unabhängigkeitserklärung der nordamerikanischen Freistaaten. Wir werden diesen wichtigen Vor- gang an späterer Stelle beleuchten. Der Verbrauch von Eisen wuchs, wenn auch lange nicht mit der Geschwindigkeit, wie in diesem Jahrhundert, von Jahr zu Jahr. Es war dies die natürliche Folge der zunehmenden Civilisation. So gingen Massen von Eisenfabrikaten von Europa nach Amerika für die immer mehr sich ausbreitenden Ansiedelungen. Immer gröſsere Mengen von Eisen verbrauchte die wachsende Seeschiffahrt. Der Fortschritt des Maschinenwesens, die Feuermaschinen, Dampfmaschinen, Walzwerke, Cylindergebläse u. s. w. erhöhten den Verbrauch von Eisen. Man begann eiserne Schienenwege anzulegen und eiserne Brücken zu bauen. Alles dieses trug zum Wachstum der Eisenindustrie bei. Der Verbrauch an Eisen wurde mehr und mehr der Kultur- messer der Nationen. Dieser wachsende Verbrauch ging Hand in Hand mit den Fort- schritten der Technik. Es wäre aber verkehrt, zu sagen, der zuneh- mende Bedarf allein habe diese Fortschritte veranlaſst. Der Bedarf an Eisen ist infolge der mannigfaltigen vortrefflichen Eigenschaften dieses

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Zitationshilfe: Beck, Ludwig: Die Geschichte des Eisens. Bd. 3: Das XVIII. Jahrhundert. Braunschweig, 1897, S. 5. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/beck_eisen03_1897/19>, abgerufen am 22.04.2024.