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Allgemeine Zeitung. Nr. 36. Augsburg, 5. Februar 1840.

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zu sehen, daß man die Wüste als seine Geburtsstätte und Heimath lieben müsse, um ihrer Einförmigkeit nicht bald satt zu werden. Ich kannte einen deutschen Baron v. O...r, den die Abenteuerlust nach Mascara trieb. Der Kalifa Hadschi-Mustapha nahm ihn in sein Gefolge auf, und mit ihm machte er einige Züge durch das Land. Der deutsche Edelmann fand aber das Bivouakiren und ewige Kuskusuessen gar nicht so romantisch als er gedacht hatte, und nach vier Monaten konnte er es vor Ueberdruß und Unbehaglichkeit nicht mehr aushalten. Er floh mit Gefahr seines Lebens zu den Franzosen nach Mostaganem.

Leon Roches ist gegenwärtig beschäftigt, die Erinnerungen seines dreijährigen Aufenthalts unter den Arabern zu Papier zu bringen. Da er in unmittelbarer Nähe Abd-El-Kaders war, dessen ganzes Vertrauen besaß, da man ihm überdieß als einem gebildeten Mann mehr Beobachtungsgabe zutrauen darf, als andern Renegaten von roher Erziehung, so lassen sich von ihm sehr interessante Aufschlüsse erwarten über Abd-El-Kaders Charakter als Fürst und Privatmann, über die Zustände im Innern, den Zug gegen Ain-Maadi und die unbekannten Gegenden zwischen den letzten Abhängen des Algier'schen Atlasgebirgs und der Sahara, die vor ihm kein Europäer bereist oder wenigstens keines geschildert hat.*)

Rede Macaulay's in Edinburg.

(Beschluß.)

