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Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Bd. 2. Frankfurt (Main) u. a., 1767.

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Agathon.

Jndessen nun, bis irgend ein wohlthätiger Genius
ein sicheres, kräftiges und allgemeines Mittel ausfündig
gemacht haben wird, diese Schwierigkeiten zu heben,
erkühnen wir uns, euch einen Rath zu geben, der zwar
weder allgemein noch ohne alle Ungelegenheiten ist,
aber doch, alles wol überlegt, euch bis zu Erfindung
jenes uufehlbaren moralischen Laudanums, in mehr als
einer Absicht von beträchtlichem Nuzen seyn könnte.

Wir sezen hiebey zwey gleich gewisse Wahrheiten vor-
aus: die eine; daß die meisten jungen Leute, und viel-
leicht auch ein guter Theil der Alten, entweder zur
Zärtlichkeit oder doch zur Liebe im popularen Sinn die-
ses Wortes, einen stärkern Hang als zu irgend einer
andern natürlichen Leidenschaft haben. Die andere: daß
Socrates, in der Stelle, deren in dem vorigen Capitel
erwähnt worden, die schädlichen Folgen der Liebe, in
so ferne sie eine heftige Leidenschaft für irgend einen
einzelnen Gegenstand ist; (denn von dieser Art von Liebe
ist hier allein die Rede) nicht höher getrieben habe,
als die tägliche Erfahrung beweiset. Du Unglükseli-
ger! (sagt er zu dem jungen Xenophon, welcher nicht
begreiffen konnte, daß es eine so gefährliche Sache sey,
einen schönen Knaben, oder nach unsern Sitten zu spre-
chen, ein schönes Mädchen zu küssen; und leichtsinnig
genug war zu gestehen, daß er sich alle Augenblike ge-
traute, dieses halsbrechende Abentheuer zu unterneh-
men) was meynst du daß die Folgen eines solchen Kus-

ses
Agathon.

Jndeſſen nun, bis irgend ein wohlthaͤtiger Genius
ein ſicheres, kraͤftiges und allgemeines Mittel ausfuͤndig
gemacht haben wird, dieſe Schwierigkeiten zu heben,
erkuͤhnen wir uns, euch einen Rath zu geben, der zwar
weder allgemein noch ohne alle Ungelegenheiten iſt,
aber doch, alles wol uͤberlegt, euch bis zu Erfindung
jenes uufehlbaren moraliſchen Laudanums, in mehr als
einer Abſicht von betraͤchtlichem Nuzen ſeyn koͤnnte.

Wir ſezen hiebey zwey gleich gewiſſe Wahrheiten vor-
aus: die eine; daß die meiſten jungen Leute, und viel-
leicht auch ein guter Theil der Alten, entweder zur
Zaͤrtlichkeit oder doch zur Liebe im popularen Sinn die-
ſes Wortes, einen ſtaͤrkern Hang als zu irgend einer
andern natuͤrlichen Leidenſchaft haben. Die andere: daß
Socrates, in der Stelle, deren in dem vorigen Capitel
erwaͤhnt worden, die ſchaͤdlichen Folgen der Liebe, in
ſo ferne ſie eine heftige Leidenſchaft fuͤr irgend einen
einzelnen Gegenſtand iſt; (denn von dieſer Art von Liebe
iſt hier allein die Rede) nicht hoͤher getrieben habe,
als die taͤgliche Erfahrung beweiſet. Du Ungluͤkſeli-
ger! (ſagt er zu dem jungen Xenophon, welcher nicht
begreiffen konnte, daß es eine ſo gefaͤhrliche Sache ſey,
einen ſchoͤnen Knaben, oder nach unſern Sitten zu ſpre-
chen, ein ſchoͤnes Maͤdchen zu kuͤſſen; und leichtſinnig
genug war zu geſtehen, daß er ſich alle Augenblike ge-
traute, dieſes halsbrechende Abentheuer zu unterneh-
men) was meynſt du daß die Folgen eines ſolchen Kuſ-

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[44/0046] Agathon. Jndeſſen nun, bis irgend ein wohlthaͤtiger Genius ein ſicheres, kraͤftiges und allgemeines Mittel ausfuͤndig gemacht haben wird, dieſe Schwierigkeiten zu heben, erkuͤhnen wir uns, euch einen Rath zu geben, der zwar weder allgemein noch ohne alle Ungelegenheiten iſt, aber doch, alles wol uͤberlegt, euch bis zu Erfindung jenes uufehlbaren moraliſchen Laudanums, in mehr als einer Abſicht von betraͤchtlichem Nuzen ſeyn koͤnnte. Wir ſezen hiebey zwey gleich gewiſſe Wahrheiten vor- aus: die eine; daß die meiſten jungen Leute, und viel- leicht auch ein guter Theil der Alten, entweder zur Zaͤrtlichkeit oder doch zur Liebe im popularen Sinn die- ſes Wortes, einen ſtaͤrkern Hang als zu irgend einer andern natuͤrlichen Leidenſchaft haben. Die andere: daß Socrates, in der Stelle, deren in dem vorigen Capitel erwaͤhnt worden, die ſchaͤdlichen Folgen der Liebe, in ſo ferne ſie eine heftige Leidenſchaft fuͤr irgend einen einzelnen Gegenſtand iſt; (denn von dieſer Art von Liebe iſt hier allein die Rede) nicht hoͤher getrieben habe, als die taͤgliche Erfahrung beweiſet. Du Ungluͤkſeli- ger! (ſagt er zu dem jungen Xenophon, welcher nicht begreiffen konnte, daß es eine ſo gefaͤhrliche Sache ſey, einen ſchoͤnen Knaben, oder nach unſern Sitten zu ſpre- chen, ein ſchoͤnes Maͤdchen zu kuͤſſen; und leichtſinnig genug war zu geſtehen, daß er ſich alle Augenblike ge- traute, dieſes halsbrechende Abentheuer zu unterneh- men) was meynſt du daß die Folgen eines ſolchen Kuſ- ſes

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Zitationshilfe: Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Bd. 2. Frankfurt (Main) u. a., 1767, S. 44. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/wieland_agathon02_1767/46>, abgerufen am 24.01.2021.