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Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 5: Bis zur März-Revolution. Leipzig, 1894.

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Neues Museum. Berliner Dom.
von Alledem schließlich zu Stande kam war doch nur ein Bruchtheil und
wenig erfreulich. In Schinkel's altem und Stüler's neuem Museum spiegelte
sich der Charakter der Regierungen des dritten und des vierten Friedrich
Wilhelm treulich wieder. Dort einfache Würde, ruhige Hoheit; hier ein
anspruchsvoller alexandrinischer Prachtbau, der dem Auge nirgends ein
Gesammtbild darbot, im Innern eine unübersehbare Fülle köstlicher Samm-
lungen, die Räume trotz mannichfacher Einzelschönheiten bunt, unruhig,
überladen, das Ganze mehr gelehrt als schön und in der Anlage so will-
kürlich, daß unschuldige Beschauer das riesige Treppenhaus mit seinen
Wandgemälden und Gipskolossen nicht für ein dienendes Glied, sondern
für den Mittelpunkt des Gebäudes halten mußten. Der neue General-
direktor, der strengultramontane Westphale Ignaz v. Olfers war ein ge-
lehrter Kenner der kirchlichen Alterthümer und sorgte unter des Königs
unmittelbarer Leitung eifrig für die Vermehrung der Sammlungen; für
die Kunst der Lebenden zeigte er kein Verständniß. Noch trauriger
mißrieth das zweite große Bau-Unternehmen des Königs. Er faßte den
glücklichen Gedanken, an der Stelle des unscheinbaren fridericianischen
Domes im Lustgarten eine reiche Kathedrale zu errichten, das prächtigste
Gotteshaus der festländischen Protestanten, zum würdigen Abschluß des
schönen Straßenzuges vom Brandenburger Thore her; doch die Jahre
vergingen über Entwürfen und Gegenentwürfen, und zuletzt ward nichts
vollendet, als der kostspielige, in das Bett des Flusses hineingeschobene
Unterbau der Chor-Abschlüsse, so daß die Berliner höhnten, hier wachse
das theuerste Gras von Europa.

Es war eine herbe Enttäuschung; denn dieser Dom sollte die Krone
werden über den 300 Kirchen, welche der fromme Monarch in zwei Jahr-
zehnten theils wieder herstellte theils neu baute. Aus dem Gemäuer der
römischen Basilica zu Trier erhob sich eine neue evangelische Kirche; der
karolingische Kuppelbau im Aachener Münster erstand wieder in seiner
alten Pracht; nahe seinem geliebten Erdmannsdorf, in dem Föhrenwalde
auf halber Höhe der Schneekoppe, ließ der König das uralte romanische
Holzkirchlein Wang aus Norwegen wieder aufrichten. Seine Neubauten
verleugneten nirgends den feinen Geschmack des Bauherrn, indeß erschienen
die meisten nur wie leicht hingeworfene Zeichnungen eines geistreichen
Dilettanten, ohne Kraft und künstlerische Durchbildung; die dürftigen Bet-
säle im Inneren entsprachen dem zierlichen Aeußeren nur selten, während
Schinkel als guter Protestant sich die evangelischen Gotteshäuser immer
als Innenbauten gedacht hatte. Die eleganten kleinen Kirchen des neuen
Berlins verschwanden fast zwischen den hohen Häusermassen, und eigentlich
nur Soller's katholische Michaeliskirche erweckte den Eindruck eines bedeu-
tenden Architekturbildes, wie sie so stattlich dastand an dem breiten Hafen
des Engelbeckens, jenseits des Wassers der heitere Terracottenbau von
St. Thomas und die düstere Klosterburg des Diakonissenhauses Bethanien.


Neues Muſeum. Berliner Dom.
von Alledem ſchließlich zu Stande kam war doch nur ein Bruchtheil und
wenig erfreulich. In Schinkel’s altem und Stüler’s neuem Muſeum ſpiegelte
ſich der Charakter der Regierungen des dritten und des vierten Friedrich
Wilhelm treulich wieder. Dort einfache Würde, ruhige Hoheit; hier ein
anſpruchsvoller alexandriniſcher Prachtbau, der dem Auge nirgends ein
Geſammtbild darbot, im Innern eine unüberſehbare Fülle köſtlicher Samm-
lungen, die Räume trotz mannichfacher Einzelſchönheiten bunt, unruhig,
überladen, das Ganze mehr gelehrt als ſchön und in der Anlage ſo will-
kürlich, daß unſchuldige Beſchauer das rieſige Treppenhaus mit ſeinen
Wandgemälden und Gipskoloſſen nicht für ein dienendes Glied, ſondern
für den Mittelpunkt des Gebäudes halten mußten. Der neue General-
direktor, der ſtrengultramontane Weſtphale Ignaz v. Olfers war ein ge-
lehrter Kenner der kirchlichen Alterthümer und ſorgte unter des Königs
unmittelbarer Leitung eifrig für die Vermehrung der Sammlungen; für
die Kunſt der Lebenden zeigte er kein Verſtändniß. Noch trauriger
mißrieth das zweite große Bau-Unternehmen des Königs. Er faßte den
glücklichen Gedanken, an der Stelle des unſcheinbaren fridericianiſchen
Domes im Luſtgarten eine reiche Kathedrale zu errichten, das prächtigſte
Gotteshaus der feſtländiſchen Proteſtanten, zum würdigen Abſchluß des
ſchönen Straßenzuges vom Brandenburger Thore her; doch die Jahre
vergingen über Entwürfen und Gegenentwürfen, und zuletzt ward nichts
vollendet, als der koſtſpielige, in das Bett des Fluſſes hineingeſchobene
Unterbau der Chor-Abſchlüſſe, ſo daß die Berliner höhnten, hier wachſe
das theuerſte Gras von Europa.

