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Allgemeine Zeitung. Nr. 91. Augsburg, 31. März 1840.

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erblicken ließ, manche Freunde in der Kammer erworben, oder gesichert. Zweitens: man dient einem Gönner, einem Freunde nicht wohl gegen seinen Willen. Wenn der König selbst für Hrn. Thiers ist, mit welchem Fug wollten ihn die 221 verwerfen, da sie die Berechtigung zu ihrer systematischen Opposition gerade in einer außerordentlichen Sorgfalt für die Stellung der Krone und die persönliche Selbstständigkeit des Regenten schöpfen wollen! Nun aber scheint uns gar nicht zweifelhaft, daß, für den Augenblick mindestens, Louis Philipp den Sturz des Ministeriums vom 1 März durchaus nicht wünscht, mit den Opponenten gegen die geheimen Gelder nicht einverstanden ist. Der Beweis hiefür liegt in der Sprache, die Vatout, der Bibliothekar, und General Laborde, der Adjutant des Königs, beide die Commensale und Vertrauten des Schlosses der Tuilerien in der letzten Vereinigung der 221 geführt, und in welcher sie sich für die Bewilligung der geheimen Gelder erklärt haben. - Der Redner, welcher der gefährlichste Gegner von Thiers hätte werden können, dessen Talent einen neuen und außerordentlichen Triumph gefeiert hat, ist Berryer. Wer seinen Vortrag auch nicht gehört, wer ihn selbst nicht gelesen und die allgemeine Bewunderung der Zuhörer und der Journale nicht beobachtet hätte, müßte schon aus dem heutigen Artikel des Journal des Debats, der ein Meisterstück von diplomatischem Knickfang ist, ersehen, daß der legitimistische Redner einen tiefen Eindruck auf alle Parteien in der Kammer gemacht hat. "Als endlich, sagt das Journal des Debats, der Redner von der Nothwendigkeit eines Aufschwunges unserer Marine sprach, antwortete ein hochherziger Enthusiasmus (enthousiasme genereux) aller Anwesenden auf den gewandten Enthusiasmus (enthousiasme habile) des Redners." Ein enthousiasme habile! eine berechnete Hingerissenheit! ist das nicht das Summum der Bosheit in einer Wortheirath, die freilich die schreiendste aller Mißheirathen ist! Das Wahre an der Sache ist, daß Berryer sich zu seltener Wortgröße und patriotischer Beredsamkeit aufgeschwungen, und wenn gleich die Politik von Thiers, namentlich in Betreff der englischen Allianz und der französischen Marine nicht billigend, gleichwohl dem neuen Ministerium, durch sein der Linken zugewandtes Glaubensbekenntniß bei weitem mehr genutzt als geschadet hat, besonders nachdem Thiers, eben im Gefolge dieser Rede, nicht undeutlich zu erkennen gab, daß er einen Bruch mit England wegen den afrikanischen Interessen zu den möglichen Dingen rechne. Wahr ist ferner, daß diese Rede in dem Munde von Arago oder Garnier Pages nicht übel gestanden hätte, und daß wenn sie einigermaßen mit dem legitimistischen Programm, ja selbst mit den Aeußerungen der so gar "liberalen" Gazette de France im Widerspruch steht, sie in gleichem Maaße den Conservativen des Journal des Debats zu mißfallen das Unglück haben mußte. Inde ira!

