Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Bd. 2. Frankfurt (Main) u. a., 1767.

Bild:
<< vorherige Seite

Agathon.
haftigkeit; aber was in ihrem Herzen vorgieng, mögen
unsre zärtlichen Leserinnen, welche fähig sind, sich an
ihre Stelle zu sezen, in ihrem eigenen Herzen lesen.
Sie wußte, daß Agathon einen Gefährten hatte, und
dieser Umstand kam ihr zu statten; aber Agathon be-
fand sich wenig dadurch erleichtert. Die Thüre des Vor-
zimmers wurde ihnen von der Sclavin eröfnet -- er er-
kannte beym ersten Anblik die Vertraute seiner Gelieb-
ten, und nun konnte er nicht mehr zweifeln, daß die
Dame, die er in einigen Augenbliken sehen würde,
Danae sey. Er rafte seinen ganzen Muth zusammen,
indem er zitternd hinter seinem Freunde Critolaus fort-
wankte -- Er sah sie, wollte auf sie zugehen, konnte
nicht, heftete seine Augen auf sie, und sank, vom Ueber-
maß seiner Empfindlichkeit überwältiget, in die Arme
seines Freundes zurük. Auf einmal vergaß die schöne
Danae alle die grossen Entschliessungen von Gelassen-
heit und Zurükhaltung, welche sie mit so vieler Mühe
gefaßt hatte. Sie lief in zärtlicher Bestürzung auf ihn
zu, nahm ihn in ihre Arme, ließ dem ganzen Strom
ihrer Empfindung den Lauf, und dachte nicht daran,
daß sie einen Zeugen davon hatte, der über alles was
er sah und hörte, erstaunt seyn mußte. Allein die Güte
seines Herzens, und diese Sympathie, welche schöne
Seelen in wenigen Augenbliken vertraut mit einander
macht, gab ihm in einer Situation, auf die er sich so
wenig hatte gefaßt machen können, gerade die nehm-
liche Art des Betragens ein, die er hätte haben kön-
nen, wenn er schon von Jahren her ihr Vertrauter ge-

wesen

Agathon.
haftigkeit; aber was in ihrem Herzen vorgieng, moͤgen
unſre zaͤrtlichen Leſerinnen, welche faͤhig ſind, ſich an
ihre Stelle zu ſezen, in ihrem eigenen Herzen leſen.
Sie wußte, daß Agathon einen Gefaͤhrten hatte, und
dieſer Umſtand kam ihr zu ſtatten; aber Agathon be-
fand ſich wenig dadurch erleichtert. Die Thuͤre des Vor-
zimmers wurde ihnen von der Sclavin eroͤfnet ‒‒ er er-
kannte beym erſten Anblik die Vertraute ſeiner Gelieb-
ten, und nun konnte er nicht mehr zweifeln, daß die
Dame, die er in einigen Augenbliken ſehen wuͤrde,
Danae ſey. Er rafte ſeinen ganzen Muth zuſammen,
indem er zitternd hinter ſeinem Freunde Critolaus fort-
wankte ‒‒ Er ſah ſie, wollte auf ſie zugehen, konnte
nicht, heftete ſeine Augen auf ſie, und ſank, vom Ueber-
maß ſeiner Empfindlichkeit uͤberwaͤltiget, in die Arme
ſeines Freundes zuruͤk. Auf einmal vergaß die ſchoͤne
Danae alle die groſſen Entſchlieſſungen von Gelaſſen-
heit und Zuruͤkhaltung, welche ſie mit ſo vieler Muͤhe
gefaßt hatte. Sie lief in zaͤrtlicher Beſtuͤrzung auf ihn
zu, nahm ihn in ihre Arme, ließ dem ganzen Strom
ihrer Empfindung den Lauf, und dachte nicht daran,
daß ſie einen Zeugen davon hatte, der uͤber alles was
er ſah und hoͤrte, erſtaunt ſeyn mußte. Allein die Guͤte
ſeines Herzens, und dieſe Sympathie, welche ſchoͤne
Seelen in wenigen Augenbliken vertraut mit einander
macht, gab ihm in einer Situation, auf die er ſich ſo
wenig hatte gefaßt machen koͤnnen, gerade die nehm-
liche Art des Betragens ein, die er haͤtte haben koͤn-
nen, wenn er ſchon von Jahren her ihr Vertrauter ge-

