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Andolt, Ernst [d. i. Bernhard Abeken]: Eine Nacht. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 22. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 211–287. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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der prasselnden Kaminflamme -- das Alles schien mir ungemein poetisch. Ich entkleidete mich langsam und wollte eben in das Bett steigen, als mir einfiel, daß ich einige Vorsichtsmaßregeln versäumt hatte, welche ich auf Reisen gewissenhaft zu beobachten pflegte. Ich sah unter das Bett, ob auch Niemand darunter läge; dann untersuchte ich die Thür, fand aber zu meinem Schrecken, daß sie sich nicht verschließen ließ. Ich bin stets der Ansicht gewesen, daß man den vollen Genuß der Nachtruhe nur im Gefühl völliger Sicherheit und zwar bei verschlossenen und verriegelten Thüren haben kann. Um dem Uebelstand einiger Maßen abzuhelfen, erfand ich eine Vorkehrung, daß die Thür nur mit einem bedeutenden Geräusch geöffnet werden könnte, indem ich zwei alte Stühle an derselben gegen einander lehnte und auf die zusammenstoßenden Lehnen derselben mit großer Geschicklichkeit das Waschbecken in einer nur auf dem genauesten Gleichgewicht beruhenden Position anbrachte, so daß der ganze Apparat bei dem geringsten Druck gegen die Thür zusammenstürzen mußte. Sehr zufrieden mit meinem Werke, übersah ich ruhigen Muthes noch einmal das ganze Gemach, als ich plötzlich eine zweite und zwar eine Tapetenthür entdeckte. Wohin führte sie -- Diese Frage zu entscheiden, öffnete ich sie mit einer Art schauerlicher Neugier. Ein kalter Hauch kam mir aus einem weiten, dunklen Raume entgegen, ich ergriff das Licht und leuchtete hinaus. Ein weiter Bodenraum that sich vor mir auf. Welche Unvorsichtigkeit, dachte ich, mir ein solches Schlafgemach zu geben, welches von allen Seiten zugänglich ist; wie leicht können Diebe von diesem Boden aus zu mir eindringen! Oder ha! sollte man mich absichtlich in ein so schlecht verwahrtes Quartier gesetzt haben, um mich vielleicht in der Nacht zu knebeln, sich meiner Person zu bemächtigen, um mich -- wie der Referendarius sagte -- unschädlich zu machen? -- Es wäre entsetzlich! Jedenfalls will ich auf meiner Hut sein; Miß-

der prasselnden Kaminflamme — das Alles schien mir ungemein poetisch. Ich entkleidete mich langsam und wollte eben in das Bett steigen, als mir einfiel, daß ich einige Vorsichtsmaßregeln versäumt hatte, welche ich auf Reisen gewissenhaft zu beobachten pflegte. Ich sah unter das Bett, ob auch Niemand darunter läge; dann untersuchte ich die Thür, fand aber zu meinem Schrecken, daß sie sich nicht verschließen ließ. Ich bin stets der Ansicht gewesen, daß man den vollen Genuß der Nachtruhe nur im Gefühl völliger Sicherheit und zwar bei verschlossenen und verriegelten Thüren haben kann. Um dem Uebelstand einiger Maßen abzuhelfen, erfand ich eine Vorkehrung, daß die Thür nur mit einem bedeutenden Geräusch geöffnet werden könnte, indem ich zwei alte Stühle an derselben gegen einander lehnte und auf die zusammenstoßenden Lehnen derselben mit großer Geschicklichkeit das Waschbecken in einer nur auf dem genauesten Gleichgewicht beruhenden Position anbrachte, so daß der ganze Apparat bei dem geringsten Druck gegen die Thür zusammenstürzen mußte. Sehr zufrieden mit meinem Werke, übersah ich ruhigen Muthes noch einmal das ganze Gemach, als ich plötzlich eine zweite und zwar eine Tapetenthür entdeckte. Wohin führte sie — Diese Frage zu entscheiden, öffnete ich sie mit einer Art schauerlicher Neugier. Ein kalter Hauch kam mir aus einem weiten, dunklen Raume entgegen, ich ergriff das Licht und leuchtete hinaus. Ein weiter Bodenraum that sich vor mir auf. Welche Unvorsichtigkeit, dachte ich, mir ein solches Schlafgemach zu geben, welches von allen Seiten zugänglich ist; wie leicht können Diebe von diesem Boden aus zu mir eindringen! Oder ha! sollte man mich absichtlich in ein so schlecht verwahrtes Quartier gesetzt haben, um mich vielleicht in der Nacht zu knebeln, sich meiner Person zu bemächtigen, um mich — wie der Referendarius sagte — unschädlich zu machen? — Es wäre entsetzlich! Jedenfalls will ich auf meiner Hut sein; Miß-

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[0032] der prasselnden Kaminflamme — das Alles schien mir ungemein poetisch. Ich entkleidete mich langsam und wollte eben in das Bett steigen, als mir einfiel, daß ich einige Vorsichtsmaßregeln versäumt hatte, welche ich auf Reisen gewissenhaft zu beobachten pflegte. Ich sah unter das Bett, ob auch Niemand darunter läge; dann untersuchte ich die Thür, fand aber zu meinem Schrecken, daß sie sich nicht verschließen ließ. Ich bin stets der Ansicht gewesen, daß man den vollen Genuß der Nachtruhe nur im Gefühl völliger Sicherheit und zwar bei verschlossenen und verriegelten Thüren haben kann. Um dem Uebelstand einiger Maßen abzuhelfen, erfand ich eine Vorkehrung, daß die Thür nur mit einem bedeutenden Geräusch geöffnet werden könnte, indem ich zwei alte Stühle an derselben gegen einander lehnte und auf die zusammenstoßenden Lehnen derselben mit großer Geschicklichkeit das Waschbecken in einer nur auf dem genauesten Gleichgewicht beruhenden Position anbrachte, so daß der ganze Apparat bei dem geringsten Druck gegen die Thür zusammenstürzen mußte. Sehr zufrieden mit meinem Werke, übersah ich ruhigen Muthes noch einmal das ganze Gemach, als ich plötzlich eine zweite und zwar eine Tapetenthür entdeckte. Wohin führte sie — Diese Frage zu entscheiden, öffnete ich sie mit einer Art schauerlicher Neugier. Ein kalter Hauch kam mir aus einem weiten, dunklen Raume entgegen, ich ergriff das Licht und leuchtete hinaus. Ein weiter Bodenraum that sich vor mir auf. Welche Unvorsichtigkeit, dachte ich, mir ein solches Schlafgemach zu geben, welches von allen Seiten zugänglich ist; wie leicht können Diebe von diesem Boden aus zu mir eindringen! Oder ha! sollte man mich absichtlich in ein so schlecht verwahrtes Quartier gesetzt haben, um mich vielleicht in der Nacht zu knebeln, sich meiner Person zu bemächtigen, um mich — wie der Referendarius sagte — unschädlich zu machen? — Es wäre entsetzlich! Jedenfalls will ich auf meiner Hut sein; Miß-

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Zitationshilfe: Andolt, Ernst [d. i. Bernhard Abeken]: Eine Nacht. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 22. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 211–287. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/andolt_nacht_1910/32>, abgerufen am 18.04.2021.