Heute war das Zuströmen zur Deputirtenkammer noch größer als an den zwei letzten Tagen. Die öffentliche Neugierde schien sich mit der Wichtigkeit der Debatte zu steigern. Eine Menge Menschen hielt die Zugänge, die Säle, die Gänge, die Treppen besetzt. Man mußte sich an jeder Thüre der öffentlichen Galerien durchkämpfen. Der Herzog von Orleans und sein Schwager, der Herzog von Würtemberg, waren schon vor der Eröffnung in der königlichen Galerie. Der Präsident bestieg um 1 1/4 Uhr den Präsidentenstuhl. Der anfangs leere Saal füllte sich nun schnell; die in Masse aus dem Conferenzsaal herbeigekommenen Deputirten bildeten mehrere Gruppen im Saale. Um 1 3/4 Uhr betrat Hr. v. Mornay die Tribune und hielt inmitten fortwährend zunehmenden Geräusches eine Rede. Er fand wenig Gehör und machte nur geringen Eindruck auf die Kammer. Er unterstützte das Ministerium. Ihm folgte Hr. Garnier Pages, worauf sich sogleich Stille einstellte. Dieser Chef der äußersten Linken fand die größte Aufmerksamkeit. Er tadelte vorzüglich das Betragen der Mitglieder der Linken, die, wie er sagte, vor der Zeit ministeriell seyn wollten, die nicht einsehen, daß man nicht zugleich Oppositionsmann und Ministerieller seyn könne. Seine Rede brachte bald große Aufregung, bald allgemeine Heiterkeit hervor, und der geistvolle Vortrag diente mehr zur Unterhaltung der Versammlung, als zur Förderung des Fortschritts der Frage. Nach Hrn. Garnier Pages sprach Graf Jaubert, Minister der öffentlichen Arbeiten. Er erinnerte in einer Rede voll Mäßigung, Offenheit und Haltung, daß er nach 1830 in allen Punkten vollkommen mit dem Conseilpräsidenten einverstanden gewesen sey; nur sey eine Zeit gekommen, wo sich ein Zwiespalt zwischen ihm und Hrn. Thiers erhoben habe, der geglaubt hätte, daß die Zeit des Widerstandes vorbei sey. Jetzt, wo dieser Grund der abweichenden Ansicht nicht mehr vorhanden, habe er sich ihm in der Ueberzeugung angeschlossen, daß er der Mann der gegenwärtigen Lage sey. Dem Minister der öffentlichen Arbeiten folgte Hr. v. Lamartine, der hauptsächlich zu beweisen suchte, daß er beständig mit sich selbst einig gewesen, und die Septembergesetze nur in Bezug auf die Cautionen und Geldbußen bekämpft hätte, bei welcher Opposition er mit Hrn. Royer-Collard zusammengetroffen sey. Die Rede des Grafen Jaubert ward günstig von der Kammer aufgenommen, und die Kammer schien mit Vergnügen zu vernehmen, daß das Cabinet des 1 März sich besonders eifrig mit Lösung der den Handel, die Industrie und die öffentlichen Arbeiten betreffenden Fragen beschäftigen werde. Hr. Teste glaubte hauptsächlich in einigen Stellen der Reden des Hrn. Odilon-Barrot und des Hrn. Garnier Pages einige verletzende Rückblicke auf das Cabinet vom 12 Mai gefunden zu haben. Er sucht zu beweisen, daß das Ministerium vom 12 Mai so gut, wie das vom 1 März ein Cabinet der Ausgleichung und der Transaction gewesen sey, wie es durch alle seine Handlungen bewiesen habe. Er wünsche, daß die neue Verwaltung denselben Einklang, dieselbe Homogeneität darbieten möge. (Bewegung.) Auch er halte die Wahlreform nicht für ein Bedürfniß des Landes; auch er wünsche in Betreff der Septembergesetze eine Definition des Attentats. Ohne eine Parallele zwischen den zwei Cabinetten ziehen zu wollen, bemerkte er, daß das, zu dem er gehört, das Land in völliger Ruhe hinterlassen habe. Im Plan der auswärtigen Politik existire keine Differenz zwischen beiden Cabinetten. Das Princip sey fortwährend die Integrität des ottomanischen Reichs. Sein Votum unter den gegenwärtigen Umständen betreffend, so werde es gewissenhaft seyn, und er werde, wenn die Abstimmung an ihn komme, die Farbe seiner Kugel zeigen. (Ruf zur Abstimmung!) Hr. Chegaray wollte noch einige Aeußerungen des Hrn. Odilon-Barrot über die Septembergesetze und die Wahlreform beantworten, ward aber durch den beständigen Ruf zur Abstimmung unterbrochen. Die allgemeine Erörterung ward dann geschlossen. Hr. Dangeville verlas sein Amendement zur Reducirung des Credits auf 900,000 Fr. Bei Abgang der Post war das Scrutin darüber eröffnet, aber noch nichts entschieden.

Abends 4 Uhr. So eben traf folgende, vom Minister des Innern an den Präfecten des Niederrheins gerichtete telegraphische Depesche ein: Paris, 27 März. Das Gesetz der geheimen Fonds ward mit 246 gegen 160 Stimmen (also mit einer Majorität von 86) votirt.

