eine bedeutend vorwiegende Ausbildung erhalten. Die vorderen Glied- maßen befreien sich mehr und mehr von ihrer ursprünglichen Bestim- mung, nur Stützpunkt zu sein; ihre Beweglichkeit im Ganzen, so wie diejenige der einzelnen Theile, wird stets größer und größer, sie wer- den zum Ergreifen, Packen und Festhalten benutzt und bei der höch- sten Stufe, dem Menschen, sind sie als Arme gänzlich der Ortsbewe- gung entfremdet und nur für die letzteren Zwecke geeignet. Der Schul- tergürtel der vorderen Extremität erleidet in Uebereinstimmung hiermit sehr bedeutende Modifikationen. Die Kloakenthiere besitzen noch ein, dem Vogeltypus entsprechendes Schultergerüste, an welchem das lange und schmale Schulterblatt erst spät mit dem Rabenbeine verwächst und außerdem durch Schlüsselbeine fest mit dem Brustbeine verbunden ist. Bei allen übrigen Säugethieren ist das Rabenbein schon sehr früh als Fortsatz mit dem gewöhnlich breiten, dreieckigen Schulterblatte ver- wachsen und geht niemals bis zu dem Brustbeine hin. Auch hinsicht- lich des Schlüsselbeines, das stets auf beiden Seiten getrennt ist und nie zu einem Gabelknochen verwächst, finden mancherlei Verschiedenhei- ten statt. Es fehlt ganz allen Thieren, bei denen der Vorderfuß nur als Stütze dient, entwickelt sich allmälig mit größerer Freibeweglichkeit des Fußes, ist aber dann oft nur in der Weise in einer großen Sehne ausgebildet, daß es weder das Brustbein, noch das Schulterblatt oder auch nur einen dieser Knochen erreicht. Erst bei einigen kletternden Beutelthieren und Nagern, bei vielen scharrenden Insektenfressern und bei allen Flatterthieren und Affen ist das Schlüsselbein in derselben Weise, wie bei dem Menschen entwickelt und dient dann als Stütze für die freier bewegliche Extremität. Weniger tief greifende Verschie- denheiten bietet die Struktur des Beckens dar. Bei den Walthieren freilich, wo die Hinterfüße ganz fehlen, wird das Becken nur durch zwei schmale, längliche Sitzbeine repräsentirt, welche mit der Wirbel- säule gar nicht verbunden sind. Bei allen übrigen besteht das Becken aus den Hüft- oder Darmbeinen, welche mit dem Kreuzbeine mehr oder minder fest verwachsen sind, aus den Schambeinen, welche auf der Bauchfläche in der Schambeinfuge zusammenstoßen und aus den zwischen beide eingeschobenen Sitzbeinen, die vorzüglich den hinteren Theil bilden. Selbst bei den menschenähnlichsten Affen zeichnet sich das Becken durch die lange gestreckte Form, dem breiten, weiten Becken des Menschen gegenüber aus. Die Schambeinfuge ist nur selten so fest vereinigt wie bei dem Menschen, eben so selten aber auch gänzlich offen. Was nun die Gliedmaßen selbst betrifft, so sehen wir an diesen stets den- selben Typus der Bildung und bei etwaiger Abnahme oder anderer Mo-
eine bedeutend vorwiegende Ausbildung erhalten. Die vorderen Glied- maßen befreien ſich mehr und mehr von ihrer urſprünglichen Beſtim- mung, nur Stützpunkt zu ſein; ihre Beweglichkeit im Ganzen, ſo wie diejenige der einzelnen Theile, wird ſtets größer und größer, ſie wer- den zum Ergreifen, Packen und Feſthalten benutzt und bei der höch- ſten Stufe, dem Menſchen, ſind ſie als Arme gänzlich der Ortsbewe- gung entfremdet und nur für die letzteren Zwecke geeignet. Der Schul- tergürtel der vorderen Extremität erleidet in Uebereinſtimmung hiermit ſehr bedeutende Modifikationen. Die Kloakenthiere beſitzen noch ein, dem Vogeltypus entſprechendes Schultergerüſte, an welchem das lange und ſchmale Schulterblatt erſt ſpät mit dem Rabenbeine verwächſt und außerdem durch Schlüſſelbeine feſt mit dem Bruſtbeine verbunden iſt. Bei allen übrigen Säugethieren iſt das Rabenbein ſchon ſehr früh als Fortſatz mit dem gewöhnlich breiten, dreieckigen Schulterblatte ver- wachſen und geht niemals bis zu dem Bruſtbeine hin. Auch hinſicht- lich des Schlüſſelbeines, das ſtets auf beiden Seiten getrennt iſt und nie zu einem Gabelknochen verwächſt, finden mancherlei Verſchiedenhei- ten ſtatt. Es fehlt ganz allen Thieren, bei denen der Vorderfuß nur als Stütze dient, entwickelt ſich allmälig mit größerer Freibeweglichkeit des Fußes, iſt aber dann oft nur in der Weiſe in einer großen Sehne ausgebildet, daß es weder das Bruſtbein, noch das Schulterblatt oder auch nur einen dieſer Knochen erreicht. Erſt bei einigen kletternden Beutelthieren und Nagern, bei