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Winckelmann, Johann Joachim: Geschichte der Kunst des Alterthums. Bd. 2. Dresden, 1764.

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II Theil. Von der Kunst, nach den äußern Umständen
Aldrovandi 1) beschreibt dieses Werk, ehe es ergänzet worden, und da-
mals hielt man es für einen Hercules, welcher den Marathonischen Stier
erleget. Jn der Villa Borghese findet sich an der vordern Seite des Pal-
lastes ein noch nicht bemerktes seltenes erhabenes Werk, welches den Am-
phion und Zethus, nebst Antiope, ihrer Mutter, in der Mitten, vorstellet,
wie die obengesetzten Namen der Figuren anzeigen. Amphion hat die Leyer,
und Zethus, als ein Schäfer, seinen runden Hut auf die Schultern herun-
ter geworfen, nach Art der Pilgrimme: ihre Mutter scheint die Söhne um
Rache anzuflehen wider die Dirce. Eben diese Vorstellung, und jener voll-
kommen ähnlich, aber ohne Namen, findet sich in der Villa Albani.

III.
Von der Kunst
nach Alexan-
ders Zeiten,
und von der
Abnahme der-
selben.

Nach Alexanders des Großen Tode, erhoben sich Empörungen und
blutige Kriege in den eroberten Reichen desselben, und auch in Macedonien
selbst, unter dessen nächsten Nachfolgern, die um die hundert und vier und
zwanzigste Olympias alle schon mit Tode abgegangen waren 2), und die
A.
Unter den
nächsten Nach-
folgern.
Kriege dauerten fort auch unter den Nachfolgern und Söhnen von diesen.
Griechenland litt in kurzer Zeit durch feindliche Kriegsheere, mit welchen
es so oft überschwemmet wurde, durch die fast jährliche Veränderung der
a.
Umstände der
Griechen und
der Athenien-
fer.
Regierung, und durch die großen Schatzungen, womit die Nation erschö-
pfet wurde, mehr, als in allen vorigen einheimischen Kriegen. Die Athe-
nienser, bey welchen der Geist der Freyheit nach Alexanders Tode auf-
wachte, thaten den letzten Versuch, sich von den Macedoniern unabhängig
zu machen, und brachten andere Städte wider den Antipater in Waffen,
aber sie wurden nach einigen erhaltenen Vortheilen geschlagen, und ge-
zwungen, einen harten Frieden einzugehen, in welchem ihnen auferlegt
wurde, die Unkosten des Kriegs, und noch überdem eine große Summe
zu zahlen, und in dem Hafen Munichia Besatzung einzunehmen. Ja ein
Theil von den Bürgern wurde nach Thracien geschicket, und hiermit hatte

die
1) Statue di Roma.
2) Polyb. L. 2. p. 155. D.

II Theil. Von der Kunſt, nach den aͤußern Umſtaͤnden
Aldrovandi 1) beſchreibt dieſes Werk, ehe es ergaͤnzet worden, und da-
mals hielt man es fuͤr einen Hercules, welcher den Marathoniſchen Stier
erleget. Jn der Villa Borgheſe findet ſich an der vordern Seite des Pal-
laſtes ein noch nicht bemerktes ſeltenes erhabenes Werk, welches den Am-
phion und Zethus, nebſt Antiope, ihrer Mutter, in der Mitten, vorſtellet,
wie die obengeſetzten Namen der Figuren anzeigen. Amphion hat die Leyer,
und Zethus, als ein Schaͤfer, ſeinen runden Hut auf die Schultern herun-
ter geworfen, nach Art der Pilgrimme: ihre Mutter ſcheint die Soͤhne um
Rache anzuflehen wider die Dirce. Eben dieſe Vorſtellung, und jener voll-
kommen aͤhnlich, aber ohne Namen, findet ſich in der Villa Albani.