erblicken ließ, manche Freunde in der Kammer erworben, oder gesichert. Zweitens: man dient einem Gönner, einem Freunde nicht wohl gegen seinen Willen. Wenn der König selbst für Hrn. Thiers ist, mit welchem Fug wollten ihn die 221 verwerfen, da sie die Berechtigung zu ihrer systematischen Opposition gerade in einer außerordentlichen Sorgfalt für die Stellung der Krone und die persönliche Selbstständigkeit des Regenten schöpfen wollen! Nun aber scheint uns gar nicht zweifelhaft, daß, für den Augenblick mindestens, Louis Philipp den Sturz des Ministeriums vom 1 März durchaus nicht wünscht, mit den Opponenten gegen die geheimen Gelder nicht einverstanden ist. Der Beweis hiefür liegt in der Sprache, die Vatout, der Bibliothekar, und General Laborde, der Adjutant des Königs, beide die Commensale und Vertrauten des Schlosses der Tuilerien in der letzten Vereinigung der 221 geführt, und in welcher sie sich für die Bewilligung der geheimen Gelder erklärt haben. – Der Redner, welcher der gefährlichste Gegner von Thiers hätte werden können, dessen Talent einen neuen und außerordentlichen Triumph gefeiert hat, ist Berryer. Wer seinen Vortrag auch nicht gehört, wer ihn selbst nicht gelesen und die allgemeine Bewunderung der Zuhörer und der Journale nicht beobachtet hätte, müßte schon aus dem heutigen Artikel des Journal des Débats, der ein Meisterstück von diplomatischem Knickfang ist, ersehen, daß der legitimistische Redner einen tiefen Eindruck auf alle Parteien in der Kammer gemacht hat. „Als endlich, sagt das Journal des Débats, der Redner von der Nothwendigkeit eines Aufschwunges unserer Marine sprach, antwortete ein hochherziger Enthusiasmus (enthousiasme généreux) aller Anwesenden auf den gewandten Enthusiasmus (enthousiasme habile) des Redners.“ Ein enthousiasme habile! eine berechnete Hingerissenheit! ist das nicht das Summum der Bosheit in einer Wortheirath, die freilich die schreiendste aller Mißheirathen ist! Das Wahre an der Sache ist, daß Berryer sich zu seltener Wortgröße und patriotischer Beredsamkeit aufgeschwungen, und wenn gleich die Politik von Thiers, namentlich in Betreff der englischen Allianz und der französischen Marine nicht billigend, gleichwohl dem neuen Ministerium, durch sein der Linken zugewandtes Glaubensbekenntniß bei weitem mehr genutzt als geschadet hat, besonders nachdem Thiers, eben im Gefolge dieser Rede, nicht undeutlich zu erkennen gab, daß er einen Bruch mit England wegen den afrikanischen Interessen zu den möglichen Dingen rechne. Wahr ist ferner, daß diese Rede in dem Munde von Arago oder Garnier Pages nicht übel gestanden hätte, und daß wenn sie einigermaßen mit dem legitimistischen Programm, ja selbst mit den Aeußerungen der so gar „liberalen“ Gazette de France im Widerspruch steht, sie in gleichem Maaße den Conservativen des Journal des Débats zu mißfallen das Unglück haben mußte. Inde ira!