Der Kriegsminister fuhr fort: "Werfen wir einen Blick auf die Vergangenheit, und überlegen wir dann ruhig, ob die Politik, wie sie von solchen Leuten empfohlen wird, eine protestantische ist. Es sind jetzt beinahe drei Jahrhunderte, seit man in Irland die protestantische Kirche zur herrschenden erklärt hat. Nicht nur wurde diese Kirche reichlich mit allem dotirt, was zur Behaglichkeit und zum Glanz ihrer Mitglieder beitragen konnte, nicht nur erhielten ihre Prälaten Sitz in der Legislatur, nicht nur ward eine mit der Staatskirche verbundene Universität in der irischen Hauptstadt errichtet und fürstlich ausgestattet, sondern auch eine ungeheure Masse Privateigenthums wurde gewaltsam von Katholiken auf Protestanten übergetragen, und überhaupt von der härtesten Strafe, welche die Bosheit erfinden und vollstrecken konnte, bis zur kleinlichsten Vexation herab kein Mittel gespart, um die Macht der Staatskirche zu vergrößern. Jede durch die Verzweiflung hervorgerufene Insurrection, von Cromwells Zeit an bis auf Wilhelm III, diente nur dazu, die Spaltung zwischen Protestanten und Katholiken zu erweitern, bis endlich der Unterschied in ihrer politischen und civilrechtlichen Stellung so schreiend wurde, wie zwischen dem Bramanen und dem Paria, zwischen dem westindischen Pflanzer und seinem Negersklaven. Und doch nachdem alles dieß geschehen, nachdem zehn Generationen unter protestantischer Regierung vorüber gegangen - hat der Protestantismus Fortschritte gemacht? Oder ist er nicht vielmehr stationär geblieben, wenn er nicht gar Rückschritte gethan hat? Hat der katholische Glaube die Volksliebe in Irland verloren, oder ist er in ihr nicht vielmehr stärker, als in irgend einem Lande des Continents? Hat der Einfluß des Priesters sich vermindert, oder ist er nicht etwa größer geworden, als in Flandern und Spanien, oder selbst im Weichbilde des Vaticans? (Hört!) Das sind die Früchte der Politik, nach der man die Verwaltung, die Volkserziehung, das ganze sociale System von Irland, und zwar zu keinem andern Zwecke gemodelt hat, als dem protestantischen Uebergewicht Vorschub zu leisten. Wär' ich Katholik, ich würde in keiner Verlegenheit seyn, mir diese Erscheinung zu erklären. Ich würde sprechen: sehet da die Erfüllung der Weissagung, die ich über der Thüre der St. Peterskirche angeschrieben gelesen: "Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeine, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen." Wär' ich Katholik, ich würde sagen, in dieser Zeit, wie in den alten Zeiten, sey die Wahrheit Sieger geblieben über die Gewalt, und dieselbe Religion, welche die Macht der römischen Kaiser und die Spitzfindigkeiten der athenischen Philosophenschulen überwand, habe auch über jede Hemmung ihres Fortschrittes in Irland triumphirt. Aber was soll der Protestant sagen, der da glaubt, daß in allen zwischen ihm und der römischen Kirche strittigen Punkten er Recht, und diese Kirche Unrecht hat? Wie soll er von dieser Erscheinung sich Rechenschaft geben? - Hat die menschliche Seele ihre Natur verändert? Nein. Sie ist noch dieselbe, welche sie damals war, als ein armer Mönch aus einem sächsischen Kloster jene ewigen Wahrheiten aussprach, und die Grundsätze von eilf Jahrhunderten vor ihnen zusammenstürzten. Noch ruht der Protestantismus auf denselben Principien, welche vordem Fürsten und Heereshaufen, die stolzen Päpste, die Jesuiten und die Inquisition, die tausend Schwerter des Prinzen von Parma und Philipps Armada besiegten. Wie kommt es nun, daß unsere Religion, an deren Grundvesten vor zwei Jahrhunderten List und Gewalt zerschellten - wie kommt es, daß sie jetzt in unserm Lande, im Vollbesitz aller weltlichen Hülfsmittel, krankt und siecht? (Hört!) Freilich, meine Herren! gibt es gewisse moralische Quacksalber, deren ganze Heilmethode darin besteht, die Dosis, welche die Krankheit verschlimmert hat, immer von neuem zu verschreiben. Hört man sie, so ist die Ursache von allem dem einzig und allein die unverzeihliche Nachsicht der Regierung gegen Papstthum und Abgötterei. "Fort mit den Jesuiten!" ruft der Eine; "hebt die Emancipationsacte auf!" schreit ein Anderer; "die Regierung beordere die Magistrate, an gegebenen Tagen die geistlichen Behörden der katholischen Kirche im Angesicht ihrer Bekenner zu insultiren," räth ein Dritter; "commandirt die Irländer mit Trommelschlag zur Anhör protestantischer Predigten, und umstellt sie mit Soldaten aufgepflanzten Bajonnets, um Ordnung zu erhalten und zu verhindern, daß sie vor Beendigung des Gottesdienstes nicht weglaufen," sagt ein Vierter. (Gelächter.) Ach! ach! wäre das der geeignete Weg zur Verbreitung der Wahrheit, dann wäre längst kein Römisch-Katholischer mehr in Irland, denn an dieser protestantischen Propaganda hat man es englischerseits wahrlich nicht fehlen lassen, und auch der sinnreichste von all den orthodoxen Gentlemen, deren geistlich-weltliche Beredsamkeit die Heiligen der Exeter-Hall entzückt (Gelächter), würde schwerlich noch ein Mittel anzugeben wissen, wie man Götzendiener elend machen kann, das unsere Väter nicht in vollem Maaß an dem irischen Volk versucht hätten. (Beifall.) Mit Entziehung der bürgerlichen Rechte hat man es versucht, mit Herzenskränkungen jeder Art, mit Feuer und Schwert, mit dem Henkerbeil und dem Galgen - Alles umsonst! Und was sollen wir nun noch versuchen? - Eines ist klar: daß es Wahnsinn wäre, noch einmal Mittel anzuwenden, die jederzeit versagt haben. War es möglich, konnten wir in unserer Verblendung so weit gehen, den Irländern Protestantismus und schlechte Verwaltung Eins an des Andern Seite wie Zwillingsgeschwister zu zeigen, als wollten wir sie beflissentlich das verabscheuen lehren, was sie außerdem vielleicht achten und lieben gelernt hätten?