weſen
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0346" n="344"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b"><hi rendition="#g">Agathon.</hi></hi></fw><lb/>
haftigkeit; aber was in ihrem Herzen vorgieng, mo&#x0364;gen<lb/>
un&#x017F;re za&#x0364;rtlichen Le&#x017F;erinnen, welche fa&#x0364;hig &#x017F;ind, &#x017F;ich an<lb/>
ihre Stelle zu &#x017F;ezen, in ihrem eigenen Herzen le&#x017F;en.<lb/>
Sie wußte, daß Agathon einen Gefa&#x0364;hrten hatte, und<lb/>
die&#x017F;er Um&#x017F;tand kam ihr zu &#x017F;tatten; aber Agathon be-<lb/>
fand &#x017F;ich wenig dadurch erleichtert. Die Thu&#x0364;re des Vor-<lb/>
zimmers wurde ihnen von der Sclavin ero&#x0364;fnet &#x2012;&#x2012; er er-<lb/>
kannte beym er&#x017F;ten Anblik die Vertraute &#x017F;einer Gelieb-<lb/>
ten, und nun konnte er nicht mehr zweifeln, daß die<lb/>
Dame, die er in einigen Augenbliken &#x017F;ehen wu&#x0364;rde,<lb/>
Danae &#x017F;ey. Er rafte &#x017F;einen ganzen Muth zu&#x017F;ammen,<lb/>
indem er zitternd hinter &#x017F;einem Freunde Critolaus fort-<lb/>
wankte &#x2012;&#x2012; Er &#x017F;ah &#x017F;ie, wollte auf &#x017F;ie zugehen, konnte<lb/>
nicht, heftete &#x017F;eine Augen auf &#x017F;ie, und &#x017F;ank, vom Ueber-<lb/>
maß &#x017F;einer Empfindlichkeit u&#x0364;berwa&#x0364;ltiget, in die Arme<lb/>
&#x017F;eines Freundes zuru&#x0364;k. Auf einmal vergaß die &#x017F;cho&#x0364;ne<lb/>
Danae alle die gro&#x017F;&#x017F;en Ent&#x017F;chlie&#x017F;&#x017F;ungen von Gela&#x017F;&#x017F;en-<lb/>
heit und Zuru&#x0364;khaltung, welche &#x017F;ie mit &#x017F;o vieler Mu&#x0364;he<lb/>
gefaßt hatte. Sie lief in za&#x0364;rtlicher Be&#x017F;tu&#x0364;rzung auf ihn<lb/>
zu, nahm ihn in ihre Arme, ließ dem ganzen Strom<lb/>
ihrer Empfindung den Lauf, und dachte nicht daran,<lb/>
daß &#x017F;ie einen Zeugen davon hatte, der u&#x0364;ber alles was<lb/>
er &#x017F;ah und ho&#x0364;rte, er&#x017F;taunt &#x017F;eyn mußte. Allein die Gu&#x0364;te<lb/>
&#x017F;eines Herzens, und die&#x017F;e Sympathie, welche &#x017F;cho&#x0364;ne<lb/>
Seelen in wenigen Augenbliken vertraut mit einander<lb/>
macht, gab ihm in einer Situation, auf die er &#x017F;ich &#x017F;o<lb/>
wenig hatte gefaßt machen ko&#x0364;nnen, gerade die nehm-<lb/>
liche Art des Betragens ein, die er ha&#x0364;tte haben ko&#x0364;n-<lb/>
nen, wenn er &#x017F;chon von Jahren her ihr Vertrauter ge-<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">we&#x017F;en</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[344/0346] Agathon. haftigkeit; aber was in ihrem Herzen vorgieng, moͤgen unſre zaͤrtlichen Leſerinnen, welche faͤhig ſind, ſich an ihre Stelle zu ſezen, in ihrem eigenen Herzen leſen. Sie wußte, daß Agathon einen Gefaͤhrten hatte, und dieſer Umſtand kam ihr zu ſtatten; aber Agathon be- fand ſich wenig dadurch erleichtert. Die Thuͤre des Vor- zimmers wurde ihnen von der Sclavin eroͤfnet ‒‒ er er- kannte beym erſten Anblik die Vertraute ſeiner Gelieb- ten, und nun konnte er nicht mehr zweifeln, daß die Dame, die er in einigen Augenbliken ſehen wuͤrde, Danae ſey. Er rafte ſeinen ganzen Muth zuſammen, indem er zitternd hinter ſeinem Freunde Critolaus fort- wankte ‒‒ Er ſah ſie, wollte auf ſie zugehen, konnte nicht, heftete ſeine Augen auf ſie, und ſank, vom Ueber- maß ſeiner Empfindlichkeit uͤberwaͤltiget, in die Arme ſeines Freundes zuruͤk. Auf einmal vergaß die ſchoͤne Danae alle die groſſen Entſchlieſſungen von Gelaſſen- heit und Zuruͤkhaltung, welche ſie mit ſo vieler Muͤhe gefaßt hatte. Sie lief in zaͤrtlicher Beſtuͤrzung auf ihn zu, nahm ihn in ihre Arme, ließ dem ganzen Strom ihrer Empfindung den Lauf, und dachte nicht daran, daß ſie einen Zeugen davon hatte, der uͤber alles was er ſah und hoͤrte, erſtaunt ſeyn mußte. Allein die Guͤte ſeines Herzens, und dieſe Sympathie, welche ſchoͤne Seelen in wenigen Augenbliken vertraut mit einander macht, gab ihm in einer Situation, auf die er ſich ſo wenig hatte gefaßt machen koͤnnen, gerade die nehm- liche Art des Betragens ein, die er haͤtte haben koͤn- nen, wenn er ſchon von Jahren her ihr Vertrauter ge- weſen

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/wieland_agathon02_1767
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/wieland_agathon02_1767/346
Zitationshilfe: Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Bd. 2. Frankfurt (Main) u. a., 1767, S. 344. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/wieland_agathon02_1767/346>, abgerufen am 13.04.2021.