Heute war das Zuströmen zur Deputirtenkammer noch größer als an den zwei letzten Tagen. Die öffentliche Neugierde schien sich mit der Wichtigkeit der Debatte zu steigern. Eine Menge Menschen hielt die Zugänge, die Säle, die Gänge, die Treppen besetzt. Man mußte sich an jeder Thüre der öffentlichen Galerien durchkämpfen. Der Herzog von Orleans und sein Schwager, der Herzog von Würtemberg, waren schon vor der Eröffnung in der königlichen Galerie. Der Präsident bestieg um 1 1/4 Uhr den Präsidentenstuhl. Der anfangs leere Saal füllte sich nun schnell; die in Masse aus dem Conferenzsaal herbeigekommenen Deputirten bildeten mehrere Gruppen im Saale. Um 1 3/4 Uhr betrat Hr. v. Mornay die Tribune und hielt inmitten fortwährend zunehmenden Geräusches eine Rede. Er fand wenig Gehör und machte nur geringen Eindruck auf die Kammer. Er unterstützte das Ministerium. Ihm folgte Hr. Garnier Pagès, worauf sich sogleich Stille einstellte. Dieser Chef der äußersten Linken fand die größte Aufmerksamkeit. Er tadelte vorzüglich das Betragen der Mitglieder der Linken, die, wie er sagte, vor der Zeit ministeriell seyn wollten, die nicht einsehen, daß man nicht zugleich Oppositionsmann und Ministerieller seyn könne. Seine Rede brachte bald große Aufregung, bald allgemeine Heiterkeit hervor, und der geistvolle Vortrag diente mehr zur Unterhaltung der Versammlung, als zur Förderung des Fortschritts der Frage. Nach Hrn. Garnier Pagès sprach Graf Jaubert, Minister der öffentlichen Arbeiten. Er erinnerte in einer Rede voll Mäßigung, Offenheit und Haltung, daß er nach 1830 in allen Punkten vollkommen mit dem Conseilpräsidenten einverstanden gewesen sey; nur sey eine Zeit gekommen, wo sich ein Zwiespalt zwischen ihm und Hrn. Thiers erhoben habe, der geglaubt hätte, daß die Zeit des Widerstandes vorbei sey. Jetzt, wo dieser Grund der abweichenden Ansicht nicht mehr vorhanden, habe er sich ihm in der Ueberzeugung angeschlossen, daß er der Mann der gegenwärtigen Lage sey. Dem Minister der öffentlichen Arbeiten folgte Hr. v. Lamartine, der hauptsächlich zu beweisen suchte, daß er beständig mit sich selbst einig gewesen, und die Septembergesetze nur in Bezug auf die Cautionen und Geldbußen bekämpft hätte, bei welcher Opposition er mit Hrn. Royer-Collard zusammengetroffen sey. Die Rede des Grafen Jaubert ward günstig von der Kammer aufgenommen, und die Kammer schien mit Vergnügen zu vernehmen, daß das Cabinet des 1 März sich besonders eifrig mit Lösung der den Handel, die Industrie und die öffentlichen Arbeiten betreffenden Fragen beschäftigen werde. Hr. Teste glaubte hauptsächlich in einigen Stellen der Reden des Hrn. Odilon-Barrot und des Hrn. Garnier Pagès einige verletzende Rückblicke auf das Cabinet vom 12 Mai gefunden zu haben. Er sucht zu beweisen, daß das Ministerium vom 12 Mai so gut, wie das vom 1 März ein Cabinet der Ausgleichung und der Transaction gewesen sey, wie es durch alle seine Handlungen bewiesen habe. Er wünsche, daß die neue Verwaltung denselben Einklang, dieselbe Homogeneität darbieten möge. (Bewegung.) Auch er halte die Wahlreform nicht für ein Bedürfniß des Landes; auch er wünsche in Betreff der Septembergesetze eine Definition des Attentats. Ohne eine Parallele zwischen den zwei Cabinetten ziehen zu wollen, bemerkte er, daß das, zu dem er gehört, das Land in völliger Ruhe hinterlassen habe. Im Plan der auswärtigen Politik existire keine Differenz zwischen beiden Cabinetten. Das Princip sey fortwährend die Integrität des ottomanischen Reichs. Sein Votum unter den gegenwärtigen Umständen betreffend, so werde es gewissenhaft seyn, und er werde, wenn die Abstimmung an ihn komme, die Farbe seiner Kugel zeigen. (Ruf zur Abstimmung!) Hr. Chegaray wollte noch einige Aeußerungen des Hrn. Odilon-Barrot über die Septembergesetze und die Wahlreform beantworten, ward aber durch den beständigen Ruf zur Abstimmung unterbrochen. Die allgemeine Erörterung ward dann geschlossen. Hr. Dangeville verlas sein Amendement zur Reducirung des Credits auf 900,000 Fr. Bei Abgang der Post war das Scrutin darüber eröffnet, aber noch nichts entschieden.

Abends 4 Uhr. So eben traf folgende, vom Minister des Innern an den Präfecten des Niederrheins gerichtete telegraphische Depesche ein: Paris, 27 März. Das Gesetz der geheimen Fonds ward mit 246 gegen 160 Stimmen (also mit einer Majorität von 86) votirt.