*) Die Allgem. Ztg. hofft, ihren Lesern Auszüge aus der Schrift Leon Roches' geben zu können, ehe dieselbe im Druck erscheinen wird.


zu sehen, daß man die Wüste als seine Geburtsstätte und Heimath lieben müsse, um ihrer Einförmigkeit nicht bald satt zu werden. Ich kannte einen deutschen Baron v. O...r, den die Abenteuerlust nach Mascara trieb. Der Kalifa Hadschi-Mustapha nahm ihn in sein Gefolge auf, und mit ihm machte er einige Züge durch das Land. Der deutsche Edelmann fand aber das Bivouakiren und ewige Kuskusuessen gar nicht so romantisch als er gedacht hatte, und nach vier Monaten konnte er es vor Ueberdruß und Unbehaglichkeit nicht mehr aushalten. Er floh mit Gefahr seines Lebens zu den Franzosen nach Mostaganem.

Léon Roches ist gegenwärtig beschäftigt, die Erinnerungen seines dreijährigen Aufenthalts unter den Arabern zu Papier zu bringen. Da er in unmittelbarer Nähe Abd-El-Kaders war, dessen ganzes Vertrauen besaß, da man ihm überdieß als einem gebildeten Mann mehr Beobachtungsgabe zutrauen darf, als andern Renegaten von roher Erziehung, so lassen sich von ihm sehr interessante Aufschlüsse erwarten über Abd-El-Kaders Charakter als Fürst und Privatmann, über die Zustände im Innern, den Zug gegen Ain-Maadi und die unbekannten Gegenden zwischen den letzten Abhängen des Algier'schen Atlasgebirgs und der Sahara, die vor ihm kein Europäer bereist oder wenigstens keines geschildert hat.*)

Rede Macaulay's in Edinburg.

(Beschluß.)

