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Winckelmann, Johann Joachim: Geschichte der Kunst des Alterthums. Bd. 2. Dresden, 1764.

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der Zeit unter den Griechen betrachtet.
war, wie er sich die Binde, welche den Siegern der Spiele um die Stirne
geleget wurde, selbst binden wollte 1).

Jn eben dieser Olympias gieng der fünfjährige Stillstand zu Ende,
und der Krieg brach von neuem aus, aber der Bau in Athen wurde fort-
geführet, und die Arbeit im geringsten nicht unterbrochen. Denn in der
sieben und achtzigsten, oder, wie Dodwell will, in der fünf und achtzig-
sten Olympias, hatte Phidias die weltberühmte Pallas geendiget, welche
von dem Pericles in ihrem Tempel geweihet wurde 2). Von den Statuen
und andern Werken in diesem Tempel, hatte Polemon, Periegetes zu-
benamet, vier Bücher geschrieben 3). Ein Jahr vor Einweihung des
Tempels der Pallas führete Sophocles seinen Oedipus, das Meisterstück
aller Tragödien, auf, so daß gemeldete Olympias den Künstlern wegen
eins der vollkommensten Werke der Kunst, wie den Gelehrten, merk-
würdig seyn kann.

Endlich aber gieng, funfzig Jahre nach dem Feldzuge des Xerxes wi-B.
Jn dem Pe-
loponnesischen
Kriege.

der die Griechen, aus den bisherigen Feindseligkeiten das Feuer des Pelo-
ponnesischen Krieges auf, durch die Gelegenheit, welche Sicilien gab, an
welchem alle Griechische Städte Antheil hatten: den Atheniensern gab ein
einziges unglückliches Seegefechte einen Stoß, welchen sie nicht verwinden
konnten 4). Es wurde zwar in der neun und achtzigsten Olympias ein
Stillstand von funfzig Jahren geschlossen, aber ein Jahr nachher auch
wiederum aufgehoben, und die Erbitterung der Gemüther dauerte bis zur
gänzlichen Entkräftung der Nation. Wie reich Athen noch um diese Zeit
war, sieht man aus der Schatzung, welche in dem ganzen Gebiete dieser
Stadt zu dem Kriege wider die Lacedämonier ausgeschrieben wurde, da

Athen
1) Pausan. L. 6. p. 261. l. 19.
2) Schol. ad Pac. Aristoph.
3) Strab. L. 9. p. 396. B.
4) Liv. L. 28. c. 41.
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der Zeit unter den Griechen betrachtet.
war, wie er ſich die Binde, welche den Siegern der Spiele um die Stirne
geleget wurde, ſelbſt binden wollte 1).

Jn eben dieſer Olympias gieng der fuͤnfjaͤhrige Stillſtand zu Ende,
und der Krieg brach von neuem aus, aber der Bau in Athen wurde fort-
gefuͤhret, und die Arbeit im geringſten nicht unterbrochen. Denn in der
ſieben und achtzigſten, oder, wie Dodwell will, in der fuͤnf und achtzig-
ſten Olympias, hatte Phidias die weltberuͤhmte Pallas geendiget, welche
von dem Pericles in ihrem Tempel geweihet wurde 2). Von den Statuen
und andern Werken in dieſem Tempel, hatte Polemon, Periegetes zu-
benamet, vier Buͤcher geſchrieben 3). Ein Jahr vor Einweihung des
Tempels der Pallas fuͤhrete Sophocles ſeinen Oedipus, das Meiſterſtuͤck
aller Tragoͤdien, auf, ſo daß gemeldete Olympias den Kuͤnſtlern wegen
eins der vollkommenſten Werke der Kunſt, wie den Gelehrten, merk-
wuͤrdig ſeyn kann.