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[0726/0006] erblicken ließ, manche Freunde in der Kammer erworben, oder gesichert. Zweitens: man dient einem Gönner, einem Freunde nicht wohl gegen seinen Willen. Wenn der König selbst für Hrn. Thiers ist, mit welchem Fug wollten ihn die 221 verwerfen, da sie die Berechtigung zu ihrer systematischen Opposition gerade in einer außerordentlichen Sorgfalt für die Stellung der Krone und die persönliche Selbstständigkeit des Regenten schöpfen wollen! Nun aber scheint uns gar nicht zweifelhaft, daß, für den Augenblick mindestens, Louis Philipp den Sturz des Ministeriums vom 1 März durchaus nicht wünscht, mit den Opponenten gegen die geheimen Gelder nicht einverstanden ist. Der Beweis hiefür liegt in der Sprache, die Vatout, der Bibliothekar, und General Laborde, der Adjutant des Königs, beide die Commensale und Vertrauten des Schlosses der Tuilerien in der letzten Vereinigung der 221 geführt, und in welcher sie sich für die Bewilligung der geheimen Gelder erklärt haben. – Der Redner, welcher der gefährlichste Gegner von Thiers hätte werden können, dessen Talent einen neuen und außerordentlichen Triumph gefeiert hat, ist Berryer. Wer seinen Vortrag auch nicht gehört, wer ihn selbst nicht gelesen und die allgemeine Bewunderung der Zuhörer und der Journale nicht beobachtet hätte, müßte schon aus dem heutigen Artikel des Journal des Débats, der ein Meisterstück von diplomatischem Knickfang ist, ersehen, daß der legitimistische Redner einen tiefen Eindruck auf alle Parteien in der Kammer gemacht hat. „Als endlich, sagt das Journal des Débats, der Redner von der Nothwendigkeit eines Aufschwunges unserer Marine sprach, antwortete ein hochherziger Enthusiasmus (enthousiasme généreux) aller Anwesenden auf den gewandten Enthusiasmus (enthousiasme habile) des Redners.“ Ein enthousiasme habile! eine berechnete Hingerissenheit! ist das nicht das Summum der Bosheit in einer Wortheirath, die freilich die schreiendste aller Mißheirathen ist! Das Wahre an der Sache ist, daß Berryer sich zu seltener Wortgröße und patriotischer Beredsamkeit aufgeschwungen, und wenn gleich die Politik von Thiers, namentlich in Betreff der englischen Allianz und der französischen Marine nicht billigend, gleichwohl dem neuen Ministerium, durch sein der Linken zugewandtes Glaubensbekenntniß bei weitem mehr genutzt als geschadet hat, besonders nachdem Thiers, eben im Gefolge dieser Rede, nicht undeutlich zu erkennen gab, daß er einen Bruch mit England wegen den afrikanischen Interessen zu den möglichen Dingen rechne. Wahr ist ferner, daß diese Rede in dem Munde von Arago oder Garnier Pages nicht übel gestanden hätte, und daß wenn sie einigermaßen mit dem legitimistischen Programm, ja selbst mit den Aeußerungen der so gar „liberalen“ Gazette de France im Widerspruch steht, sie in gleichem Maaße den Conservativen des Journal des Débats zu mißfallen das Unglück haben mußte. Inde ira! _ Paris, 26 März. Heute war das Zuströmen zur Deputirtenkammer noch größer als an den zwei letzten Tagen. Die öffentliche Neugierde schien sich mit der Wichtigkeit der Debatte zu steigern. Eine Menge Menschen hielt die Zugänge, die Säle, die Gänge, die Treppen besetzt. Man mußte sich an jeder Thüre der öffentlichen Galerien durchkämpfen. Der Herzog von Orleans und sein Schwager, der Herzog von Würtemberg, waren schon vor der Eröffnung in der königlichen Galerie. Der Präsident bestieg um 1 1/4 Uhr den Präsidentenstuhl. Der anfangs leere Saal füllte sich nun schnell; die in Masse aus dem Conferenzsaal herbeigekommenen Deputirten bildeten mehrere Gruppen im Saale. Um 1 3/4 Uhr betrat Hr. v. Mornay die Tribune und hielt inmitten fortwährend zunehmenden Geräusches eine Rede. Er fand wenig Gehör und machte nur geringen Eindruck auf die Kammer. Er unterstützte das Ministerium. Ihm folgte Hr. Garnier Pagès, worauf sich sogleich Stille einstellte. Dieser