Der Kriegsminister fuhr fort: „Werfen wir einen Blick auf die Vergangenheit, und überlegen wir dann ruhig, ob die Politik, wie sie von solchen Leuten empfohlen wird, eine protestantische ist. Es sind jetzt beinahe drei Jahrhunderte, seit man in Irland die protestantische Kirche zur herrschenden erklärt hat. Nicht nur wurde diese Kirche reichlich mit allem dotirt, was zur Behaglichkeit und zum Glanz ihrer Mitglieder beitragen konnte, nicht nur erhielten ihre Prälaten Sitz in der Legislatur, nicht nur ward eine mit der Staatskirche verbundene Universität in der irischen Hauptstadt errichtet und fürstlich ausgestattet, sondern auch eine ungeheure Masse Privateigenthums wurde gewaltsam von Katholiken auf Protestanten übergetragen, und überhaupt von der härtesten Strafe, welche die Bosheit erfinden und vollstrecken konnte, bis zur kleinlichsten Vexation herab kein Mittel gespart, um die Macht der Staatskirche zu vergrößern. Jede durch die Verzweiflung hervorgerufene Insurrection, von Cromwells Zeit an bis auf Wilhelm III, diente nur dazu, die Spaltung zwischen Protestanten und Katholiken zu erweitern, bis endlich der Unterschied in ihrer politischen und civilrechtlichen Stellung so schreiend wurde, wie zwischen dem Bramanen und dem Paria, zwischen dem westindischen Pflanzer und seinem Negersklaven. Und doch nachdem alles dieß geschehen, nachdem zehn Generationen unter protestantischer Regierung vorüber gegangen – hat der Protestantismus Fortschritte gemacht? Oder ist er nicht vielmehr stationär geblieben, wenn er nicht gar Rückschritte gethan hat? Hat der katholische Glaube die Volksliebe in Irland verloren, oder ist er in ihr nicht vielmehr stärker, als in irgend einem Lande des Continents? Hat der Einfluß des Priesters sich vermindert, oder ist er nicht etwa größer geworden, als in Flandern und Spanien, oder selbst im Weichbilde des Vaticans? (Hört!) Das sind die Früchte der Politik, nach der man die Verwaltung, die Volkserziehung, das ganze sociale System von Irland, und zwar zu keinem andern Zwecke gemodelt hat, als dem protestantischen Uebergewicht Vorschub zu leisten. Wär' ich Katholik, ich würde in keiner Verlegenheit seyn, mir diese Erscheinung zu erklären. Ich würde sprechen: sehet da die Erfüllung der Weissagung, die ich über der Thüre der St. Peterskirche angeschrieben gelesen: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeine, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.“ Wär' ich Katholik, ich würde sagen, in dieser Zeit, wie in den alten Zeiten, sey die Wahrheit Sieger geblieben über die Gewalt, und dieselbe Religion, welche die Macht der römischen Kaiser und die Spitzfindigkeiten der athenischen Philosophenschulen überwand, habe auch über jede Hemmung ihres Fortschrittes in Irland triumphirt. Aber was soll der Protestant sagen, der da glaubt, daß in allen zwischen ihm und der römischen Kirche strittigen Punkten er Recht, und diese Kirche Unrecht hat? Wie soll er von dieser Erscheinung sich Rechenschaft geben? – Hat die menschliche Seele ihre Natur verändert? Nein. Sie ist noch dieselbe, welche sie damals war, als ein armer Mönch aus einem sächsischen Kloster jene ewigen Wahrheiten aussprach, und die Grundsätze von eilf Jahrhunderten vor ihnen zusammenstürzten. Noch ruht der Protestantismus auf denselben Principien, welche vordem Fürsten und Heereshaufen, die stolzen Päpste, die Jesuiten und die Inquisition, die tausend Schwerter des Prinzen von Parma und Philipps Armada besiegten. Wie kommt es nun, daß unsere Religion, an deren Grundvesten vor zwei Jahrhunderten List und Gewalt zerschellten – wie kommt es, daß sie jetzt in unserm Lande, im Vollbesitz aller weltlichen Hülfsmittel, krankt und siecht? (Hört!) Freilich, meine Herren! gibt es gewisse moralische Quacksalber, deren ganze Heilmethode darin besteht, die Dosis, welche die Krankheit verschlimmert hat, immer von neuem zu verschreiben. Hört man sie, so ist die Ursache von allem dem einzig und allein die unverzeihliche Nachsicht der Regierung gegen Papstthum und Abgötterei. „Fort mit den Jesuiten!“ ruft der Eine; „hebt die Emancipationsacte auf!“ schreit ein Anderer; „die Regierung beordere die Magistrate, an gegebenen Tagen die geistlichen Behörden der katholischen Kirche im Angesicht ihrer Bekenner zu insultiren,“ räth ein Dritter; „commandirt die Irländer mit Trommelschlag zur Anhör protestantischer Predigten, und umstellt sie mit Soldaten aufgepflanzten Bajonnets, um Ordnung zu erhalten und zu verhindern, daß sie vor Beendigung des Gottesdienstes nicht weglaufen,“ sagt ein Vierter. (Gelächter.) Ach! ach! wäre das der geeignete Weg zur Verbreitung der Wahrheit, dann wäre längst kein Römisch-Katholischer mehr in Irland, denn an dieser protestantischen Propaganda hat man es englischerseits wahrlich nicht fehlen lassen, und auch der sinnreichste von all den orthodoxen Gentlemen, deren geistlich-weltliche Beredsamkeit die Heiligen der Exeter-Hall entzückt (Gelächter), würde schwerlich noch ein Mittel anzugeben wissen, wie man Götzendiener elend machen kann, das unsere Väter nicht in vollem Maaß an dem irischen Volk versucht hätten. (Beifall.) Mit Entziehung der bürgerlichen Rechte hat man es versucht, mit Herzenskränkungen jeder Art, mit Feuer und Schwert, mit dem Henkerbeil und dem Galgen – Alles umsonst! Und was sollen wir nun noch versuchen? – Eines ist klar: daß es Wahnsinn wäre, noch einmal Mittel anzuwenden, die jederzeit versagt haben. War es möglich, konnten wir in unserer Verblendung so weit gehen, den Irländern Protestantismus und schlechte Verwaltung Eins an des Andern Seite wie Zwillingsgeschwister zu zeigen, als wollten wir sie beflissentlich das verabscheuen lehren, was sie außerdem vielleicht achten und lieben gelernt hätten?