III.
Von der Kunſt
nach Alexan-
ders Zeiten,
und von der
Abnahme der-
ſelben.

Nach Alexanders des Großen Tode, erhoben ſich Empoͤrungen und
blutige Kriege in den eroberten Reichen deſſelben, und auch in Macedonien
ſelbſt, unter deſſen naͤchſten Nachfolgern, die um die hundert und vier und
zwanzigſte Olympias alle ſchon mit Tode abgegangen waren 2), und die
A.
Unter den
naͤchſten Nach-
folgern.
Kriege dauerten fort auch unter den Nachfolgern und Soͤhnen von dieſen.
Griechenland litt in kurzer Zeit durch feindliche Kriegsheere, mit welchen
es ſo oft uͤberſchwemmet wurde, durch die faſt jaͤhrliche Veraͤnderung der
a.
Umſtaͤnde der
Griechen und
der Athenien-
fer.
Regierung, und durch die großen Schatzungen, womit die Nation erſchoͤ-
pfet wurde, mehr, als in allen vorigen einheimiſchen Kriegen. Die Athe-
nienſer, bey welchen der Geiſt der Freyheit nach Alexanders Tode auf-
wachte, thaten den letzten Verſuch, ſich von den Macedoniern unabhaͤngig
zu machen, und brachten andere Staͤdte wider den Antipater in Waffen,
aber ſie wurden nach einigen erhaltenen Vortheilen geſchlagen, und ge-
zwungen, einen harten Frieden einzugehen, in welchem ihnen auferlegt
wurde, die Unkoſten des Kriegs, und noch uͤberdem eine große Summe
zu zahlen, und in dem Hafen Munichia Beſatzung einzunehmen. Ja ein
Theil von den Buͤrgern wurde nach Thracien geſchicket, und hiermit hatte

die
1) Statue di Roma.
2) Polyb. L. 2. p. 155. D.
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[354/0042] II Theil. Von der Kunſt, nach den aͤußern Umſtaͤnden Aldrovandi 1) beſchreibt dieſes Werk, ehe es ergaͤnzet worden, und da- mals hielt man es fuͤr einen Hercules, welcher den Marathoniſchen Stier erleget. Jn der Villa Borgheſe findet ſich an der vordern Seite des Pal- laſtes ein noch nicht bemerktes ſeltenes erhabenes Werk, welches den Am- phion und Zethus, nebſt Antiope, ihrer Mutter, in der Mitten, vorſtellet, wie die obengeſetzten Namen der Figuren anzeigen. Amphion hat die Leyer, und Zethus, als ein Schaͤfer, ſeinen runden Hut auf die Schultern herun- ter geworfen, nach Art der Pilgrimme: ihre Mutter ſcheint die Soͤhne um Rache anzuflehen wider die Dirce. Eben dieſe Vorſtellung, und jener voll- kommen aͤhnlich, aber ohne Namen, findet ſich in der Villa Albani. Nach Alexanders des Großen Tode, erhoben ſich Empoͤrungen und blutige Kriege in den eroberten Reichen deſſelben, und auch in Macedonien ſelbſt, unter deſſen naͤchſten Nachfolgern, die um die hundert und vier und zwanzigſte Olympias alle ſchon mit Tode abgegangen waren 2), und die Kriege dauerten fort auch unter den Nachfolgern und Soͤhnen von dieſen. Griechenland litt in kurzer Zeit durch feindliche Kriegsheere, mit welchen es ſo oft uͤberſchwemmet wurde, durch die faſt jaͤhrliche Veraͤnderung der Regierung, und durch die großen Schatzungen, womit die Nation erſchoͤ- pfet wurde, mehr, als in allen vorigen einheimiſchen Kriegen. Die Athe- nienſer, bey welchen der Geiſt der Freyheit nach Alexanders Tode auf- wachte, thaten den letzten Verſuch, ſich von den Macedoniern unabhaͤngig zu machen, und brachten andere Staͤdte wider den Antipater in Waffen, aber ſie wurden nach einigen erhaltenen Vortheilen geſchlagen, und ge- zwungen, einen harten Frieden einzugehen, in welchem ihnen auferlegt wurde, die Unkoſten des Kriegs, und noch uͤberdem eine große Summe zu zahlen, und in dem Hafen Munichia Beſatzung einzunehmen. Ja ein Theil von den Buͤrgern wurde nach Thracien geſchicket, und hiermit hatte die A. Unter den naͤchſten Nach- folgern. a. Umſtaͤnde der Griechen und der Athenien- fer. 1) Statue di Roma. 2) Polyb. L. 2. p. 155. D.

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Zitationshilfe: Winckelmann, Johann Joachim: Geschichte der Kunst des Alterthums. Bd. 2. Dresden, 1764, S. 354. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/winckelmann_kunstgeschichte02_1764/42>, abgerufen am 23.04.2024.