Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Bd. 2. Frankfurt (Main) u. a., 1767.

Bild:
<< vorherige Seite

Agathon.
der seine Seele schwellte, brach also über den Verräther
aus. Er nannte ihn einen falschen Freuud, einen Ver-
läumder, einen Nichtswürdigen -- rief alle rächende
Gottheiten gegen ihn auf -- schwur, wofern er
die Beschuldigungen, womit er die Tugend der schönen
Danae zu beschmizen sich erfrechete, nicht bis zur un-
betrüglichsten Evidenz erweisen werde, ihn als ein das
Sonnenlicht beflekendes Ungeheuer zu vertilgen, und
seinen verfluchten Rumpf unbegraben den Vögeln des
Himmels preiß zu geben.

Der Sophist sah diesem Sturm mit der Gelassenheit
eines Menschen zu, der die Natur der Leidenschaften
kennt; so ruhig, wie einer der vom sichern Ufer dem
wilden Aufruhr der Wellen zusieht, dem er glüklich ent-
gangen ist. Ein mitleidiger Blik, dem ein schalkhaftes
Lächeln seinen zweydeutigen Werth vollends benahm,
war alles, was er dem Zorn des aufgebrachten Lieb-
habers entgegensezte. Agathon stuzte darüber. Ein
schreklicher Zweifel warf ihn auf einmal auf die entge-
gengesezte Seite. Rede, Grausamer, rief er aus, rede!
Beweise deine hassenswürdigen Anklagen so klar als
Sonnenschein; oder bekenne, daß du ein verräthrischer
Elender bist, und vergeh vor Schaam! -- Bist
du bey Sinnen, Callias, antwortete der Sophist mit
dieser verruchten Gelassenheit, welche in solchen Um-
ständen der triumphierenden Boßheit eigen ist --
komm erst zu dir selbst; sobald du fähig seyn wirst,
Vernunft anzuhören, will ich reden.

Agathon

Agathon.
der ſeine Seele ſchwellte, brach alſo uͤber den Verraͤther
aus. Er nannte ihn einen falſchen Freuud, einen Ver-
laͤumder, einen Nichtswuͤrdigen — rief alle raͤchende
Gottheiten gegen ihn auf — ſchwur, wofern er
die Beſchuldigungen, womit er die Tugend der ſchoͤnen
Danae zu beſchmizen ſich erfrechete, nicht bis zur un-
betruͤglichſten Evidenz erweiſen werde, ihn als ein das
Sonnenlicht beflekendes Ungeheuer zu vertilgen, und
ſeinen verfluchten Rumpf unbegraben den Voͤgeln des
Himmels preiß zu geben.

Der Sophiſt ſah dieſem Sturm mit der Gelaſſenheit
eines Menſchen zu, der die Natur der Leidenſchaften
kennt; ſo ruhig, wie einer der vom ſichern Ufer dem
wilden Aufruhr der Wellen zuſieht, dem er gluͤklich ent-
gangen iſt. Ein mitleidiger Blik, dem ein ſchalkhaftes
Laͤcheln ſeinen zweydeutigen Werth vollends benahm,
war alles, was er dem Zorn des aufgebrachten Lieb-
habers entgegenſezte. Agathon ſtuzte daruͤber. Ein
ſchreklicher Zweifel warf ihn auf einmal auf die entge-
gengeſezte Seite. Rede, Grauſamer, rief er aus, rede!
Beweiſe deine haſſenswuͤrdigen Anklagen ſo klar als
Sonnenſchein; oder bekenne, daß du ein verraͤthriſcher
Elender biſt, und vergeh vor Schaam! — Biſt
du bey Sinnen, Callias, antwortete der Sophiſt mit
dieſer verruchten Gelaſſenheit, welche in ſolchen Um-
ſtaͤnden der triumphierenden Boßheit eigen iſt —
komm erſt zu dir ſelbſt; ſobald du faͤhig ſeyn wirſt,
Vernunft anzuhoͤren, will ich reden.