*) Die Allgem. Ztg. hofft, ihren Lesern Auszüge aus der Schrift Léon Roches' geben zu können, ehe dieselbe im Druck erscheinen wird.
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Jede durch die Verzweiflung hervorgerufene Insurrection, von Cromwells Zeit an bis auf Wilhelm III, diente nur dazu, die Spaltung zwischen Protestanten und Katholiken zu erweitern, bis endlich der Unterschied in ihrer politischen und civilrechtlichen Stellung so schreiend wurde, wie zwischen dem Bramanen und dem Paria, zwischen dem westindischen Pflanzer und seinem Negersklaven. Und doch nachdem alles dieß geschehen, nachdem zehn Generationen unter protestantischer Regierung vorüber gegangen &#x2013; hat der Protestantismus Fortschritte gemacht? Oder ist er nicht vielmehr stationär geblieben, wenn er nicht gar Rückschritte gethan hat? Hat der katholische Glaube die Volksliebe in Irland verloren, oder ist er in ihr nicht vielmehr stärker, als in irgend einem Lande des Continents? Hat der Einfluß des Priesters sich vermindert, oder ist er nicht etwa größer geworden, als in Flandern und Spanien, oder selbst im Weichbilde des Vaticans? (Hört!) Das sind die Früchte der Politik, nach der man die Verwaltung, die Volkserziehung, das ganze sociale System von Irland, und zwar zu keinem andern Zwecke gemodelt hat, als dem protestantischen Uebergewicht Vorschub zu leisten. Wär' ich Katholik, ich würde in keiner Verlegenheit seyn, mir diese Erscheinung zu erklären. Ich würde sprechen: sehet da die Erfüllung der Weissagung, die ich über der Thüre der St. Peterskirche angeschrieben gelesen: &#x201E;Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeine, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.&#x201C; Wär' ich Katholik, ich würde sagen, in dieser Zeit, wie in den alten Zeiten, sey die Wahrheit Sieger geblieben über die Gewalt, und dieselbe Religion, welche die Macht der römischen Kaiser und die Spitzfindigkeiten der athenischen Philosophenschulen überwand, habe auch über jede Hemmung ihres Fortschrittes in Irland triumphirt. 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Freilich, meine Herren! gibt es gewisse moralische Quacksalber, deren ganze Heilmethode darin besteht, die Dosis, welche die Krankheit verschlimmert hat, immer von neuem zu verschreiben. Hört man sie, so ist die Ursache von allem dem einzig und allein die unverzeihliche Nachsicht der Regierung gegen Papstthum und Abgötterei. &#x201E;Fort mit den Jesuiten!&#x201C; ruft der Eine; &#x201E;hebt die Emancipationsacte auf!&#x201C; schreit ein Anderer; &#x201E;die Regierung beordere die Magistrate, an gegebenen Tagen die geistlichen Behörden der katholischen Kirche im Angesicht ihrer Bekenner zu insultiren,&#x201C; räth ein Dritter; &#x201E;commandirt die Irländer mit Trommelschlag zur Anhör protestantischer Predigten, und umstellt sie mit Soldaten aufgepflanzten Bajonnets, um Ordnung zu erhalten und zu verhindern, daß sie vor Beendigung des Gottesdienstes nicht weglaufen,&#x201C; sagt ein Vierter. (Gelächter.) Ach! ach! wäre das der geeignete Weg zur Verbreitung der Wahrheit, dann wäre längst kein Römisch-Katholischer mehr in Irland, denn an dieser protestantischen Propaganda hat man es englischerseits wahrlich nicht fehlen lassen, und auch der sinnreichste von all den orthodoxen Gentlemen, deren geistlich-weltliche Beredsamkeit die Heiligen der Exeter-Hall entzückt (Gelächter), würde schwerlich noch ein Mittel anzugeben wissen, wie man Götzendiener elend machen kann, das unsere Väter nicht in vollem Maaß an dem irischen Volk versucht hätten. (Beifall.) Mit Entziehung der bürgerlichen Rechte hat man es versucht, mit Herzenskränkungen jeder Art, mit Feuer und Schwert, mit dem Henkerbeil und dem Galgen &#x2013; Alles umsonst! Und was sollen wir nun noch versuchen? &#x2013; Eines ist klar: daß es Wahnsinn wäre, noch einmal Mittel anzuwenden, die jederzeit versagt haben. 