Endlich aber gieng, funfzig Jahre nach dem Feldzuge des Xerxes wi-B.
Jn dem Pe-
loponneſiſchen
Kriege.

der die Griechen, aus den bisherigen Feindſeligkeiten das Feuer des Pelo-
ponneſiſchen Krieges auf, durch die Gelegenheit, welche Sicilien gab, an
welchem alle Griechiſche Staͤdte Antheil hatten: den Athenienſern gab ein
einziges ungluͤckliches Seegefechte einen Stoß, welchen ſie nicht verwinden
konnten 4). Es wurde zwar in der neun und achtzigſten Olympias ein
Stillſtand von funfzig Jahren geſchloſſen, aber ein Jahr nachher auch
wiederum aufgehoben, und die Erbitterung der Gemuͤther dauerte bis zur
gaͤnzlichen Entkraͤftung der Nation. Wie reich Athen noch um dieſe Zeit
war, ſieht man aus der Schatzung, welche in dem ganzen Gebiete dieſer
Stadt zu dem Kriege wider die Lacedaͤmonier ausgeſchrieben wurde, da

Athen
1) Pauſan. L. 6. p. 261. l. 19.
2) Schol. ad Pac. Ariſtoph.
3) Strab. L. 9. p. 396. B.
4) Liv. L. 28. c. 41.
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[333/0021] der Zeit unter den Griechen betrachtet. war, wie er ſich die Binde, welche den Siegern der Spiele um die Stirne geleget wurde, ſelbſt binden wollte 1). Jn eben dieſer Olympias gieng der fuͤnfjaͤhrige Stillſtand zu Ende, und der Krieg brach von neuem aus, aber der Bau in Athen wurde fort- gefuͤhret, und die Arbeit im geringſten nicht unterbrochen. Denn in der ſieben und achtzigſten, oder, wie Dodwell will, in der fuͤnf und achtzig- ſten Olympias, hatte Phidias die weltberuͤhmte Pallas geendiget, welche von dem Pericles in ihrem Tempel geweihet wurde 2). Von den Statuen und andern Werken in dieſem Tempel, hatte Polemon, Periegetes zu- benamet, vier Buͤcher geſchrieben 3). Ein Jahr vor Einweihung des Tempels der Pallas fuͤhrete Sophocles ſeinen Oedipus, das Meiſterſtuͤck aller Tragoͤdien, auf, ſo daß gemeldete Olympias den Kuͤnſtlern wegen eins der vollkommenſten Werke der Kunſt, wie den Gelehrten, merk- wuͤrdig ſeyn kann. Endlich aber gieng, funfzig Jahre nach dem Feldzuge des Xerxes wi- der die Griechen, aus den bisherigen Feindſeligkeiten das Feuer des Pelo- ponneſiſchen Krieges auf, durch die Gelegenheit, welche Sicilien gab, an welchem alle Griechiſche Staͤdte Antheil hatten: den Athenienſern gab ein einziges ungluͤckliches Seegefechte einen Stoß, welchen ſie nicht verwinden konnten 4). Es wurde zwar in der neun und achtzigſten Olympias ein Stillſtand von funfzig Jahren geſchloſſen, aber ein Jahr nachher auch wiederum aufgehoben, und die Erbitterung der Gemuͤther dauerte bis zur gaͤnzlichen Entkraͤftung der Nation. Wie reich Athen noch um dieſe Zeit war, ſieht man aus der Schatzung, welche in dem ganzen Gebiete dieſer Stadt zu dem Kriege wider die Lacedaͤmonier ausgeſchrieben wurde, da Athen B. Jn dem Pe- loponneſiſchen Kriege. 1) Pauſan. L. 6. p. 261. l. 19. 2) Schol. ad Pac. Ariſtoph. 3) Strab. L. 9. p. 396. B. 4) Liv. L. 28. c. 41. T t 3

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Zitationshilfe: Winckelmann, Johann Joachim: Geschichte der Kunst des Alterthums. Bd. 2. Dresden, 1764, S. 333. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/winckelmann_kunstgeschichte02_1764/21>, abgerufen am 23.04.2024.