Es war eine herbe Enttäuſchung; denn dieſer Dom ſollte die Krone
werden über den 300 Kirchen, welche der fromme Monarch in zwei Jahr-
zehnten theils wieder herſtellte theils neu baute. Aus dem Gemäuer der
römiſchen Baſilica zu Trier erhob ſich eine neue evangeliſche Kirche; der
karolingiſche Kuppelbau im Aachener Münſter erſtand wieder in ſeiner
alten Pracht; nahe ſeinem geliebten Erdmannsdorf, in dem Föhrenwalde
auf halber Höhe der Schneekoppe, ließ der König das uralte romaniſche
Holzkirchlein Wang aus Norwegen wieder aufrichten. Seine Neubauten
verleugneten nirgends den feinen Geſchmack des Bauherrn, indeß erſchienen
die meiſten nur wie leicht hingeworfene Zeichnungen eines geiſtreichen
Dilettanten, ohne Kraft und künſtleriſche Durchbildung; die dürftigen Bet-
ſäle im Inneren entſprachen dem zierlichen Aeußeren nur ſelten, während
Schinkel als guter Proteſtant ſich die evangeliſchen Gotteshäuſer immer
als Innenbauten gedacht hatte. Die eleganten kleinen Kirchen des neuen
Berlins verſchwanden faſt zwiſchen den hohen Häuſermaſſen, und eigentlich
nur Soller’s katholiſche Michaeliskirche erweckte den Eindruck eines bedeu-
tenden Architekturbildes, wie ſie ſo ſtattlich daſtand an dem breiten Hafen
des Engelbeckens, jenſeits des Waſſers der heitere Terracottenbau von
St. Thomas und die düſtere Kloſterburg des Diakoniſſenhauſes Bethanien.


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[217/0231] Neues Muſeum. Berliner Dom. von Alledem ſchließlich zu Stande kam war doch nur ein Bruchtheil und wenig erfreulich. In Schinkel’s altem und Stüler’s neuem Muſeum ſpiegelte ſich der Charakter der Regierungen des dritten und des vierten Friedrich Wilhelm treulich wieder. Dort einfache Würde, ruhige Hoheit; hier ein anſpruchsvoller alexandriniſcher Prachtbau, der dem Auge nirgends ein Geſammtbild darbot, im Innern eine unüberſehbare Fülle köſtlicher Samm- lungen, die Räume trotz mannichfacher Einzelſchönheiten bunt, unruhig, überladen, das Ganze mehr gelehrt als ſchön und in der Anlage ſo will- kürlich, daß unſchuldige Beſchauer das rieſige Treppenhaus mit ſeinen Wandgemälden und Gipskoloſſen nicht für ein dienendes Glied, ſondern für den Mittelpunkt des Gebäudes halten mußten. Der neue General- direktor, der ſtrengultramontane Weſtphale Ignaz v. Olfers war ein ge- lehrter Kenner der kirchlichen Alterthümer und ſorgte unter des Königs unmittelbarer Leitung eifrig für die Vermehrung der Sammlungen; für die Kunſt der Lebenden zeigte er kein Verſtändniß. Noch trauriger mißrieth das zweite große Bau-Unternehmen des Königs. Er faßte den glücklichen Gedanken, an der Stelle des unſcheinbaren fridericianiſchen Domes im Luſtgarten eine reiche Kathedrale zu errichten, das prächtigſte Gotteshaus der feſtländiſchen Proteſtanten, zum würdigen Abſchluß des ſchönen Straßenzuges vom Brandenburger Thore her; doch die Jahre vergingen über Entwürfen und Gegenentwürfen, und zuletzt ward nichts vollendet, als der koſtſpielige, in das Bett des Fluſſes hineingeſchobene Unterbau der Chor-Abſchlüſſe, ſo daß die Berliner höhnten, hier wachſe das theuerſte Gras von Europa. Es war eine herbe Enttäuſchung; denn dieſer Dom ſollte die Krone werden über den 300 Kirchen, welche der fromme Monarch in zwei Jahr- zehnten theils wieder herſtellte theils neu baute. Aus dem Gemäuer der römiſchen Baſilica zu Trier erhob ſich eine neue evangeliſche Kirche; der karolingiſche Kuppelbau im Aachener Münſter erſtand wieder in ſeiner alten Pracht; nahe ſeinem geliebten Erdmannsdorf, in dem Föhrenwalde auf halber Höhe der Schneekoppe, ließ der König das uralte romaniſche Holzkirchlein Wang aus Norwegen wieder aufrichten. Seine Neubauten verleugneten nirgends den feinen Geſchmack des Bauherrn, indeß erſchienen die meiſten nur wie leicht hingeworfene Zeichnungen eines geiſtreichen Dilettanten, ohne Kraft und künſtleriſche Durchbildung; die dürftigen Bet- ſäle im Inneren entſprachen dem zierlichen Aeußeren nur ſelten, während Schinkel als guter Proteſtant ſich die evangeliſchen Gotteshäuſer immer als Innenbauten gedacht hatte. Die eleganten kleinen Kirchen des neuen Berlins verſchwanden faſt zwiſchen den hohen Häuſermaſſen, und eigentlich nur Soller’s katholiſche Michaeliskirche erweckte den Eindruck eines bedeu- tenden Architekturbildes, wie ſie ſo ſtattlich daſtand an dem breiten Hafen des Engelbeckens, jenſeits des Waſſers der heitere Terracottenbau von St. Thomas und die düſtere Kloſterburg des Diakoniſſenhauſes Bethanien.

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Zitationshilfe: Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 5: Bis zur März-Revolution. Leipzig, 1894, S. 217. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte05_1894/231>, abgerufen am 13.04.2021.