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[0284/0011] zu sehen, daß man die Wüste als seine Geburtsstätte und Heimath lieben müsse, um ihrer Einförmigkeit nicht bald satt zu werden. Ich kannte einen deutschen Baron v. O...r, den die Abenteuerlust nach Mascara trieb. Der Kalifa Hadschi-Mustapha nahm ihn in sein Gefolge auf, und mit ihm machte er einige Züge durch das Land. Der deutsche Edelmann fand aber das Bivouakiren und ewige Kuskusuessen gar nicht so romantisch als er gedacht hatte, und nach vier Monaten konnte er es vor Ueberdruß und Unbehaglichkeit nicht mehr aushalten. Er floh mit Gefahr seines Lebens zu den Franzosen nach Mostaganem. Léon Roches ist gegenwärtig beschäftigt, die Erinnerungen seines dreijährigen Aufenthalts unter den Arabern zu Papier zu bringen. Da er in unmittelbarer Nähe Abd-El-Kaders war, dessen ganzes Vertrauen besaß, da man ihm überdieß als einem gebildeten Mann mehr Beobachtungsgabe zutrauen darf, als andern Renegaten von roher Erziehung, so lassen sich von ihm sehr interessante Aufschlüsse erwarten über Abd-El-Kaders Charakter als Fürst und Privatmann, über die Zustände im Innern, den Zug gegen Ain-Maadi und die unbekannten Gegenden zwischen den letzten Abhängen des Algier'schen Atlasgebirgs und der Sahara, die vor ihm kein Europäer bereist oder wenigstens keines geschildert hat. *) Rede Macaulay's in Edinburg. (Beschluß.) Der Kriegsminister fuhr fort: „Werfen wir einen Blick auf die Vergangenheit, und überlegen wir dann ruhig, ob die Politik, wie sie von solchen Leuten empfohlen wird, eine protestantische ist. Es sind jetzt beinahe drei Jahrhunderte, seit man in Irland die protestantische Kirche zur herrschenden erklärt hat. Nicht nur wurde diese Kirche reichlich mit allem dotirt, was zur Behaglichkeit und zum Glanz ihrer Mitglieder beitragen konnte, nicht nur erhielten ihre Prälaten Sitz in der Legislatur, nicht nur ward eine mit der Staatskirche verbundene Universität in der irischen Hauptstadt errichtet und fürstlich ausgestattet, sondern auch eine ungeheure Masse Privateigenthums wurde gewaltsam von Katholiken auf Protestanten übergetragen, und überhaupt von der härtesten Strafe, welche die Bosheit erfinden und vollstrecken konnte, bis zur kleinlichsten Vexation herab kein Mittel gespart, um die Macht der Staatskirche zu vergrößern. Jede durch die Verzweiflung hervorgerufene Insurrection, von Cromwells Zeit an bis auf Wilhelm III, diente nur dazu, die Spaltung zwischen Protestanten und Katholiken zu erweitern, bis endlich der Unterschied in ihrer politischen und civilrechtlichen Stellung so schreiend wurde, wie zwischen dem Bramanen und dem Paria, zwischen dem westindischen Pflanzer und seinem Negersklaven. Und doch nachdem alles dieß geschehen, nachdem zehn Generationen unter protestantischer Regierung vorüber gegangen – hat der Protestantismus Fortschritte gemacht? Oder ist er nicht vielmehr stationär geblieben, wenn er nicht gar Rückschritte gethan hat? Hat der katholische Glaube die Volksliebe in Irland verloren, oder ist er in ihr nicht vielmehr stärker, als in irgend einem Lande des Continents? Hat der Einfluß des Priesters sich vermindert, oder ist er nicht etwa größer geworden, als in Flandern und Spanien, oder selbst im Weichbilde des Vaticans? (Hört!) Das sind die Früchte der Politik, nach der man die Verwaltung, die Volkserziehung, das ganze sociale System von Irland, und zwar zu keinem andern Zwecke gemodelt hat, als dem protestantischen Uebergewicht Vorschub zu leisten. Wär' ich Katholik, ich würde in keiner Verlegenheit seyn, mir diese Erscheinung zu erklären. Ich würde sprechen: sehet da die Erfüllung der Weissagung, die ich über der Thüre der St. Peterskirche angeschrieben gelesen: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeine, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.