Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Bd. 2. Frankfurt (Main) u. a., 1767.

Bild:
<< vorherige Seite

Agathon.
Punct ein süsses Vergessen unsrer selbst und unsrer Pflich-
ten ist.

Von dieser Betrachtung, welche unsern Helden die
Nothwendigkeit eines behutsamen Mißtrauens in die
Stärke guter Grundsäze lehrte; und wie gefährlich es
sey, sie für daß Maß unsrer Kräfte zu halten; gieng
er zn einer andern über, die ihn von der wenigen Sicher-
heit überzeugte, welche sich unsre Seele in diesem Zu-
stand eines immerwährenden moralischen Enthusiasmus
versprechen kan, wie derjenige, worinn die seinige zu
eben der Zeit war, als sie in dem feingewebten Neze
der schönen Danae gefangen wurde. Er rief alle Um-
stände in sein Gemüthe zurük, welche zusammen gekom-
men waren, ihm diese reizungsvolle Schwärmerey so
natürlich zu machen; und erinnerte sich der verschied-
nen Gefahren, denen er sich dadurch ausgesezt gesehen
hatte. Zu Delphi fehlte es wenig, daß sie ihn den
Nachstellungen eines verkappten Apollo preiß gegeben
hätte -- zu Athen hatte sie ihn seinen arglistigen
Feinden würklich in die Hände geliefert. Doch, aus
diesen beyden Gefahren hatte er seine Tugend da-
von gebracht; ein unschäzbares Kleinod, dessen Besiz
ihn gegen den Verlust alles andern, was ein Günstling
des Glükes verliehren kan, unempfindlich machte. Aber
durch eben diesen Enthusiasmus unterlag sie endlich den
Verführungen seines eignen Herzens eben so wol als den
Kunstgriffen der schönen Danae. War nicht dieses

zauberische

Agathon.
Punct ein ſuͤſſes Vergeſſen unſrer ſelbſt und unſrer Pflich-
ten iſt.

Von dieſer Betrachtung, welche unſern Helden die
Nothwendigkeit eines behutſamen Mißtrauens in die
Staͤrke guter Grundſaͤze lehrte; und wie gefaͤhrlich es
ſey, ſie fuͤr daß Maß unſrer Kraͤfte zu halten; gieng
er zn einer andern uͤber, die ihn von der wenigen Sicher-
heit uͤberzeugte, welche ſich unſre Seele in dieſem Zu-
ſtand eines immerwaͤhrenden moraliſchen Enthuſiasmus
verſprechen kan, wie derjenige, worinn die ſeinige zu
eben der Zeit war, als ſie in dem feingewebten Neze
der ſchoͤnen Danae gefangen wurde. Er rief alle Um-
ſtaͤnde in ſein Gemuͤthe zuruͤk, welche zuſammen gekom-
men waren, ihm dieſe reizungsvolle Schwaͤrmerey ſo
natuͤrlich zu machen; und erinnerte ſich der verſchied-
nen Gefahren, denen er ſich dadurch ausgeſezt geſehen
hatte. Zu Delphi fehlte es wenig, daß ſie ihn den
Nachſtellungen eines verkappten Apollo preiß gegeben
haͤtte — zu Athen hatte ſie ihn ſeinen argliſtigen
Feinden wuͤrklich in die Haͤnde geliefert. Doch, aus
dieſen beyden Gefahren hatte er ſeine Tugend da-
von gebracht; ein unſchaͤzbares Kleinod, deſſen Beſiz
ihn gegen den Verluſt alles andern, was ein Guͤnſtling
des Gluͤkes verliehren kan, unempfindlich machte. Aber
durch eben dieſen Enthuſiasmus unterlag ſie endlich den
Verfuͤhrungen ſeines eignen Herzens eben ſo wol als den
Kunſtgriffen der ſchoͤnen Danae. War nicht dieſes

