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Wildermuth, Ottilie: Streit in der Liebe und Liebe im Streit. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 23. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 175–210. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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dicht nebeneinander. Horch, fing Georg an, so, wie ich b'richtet bin, scheid't man einen nicht, wenn Zwei von einander wollen, Eins von Beiden muß den schuldigen Theil machen. -- Das wird gut finden sein, wer bei uns der schuldige Theil ist, sagte Liesbeth schnippisch. -- Den schuldigen Theil heißt man den, der nicht mit dem andern Hausen geht; wenn dann ich aber wieder will? -- So will ich nicht, sagte sie heftig. -- Ja siehst, dann wirst eingesperrt, das ist nichts für ein Weibsbild, da will lieber ich der Schuldige sein, mir macht's so viel nicht aus. Liesbeth schwieg. Georg fragte nach dem Vieh, den Gütern, sie gab Antwort, und wer die Zwei des Weges dahin gehen sah miteinander, der hätte gedacht, ein einträchtiges Ehepaar besorge sein Geschäft zusammen.

Sie kamen an einen kleinen Bach am Weg, der vom Regen hoch angeschwollen war, Liesbeth wollte Schuh und Strümpfe ausziehen; -- ach, was braucht's den Umstand, sagte Georg, nahm sie auf die Arme und trug sie hinüber.

So kamen sie zur Oberamtsstadt, betraten miteinander das Gerichtsgebäude und setzten sich nebeneinander auf die eine Bank in dem Parteienzimmer. Liesbeth wurde auf einmal sehr blaß. Was hast? fragte Georg, ist dir's weh? -- Der Schlaf ist mir, glaub' ich, in Magen gefallen, sagte sie halblaut. Georg sprang ins nahegelegene Bäckerhaus und holte alten Wein und Wecken, was sie wieder zu Kräften brachte.

dicht nebeneinander. Horch, fing Georg an, so, wie ich b'richtet bin, scheid't man einen nicht, wenn Zwei von einander wollen, Eins von Beiden muß den schuldigen Theil machen. — Das wird gut finden sein, wer bei uns der schuldige Theil ist, sagte Liesbeth schnippisch. — Den schuldigen Theil heißt man den, der nicht mit dem andern Hausen geht; wenn dann ich aber wieder will? — So will ich nicht, sagte sie heftig. — Ja siehst, dann wirst eingesperrt, das ist nichts für ein Weibsbild, da will lieber ich der Schuldige sein, mir macht's so viel nicht aus. Liesbeth schwieg. Georg fragte nach dem Vieh, den Gütern, sie gab Antwort, und wer die Zwei des Weges dahin gehen sah miteinander, der hätte gedacht, ein einträchtiges Ehepaar besorge sein Geschäft zusammen.

Sie kamen an einen kleinen Bach am Weg, der vom Regen hoch angeschwollen war, Liesbeth wollte Schuh und Strümpfe ausziehen; — ach, was braucht's den Umstand, sagte Georg, nahm sie auf die Arme und trug sie hinüber.

So kamen sie zur Oberamtsstadt, betraten miteinander das Gerichtsgebäude und setzten sich nebeneinander auf die eine Bank in dem Parteienzimmer. Liesbeth wurde auf einmal sehr blaß. Was hast? fragte Georg, ist dir's weh? — Der Schlaf ist mir, glaub' ich, in Magen gefallen, sagte sie halblaut. Georg sprang ins nahegelegene Bäckerhaus und holte alten Wein und Wecken, was sie wieder zu Kräften brachte.

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[0035] dicht nebeneinander. Horch, fing Georg an, so, wie ich b'richtet bin, scheid't man einen nicht, wenn Zwei von einander wollen, Eins von Beiden muß den schuldigen Theil machen. — Das wird gut finden sein, wer bei uns der schuldige Theil ist, sagte Liesbeth schnippisch. — Den schuldigen Theil heißt man den, der nicht mit dem andern Hausen geht; wenn dann ich aber wieder will? — So will ich nicht, sagte sie heftig. — Ja siehst, dann wirst eingesperrt, das ist nichts für ein Weibsbild, da will lieber ich der Schuldige sein, mir macht's so viel nicht aus. Liesbeth schwieg. Georg fragte nach dem Vieh, den Gütern, sie gab Antwort, und wer die Zwei des Weges dahin gehen sah miteinander, der hätte gedacht, ein einträchtiges Ehepaar besorge sein Geschäft zusammen. Sie kamen an einen kleinen Bach am Weg, der vom Regen hoch angeschwollen war, Liesbeth wollte Schuh und Strümpfe ausziehen; — ach, was braucht's den Umstand, sagte Georg, nahm sie auf die Arme und trug sie hinüber. So kamen sie zur Oberamtsstadt, betraten miteinander das Gerichtsgebäude und setzten sich nebeneinander auf die eine Bank in dem Parteienzimmer. Liesbeth wurde auf einmal sehr blaß. Was hast? fragte Georg, ist dir's weh? — Der Schlaf ist mir, glaub' ich, in Magen gefallen, sagte sie halblaut. Georg sprang ins nahegelegene Bäckerhaus und holte alten Wein und Wecken, was sie wieder zu Kräften brachte.

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Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-16T13:35:23Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-16T13:35:23Z)

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Zitationshilfe: Wildermuth, Ottilie: Streit in der Liebe und Liebe im Streit. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 23. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 175–210. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/wildermuth_streit_1910/35>, abgerufen am 16.08.2022.