“ Wär' ich Katholik, ich würde sagen, in dieser Zeit, wie in den alten Zeiten, sey die Wahrheit Sieger geblieben über die Gewalt, und dieselbe Religion, welche die Macht der römischen Kaiser und die Spitzfindigkeiten der athenischen Philosophenschulen überwand, habe auch über jede Hemmung ihres Fortschrittes in Irland triumphirt. Aber was soll der Protestant sagen, der da glaubt, daß in allen zwischen ihm und der römischen Kirche strittigen Punkten er Recht, und diese Kirche Unrecht hat? Wie soll er von dieser Erscheinung sich Rechenschaft geben? – Hat die menschliche Seele ihre Natur verändert? Nein. Sie ist noch dieselbe, welche sie damals war, als ein armer Mönch aus einem sächsischen Kloster jene ewigen Wahrheiten aussprach, und die Grundsätze von eilf Jahrhunderten vor ihnen zusammenstürzten. Noch ruht der Protestantismus auf denselben Principien, welche vordem Fürsten und Heereshaufen, die stolzen Päpste, die Jesuiten und die Inquisition, die tausend Schwerter des Prinzen von Parma und Philipps Armada besiegten. Wie kommt es nun, daß unsere Religion, an deren Grundvesten vor zwei Jahrhunderten List und Gewalt zerschellten – wie kommt es, daß sie jetzt in unserm Lande, im Vollbesitz aller weltlichen Hülfsmittel, krankt und siecht? (Hört!) Freilich, meine Herren! gibt es gewisse moralische Quacksalber, deren ganze Heilmethode darin besteht, die Dosis, welche die Krankheit verschlimmert hat, immer von neuem zu verschreiben. Hört man sie, so ist die Ursache von allem dem einzig und allein die unverzeihliche Nachsicht der Regierung gegen Papstthum und Abgötterei. „Fort mit den Jesuiten!“ ruft der Eine; „hebt die Emancipationsacte auf!“ schreit ein Anderer; „die Regierung beordere die Magistrate, an gegebenen Tagen die geistlichen Behörden der katholischen Kirche im Angesicht ihrer Bekenner zu insultiren,“ räth ein Dritter; „commandirt die Irländer mit Trommelschlag zur Anhör protestantischer Predigten, und umstellt sie mit Soldaten aufgepflanzten Bajonnets, um Ordnung zu erhalten und zu verhindern, daß sie vor Beendigung des Gottesdienstes nicht weglaufen,“ sagt ein Vierter. (Gelächter.) Ach! ach! wäre das der geeignete Weg zur Verbreitung der Wahrheit, dann wäre längst kein Römisch-Katholischer mehr in Irland, denn an dieser protestantischen Propaganda hat man es englischerseits wahrlich nicht fehlen lassen, und auch der sinnreichste von all den orthodoxen Gentlemen, deren geistlich-weltliche Beredsamkeit die Heiligen der Exeter-Hall entzückt (Gelächter), würde schwerlich noch ein Mittel anzugeben wissen, wie man Götzendiener elend machen kann, das unsere Väter nicht in vollem Maaß an dem irischen Volk versucht hätten. (Beifall.) Mit Entziehung der bürgerlichen Rechte hat man es versucht, mit Herzenskränkungen jeder Art, mit Feuer und Schwert, mit dem Henkerbeil und dem Galgen – Alles umsonst! Und was sollen wir nun noch versuchen? – Eines ist klar: daß es Wahnsinn wäre, noch einmal Mittel anzuwenden, die jederzeit versagt haben. War es möglich, konnten wir in unserer Verblendung so weit gehen, den Irländern Protestantismus und schlechte Verwaltung Eins an des Andern Seite wie Zwillingsgeschwister zu zeigen, als wollten wir sie beflissentlich das verabscheuen lehren, was sie außerdem vielleicht achten und lieben gelernt hätten? *) Die Allgem. Ztg. hofft, ihren Lesern Auszüge aus der Schrift Léon Roches' geben zu können, ehe dieselbe im Druck erscheinen wird.

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Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-06-28T11:37:15Z)

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Zitationshilfe: Allgemeine Zeitung. Nr. 36. Augsburg, 5. Februar 1840, S. 0284. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/augsburgerallgemeine_036_18400205/11>, abgerufen am 28.02.2024.