zauberiſche
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0062" n="60"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b"><hi rendition="#g">Agathon.</hi></hi></fw><lb/>
Punct ein &#x017F;u&#x0364;&#x017F;&#x017F;es Verge&#x017F;&#x017F;en un&#x017F;rer &#x017F;elb&#x017F;t und un&#x017F;rer Pflich-<lb/>
ten i&#x017F;t.</p><lb/>
            <p>Von die&#x017F;er Betrachtung, welche un&#x017F;ern Helden die<lb/>
Nothwendigkeit eines behut&#x017F;amen Mißtrauens in die<lb/>
Sta&#x0364;rke guter Grund&#x017F;a&#x0364;ze lehrte; und wie gefa&#x0364;hrlich es<lb/>
&#x017F;ey, &#x017F;ie fu&#x0364;r daß Maß un&#x017F;rer Kra&#x0364;fte zu halten; gieng<lb/>
er zn einer andern u&#x0364;ber, die ihn von der wenigen Sicher-<lb/>
heit u&#x0364;berzeugte, welche &#x017F;ich un&#x017F;re Seele in die&#x017F;em Zu-<lb/>
&#x017F;tand eines immerwa&#x0364;hrenden morali&#x017F;chen Enthu&#x017F;iasmus<lb/>
ver&#x017F;prechen kan, wie derjenige, worinn die &#x017F;einige zu<lb/>
eben der Zeit war, als &#x017F;ie in dem feingewebten Neze<lb/>
der &#x017F;cho&#x0364;nen Danae gefangen wurde. Er rief alle Um-<lb/>
&#x017F;ta&#x0364;nde in &#x017F;ein Gemu&#x0364;the zuru&#x0364;k, welche zu&#x017F;ammen gekom-<lb/>
men waren, ihm die&#x017F;e reizungsvolle Schwa&#x0364;rmerey &#x017F;o<lb/>
natu&#x0364;rlich zu machen; und erinnerte &#x017F;ich der ver&#x017F;chied-<lb/>
nen Gefahren, denen er &#x017F;ich dadurch ausge&#x017F;ezt ge&#x017F;ehen<lb/>
hatte. Zu Delphi fehlte es wenig, daß &#x017F;ie ihn den<lb/>
Nach&#x017F;tellungen eines verkappten Apollo preiß gegeben<lb/>
ha&#x0364;tte &#x2014; zu Athen hatte &#x017F;ie ihn &#x017F;einen argli&#x017F;tigen<lb/>
Feinden wu&#x0364;rklich in die Ha&#x0364;nde geliefert. Doch, aus<lb/>
die&#x017F;en beyden Gefahren hatte er &#x017F;eine Tugend da-<lb/>
von gebracht; ein un&#x017F;cha&#x0364;zbares Kleinod, de&#x017F;&#x017F;en Be&#x017F;iz<lb/>
ihn gegen den Verlu&#x017F;t alles andern, was ein Gu&#x0364;n&#x017F;tling<lb/>
des Glu&#x0364;kes verliehren kan, unempfindlich machte. Aber<lb/>
durch eben die&#x017F;en Enthu&#x017F;iasmus unterlag &#x017F;ie endlich den<lb/>
Verfu&#x0364;hrungen &#x017F;eines eignen Herzens eben &#x017F;o wol als den<lb/>
Kun&#x017F;tgriffen der &#x017F;cho&#x0364;nen Danae. War nicht die&#x017F;es<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">zauberi&#x017F;che</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[60/0062] Agathon. Punct ein ſuͤſſes Vergeſſen unſrer ſelbſt und unſrer Pflich- ten iſt. Von dieſer Betrachtung, welche unſern Helden die Nothwendigkeit eines behutſamen Mißtrauens in die Staͤrke guter Grundſaͤze lehrte; und wie gefaͤhrlich es ſey, ſie fuͤr daß Maß unſrer Kraͤfte zu halten; gieng er zn einer andern uͤber, die ihn von der wenigen Sicher- heit uͤberzeugte, welche ſich unſre Seele in dieſem Zu- ſtand eines immerwaͤhrenden moraliſchen Enthuſiasmus verſprechen kan, wie derjenige, worinn die ſeinige zu eben der Zeit war, als ſie in dem feingewebten Neze der ſchoͤnen Danae gefangen wurde. Er rief alle Um- ſtaͤnde in ſein Gemuͤthe zuruͤk, welche zuſammen gekom- men waren, ihm dieſe reizungsvolle Schwaͤrmerey ſo natuͤrlich zu machen; und erinnerte ſich der verſchied- nen Gefahren, denen er ſich dadurch ausgeſezt geſehen hatte. Zu Delphi fehlte es wenig, daß ſie ihn den Nachſtellungen eines verkappten Apollo preiß gegeben haͤtte — zu Athen hatte ſie ihn ſeinen argliſtigen Feinden wuͤrklich in die Haͤnde geliefert. Doch, aus dieſen beyden Gefahren hatte er ſeine Tugend da- von gebracht; ein unſchaͤzbares Kleinod, deſſen Beſiz ihn gegen den Verluſt alles andern, was ein Guͤnſtling des Gluͤkes verliehren kan, unempfindlich machte. Aber durch eben dieſen Enthuſiasmus unterlag ſie endlich den Verfuͤhrungen ſeines eignen Herzens eben ſo wol als den Kunſtgriffen der ſchoͤnen Danae. War nicht dieſes zauberiſche

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/wieland_agathon02_1767
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/wieland_agathon02_1767/62
Zitationshilfe: Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Bd. 2. Frankfurt (Main) u. a., 1767, S. 60. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/wieland_agathon02_1767/62>, abgerufen am 14.05.2021.