vielen ſcharrenden Inſektenfreſſern und bei allen Flatterthieren und Affen iſt das Schlüſſelbein in derſelben Weiſe, wie bei dem Menſchen entwickelt und dient dann als Stütze für die freier bewegliche Extremität. Weniger tief greifende Verſchie- denheiten bietet die Struktur des Beckens dar. Bei den Walthieren freilich, wo die Hinterfüße ganz fehlen, wird das Becken nur durch zwei ſchmale, längliche Sitzbeine repräſentirt, welche mit der Wirbel- ſäule gar nicht verbunden ſind. Bei allen übrigen beſteht das Becken aus den Hüft- oder Darmbeinen, welche mit dem Kreuzbeine mehr oder minder feſt verwachſen ſind, aus den Schambeinen, welche auf der Bauchfläche in der Schambeinfuge zuſammenſtoßen und aus den zwiſchen beide eingeſchobenen Sitzbeinen, die vorzüglich den hinteren Theil bilden. Selbſt bei den menſchenähnlichſten Affen zeichnet ſich das Becken durch die lange geſtreckte Form, dem breiten, weiten Becken des Menſchen gegenüber aus. Die Schambeinfuge iſt nur ſelten ſo feſt vereinigt wie bei dem Menſchen, eben ſo ſelten aber auch gänzlich offen. Was nun die Gliedmaßen ſelbſt betrifft, ſo ſehen wir an dieſen ſtets den- ſelben Typus der Bildung und bei etwaiger Abnahme oder anderer Mo-
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eine bedeutend vorwiegende Ausbildung erhalten. Die vorderen Glied-
maßen befreien ſich mehr und mehr von ihrer urſprünglichen Beſtim-
mung, nur Stützpunkt zu ſein; ihre Beweglichkeit im Ganzen, ſo wie
diejenige der einzelnen Theile, wird ſtets größer und größer, ſie wer-
den zum Ergreifen, Packen und Feſthalten benutzt und bei der höch-
ſten Stufe, dem Menſchen, ſind ſie als Arme gänzlich der Ortsbewe-
gung entfremdet und nur für die letzteren Zwecke geeignet. Der Schul-
tergürtel der vorderen Extremität erleidet in Uebereinſtimmung hiermit
ſehr bedeutende Modifikationen. Die Kloakenthiere beſitzen noch ein,
dem Vogeltypus entſprechendes Schultergerüſte, an welchem das lange
und ſchmale Schulterblatt erſt ſpät mit dem Rabenbeine verwächſt und
außerdem durch Schlüſſelbeine feſt mit dem Bruſtbeine verbunden iſt.
Bei allen übrigen Säugethieren iſt das Rabenbein ſchon ſehr früh als
Fortſatz mit dem gewöhnlich breiten, dreieckigen Schulterblatte ver-
wachſen und geht niemals bis zu dem Bruſtbeine hin. Auch hinſicht-
lich des Schlüſſelbeines, das ſtets auf beiden Seiten getrennt iſt und
nie zu einem Gabelknochen verwächſt, finden mancherlei Verſchiedenhei-
ten ſtatt. Es fehlt ganz allen Thieren, bei denen der Vorderfuß nur
als Stütze dient, entwickelt ſich allmälig mit größerer Freibeweglichkeit
des Fußes, iſt aber dann oft nur in der Weiſe in einer großen Sehne
ausgebildet, daß es weder das Bruſtbein, noch das Schulterblatt oder
auch nur einen dieſer Knochen erreicht. Erſt bei einigen kletternden
Beutelthieren und Nagern, bei vielen ſcharrenden Inſektenfreſſern und
bei allen Flatterthieren und Affen iſt das Schlüſſelbein in derſelben
Weiſe, wie bei dem Menſchen entwickelt und dient dann als Stütze
für die freier bewegliche Extremität. Weniger tief greifende Verſchie-
denheiten bietet die Struktur des Beckens dar. Bei den Walthieren
freilich, wo die Hinterfüße ganz fehlen, wird das Becken nur durch
zwei ſchmale, längliche Sitzbeine repräſentirt, welche mit der Wirbel-
ſäule gar nicht verbunden ſind. Bei allen übrigen beſteht das Becken
aus den Hüft- oder Darmbeinen, welche mit dem Kreuzbeine mehr
oder minder feſt verwachſen ſind, aus den Schambeinen, welche auf
der Bauchfläche in der Schambeinfuge zuſammenſtoßen und aus den
zwiſchen beide eingeſchobenen Sitzbeinen, die vorzüglich den hinteren
Theil bilden. Selbſt bei den menſchenähnlichſten Affen zeichnet ſich
das Becken durch die lange geſtreckte Form, dem breiten, weiten Becken
des Menſchen gegenüber aus. Die Schambeinfuge iſt nur ſelten ſo feſt
vereinigt wie bei dem Menſchen, eben ſo ſelten aber auch gänzlich offen.
Was nun die Gliedmaßen ſelbſt betrifft, ſo ſehen wir an dieſen ſtets den-
ſelben Typus der Bildung und bei etwaiger Abnahme oder anderer Mo-
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Vogt, Carl: Zoologische Briefe. Bd. 2. Frankfurt (Main), 1851, S. 399. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/vogt_briefe02_1851/405>, abgerufen am 22.11.2024.
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