Agathon
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0024" n="22"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b"><hi rendition="#g">Agathon</hi>.</hi></fw><lb/>
der &#x017F;eine Seele &#x017F;chwellte, brach al&#x017F;o u&#x0364;ber den Verra&#x0364;ther<lb/>
aus. Er nannte ihn einen fal&#x017F;chen Freuud, einen Ver-<lb/>
la&#x0364;umder, einen Nichtswu&#x0364;rdigen &#x2014; rief alle ra&#x0364;chende<lb/>
Gottheiten gegen ihn auf &#x2014; &#x017F;chwur, wofern er<lb/>
die Be&#x017F;chuldigungen, womit er die Tugend der &#x017F;cho&#x0364;nen<lb/>
Danae zu be&#x017F;chmizen &#x017F;ich erfrechete, nicht bis zur un-<lb/>
betru&#x0364;glich&#x017F;ten Evidenz erwei&#x017F;en werde, ihn als ein das<lb/>
Sonnenlicht beflekendes Ungeheuer zu vertilgen, und<lb/>
&#x017F;einen verfluchten Rumpf unbegraben den Vo&#x0364;geln des<lb/>
Himmels preiß zu geben.</p><lb/>
            <p>Der Sophi&#x017F;t &#x017F;ah die&#x017F;em Sturm mit der Gela&#x017F;&#x017F;enheit<lb/>
eines Men&#x017F;chen zu, der die Natur der Leiden&#x017F;chaften<lb/>
kennt; &#x017F;o ruhig, wie einer der vom &#x017F;ichern Ufer dem<lb/>
wilden Aufruhr der Wellen zu&#x017F;ieht, dem er glu&#x0364;klich ent-<lb/>
gangen i&#x017F;t. Ein mitleidiger Blik, dem ein &#x017F;chalkhaftes<lb/>
La&#x0364;cheln &#x017F;einen zweydeutigen Werth vollends benahm,<lb/>
war alles, was er dem Zorn des aufgebrachten Lieb-<lb/>
habers entgegen&#x017F;ezte. Agathon &#x017F;tuzte daru&#x0364;ber. Ein<lb/>
&#x017F;chreklicher Zweifel warf ihn auf einmal auf die entge-<lb/>
genge&#x017F;ezte Seite. Rede, Grau&#x017F;amer, rief er aus, rede!<lb/>
Bewei&#x017F;e deine ha&#x017F;&#x017F;enswu&#x0364;rdigen Anklagen &#x017F;o klar als<lb/>
Sonnen&#x017F;chein; oder bekenne, daß du ein verra&#x0364;thri&#x017F;cher<lb/>
Elender bi&#x017F;t, und vergeh vor Schaam! &#x2014; Bi&#x017F;t<lb/>
du bey Sinnen, Callias, antwortete der Sophi&#x017F;t mit<lb/>
die&#x017F;er verruchten Gela&#x017F;&#x017F;enheit, welche in &#x017F;olchen Um-<lb/>
&#x017F;ta&#x0364;nden der triumphierenden Boßheit eigen i&#x017F;t &#x2014;<lb/>
komm er&#x017F;t zu dir &#x017F;elb&#x017F;t; &#x017F;obald du fa&#x0364;hig &#x017F;eyn wir&#x017F;t,<lb/>
Vernunft anzuho&#x0364;ren, will ich reden.</p><lb/>
            <fw place="bottom" type="catch">Agathon</fw><lb/>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[22/0024] Agathon. der ſeine Seele ſchwellte, brach alſo uͤber den Verraͤther aus. Er nannte ihn einen falſchen Freuud, einen Ver- laͤumder, einen Nichtswuͤrdigen — rief alle raͤchende Gottheiten gegen ihn auf — ſchwur, wofern er die Beſchuldigungen, womit er die Tugend der ſchoͤnen Danae zu beſchmizen ſich erfrechete, nicht bis zur un- betruͤglichſten Evidenz erweiſen werde, ihn als ein das Sonnenlicht beflekendes Ungeheuer zu vertilgen, und ſeinen verfluchten Rumpf unbegraben den Voͤgeln des Himmels preiß zu geben. Der Sophiſt ſah dieſem Sturm mit der Gelaſſenheit eines Menſchen zu, der die Natur der Leidenſchaften kennt; ſo ruhig, wie einer der vom ſichern Ufer dem wilden Aufruhr der Wellen zuſieht, dem er gluͤklich ent- gangen iſt. Ein mitleidiger Blik, dem ein ſchalkhaftes Laͤcheln ſeinen zweydeutigen Werth vollends benahm, war alles, was er dem Zorn des aufgebrachten Lieb- habers entgegenſezte. Agathon ſtuzte daruͤber. Ein ſchreklicher Zweifel warf ihn auf einmal auf die entge- gengeſezte Seite. Rede, Grauſamer, rief er aus, rede! Beweiſe deine haſſenswuͤrdigen Anklagen ſo klar als Sonnenſchein; oder bekenne, daß du ein verraͤthriſcher Elender biſt, und vergeh vor Schaam! — Biſt du bey Sinnen, Callias, antwortete der Sophiſt mit dieſer verruchten Gelaſſenheit, welche in ſolchen Um- ſtaͤnden der triumphierenden Boßheit eigen iſt — komm erſt zu dir ſelbſt; ſobald du faͤhig ſeyn wirſt, Vernunft anzuhoͤren, will ich reden. Agathon

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/wieland_agathon02_1767
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/wieland_agathon02_1767/24
Zitationshilfe: Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Bd. 2. Frankfurt (Main) u. a., 1767, S. 22. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/wieland_agathon02_1767/24>, abgerufen am 24.01.2021.