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Ziegler, Franz Wilhelm: Saat und Ernte. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 24. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 129–196. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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kann ihn nicht sprechen, und wenn ich dem Vater davon sage, weiß es auch der Schmied, und du bist verrathen. --

Wie ist denn das zu machen? überlegte der Knabe, und rieb sich die Stirn, als dächte er nach. Euch traute der Actuar gewiß, und dann wäre er und der Justizrath gerettet. Könnt Ihr ihm denn nicht irgend ein Zeichen geben, daß ich von Euch komme?

Das Mädchen machte eine schnelle Bewegung. Sei vor Tag um fünf Uhr wieder hier, sagte sie, ich werde dir ein Schreiben mitgeben.

Der Knabe war pünktlich an Ort und Stelle. Vor Mittag, sagte er, kann ich nicht fort, aber am Abend bringe ich Bescheid. Er versteckte den Brief in seinem Stiefel und verschwand.

Habe ich nicht Recht gehabt? sagte der Schmied, als er nach dem Frühstück zur Mühle kam, Art läßt nicht von Art. Es ist ein Glück, daß das Mädchen uns nicht in die Karte gesehen. Weiber sind Weiber, sie verrathen Vater und Mutter an den ersten Besten, den sie lieben, und wenn er auch Vater und Mutter gemißhandelt, selbst ins Zuchthaus gebracht hat. --

Schweig! rief der Müller. Er hielt den Brief zögernd in der Hand, dann verschloß er ihn wieder und sagte: Wenn es sich um den Actuar allein handelte, müßte ich andere Wege einschlagen. Aber so, wie die Sache steht, darf ich nicht dazwischen treten. Hättest du mich vorher gefragt, als du das Mädchen auf diese

kann ihn nicht sprechen, und wenn ich dem Vater davon sage, weiß es auch der Schmied, und du bist verrathen. —

Wie ist denn das zu machen? überlegte der Knabe, und rieb sich die Stirn, als dächte er nach. Euch traute der Actuar gewiß, und dann wäre er und der Justizrath gerettet. Könnt Ihr ihm denn nicht irgend ein Zeichen geben, daß ich von Euch komme?

Das Mädchen machte eine schnelle Bewegung. Sei vor Tag um fünf Uhr wieder hier, sagte sie, ich werde dir ein Schreiben mitgeben.

Der Knabe war pünktlich an Ort und Stelle. Vor Mittag, sagte er, kann ich nicht fort, aber am Abend bringe ich Bescheid. Er versteckte den Brief in seinem Stiefel und verschwand.

Habe ich nicht Recht gehabt? sagte der Schmied, als er nach dem Frühstück zur Mühle kam, Art läßt nicht von Art. Es ist ein Glück, daß das Mädchen uns nicht in die Karte gesehen. Weiber sind Weiber, sie verrathen Vater und Mutter an den ersten Besten, den sie lieben, und wenn er auch Vater und Mutter gemißhandelt, selbst ins Zuchthaus gebracht hat. —

Schweig! rief der Müller. Er hielt den Brief zögernd in der Hand, dann verschloß er ihn wieder und sagte: Wenn es sich um den Actuar allein handelte, müßte ich andere Wege einschlagen. Aber so, wie die Sache steht, darf ich nicht dazwischen treten. Hättest du mich vorher gefragt, als du das Mädchen auf diese

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[0039] kann ihn nicht sprechen, und wenn ich dem Vater davon sage, weiß es auch der Schmied, und du bist verrathen. — Wie ist denn das zu machen? überlegte der Knabe, und rieb sich die Stirn, als dächte er nach. Euch traute der Actuar gewiß, und dann wäre er und der Justizrath gerettet. Könnt Ihr ihm denn nicht irgend ein Zeichen geben, daß ich von Euch komme? Das Mädchen machte eine schnelle Bewegung. Sei vor Tag um fünf Uhr wieder hier, sagte sie, ich werde dir ein Schreiben mitgeben. Der Knabe war pünktlich an Ort und Stelle. Vor Mittag, sagte er, kann ich nicht fort, aber am Abend bringe ich Bescheid. Er versteckte den Brief in seinem Stiefel und verschwand. Habe ich nicht Recht gehabt? sagte der Schmied, als er nach dem Frühstück zur Mühle kam, Art läßt nicht von Art. Es ist ein Glück, daß das Mädchen uns nicht in die Karte gesehen. Weiber sind Weiber, sie verrathen Vater und Mutter an den ersten Besten, den sie lieben, und wenn er auch Vater und Mutter gemißhandelt, selbst ins Zuchthaus gebracht hat. — Schweig! rief der Müller. Er hielt den Brief zögernd in der Hand, dann verschloß er ihn wieder und sagte: Wenn es sich um den Actuar allein handelte, müßte ich andere Wege einschlagen. Aber so, wie die Sache steht, darf ich nicht dazwischen treten. Hättest du mich vorher gefragt, als du das Mädchen auf diese

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Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-16T14:10:09Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-16T14:10:09Z)

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Zitationshilfe: Ziegler, Franz Wilhelm: Saat und Ernte. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 24. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 129–196. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/ziegler_ernte_1910/39>, abgerufen am 26.09.2021.