Chef der äußersten Linken fand die größte Aufmerksamkeit. Er tadelte vorzüglich das Betragen der Mitglieder der Linken, die, wie er sagte, vor der Zeit ministeriell seyn wollten, die nicht einsehen, daß man nicht zugleich Oppositionsmann und Ministerieller seyn könne. Seine Rede brachte bald große Aufregung, bald allgemeine Heiterkeit hervor, und der geistvolle Vortrag diente mehr zur Unterhaltung der Versammlung, als zur Förderung des Fortschritts der Frage. Nach Hrn. Garnier Pagès sprach Graf Jaubert, Minister der öffentlichen Arbeiten. Er erinnerte in einer Rede voll Mäßigung, Offenheit und Haltung, daß er nach 1830 in allen Punkten vollkommen mit dem Conseilpräsidenten einverstanden gewesen sey; nur sey eine Zeit gekommen, wo sich ein Zwiespalt zwischen ihm und Hrn. Thiers erhoben habe, der geglaubt hätte, daß die Zeit des Widerstandes vorbei sey. Jetzt, wo dieser Grund der abweichenden Ansicht nicht mehr vorhanden, habe er sich ihm in der Ueberzeugung angeschlossen, daß er der Mann der gegenwärtigen Lage sey. Dem Minister der öffentlichen Arbeiten folgte Hr. v. Lamartine, der hauptsächlich zu beweisen suchte, daß er beständig mit sich selbst einig gewesen, und die Septembergesetze nur in Bezug auf die Cautionen und Geldbußen bekämpft hätte, bei welcher Opposition er mit Hrn. Royer-Collard zusammengetroffen sey. Die Rede des Grafen Jaubert ward günstig von der Kammer aufgenommen, und die Kammer schien mit Vergnügen zu vernehmen, daß das Cabinet des 1 März sich besonders eifrig mit Lösung der den Handel, die Industrie und die öffentlichen Arbeiten betreffenden Fragen beschäftigen werde. Hr. Teste glaubte hauptsächlich in einigen Stellen der Reden des Hrn. Odilon-Barrot und des Hrn. Garnier Pagès einige verletzende Rückblicke auf das Cabinet vom 12 Mai gefunden zu haben. Er sucht zu beweisen, daß das Ministerium vom 12 Mai so gut, wie das vom 1 März ein Cabinet der Ausgleichung und der Transaction gewesen sey, wie es durch alle seine Handlungen bewiesen habe. Er wünsche, daß die neue Verwaltung denselben Einklang, dieselbe Homogeneität darbieten möge. (Bewegung.) Auch er halte die Wahlreform nicht für ein Bedürfniß des Landes; auch er wünsche in Betreff der Septembergesetze eine Definition des Attentats. Ohne eine Parallele zwischen den zwei Cabinetten ziehen zu wollen, bemerkte er, daß das, zu dem er gehört, das Land in völliger Ruhe hinterlassen habe. Im Plan der auswärtigen Politik existire keine Differenz zwischen beiden Cabinetten. Das Princip sey fortwährend die Integrität des ottomanischen Reichs. Sein Votum unter den gegenwärtigen Umständen betreffend, so werde es gewissenhaft seyn, und er werde, wenn die Abstimmung an ihn komme, die Farbe seiner Kugel zeigen. (Ruf zur Abstimmung!) Hr. Chegaray wollte noch einige Aeußerungen des Hrn. Odilon-Barrot über die Septembergesetze und die Wahlreform beantworten, ward aber durch den beständigen Ruf zur Abstimmung unterbrochen. Die allgemeine Erörterung ward dann geschlossen. Hr. Dangeville verlas sein Amendement zur Reducirung des Credits auf 900,000 Fr. Bei Abgang der Post war das Scrutin darüber eröffnet, aber noch nichts entschieden. _ Straßburg, 27 März. Abends 4 Uhr. So eben traf folgende, vom Minister des Innern an den Präfecten des Niederrheins gerichtete telegraphische Depesche ein: Paris, 27 März. Das Gesetz der geheimen Fonds ward mit 246 gegen 160 Stimmen (also mit einer Majorität von 86) votirt.

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Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

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Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-06-28T11:37:15Z)

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Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung. Nr. 91. Augsburg, 31. März 1840, S. 0726. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_091_18400331/6>, abgerufen am 21.02.2024.